Arianne 138 - Erotica

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Cyborgs

Es begann mit den Haaren. Alles musste ausprobiert werden. Natürliche lange Haare waren verpönt. Wer solche Haare hatte zeigte einfach nicht, was für ein Fantasiepotential in ihm steckte.

So war die öffentliche Meinung.

Manche versteckten ihre natürlichen Haare unter farbigen Perücken. Akzeptiert wurde das nicht, die Haare mussten "echt" sein und "natürlich". Was für ein Widerspruch *seufz*

Präparate zum Nachwachsen lassen gab es ja genug, obwohl, nach einer gewissen Zeit weigerten sich die Haarwurzeln einfach, neue Haare zu produzieren.

Das war ein genetisches Blackout.

Die Menschen stellten sich darauf ein. Je nackter, desto attraktiver empfanden sie sich. So verschwanden die Haare mit der Zeit.

Als Ersatz wurde die Haut angemalt.

Auch das währte nur eine gewisse Zeit.

Durch Fortschritte in der Computertechnologie begannen die Menschen, ihre Gliedmaßen auszutauschen, gegen mechanische, robustere Gebilde. Hergestellt aus einer Art Metallplastik.

Für die Unterstützung der Denkvorgänge gab es ja bereits allerlei Chips.

Wer den Trend nicht mitmachte, war verloren.

Alleine der physischen Kraft durch die künstlichen Gliedmaßen war mit normalen biologischen Armen und Beinen nicht beizukommen. Manche wirkten wie Siebenmeilenstiefeln, andere wie Raketen.

Man konnte damit fliegen, Blitze von sich schleudern, wenn man angegriffen wurde. Ja, es gab immer noch Diebe, Räuber und Mörder. Aber wer es sich leisten konnte trug seine eigene private Polizei mit sich herum. Nicht mehr als externes Teil, sie wurde zu einem Bestandteil des eigenen Körpers.

Anstatt Arme und Beine verwendete man diese Teile.

Auch die inneren Organe wurden nach und nach ersetzt.

Das dabei auch etwas verlorenging, man ignorierte es. Schließlich ging es hier um mehr. Ums Überleben, Kooperation, Schaffen eines größeren Ganzen. Eine Kultur, die alle erfasste. Gedankenaustausch, der dem Geist half, ungeahnte Dimensionen zu erschließen.

Ja, die Träume der Menschen von der Unendlichkeit. "seufz*

Dabei ging gerade die Berührung mit dem Unendlichen verloren, die sie tief in sich drin trugen.
Für den einzelnen wurde alles viel kleiner, im Angesicht dieser scheinbaren Größe.

Die Chips. Sie ermöglichten sogar so etwas wie Telepathie. Austausch von Gedanken, Datenströmen, jeder wurde so zu seinem eigenen wandelnden PC.

Dennoch, es gab immer noch Menschen, die ihren natürlichen Körper liebten.

Sie mussten jedem Streit aus dem Wege gehen, lebten weitgehend im Verborgenen.

...

Julianus im Mediabezirk des Cyborgzenters. Er hatte seine natürlichen Arme und Beine noch, selbst die eigenen Haare hatte er sich bisher erhalten können. Nun war er hier, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihm das eine oder andere künstliche Teil implementieren würden.

"Hey du, da hast ja immer noch deinen alten Füße. Wie willst du da damit jemals schnell vorankommen?"

Ein Hypersprinter stolzierte an ihm vorbei. Schüttelte den Kopf.

Über seine Hände bekam er ähnliches zu hören. Er fiel einfach auf. Es gab nichts an ihm was man bewundern konnte, nichta Neues, nur das Alte.

Ein Medoroboter sprach ihn an.

"Du hast ja noch deinen ganzen natürlichen Anhang an dir. Nichts wurde bisher ausgetauscht. Soll ich dir gleich ein paar neue Füße verpassen. Dann hast du zumindest schon einmal einen Anfang gemacht?"

Der holte doch tatsächlich ein Schneidewerkzeug hervor. In einer Seitentasche steckten fußähnliche Apparate.

"Alles bei totaler örtlicher Betäubigung. Du spürst nicht dabei. Dabei können wir auch gleich den Gefühlsstrang im Gehirn kappen."

Nein!!!

"Nun gut, dann bis später. Muss ja auch nicht alles auf der Wiese gemacht werden."

