Arianne 102  <<Home>> nächste Seite =>

Alana

Sie hatte superlange Haare, sie reichten ihr bis weit über die Knie. Schöne lange blonde glatte Haare mit viel Volumen. Damit stand sie ganz alleine da. Alle ihre Klassenkameradinnen und Kameraden hatten extrem kurze Haare oder eine Glatze.

Ja, so eine langhaarige Ausnahme war schon etwas besonderes.

Die anderen mochten sie. Wenn es irgendwo Anfeindungen gab bildeten sie einen Kreis, nahmen sie in die Mitte. Ja, Neid gegen die langen Haare oder Unverständnis, das gab es schon. Aber individuelle Freiheit, sie war sogar per Gesetz vorgeschrieben. Vielleicht auch nur deswegen, weil sich die meisten ohnehin so verhielten, wie es von ihnen erwartet wurde.

Selbst gegen die Lehrer wurde sie in Schutz genommen. Frau Sailer hatte sie einmal angefeindet. Alle standen spontan auf, stellten sich vor ihre Bank. Die Alte fing an zu geifern, aber es nutzte ihr nichts. Zum Direktor wollte sie nicht gehen, Autoritätsverlust, sie kann sich nicht durchsetzen, nein, ein schlechtes Image konnte sie sich nicht leisten. Es gab so viele arbeitslose Lehrer, die sofort mit Begeisterung ihre Stelle eingenommen hätten.

So ging sie über zum gewöhnlichen Unterricht, als wäre nichts geschehen und die anderen nahmen wieder Platz.

Alana war nie alleine unterwegs. Alle wollten sie zur Freundin haben. Wenn sie in die Stadt ging, meistens ging gleich eine ganze Gruppe mit ihr, schützte sie gegen Straßenrowdies.

Ja, die Alana, sie wurde geliebt, für ihr Wesen und auch für ihre langen Haare. Der einzige Traum von Langhaarigkeit, der noch übrig war in dieser kurzhaarigen Zivilisation.

Alana und ihre Freundin Heidi beim Spazierengehen im Park.

Heidi: "Alana, warum hast du so lange Haare?"

Alana: "Ich mag sie :-))). Sie umrahmen mich, streicheln mich. Es ist fast wie ein eigenes Wesen um mich herum."

Heidi: "Aber das sind doch nur Haare, die dir auch noch so viel Arbeit machen. Wir haben ohnehin so wenig Zeit, weil wir so viel lernen müssen."

Alana: "Ja, aber sie machen auch Freude. Es gibt so vieles, das ich nicht brauche, die Haare, ich mag sie so sehr. Hast du nicht selbst auch Arbeit damit, deine so kurz zu halten?"

Heidi: "Mit dem Rasierer, einmal die Woche für ein paar Minuten, und du?"

Alana: "Einige Stunden brauche ich schon. Die Haare müssen entwirrt werden, gewaschen und ich muss sie auch schützen, gegen Reibung. Nachts habe ich sie meistens zu einem Zopf zusammengebunden."

Heidi: "Ich mag sie ja auch gerne angucken :-)). Darf ich sie einmal anfassen?"

Alana nickte.

Sanft nahm Heidi die Haare in die Hände, streichelte sie sanft.

Heidi: "Ja, ein schönes Gefühl ist das schon."

Alana: "Kannst du deine eigenen nicht wachsen lassen?"

Heidi: "Ach, die ganze Verwandtschaft um mich herum und ihre Vorstellungen von Schönheit, meine Freunde, ich weiß nicht, ich würde ein wenig asozial wirken, was ich nicht sein möchte. Bei dir ist es anders, du bist so akzeptiert, auch weil du einzigartig bist in deiner Haarpracht, und weil sie so lang und so schön ist.  Aber was willst du später machen, wenn du einen Job suchst? Niemand ist gezwungen, dich einzustellen. Willst du wegen der Haare von Sozialhilfe leben? Die kriegst du dann auch nicht."

Alana: "Ich weiß nicht, was ich dann tun soll. Wenn ich meine Haare aufgeben muss? Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht lassen sie mich so wie ich bin, es geht doch auch hier in der Schule. Oder ich studiere erst einmal. In der Uni werden sie mir doch die Haare lassen, denke ich."

Heidi: "Ja, in der Uni vielleicht, aber es gibt dort auch Kleidungsvorschriften. Haarvorschriften vielleicht nur deswegen nicht, weil ohnehin alle gleich aussehen. Aber du siehst ja, was hier für ein Konkurrenzdruck herrscht, in der Uni wird das noch viel schlimmer. Wenn du dann überhaupt noch schlafen kannst.

Es kommt vielleicht auch ein bisschen darauf an, was du später für einen Job machst. Manche mögen vielleicht auch deine langen Haare, aber jede Abweichung von der Konformität, in der Regel wollen sie das nicht. Es könnte die anderen ja ablenken, von dem, was sie schaffen sollen. Allein das Gespräch, das wir hier führen, wird von den Wirtschaftsvertretern bereits als sinnlos gewertet, weil es das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge und damit die potentiellen Einsatzmöglichkeiten nicht voranbringt."

