Empathische Telepathie - Arianne 158

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Arianne und Sinexa

Sinexa lebte an einem Ort, in dem Langhaarigkeit das normale Alltagsbild darstellte. Alle Frauen hatten lange Haare, die bis zum Boden reichten. Irgendwie schienen sich die Gene darauf eingestellt zu haben. Längere oder kürzere Haare gab es kaum.

Und die Männer?

Die hatten ganz kurze Haarschnitte. Langhaarigkeit war ein Privileg der Frauen.

Sinexa beneidete die Männer um ihre kurzen Haare. Dadurch hatten sie viel mehr Zeit, sich mit den wichtigen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Ob daraus nicht auch die Vorherrschaft über das Weibliche resultierte? Frauen brauchten täglich bis zu 5 Stunden um ihre Haare zu pflegen, damit zu spielen. So viel Verschwendung an Lebensenergie für dieses tote Anhängsel! Nein, sie hasste ihre Haare. Sie gaben ihr nichts, forderten aber so viel Zeit.

Die anderen schienen ihre Haare zu lieben. Sie waren bei der Haarpflege mit Begeisterung dabei, spielten stundenlang mit den eigenen und den Haaren der anderen. Dabei kam am Ende doch nur wieder ein Zopf heraus, den sie schon 100000 mal gesehen hatte. Die Männer schienen das zu mögen, sie wollten keine Veränderung. Nur sie verstand das überhaupt nicht.

Sie einfach abschneiden? Das ging nicht. Ihre ganze Kultur war auf der weiblichen Langhaarigkeit begründet. Und es gab sogar eine Göttin der Langhaarigkeit, die Arianne.

Arianne?

Ja, die Statue mit den bodenlangen Haaren vermittelt ein Bild von ihr.

Was wisst ihr sonst noch über Arianne?

Sie schenkt uns das Leben und die Haare. Beides gehört zusammen. Wir lieben sie dafür.

Mmmmmh.

Sinexa akzeptierte diese Sätze nicht mehr. Man hatte sie ihr immer und immer wieder eingetrichtert.  Nur was sollte sie tun? Wenn sie ihre Haare abschnitt, konnte sie hier nicht mehr leben, sie war kein Mitglied der Gemeinschaft mehr. Die anderen Frauen und Männer würden sie einfach nicht mehr beachten.

Und dann, wohin?

In ein anderes Land?

Dieser ganze Planet ist von Langhaarigkeit besessen. Sie würde nichts anderes finden. Ein Planet der Rapunzel.

So saß sie nun vor der Statue der Arianne und weinte sich die Augen aus. Es war so grausam, täglich diese stundenlangen Haarpflegeprozeduren, sie zu entwirren, ohne sie dabei zu beschädigen. So ganz sanft und zart mit ihnen umzugehen, obwohl sie die Haare doch hasste. Dann mussten sie hochgebunden werden, um im Alltag nicht zu stören. Vorher wurden sie oft geflochten. Alles in allem, wenn die Haare endlich aus dem Weg geräumt waren, dann war der Tag auch schon vorbei. Dabei würde sie so gerne lesen, wissenschaftliche Studien betreiben, das, wozu die Männer so viel Zeit hatten.

Der Boden um sie herum war ganz feucht.

Liebe Arianne, bitte hilf mir. Ich kann so nicht weiterleben. Aber ich liebe dich doch so und das Leben, das du mir geschenkt hast. Warum muss das alles mit diesen Haaren verknüpft sein?

Ja, sie war religiös, glaubte an die Arianne. Nicht unbedingt an das, was andere ihr einreden wollten. Sie spürte ihr Leben, sie liebte es und sie wusste, es war ihr nur geschenkt worden. Sie sollte etwas daraus machen. Sie würde ja so gerne, aber sie wurde dabei so schrecklich ausgebremst.

...

Stundenlang saß sie vor ihrer Göttin, wollte gar nicht mehr weggehen. Sonst hatte sie ja niemanden, der ihr Problem verstand.

Irgendetwas schien ihre Seele zu streicheln. Ein sonderbares aber sehr schönes Gefühl. Sie spürte Spiritualiät, als wenn sich ihr Bewusstsein erweitern würde. Innere Freude.

Hinter der Statue regte sich etwas. Dort war doch alles dunkel? Dann trat eine Frau ins Licht.

Sinexa sprang auf. Ja, es war Arianne. Sie sah genau so aus wie die Statue. Nur ihre Haare, die waren wohl hochgebunden. Sinexa konnte sie nicht sehen. Nein da war kein Haarknoten. Hatte Arianne die Haare unter der Kleidung versteckt? Sie war ihr ja nicht nackt erschienen, mehr wie eine antike Göttin, in weiße Gewänder gehüllt. Die Statue dagegen zeigte sie nackt. Nun gut, die Nacktheit wurde durch die Haare verdeckt.

