Arianne 136 - Stringa

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Entity122, eine Stringa

Beschreibung einer Stringa

Man hatte sie eingefangen, eine Gruppe von jungen Männern mit langen Zöpfen. Das Revolutionskommitee forderte das Abschneiden der Haare. Eine der Ergebnisse der Revolution gegen die alte Ordnung.

Lange Haare wurden offenbar als Konterrevolution gegen die neue Ordnung betrachtet.

Dabei hatte man sich schon längst von den Zwängen der alten Despoten befreit. Vor allem das Abrasieren der halben Schädeldecke wurde nicht mehr gefordert. Offenbar hatte hier ein ehemaliger Kaiser seine persönlichen Defizite institutionalisiert.

Lange Haare waren auch kein Muss mehr, eher ein Ausdruck von Lebensfreude. 

Einige langhaarige Mädchen hatte man mit eingekerkert. Sie hatten sich wohl nicht so verhalten, wie die Revolutionäre es von ihnen erwarteten. Vielleicht sollten sie auch nur die Vorboten sein, für einen neuen weiblichen Haarschnitt.

Zufällig ergab es sich, das 10 junge Männer und 10 junge Frauen nun zusammen in der Zelle hockten.

Zufällig?

Die Revolutionäre wollten ein Zeichen setzten.

Es war der Hass gegen alles Vergangene. Hass, der die totale Erneuerung forderte, und die absolute Kontrolle.

Am Ende ging es doch wieder nur darum, wie kann ich Massen von Menschen beherrschen. Am besten funktioniert das, wenn sie alle gleich aussehen. Oder wenn sie uniformiert sind. Revolution als Lebensinhalt, der nie aufhört?

Der Vorsitzende machte es vor, mit seinen 2mm langen Haaren. Seine weiblichen Assistenten teilten bereits seine Vorstellungen einer neuen modernen Frisur.

Ja, die Unterschiede zwischen Mann und Frau, an den Haaren sollte es sich nicht festmachen lassen. Und da für Männer ganz kurze Haare vorgeschrieben waren ...

Die Revolution war ALLES. Liebe war dagegen eine Sentimentalität, die nur störte. Sie bewirkte Individualität, die man nicht haben wollte. Ob man die gefangenen Liebespaare öffentlich hinrichten wollte?

Nun saßen sie in ihrer Zelle auf dem Boden und warteten auf das Unvermeidliche.

Morgen früh sollten sie alle zusammen geschoren werden, die Haare nicht länger als ein paar Millimeter. Das würde dann landesweit im Fernsehen bertragen werden, als Warnung an alle anderen.

...

Was dann mit ihnen geschehen würde, sie wussten es nicht. Sie hatten gegen die Ordnung verstoßen, das forderte Bestrafung. Allein mit dem Abschneiden der Haare würden die Revolutionäre sich nicht zufrieden geben.

Ob man sie alle umbringen würde? Sie wussten es nicht. Einzelne Opfer würde es sicher geben.

Erwin mit seinen perfekt glatten langen blonden Haaren. Körperlange Haare, die ihn ganz einhüllen konnten. Er mochte sie doch so sehr. Sein Leben, er liebte es. Die Tränen liefen ihm über das Gesicht. Astora tröstete ihn. Ihre eigenen langen Haare reichten bis zum Boden. Sie hatte ihren superlangen Zopf geöffnet.

Erwin und Astora berührten sich. Das Verlangen nach Körperlichkeit, es füllte sie aus. Alles wurde eins. Sie küssten sich direkt auf den Mund, dann die Haut des anderen, berührten sich mit den Händen. So viel nackte Haut, die geliebt werden wollte. Sie liebten jeden einzelnen Zentimeter davon. Es war eine sanfte Berührung voller Zärtlichkeit und Sensibilität.



Alle mussten weinen, irgendwie verstohlen oder direkt. Sie liebten ihr Leben doch so sehr.

So saßen sie eng zusammen, streichelten sich gegenseitig die Haare, und nicht nur die Haare. Vielleicht ein letztes mal. Die Haare vermittelten ihnen Emotionalität, das war schon etwas besonderes. Normale Haare konnten das nicht.