Alana: "Ja, ich weiß. Ich sehe das Problem. Ein bisschen individuelles Glück, das nicht von der Warenwirtschaft beherrscht wird. Damit entziehen ich ihnen bereits etwas. Zumindest denken sie so. Ich bin aber nicht revolutionär, ich will einfach nur ein wenig ich selbst sein."

Heidi: "Die anderen haben auch etwas davon, sonst würden sie dich nicht schützen. Ein bisschen lebst du etwas, dass sie auch gerne hätten. Vielleicht lassen sie dir auch deswegen die Haare, denn wenn sie dich gegen deinen Willen zwingen würden, die Haare abzuschneiden, das gäbe Protest, den man nicht haben will. Vielleicht auch einen haarigen Protest. Ich habe nur Angst um dich, wenn die Schule vorbei bist, dann bist du ganz allein."

Alana: "Ich habe doch einen Freund, der mich so akzeptiert, wie ich bin."

Heidi: "Okay, dann zu zweit allein. Aber bist du sicher, dass dein Freund nicht ganz woanders hinziehen muss, um einen Job zu kriegen?"

Alana: "Verliere ich dann alle Freunde?"

Heidi: "Wir werden uns über das ganze Land verstreuen. Dort müssen erst einmal wieder neue Freunde gefunden werden, und das bei so viel Konkurrenz *seufz*. Jeder ist der Feind des anderen. Ich weiß nicht. Du brauchst aber Freunde mit deiner Haarpracht. Sie sind so wahnsinnig attraktiv. Manche werden sie für sich  haben wollen."

Alana: "Ich bin nicht allein, ich glaube an das Wesen der Existenz, dass es mich beschützt."

Heidi: "Arianne? Nein, das ist doch nur eine Vorstellung. Arianne gibt es nicht wirklich."

Alana: "Aber sie hilft mir manchmal. Wenn ich sie um etwas bitte, das mir sehr wichtig ist. Es könnte auch Zufall sein, aber ich glaube einfach an sie und es tut mir so gut, gibt mir Vertrauen."

Heidi: "Ein bisschen beneide ich dich um deinen Glauben :-)). Aber wenn es wirklich hart auf hart kommt?"

Alana: "Ich hoffe sie beschützt mich. Wenn ich so ganz alleine auf der Welt bin, es macht mir Angst. Ohne jeden Schutz höherer Wesen. Ich weiß ja, welches schreckliche Schicksal manche erleiden müssen. Ich bitte sie nur darum mich nicht auf dieser Welt verrecken zu lassen.

Ich habe Vertrauen in Arianne, das ist Vertrauen in die Existenz. Ja, es geht ja auch oft gut, nur wenn ich mir unsere Zivilisation so angucke. Es ist ja schon fast so wie in Metropolis. Jeder sucht seinen Platz in der großen Maschine und es gibt gute und schlechte Plätze. Wir müssen so fürchterlich kämpfen, um die guten Plätze zu kriegen und dann? Es gibt so viele die daran zerbrechen. Und darüber stehen die Antreiber, die selbst nicht diesem Druck ausgesetzt sind."

Heidi: "Alana, du wirst ja schon revolutionär in deinen Ansichten."

Alana: "Ich denke nur nach, über die Dinge außerhalb der alltäglichen Notwendigkeiten."

Heidi: "Arianne, wenn es sie gibt, ob sie dich beschützen wird? Ist das nicht ein wenig zu blauäugig?"

Alana: "Weißt du, Arianne ist überall. Sie erscheint mir in anderen Menschen, wenn ich sie anschaue. Ein Blick in die Augen, manchmal öftnet sich eine Tür, so wie bei dir, wenn ich dich anschaue."

Heidi schaute ihr ganz tief in die Augen und umarmte sie dann ganz spontan.

Alana: "Siehst du, darin erkenne ich das Wesen der Existenz, seinen Geist, ich sehe ihn in dir. So lieb wie du jetzt bist."

Heidi: "Wenn du es so siehst. Daran ist ja nichts verkehrtes. Du suchst etwas in den anderen, das für dich da ist."

Alana: "Sieh, wenn so viele mich einfach spontan beschützen wollen, sogar ganz Fremde, wenn sie mich sehen. Ist das nicht auch ein wenig Arianne?"

Heidi: "Du bist einfach so süß, dein ganzes Wesen, die Menschen sehen das, und die Haare gehören dazu. Es ist nicht zu beschreiben, ich fühle einfach so."

Alana: "Dann lass uns das Leben lieben, wo immer wir es können. Mehr können wir nicht tun. Wenn es eine Arianne wirklich gibt, vielleicht hilft sie uns dann auch, wenn wir sie wirklich dringend brauchen."

Ein Sonnenstrahl traf die beiden, aus einer Lücke heraus, die sich zufällig in der dichten Wolkendecke gebildet hatte. Es war schön, plötzlich war alles so hell und klar.
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