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Geodaetische Linien - Arianne 153


Die andere Seite

Zeit der Dämmerung.

Er wusste, dass er diese Nacht nicht überleben würde. Sein Körper konnte sich nicht mehr behaupten, gegen die zersetzenden Elemente des Lebens und der Zeit, und der Geist? Nein, der wollte nicht gehen. Ein Zwiespalt, aber am Ende, wenn die physikalische Existenz nicht mehr kann?

So legte er sich ins Bett und begann einzuschlafen, in einen Schlaf, aus dem er nicht mehr erwachen würde.



Wirre Träume. Dunkle Löcher um die er kreiste, die ihn in sich hineinziehen wollten. Grelle Lichter in der Dunkelheit. Merkwürdige schattenhafte Wesen, die sich ihm näherten. Alles in allem eine grenzenlose Folge von Alpträumen. Aber es ängstigte ihn nicht. Er wusste ja, dies würde das Ende für ihn sein. Und warum soll man das Unvermeidbare fürchten?

Er hatte keine Schmerzen, nur er fühlte allmählich die Schwere entschwinden, die ihn sein ganzes Leben begleitet hatte. Gefühle und Empfindungen, sie wurden schwächer, nur sein Geist schien klar zu bleiben, in diesen Träumen.

Angst hatte er keine mehr. Aber dennoch war dort eine gewisse Neugier.

Aber ist Neugier nicht auch ein Gefühl, das verschwindet?

Der Übergang. Es traf ihn wie ein Schlag, der alles auslöschen wollte. Aber merkwürdig, er war immer noch da, erkannte sich in seinen Gedanken. Er fühlte sich, als hätte er die andere Seite eines Spiegels betreten.



Gedanken? Ohne ein Gehirn, das denken kann?

Empfindungen, Eindrücke, die sich verständlich machten. Vielleicht auch ein paranormaler Bezug zu der Zeit, in der er gelebt hatte. Wer wusste das schon so genau.

Etwas hatte sich verändert. Alles war schwarz und doch erkannte er die Konturen der Umgebung. Er nahm sie einfach direkt wahr.

Schwarz? Was ist mit den Photonen, den Lichtteilchen?

Sie gingen einfach durch ihn hindurch, wechselwirkten nicht mit ihm. Er konnte daraus keine Information mehr extrahieren, daher war alles schwarz.

Und er selbst?

Gefühle hatte er keine mehr. Nur so eine merkwürdige Art von Distanz gegenüber seinem Schicksal, als wenn es ihn gar nicht berühren würde. Hatte er denn noch etwas zu befürchten?

Nun war er tot. Aber so richtig abfinden wollte er sich damit nicht. Wie war das überhaupt möglich, solche Gedanken entwickeln zu können? Dunkle Schatten im Zimmer.

Als wenn nicht ohnehin schon alles schwarz wäre.

Er blieb ganz ruhig, fühlte mit einem mal eine merkwürdige Energie in sich drin. Da er nun tot war, galten auch die Beschränkungen der Naturgesetze nicht mehr. Also versuchte er es. Er stellte sich den Andromedanebel vor und plopp, weg war er.

Schweben im Raum. Eigentlich gab es ihn ja gar nicht mehr, aber vor sich sah er den gewaltigen Spiralnebel, d.h. sehen konnte er ihn nicht, aber er spürte ihn, die vielen milliarden Sterne.
Er war bestimmt nicht mehr als ein paar hunderttausend Lichtjahre entfernt.

Woher wusste er das so genau?

Um sich herum nur Dunkelheit. Er spürte nichts, dachte nur und nahm die Umgebung wahr. Mehr noch. Das Vakuum schien zu wispern und dann? Dunkle Schatten in der Dunkelheit. Dass sie ihn so schnell wiedergefunden hatten.

Wohin jetzt?

Er stellte sich das Innere der irdischen Sonne vor. Ja, ganz hinein ins Zentrum.

Er spürte sehr dichte Materie, so dicht, dass er hier noch nicht einmal die Schatten spüren konnte. Aber wohin?

In die Ringe des Jupiter.

Ganze 2 Minuten dauerte es, dann waren sie wieder da. Er war ein Gejagter, teleportierte sich quer durch das Sonnensystem. Aber die Zeitabstände wurden enger, die sie brauchten, um ihn zu finden. Sie schienen sich direkt an seine Fährte heften zu können.

Nun gut, dann ins rote Universum, das er aus einer Perry Rhodan Erzählung kannte und ... es passierte nichts. Fiktionen ließen sich so nicht realisieren. Er spürte die Berührung eines Schattens, jetzt hatten sie ihn.