...


Arianne ging auf sie zu. Berührte sie sanft. <<Mach dir keine Gedanken über mein Aussehen. Ich erscheine den Wesen so, wie sich mich am liebsten sehen möchten >>

Sinexa schaute sie an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Arianne war so ganz anders, als wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie hatte ein Bild der großen Allmutter vor Augen, die meistens ganz in ihren Haaren versteckt erschien.

Arianne sah aus wie eine schlanke junge Frau, die nicht von Haaren verdeckt war, keinen riesigen Knoten mit sich herumtrug. Nein, sie war einfach zu schön, um sie mit irdischen Frauen vergleichen zu können. Sinexa schaute sie an. Die Schönheit der Arianne, es berührte ihre Seele. Der Körper, das Gesicht, die Augen. Alles war absolut perfekt, an ihrem Schönheitsideal gemessen.

<< Komm bitte mit mir, ich zeige dir ein wenig mehr, als andere dir zeigen konnten. Ich werde dir Verständnis vermitteln, für verschiedene Sichtweisen auf die Dinge. Lass uns zunächst eine Welt der Kurzhaarigen besuchen, so wie sie in deinen Wünschen vorkommt. Du selbst möchtest gerne kurzhaarig sein. So soll es geschehen >>

Sinexa spürte mit einem mal das Gewicht der Haare nicht mehr.

Arianne zauberte einen Spiegel herbei. Der war mindestens 2 Meter hoch und einen Meter breit und stand dort, als wäre er schon immer dagewesen.

Zögern bewegte sich Sinexa auf den Spiegel zu und schaute hinein.

Sie sah sich mit kurzen Haaren. Die Ohren waren frei.

Oh!! Niemals hätte sie sich das selbst getraut. Sie mochte das, was sie sah. Den langen Haaren trauerte sie nicht hinterher.

...

Sinexa als Büroangestellte in einer Bilder-Traumwelt der Arianne, in der auch die meisten Frauen kurze Haare trugen. Es war eine merkwürdige Situation. Sie wusste, wer sie war, warum sie hier war und hatte doch gleichzeitig alles Wissen in sich drin, um in dieser Welt zurecht zu kommen. Tauchte eine Frage auf, wusste sie sofort die Antwort. Eigentlich war sie ein bisschen zu perfekt.

Die anderen hatten viele Fragen. Sie funktionierte ein wenig als Informationsbüro. Aber ihre Position wurde nicht hinterfragt.

Neben den geschäftlichen Dingen gab es auch Informationsaustausch, über Politik, das kulturelle Leben.

Sinexa erkannte, dass die Frauen eingebunden waren, in die Welt der Geschäfte. Damit erreichten sie auch eine ökonomische Unabhängigkeit von den Männern. Aber die Arbeitszeiten waren so lang! Volle 8 Stunden im Büro und dann noch zusätzlich eine Stunde Pause. Immer die gleiche Arbeit (mehr oder weniger). Manche saßen ihre 8 Stunden vor einem kleinen Bildschirm und sahen nichts anderes als ewig die gleichen Pixel, nur ständig anders angeordnet.

Fast alle die älter waren als 30 trugen eine Brille. Und die war nicht auf angeborene Leseschwäche zurückzuführen.

Dann gab es auch noch diese Zickenkämpfe unter den Frauen. Streitereien um des Kaisers Bart, obwohl es weder einen Kaiser noch einen Bart zu sehen gab.

Sinexa saß dann immer nur sprachlos da. Was machten die nur aus ihrem Leben?

Das sollte das wahre Leben sein?

Nun gut, viel Zeit für Haarpflege wurde nicht aufgewendet, aber stimmte das überhaupt? Die kurzhaarigen Frisuren kosteten auch Zeit und die Haare waren oft sehr widerspenstig, als wenn sie sich gegen diese aufgezwungen stylistischen Maßnahmen wehren würden. Nur, die Frauen mussten nicht das Gewicht der langen Haare ständig mit sich herumschleppen.

Frau unterhielt sich oft über Haare, über Frisörbesuche. Den Frisörberuf gab es in ihrer Heimat gar nicht. Interessant. Da musste sie unbedingt einmal mitgehen.

Die 10 Frisierstühle waren alle besetzt. Sie musste auf einem Wartestuhl Platz nehmen. Auf 4 von den 10 Stühlen saßen Frauen mit Haarlängen von ganz kurz bis zur Schulter, eine hatte eine Haarlänge bis zur Hüfte. Auf 4 der anderen Stühle sah sie kurzhaarige Männer. Das kannte sie schon. Nicht ganz, einer der Männer hatte eine Haarlänge bis Mitte Rücken. Dass es so etwas geben konnte! Sinexa bewunderte die Frauen für ihre Kurzhaarigkeit und die vielen unterschiedliche Haarlängen. Wie selbstverständlich die Menschen dort saßen, als wäre es das natürlichste der Welt.