Oder vielleicht doch? Wer kannte die Zusammenhänge zwischen äußeren und inneren Dingen schon so genau.

Es wurde Nacht. Kein Licht brannte mehr, man wollte Strom sparen. So lagen auf dem Boden, eingebettet in eine Burg aus Langhaarigkeit. Als wenn die Haare sie beschützen wollten.

Darunter waren sie völlig nackt. Ja, die Kleidung hatte man ihnen weggenommen. Die würden sie ohnehin nicht mehr brauchen.

Was sich unter den Haaren tat, von außen sah man es nicht.

Ob dies ihre letzte Nacht war? Manchmal erlebt man ein ganzes Leben in einer einzigen Nacht.
Es war Bewegung unter den Haaren, doch die im Dunkeln, die sieht man nicht.

War da nicht ein Schatten im Raum?

Ein Schatten? Es ist stockfinster. Wie soll man da einen Schatten erkennen?

Ein Schatten der Liebe?

Aha.

Dann schliefen sie ein.

Ein merkwürdiger Traum ergab sich. Sie träumten alle dasselbe. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Was gab es dort zu sehen?

Eine Lichtbahn schlängelte sich durch den Traum, scheinbar aus dem Unendlichen kommend. Eine Ausdehnung hatte sie nicht, sie wirkte perfekt eindimensional.

Aber das war nicht alles.

Ein Wispern erfüllte den Traum. Es schien aus der Lichtbahn zu kommen.

Die Lichtbahnen verwickelten sich ineinander und füllten so bald den ganzen Raum aus. Sie leuchteten in allen Farben das Spektrums.
Ein Gesicht bildete sich.

Dann wurde das Wispern verständlich.

<< Hallo ihr. Ich bin Eternity211, eine Stringa >>



Was um alles in der Welt ist eine Stringa?

<< Ein kosmischer String. Unendlich dünn und unendlich lang >>

Kosmische Strings? Bisher konnte man die noch nicht nachweisen. Aber die müssen doch gravitieren? Müsste uns die Gegenwart eines Strings nicht zerreißen?

<< Weil sie so dünn sind, sieht man sie nicht *grins*. Gravitation? Na ja, die Wechselwirkung sieht ein wenig anders aus, als die Physik behauptet. Aber glaubt mir, sie haben ihre Wirkung, obwohl sie scheinbar gar nicht existieren >>

Du existiert doch, wir sehen dich.

<< Das ist euer Glaube an das Übersinnliche, und es sind eure Haare, sie haben paranormale Energie in sich drin. Ihr seid doch alle Studenten der Paranormalität. Nun gebe ich euch etwas, das eurem Glauben entspricht. Aber im Grunde sind es eure Gedanken, die mit mir interferieren >>

Haare als Speicher paranormaler Energie? Sie waren etwas besonderes, die Haare, aber das hatte man ihnen nun nicht zugetraut.

<< Es ist so >>

Eternity, kannst du uns helfen, aus diesem Schlammassel herauszukommen?

<< Das könnt ihr selbst, nur ihr wisst noch nicht, wie ihr es anstellen müsst. Daher bin ich hier. Ich hoffe, die Janine sieht mich nicht >>

Janine?

<< Ein höheres kosmisches Wesen. Ihr müsst wissen, ich  bin nur eine Stringa, eindimensional in den Dimensionen. Eindimensional im Raum, in der Zeit. Janine umfasst den ganzen Bereich der Raumzeit in allen Dimensionen. Janine will es bestimmt nicht, dass ich hier in das Geschehen eingreife. Das dürfen nur höhere kosmische Wesen >>

Aber die Zeit ist doch eindimensional?

<< Nicht für eine Janine. >>

So hocken sie nun zusammen in der Zelle, die 20 jungen Menschen und eine Stringa. Nein, sie waren nicht allein. Dort im Hintergrund, eine undeutliche Gestalt, kaum wahrnehmbar. Selbst Stringas Licht konnte sie kaum erhellen.