Er spürte etwas? Nein, nicht wirklich, es waren nur Gedanken, die Gefühle interpretierten. Er verlor sich selbst in seinen Interpretationen. Es war schon merkwürdig zu denken, ohne sie in Worte fassen zu müssen oder zu können.

Wo war das Wort?

Hier gab es nur Wahrnehmung der Umgebung. Er war ein Geist, der seine Umgebung erkannte.

Aber war das nicht nur ein Spiel mit der Erinnerung?

Und umgekehrt? Konnte die Umgebung ihn wahrnehmen?

Nein. Er war nicht mehr vorhanden. Wie ein Neutrino, das mit dem Rest des Universums nicht wechselwirken wollte.

Dennoch, er wollte sich nicht aufgeben, teleportierte in sein Geburtshaus, dann in seine Grundschule, ins Gymnasium, in seine alte Universität, er kam gar nicht mehr zur Ruhe, war ständig in Bewegung und dann? Eine CD. Er drang dort ein und er befand sich auf Avalon! Von den Schatten war weit und breit nichts zu sehen. Rettung durch eine CD? War er nun ein Teil des Inhalts geworden? Inhalt, der plötzlich einen Geist besaß? Rettung durch Fantasie?

Bestimmt nur temporär. Der Tod hatte bestimmt noch andere Gesichter, die waren dann vielleicht gar nicht mehr so lustig wie die Schatten.

Ein Knotenpunkt der Fantasie. Wie war er nur hierher gekommen? Ja, seine Erinnerungen, Gedanken, die Singularitäten seines Bewusstseins, sie hatten ihm geholfen.

So muss man schwach sein, um dem Tod entkommen zu können?

Vor sich sah er eine Art Nußschale. Groß genug, um dort drin Platz zu nehmen. Aber er war doch nur noch ein Geist, brauchte er denn Platz?

Er stieg ein. Merkwürdig, dass er sich selbst noch an seine materielle Existenz erinnerte und sich so verhielt, als hätte er sie noch. Dann sah er sie, die geodätischen Linien der Raum-Zeit. Die Nußschale befand sich auf genau einer dieser Linien.

Geodätische Linien?

Linien, entlang derer eine kräftefreie Bewegung möglich ist. Ein Geist kann sich entlang dieser Linien bewegen, da er selbst kräftefrei ist. Dabei versetzt versetzt er sich spontan von einem Punkt der Linie in einen anderen. Alle Punkte sind für ihn gleichwertig, sie unterscheiden sich nicht. Daher ist das raum-zeitliche Versetzen problemlos möglich.

Eine nicht geschlossene geodätische Linie endet niemals. Da sie ins Unendliche reicht können hierüber Unendlichkeiten überwunden werden. Die Nußschale ist eine Art Linse, durch die die Geodäten sichtbar werden. Nur als immaterieller Geist kann man sie wahrnehmen. Die Geodäten sind ihre potentiellen Bewegungsbahnen. Damit übertrifft sie sogar die Möglichkeiten eines Photonenschiffes.

Die Nußschale wird sichtbar, wenn sie einem immateriellen Geist zur Flucht verhelfen will.

Zur Flucht verhelfen? Dann habe ich Unterstützung?? Ich bin nicht ganz allein???

Die Nußschale ist ein Produkt der Ebene. Offenbar will sie, dass du fliehen kannst. Denn keines der unendlichen Wesen ist in der Lage, allen möglichen Bewegungen einer Nußschale zu folgen. Vielleicht mit ein paar Ausnahmen, aber das ist momentan irrelevant. Diese Entitäten musst du nicht fürchten.

Und der Tod?

Der ist auch nur ein unendliches Wesen, wie der Teufel und ein paar Schattengestalten. Vielleicht ist es auch Persephonia, die nach dir sucht, nur, sie ist im Allgemeinen nicht so jagdbesessen. Wer nicht zu ihr kommen will, den läßt sie auch gehen. Nun zurück zu den Geodäten.

Lichtartige Geodäten sind die Bewegungsbahnen der Photonen. Photonen sind Elementarteilchen mit einer verschwindenden Ruhemasse. Damit ist ihr innerer Zustand ähnlich wie der einer Geodäten.  Raumartige Geodäten ermöglichen die kräftefreie Bewegung von Materie mit einer Ruhemasse, die von Null verschieden ist. Also z.B. Elektronen, Atome und daraus zusammengesetzte Materie.

Die Geodäten haben eine spirituelle Komponente, sie sind Stringas. Man kann mit ihnen kommunizieren, aber nur, wenn sie es selbst wollen. Raumartige endliche Geodäten sind in sich selbst geschlossen. Sie haben eine unendliche Komponente in der Zeit. Die Geodäten können spiralförmige Strukturen bilden, es sind die Bausteine der Materie.