Offenbar wollten die kurzhaarigen Menschen ihre Haare nachschneiden lassen, damit sie so blieben, wie sie waren. Die mit den hüftlangen Haaren, ob sie die Haare abschneiden lassen wollte? Und der junge Mann mit den langen Haaren? Irgendwie würde dann die Vielseitigkeit ein bisschen verlorengehen. Aber so richtig wichtig nahm sie das nicht, sie liebte nun einmal kurze Haare.

Direkt auf dem Stuhl vor ihr saß eine langhaarige Frau, mit Locken bis zu den Kniekehlen, ja, das gab es hier auch. Wenn man die auseinanderziehen würde ... So lange Haare gab es in ihrer Heimat gar nicht. Das mussten ja mehr als 2,50 m lange Haare sein!!!

Sinexa staunte.

In der Welt der Kurzhaarigen haben es Haarlängen, die länger waren als alles, was sie kannte.

Die Zöpfe, die an der Wand hingen, manche waren länger als 2,50 m.

Sinexa dachte sich hinein, in einen der langen Zöpfe und war schockiert. Er hatte einer jungen Frau gehört, die studieren wollte. An ihre Uni waren kurze Haare Pflicht. Sie hatte überhaupt keine Wahl. Mit dem Zopf verbunden waren so viele Tränen.

Das verstand sie gar nicht. Die Frau musste doch froh sein, die langen Haare endlich los zu sein. Woher kam nur dieses traurige Gefühl?

Auch die Frau mit den langen Locken sah so unendlich traurig aus. Sinexa sah ein paar versteckte Tränen. Nein, vor ihr konnte man hier nichts verstecken. Aber warum nur? War sie nicht froh, diese Haare endlich loszuwerden?

Ein Wispern machte sich in ihrem Bewusstsein bemerkbar.

<< Hallo Sinexa, ich bin es, die Arianne >>

Sinexa erinnerte sich. Arianne *freu*. Was ist mit der langhaarigen Frau direkt vor mir, sie schaut so traurig aus?

<< Sinexa, sie liebt ihre langen Haare. Ein Gefühl, das du gar nicht kennst. Willst du es verstehen lernen? >>

Sinexa dachte nach. Wie soll das gehen? Wenn ich ihre Gefühle empfinde, bin ich dann überhaupt noch ich? Und wie komme ich dann wieder zu mir selbst zurück?

<< Durch empathische Telepathie. Du wirst einst mit ihren Gefühlen, erlebst sie, aber du verlierst dein eigenes Ich nicht. Nach der Rückkehr bleiben als Erinnerung nur die Gedanken, die du während dieser Erfahrung gemacht hast. Dein Körper interpretiert sie dann mit deinem eigenen Gefühlsleben  >>

Also, ich bin jemand anders gewesen, heißt das, und ich kehre dann doch wieder zu mir selbst zurück?

<< Ja, versuche es. Schaue sie einfach nur an >>

Sinexa spürte die tiefe Trauer der jungen Frau. Sie wollte ihre Haare verkaufen, weil sie das Geld ganz dringend brauchte, um ihrer Familie zu helfen. Sinexa spürte auch die Liebe zu den langen Haaren. Es war eine völlig neue Erfahrung. Die Haare wurden um ihrer selbst willen geliebt, einfach nur, weil es sie gab. Sie war so stolz auf das, was sie mit sich herumtrug. So viele Jahre hatte sie die Haare liebevoll gepflegt und sie hatten ihr so schöne Gefühle geschenkt. Das alles würde nun verloren gehen. Die Seele der jungen Frau weinte.

Sinexa kehrte zu sich selbst zurück. Das Gefühl, die Liebe für die lange Haare, es war weg. Aber die Erinnerungen waren noch da. Nein, sie selbst würde niemals so empfinden. Und dennoch verstand sie die andere. Sie würde ihr niemals die Haare wegnehmen wollen.

Sie dachte an die gefühlte Trauer  in dem langen Zopf. Es war so endgültig. Nein, das wollte sie nicht.

Arianne, können wir nichts für sie tun?

<< Es ist ein Bild, das ich für dich gedacht habe. >>

Arianne, das Bild hat ein Eigenbewusstsein, sie lebt, ich spüre es, wir müssen etwas für sie tun.