Dann verschwand sie völlig.

Was war das dort hinten?

<< Ich weiß es nicht. Die Janine vielleicht? Oder ein anderes höheres kosmisches Wesen, die Liebe? Nun sind wir wieder allein >>

Die Liebe?

<< Eine kosmische Entität. Die Revolutionäre  wollen euch hinrichten, als Liebespaare. Lieben soll man nur noch die Revolution und den ersten Vorsitzenden. Aber zwischen euch kann sich echte wahre Liebe bilden. Das entgeht der Liebe nicht. Nur, da ich jetzt da hin, wird sie vielleicht nicht gebraucht >>

Die Lichtbahnen formten eine sichtbare Gestalt. Ein menschliches Wesen, das aus sich selbst heraus leuchtete.

Erwinus: "Stringa, du bist wunderschön"

<< Danke *freu* >>

<< Eindimensionale Strings können sich ineinander wickeln und so Strukturen schaffen. Es gibt keine materiellen Objekte, die wir nicht darstellen könnten. Für großräumige Gebilde wie Galaxien bedarf es vieler von uns >>

Dann besteht unsere ganze Welt aus Strings?

<< Nicht hier. Durch die Janine hat eure Welt eine andere Struktur mitbekommen. Aber es gibt viele Bereiche in der Unendlichkeit, die wir formen. Hier sind wir nur Beobachter, aber was ich gesehen habe, nein, ich konnte es nicht sich selbst überlassen >>

Ein Geräusch. Sie wachten auf.

Jemand mit einer Taschenlampe machte sich an der Tür der Zelle zu schaffen.

"Du da, die mit den roten Haaren, mitkommen"

Drei Revolutioläre mit automatischen Gewehren im Anschlag standen an der Tür.

Was hatten sie vor? Wollten sie eine der ihrigen vergewaltigen?

Stringa, Eternity, wo bist du? Bitte hilf uns.

Irgendetwas schien den Revolutionären die Luft abzuschnüren. Die Augen traten aus den Höhlen, ungläubiges Erstaunen. Es war nur eine Drohung, aber sie wurde verstanden.

Krachend schlug die Tür wieder zu.
Von außen wurde sie verriegelt. Hastige Schritte entfernten sich.

Eternity, warst du das?

Niemand meldete sich. Ob sie erst wieder träumen mussten?

Sie legten sich zusammen auf den Boden, umklammerten sich gegenseitig. Je nach Sympathie. Die Haare hüllten sie erneut ein. Irgendwie gaben sie ihnen das Gefühl, auf Matratzen zu liegen, eingebettet in eine sanfte Ewigkeit, in ein Universum aus Körperlichkeit und seelischer Harmonie. Dann schliefen sie wieder ein.

...

<< Habt keine Angst. Sie werden euch nichts tun. Morgen wird es ein richtiges Gewitter geben, mit Blitzen, die Botschaften verteilen. Glaubt mir, dagegen fällt ihnen nichts mehr ein. Es werden die 10 Gebote des Lebens sein, die in Zukunft die Geschichte eurer Welt bestimmen >>

Eternity, was bedeutet die 211?

<< *grins* Es gibt eine erste und eine letzte Ewigkeit. Ich bin irgendwo dazwischen, ganz am Anfang. Alle Eternities zusammen umfassen in etwa das, was eine Janine ausmacht >>

Nennst du dich Eternity, weil du in die Unendlichkeit hineinreichtst?

<< Ja, genau deswegen. Ich kann sie euch sogar vermitteln, trotz meiner Eindimensionalität. Es sind eure Gedanken, eure Gefühle, die mich Wirklichkeit werden lassen. Eure körperlich seelische Liebe, sie hat einen Hauch von Ewigkeit in sich. Das ist eurer Bezug zu mir, zur Ewigkeit, zu den unendlichen Wesen >>

So erfüllte sich die Liebe in einem Bereich, der doch der Bestrafung zugedacht war. In einer Umgebung, die so viel Unmenschlichkeit hervorbrachte.

Und sie war nicht allein, sie wurde beschützt.

...

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