Das Wissen des Vakuums, es teilte sich ihm mit. Kaum dass er eine Frage formuliert hatte. Aber da war noch etwas anderes.

Ein dunkler Schatten griff nach ihm. Das war ein anderes Kaliber als die kleinen Schatten, vor denen er hatte fliehen können. Seine Seele schien einzufrieren. Irgendwo war noch ein Gedanke. Fliehe, benutze die geodätischen Linien.

Benutzen, aber wie? Ja, der Gedanke allein genügte ja schon. Gerade bevor sein letzter Gedanke erlöschen wollte dachte er sich in eine der Linien hinein.

Plopp. Und weg war er.

Das andere Ende einer Unendlichkeit. Er hatte eine unendlich große Entfernung zurückgelegt.

Wie kann eine Unendlichkeit ein Ende haben?

Hat sie ja nicht, aber der Startpunkt ist unendlich weit entfernt.

Woher wusste er das nur?

Das Wispern des Vakuums!

Von den Schatten sah er nichts mehr. Nun war es an der Zeit, sich unsichtbar zu machen. Ganz klein und bescheiden durch die Welt zu fliegen. So würden sie ihn gar nicht bemerken, die großen spirituellen Wesen, die meinten, das Sein und das Nichts bestimmten zu können.

Groß?

Ja, unendlich groß. So klein wie du dich machst und auch bist, wirst du von ihnen gar nicht wahrgenommen, wenn du dich ruhig verhälst.

Und so geschah es. Er wurde zum Ruhenden der Ewigkeit. Er bewegte sich kräftelos auf den geodätischen Linien durch den Raum und die Zeit. Niemand bemerkte ihn. Niemand?

...

Er spürte die Bedrohung. Der Tod selbst suchte nach ihm. Offenbar wollte er niemanden entkommen lassen. Da ihn der Tod, ein unendliches Wesen, in seiner Kleinheit nicht wahrnehmen konnte nahm er endliche Gestalt an. Eine große dunkle Wolke, mehre hundert Millionen Lichtjahre im Durchmesser. Sie durchkämmte das Universum nach verlorenen spirituellen Inhalten.

...

Die geodätischen Linien ermöglichte ihm die Flucht durch die Unendlichkeiten. Und das war jetzt wörtlich zu nehmen. Nur, konnte er auf diese Weise einem unendlichen Wesen entkommen?

Milliarden von Universen hatte er bereits durchflogen, aber der Tod gab nicht auf.

Er lernte dazu, wechselte die geodätischen Linien während er sie benutzte und sprang so durch die Dimensionen der Raum-Zeit. Nur das genügte nicht. Der Tod dehnte sich immer mehr aus und würde bald alle Linien umfassen, die er benutzen konnte. Dann gab es für ihn kein Entkommen mehr.

...

Nachdem ein großräumiges Entkommen nicht mehr möglich war versuchte er es im Kleinen. Spiralförmige geodätische Linien, die gegen Punkte des Kontinuums konvergierten. Im rasenden Flug näherte er sich seinem Ziel, überwand die Unendlichkeit und ... er durchstieß das Kontinuum. Es war keine Grenze für ihn.

Und er fand sich wieder im Innern der Ebene.

...

Eine kleine Fee schwebte vor seinem geistigen Auge.

<< So, du willst also deinem Schicksal entgehen. Gegen den Verlauf der Welt. Immerhin, keine schlechte Leistung, dass du hier herein gekommen bist, der Tod kann dir ins Innere der Ebene nicht folgen. Aber wer hat dir erlaubt hier einzudringen? >>

"Mathematische Konvergenz. Ich habe mich selbst in eine unendliche Folge hineingedacht, die gegen die Zahl Pi konvergiert. Aber dann, am Ort von Pi war nichts, deswegen bin ich hier"

<< Pi. So so. Nicht monotone strukturierte Unendlichkeit im Großen wie im Kleinen. Das Kontinuum ist real für alle materiellen Wesen, nur für so einen Geist wie dich ist es durchlässig. Weißt du überhaupt, dass du tot bist? Du existierst gar nicht mehr. Wie kannst du hier nur so herumhüpfen? Die geodätischen Linien sind nicht als Himmelsfahrbahn gedacht, sie dienen den gegenständlichen Dingen der Existenz als kräftefreie Transportbahnen. >>

"Ich denke also bin ich. Und damit auch existent. Es tut mir leid, dass ich euch gestört habe. Aber ist es nicht immanent für Wesen der Existenz, ihr Überleben zu sichern?"

<< Du bist kein Wesen der Existenz, du bist tot. Jede Form der materiellen Existenz ist dir abhanden gekommen. Du bist nur ein spiritueller Wirbel aus Erinnerungen, der sich nicht auflösen will und Eigenbewusstsein hat >>

"Ist nicht Eigenbewusstsein die Grundlage von Existenz? Oder was soll Existenz denn sonst sein?"