<< Es ist ein Gedanke von mir. Wenn ich aufhöre, ihn zu denken, verschwindet sie wieder >>

Arianne, ich verstehe allmählich, was du bist! Deine Gedanken erzeugen lebende Wesen mit einem eigenen Bewusstsein! Wenn du sie allein lässt oder aufhörst zu denken, dann sterben sie! Bitte, liebe Arianne, sie ist so süß in ihren Gefühlen, ganz anders als ich, aber bitte, hilf ihr. Lass sie am Leben, höre nicht auf zu denken. Sie lebt durch ihre Empfindungen, ihren Stolz, ihre langen Haare!

<< Die Bilder sind kein Teil der Welt, die ich durch meine Grenzen erzeugt habe. >>

Und ich. Bin ich ein Bild?

<< Nein, du bist aus der Welt geboren. >>

Aber deine Bilder, sie sind Existenz! Liebe Arianne, lass sie nicht im Stich, bitte, bitte nicht. Sie ist so schön, so wie du sie gedacht hast.

<< Ich lerne durch dich. In Bilder eingreifen ist unproblematisch, da ich keine Naturgesetze und deren Verstrickungen in Raum und Zeit beachten muss. Gut, dann tu du es. >>

Sinexa stand auf. "Liebe junge Frau, bitte lass dir deine Haare nicht abschneiden. Lass uns gemeinsam eine andere Lösung finden."

Der Frisörmeister, der bereits eine Schere in der Hand hielt: "Hey, was mischt du dich da sein. Wir wollen ein Video erstellen und es verkaufen. Alle verdienen gut daran."

Ja, es waren Kameramänner zu sehen.

Sinexa beachtete den Einspruch nicht. Sie nahm die junge Frau bei der Hand, lotste sie sanft aus dem Stuhl und ging mit ihr Richtung Tür.

Jemand stellte sich ihr in den Weg.

Sie schaute ihn nur an und dachte dabei, verschwinde.

Etwas schien ihm einen Stoß zu versetzen. Er saß mit einem mal auf dem Boden und wusste gar nicht, wie er dort hingekommen war.

Immerhin, es verschaffte ihr Respekt. Gemeinsam mit der jungen Frau verlies sie den Laden.

"Ich bin in der glücklichen Lage, dir Geld geben zu können, das Geld, dass du für die Haare bekommen hättest."

Sinexa griff einfach in ihre Tasche, fand dort ein Portmonee vor. Ja, so sollte es auch sein. Sie gab der jungen Fraun 8000 Währungseinheiten.

Jiusana schaute sie an.

"Das kann ich nicht annehmen."

Sinexa: "Doch das kannst du, bitte, es tut mir nicht weh. Denke an deine Göttin. Das, was du von mir erhälst, es kommt von ihr. Diese Traurigkeit und Liebe, die du für deine Haare empfindest, es hat ihr Herz berührt."

Jiusana schaute sie an. Sie spürte die Wahrheit in den Augen von Sinexa. Dankbar nahm sie das Geld, umarmte sie ganz spontan. So standen sie da, minutenlang. Niemand wagte sie zu stören.

Es war ja wohl auch Arianne, die über sie wachte!

Arianne, ich danke dir so sehr. Liebe liebe liebe Arianne, ich liebe dich über alles.

...

Arianne, ich danke dir für diese Erfahrung. Du hast mir auch gezeigt, dass eine andere Welt möglich ist, anders als diejenige, die ich kenne. Sie hat Schattenseiten, aber auch schöne Dinge, die mir sehr viel näher kommen als die Dinge in meiner eigenen Welt. Darf ich hierbleiben? Hier kann ich mich ganz anders entwickeln, es gibt die Freiheit dazu. Auch wenn die Bürojobs sehr stumpfsinnig sein können. Die Menschen, sie brauchen ein bisschen Anleitung, dass sie ihre Freiheit zu würdigen wissen. Das kann ich ihnen geben.

<< Ich habe sehr viel mehr mit dir vor, als dich einfach nur hierzulassen. Ja, du könntest in dieser Identität aufgehen, die du schon kennst. Aber willst du nicht darüber hinaus? So neugierig, wie du bist? >>

Arianne, was hast du mit mir vor? Was du mir bereits gezeigt hast, es ist schon so viel.

<< Ich will dir zeigen, dass es unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte auf die Dinge gibt und dass sie nebeneinander existieren können. Es muss nicht nur den Einen geben. Das war nur der Anfang. Es gibt so viel, das ich dir zeigen möchte. Ich selbst lerne von dir, so wie du auf die Bilder reagierst. Willst du mit mir gehen? >>

Sinexa dachte nach. Es war so viel, was Arianne ihr anbot, aber hatte sie nicht auch Angst vor der Größe dessen, was auf sie zukam? Ja, sie hatte Angst, aber sie wollte diese Erfahrungen machen. Sie hatte Vertrauen zu Arianne. Arianne würde sie nicht in ihrer Unendlichkeit verlorengehen lassen.

...

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