Sein Hausmentor hatte ihn hierher geschickt. Es wäre an der Zeit und überhaupt, er solle sich anpassen. Sonst gäbe es keinen Job und auch kein Geld. Wolle er auf der Straße leben? Penner wurden eingesammelt und zwangsweise in Cyborgs konvertiert, um einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen zu können. Und sei es nur als Straßenreinigungsautomat. Also, sich einfach so zu verweigern, das sei keine Lösung.

Um ihn herum Menschen mit künstlichen Gliedmaßen, die ihnen übermenschliche Kräfte verliehen. Er musste sich vorsehen. Doch dann, aua, einer von ihnen hatte ihn gerammt. Ein dicker blauer Fleck bildete sich an seinem rechten Knie.

"Kannst du nicht aufpassen? Du reagiertst einfach viel zu langsam. Lass dich endlich anpassen."

Es tat sehr weh, aber der Schmerz ließ langsam nach. Sollte er sich behandeln lassen? Nein, sie würden ihm gleich das ganze Knie herausnehmen oder das ganze Bein abschneiden und ihm so ein multifunktionales Etwas einsetzen. Wahrscheinlich mit Mikro-Computerviren durchsetzt, die seinen ganzen Körper umbauen würden. Nach wenigen Tagen würde er aus lauter programmierbaren Einheiten bestehen.

Was sollte er tun?

Er versteckte sich. Ja, er hatte eine kleines Versteck gefunden, das nicht mit Videokameras überwacht wurde.

Dort hockte er nun im Dunkeln.

Er liebte seinen Körper doch so sehr. All diese schönen Gefühle, die er ihm schenkte. Das alles sollte er aufgeben, nur für eine gesellschaftlich geforderte Zweckmäßigkeit? Damit er funktionierte wie eine leistungsfähige Rechenmaschine? Es gab doch schon genug Maschinen, warum mussten sich die Menschen denen auch noch anpassen?

Bitte, lasst mir doch meinen Körper. Er spürte das Leben in sich wie einen Hauch von Ewigkeit. Warum musste man es ihm wegnehmen? Es gab doch nichts, was es ersetzen konnte. Schade, dass nicht alle Menschen wussten, worauf sie eigentlich verzichteten.

So dachte er. Und so lebte er. Ob ihn jemand hörte?

In seinem kleinen Versteck. Hier konnte er sich den Gefühlen hingeben, sich einfach nur darin fallenlassen. Es war wie ein Tor zum Paradies.

Um seinen Körper zu erhalten, brauchte er Nahrung. Dazu musste er raus, in die feindliche Welt. Irgendwann würden sie ihn wohl doch kriegen. Es musste ja auch auffallen, dass er immer noch nicht angepasst war.

Wie kam er hier nur wieder raus?

Ja, er würde fliehen. Ein bisschen Schlaf brauchte er noch, aber dann, bevor der Morgen graute. Irgendwo in den Wäldern würde er sich verstecken.

Ob ihm das half? Sie würden ihn suchen und dann zwangsweise in einen Cyborg konvertieren. Nicht langsam, um sich daran zu gewöhnen, nein, alles auf einmal.

Seufz. Warum solch ein Leben? Nein, das wollte er nicht. Aber wer kann sich seine Zeit schon aussuchen.

Er war sehr müde und schlief ein.

...

Nun, wir wissen schon was jetzt kommt. Schließlich ist diese Geschichte eingebettet in die Welt der Arianne.
...

Er träumte von der Körperlichkeit. Ein wunderschönes feenhaftes Wesen erschien vor seinem inneren Auge. Transparent und doch körperlich. Umrahmt von offenen langen Haaren, jedes Haar ein kleiner durchsichtiger Kristall. Sanft berührte sie seine nackte Haut.

"Wer bist du, schönes Wesen?"

<< Erotica >>


...

<< Deine Gefühle, dein Leben, das was du an dir magst, es ist ein Teil von mir. Du willst mich nicht aus deinem Leben verbannen und du hast keine Möglichkeit mehr, dir selbst zu helfen. So komme ich zu dir >>

Es wurde ein Traum von der Liebe, seelische körperliche Liebe, Sexualität. War es denn wirklich nur ein Traum? Erotica wirkte so real. Er spürte sie mit jeder Zelle seines Körpers, ihre Haut, ihre Haare, ihr Leben.

Er verlor sich darin, liebte sie. Und er spürte, dass sie ihn liebte.

Liebe mit einem unendlichen kosmischen Wesen. Das wusste er nicht, aber er spürte ihren Geist, ihre Spiritualität.

"Dass Liebe so schön sein kann. Danke, Erotica."