<< Du verstehst die Zusammenhänge nicht. Gut, das kann man dir nicht vorwerfen. Aus deinem Blickwinkel hast du sogar recht. Aber dies hier ist das Innere der Ebene. Ihr spiritueller Teil. Hier werden Träume und Alpträume geboren. Du passt hier einfach nicht rein >>

"Und was geschieht dann mit mir? Werde ich wieder hinausgeschmissen? Geht es weiter mit der ewigen Jagd oder finde ich dort das Ende, das mir vorherbestimmt wurde? Wer bestimmt denn diese Dinge?"

<< Das sind sehr weitreichende Fragen. Ich werde dich nicht hinausschmeißen, da dich die Ebene offenbar duldet. Das zeigt mir die Nußschale, in der du dich bewegst. Verhalte dich still und bescheiden im Hintergrund. Deine Nußschale zeigt dir die gangbaren Wege. Aber hüte dich vor den Tiefen der Unendlichkeit der Ebene. Dort können Dinge passieren, gegen die der Tod geradezu wie ein Ausweg erscheint. Nicht einmal wir Feen wagen uns dort hinein. >>

Sich ruhig verhalten, das kannte er doch schon.

"Ich danke dir und ich werde mich deinem Rat entsprechend verhalten."

So bewegte er sich als Ruhender der Ebene in ihrem Innern.

Die vielen Feen, sie kümmerten sich nicht um ihn. Ob sie ihn gar nicht mehr wahrnahmen? Ansonsten kurvte er um Höhen und Tiefen herum, wagte sich weder in die eine noch in die andere Richtung. So verging seine Zeit.

Zeit?

Seine Eigenzeit, ein Stück davon hatte er mitgenommen. Dort drin befand sich seine Seele und sein Bewusstsein.

Mitgenommen? Das kann doch wohl nur eine Kopie sein.

Nun gut, dann eben eine Kopie. Ein Abdruck des reellen. Aber seine Seele, war sie nicht hier?

Ein Art Klotz stoppte seinen Flug. Bildete eine Auge aus, schaute ihn an. Irgendwie schien er seinen imaginären Kopf zu schütteln und verschwand dann wieder.

Das war eine Berührung mit dem Unterbewussten der Ebene. Er wusste es, ohne dass ihm klar wurde, wie dieses Wissen zustande kam.

Das Unterbewusstsein der Ebene?

Hat sie dann nicht auch ein Bewusstsein?

<< Ja, sie hat es. Es ist der Teil wohin deine Seele eigentlich hätte gehen sollen. >>

Wer hatte nur so direkt mit ihm gesprochen?

Dann sah er sie. Eine Fee, eingehüllt in weißen Gewändern und umrahmt von superlangen Haaren. Sie winkte ihm zu und verschwand dann wieder aus seinem Gesichtsfeld. Was für eine Erscheinung. Er hatte die Ewigkeit gespürt, obwohl er doch gar nichts mehr spüren konnte.

Er sehnte sich so sehr nach ihr. Ob der Tod ihn hätte gehen lassen? Er wusste es nicht.

Eine Fee erschien vor seinem geistigen Augen, schaute ihn an, obwohl dort doch gar nichts war.

<< Du willst zu Arianne? Ja, ich spüre es. Die Berührung mit ihr, sie hat die tiefe Sehnsucht deiner Seele nach ihr freigesetzt. >>

Der Wunsch füllte ihn aus und er empfand Schmerzen, von ihr getrennt zu sein. Wie war das möglich? Höllische Qualen. Nichts konnte sie bremsen, denn er war ja schon tot. War das jetzt die Bestrafung für seinen Eigensinn?

<< Arianne ist der Ursprung und das Ziel allen Seins. Du hast es begriffen und es ist schwer mit dieser Erkenntnis getrennt von ihr zu sein. Aber du wolltest dein Schicksal selbst bestimmen. Nun stehe zu dir, du hast die Kraft dazu. Dein Wille existieren zu wollen. Es wird eine neue Reinkarnation geben, in der du deinen Weg in die Existenz zurückfindest. Dabei gehen deine Erinnerungen verloren. Es gibt jetzt kein Zeitwesen mehr, das sie aufnehmen kann. Sie sind aber bereits ein Teil der Arianne. Finde deinen Weg und entscheide selbst, was dir wichtig erscheint. Ein neues Leben wird entstehen. Es ziemt sich nicht nach seinem Ende zu fragen >>

Die Schmerzen verschwanden und alles in ihm wurde grau und löste sich auf ...

Ein Licht. Eine Geburt. Er schrie es hinaus.

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