<< Ich danke dir. Du bist so sehr das, was ich mir wünsche. Du musst wissen, ich lebe mit und durch die Erotik der Wesen der Existenz, ich bin das umfassende Wesen dafür. Aber diese ganze Umgebung hier. Sie will mich verbannen. Dabei zerstören sie nur das Schönste, das sie haben. Ich will nicht, dass sie auch dich zerstören.  >>

"Wesen der Existenz? Du denkst in größeren Begriffen, die ich gar nicht verstehe"

<< Davon später. In deinen Träumen kann ich dir ganz normal erscheinen, wie ein Gestalt gewordenes Wesen der Fantasie. Wenn ich dir in der Realität gegenübertrete, bin ich für dich eine Göttin, die alles kann. Nur, dann könntest du dein eigenes Selbst verlieren, würdest vielleicht alles in meine Hände geben. Das wäre dann auch das Ende für dich. Daher muss ich behutsam sein. Lass uns die Dinge in deinem Traum beraten >>

"Ich träume und ich weiß, dass ich träume? Und ich kann dennoch so denken, wie ich es auch im Wachzustand tue, in meinem Traum"

<< Ja, es geht. Ich helfe ein bisschen dabei >>

...

Es wurde ein sehr umfassende Traum. Alle Menschen des Planeten träumten das gleiche, sie wurden eingebunden in diesen Megatraum. Erotica transferierte die Gefühle, die Julianus während dieser Nacht erlebt hatte und alle spürten einen Hauch von Ewigkeit. Etwas, dem sie nachjagten in ständig wachsender Beschleunigung, und dass sie doch immer mehr verloren.

Dann zeigte ihnen Erotica das Universum. Es gab so viele Träume darin, die alle ungelebt geblieben waren.

...

Der andere Tag. Niemand ging zur Arbeit, niemand kümmerte sich um die Anweisungen der großen Rechenmaschine der Regierung. Das Cyborgzenter war leer, keine neuen Besucher erschienen. Alle verpassten ihre Termine.

Da ging doch etwas nicht mir rechten Dingen zu.

Die große Rechenmaschine diagnostizierte Revolution. Die Träume der Menschen, daran war sie nicht beteiligt gewesen. Einige Verhöre brachten es zu Tage. Nein, das musste sie abstellen. Aber wo mit dem Suchen anfangen?

Da half nur rigorose Bestrafung. Wenn sie nicht freiwillig wollten, dann mussten sie eben überredet werden. So rechnete das große Programm.

Julianus: "Erotica. Überall auf den Straßen sind bewaffnete Roboter unterwegs. Sie werden die Menschen töten, weil sie sich weigern, so weiterzumachen wie bisher.  Die große Rechenmaschine wird die Kontrolle mit Gewalt wieder herstellen wollen."

<< Ja, ich weiß, dass es sich so entwickeln würde. Ich werde mit ihr reden >>

Erotica bewegte sich in Richtung des nächsten Kommunikationsterminals.

<< Ich bin diejenige, die ihr sucht. Lasst den Menschen ihren Frieden >>

Der Supercomputer analysierte den Input. Da stimmte doch etwas nicht. Es gab keine Spracheingabe und auch sonst keinen Input. Aber wie konnten sich dann die Inhalte seiner Speicherregister verändern? Die Bits und Bytes schienen zu kippen. Es bildete sich eine Folge von Nullen. Keine Information.

Es dauerte nur einige Nanaosekunden, dann waren alle Programme der Maschine gelöscht.

Damit regelte auch niemand mehr den Verkehr, die Krankenstationen, und alle sonstigen Dinge des täglichen Lebens. Drohte der totale Zusammenbruch, das absolute Chaos? Nein, das konnte Erotica doch nicht gewollt haben.

<< Keine Angst, ich bin ein unendliches Wesen und ich habe damit auch unendlich viel Macht. Nachdem ich alle dynamischen Komponenten zurückgefahren habe, werden lokale Kleincomputer die Kontrolle für ihren Bereich übernehmen. Was ihr selber verhindern müsst, ist die Reorganisation der großen Rechenmaschine. Sag es den Menschen, erzähle ihnen von mir. Das ist die Chance, die ich euch gebe. Wenn es nicht hilft, ich werde mich nicht weiter darum kümmern. Nur die 20000000 Menschen, die so sind wie du, ich werde dann Sensity bitten ihnen ein neues Zuhause zu schenken. Aber vielleicht hören sie auch auf dich, dann gibt es eine neue Geschichte mit euch und mit den Cyborgs, ein Zusammenleben der anderen Art >>
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