Annamalia - Arianne 162

Home   nächste Seite

Annamalia, ein Wesen von betörender Schönheit

Sie war eine Gefangene der Vorprediger. Morgen sollte sie hingerichtet werden, während der heiligen Zeremonie zu Ehren des Allerweltsmächtigen.
Ihre langen roten Haare hatte man ihr gelassen. Warum eigentlich? War da nicht doch so etwas wie Scheu vor ihrer Schönheit?

Die Kleidung hatte man ihr genommen. So saß sie ohne Kleidung in einer Ecke der engen Zelle. Zumindest Stroh gab es hier, mit dem sie ihre Blößen bedecken konnte. Und die Haare, sie konnte sie mehrfach um sich herumwickeln.

Die wussten gar nicht, wie lang ihre Haare wirklich waren. Aber nun, in der Kälte der Nacht, sie brauchte die Wärme der ganzen Pracht.
So saß sie da, eingewickelt in ihre langen Haaren, auf einer Decke, die sie über dem Stroh ausgebreitet hatte.

Einer der Wächter hatte die Decke hineingeschmuggelt. Ja, sie wurde geliebt, wegen ihrer Schönheit, wegen der Sanftheit ihres Wesens, wegen der Art, wie sie die  Menschen anschaute. Nicht alle wollten sie leiden und sterben sehen. Aber nur wenige hatten das Sagen und eine Revolution ihretwegen, kaum vorstellbar.

Man würde sie in der Gottesburg zerfleischen, vor aller Augen, das sollte den anderen eine Warnung sein.

Ha, sie war wunderschön. Das war auch hier Verhängnis. Mit dem obersten Pfaffenprediger weigerte sie sich zu schlafen. Diese häßliche alte Kröte. Dann war sie auch noch aufsässig, trieb naturwissenschaftliche Studien gegen das Allwissende Buch der Läuterung. Nein, das ging überhaupt nicht.

Nun immerhin, der oberste Pfaffenprediger hatte befohlen, ihr den Kopf zu scheren, ihm die roten Haare zu bringen. Das hatten die Wächter einfach nicht gemacht. Ein nicht unerhebliches Risiko für Leib und Leben. Befehlsverweigerung, man würde sie 8 teilen.

Sie wunderte sich, dass er noch nicht nachgeguckt hatte, ob seine Befehle ausgeführt wurden. Hatte er vielleicht Angst in den dunklen Kerker zu gehen? Oder zu wenig Vertrauen zu den Wachmannschaften?

Das Murren war ihm bestimmt nicht entgangen, das ihre Einkerkerung begleitete.

Haare, wahrscheinlich hatten sie ihm irgendeine gewobene Perücke gereicht, aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Die Länge ihrer Haare war ja einmalig. Sie wurde traurig. Welchen armen Frauen hatten sie dann die Haare gestohlen?

Vielleicht waren es auch die Kahlgeschorenen der Schule zur transzendentalen Meditation. Die hatte ihre Haare ja freiwillig hergegeben.

Wenn sie morgen so in der Gottesburg erschien, mit ihren Haaren?

Man würde sie nackt dort hineinbringen, wie sollte sie da die Haare verstecken? Und ein Haarknoten, groß wie ein Kürbis, das ging auch nicht.

Wahrscheinlich würden sie ihr die Haare vorher abschneiden.

Traurig streichelte sie ihre Haare. Sie liebte sie doch so sehr.

Sie wurde müde, aber diese Nacht konnte sie bestimmt nicht schlafen. Was konnte sie tun? Nichts. Einfach nur dasitzen, vielleicht das Denken abstellen. Ihre Göttin Astoria anflehen? Nein, Astoria hatte schon so viel für sie getan. Sie war so glücklich gewesen, vor der Zeit dieser Gottesanbeter, die ihre Religion mit Blut und Gewalt durchsetzen wollten.

Ach, wenn sie doch nur einfach sterben konnte. Dieses Gemetzel morgen, sie wollte nicht geschlachtet werden und das auch noch bewusst miterleben müssen.

So saß sie da, hörte auf zu denken ...

...

Kratz. Sie schreckte auf.

Etwas bläulich leuchtendes schwebte im Zimmer. Ein Leuchtinsekt? Wie war das hier hereingekomen?

<< Ich bin kein Leuchtinsekt. >>

Ein Gedanke in ihrem Bewusstsein. Na so was. Träumte sie? Nein, sie fühlte sich hellwach.

"Wer bist du? "

<< Eine Teufelsfairy. Ups. Zu viel gedacht, Mist. Ich will dir helfen >>

"Eine Teufelsfairy? Mit dem Teufel möchte ich nicht ... nein ... meine Seele, sie soll nicht auch noch zerstört werden."

<< Aber ich kann dir helfen ... >>

"Zu welchem Preis? Der Teufel gibt nichts umsonst."

<< Nun, ein bisschen ... >>

"Nein, ich will keinen Pakt mit dem Teufel."

<< Aber die anderen, sie helfen dir nicht. >>

"Astoria weiß, was sie tut."

<< Astoria? Ach deine Göttin. Die kenne ich gar nicht. >>

"Astoria, ich liebe sie, ich vertraue ihr, sie wird meine Seele bewahren."

<< Und deinen Körper zerfleischen lassen? >>

"Wenn es geschieht, dann soll es geschehen ..."

<< Diese Gläubigen! Da erscheint man persönlich um ihnen zu helfen, und ... nichts >>

Es wurde dunkel im Raum. Die Teufelsfairy war wieder weg.

Annamalia dacht enach. Was war denn das? Die erste transzendente Erfahrung ihres Lebens? Nein, sie hatte die Gegenwart von Astoria so oft gespürt.
Astoria, wenn du mich hörst, bitte schütze meine Seele vor dem Teufel. Ich liebe dieses Leben so sehr, dass mir der Körper gibt, den du mir geschenkt hast.
Wenn du ihn wieder nehmen willst, er hat mir ja nie gehört, er war nur geliehen. Bitte lasse mich dann nicht so lange leiden. Ich danke dir für alles.

Mehr wagte sie nicht zu denken. Ob Astoria sie hörte?

...

Am anderen Morgen. Schwere Schritte vor der Tür ihrer Kerkers. Sie hörte das Quietschen der Verriegelung, die 12 Schlüssel in den 12 Schlössern.

Dann wurde die Tür aufgestoßen.

Wächter Eurasiusnase trat mit 3 Hilfswächtern in den Kerker.

"Annamalia, wir sollen dich jetzt abholen und vorher auspeitschen. Es tut uns so leid."

Dann sah er Annamalia eingewickelt in ihre Haarpracht. Nur die Füße, Arme und Hände konnte man sehen.

Der Wächter fiel auf die Knie, küßte ihre Füße, nahm dann sanft ihre Hände in die Hand und küßte sie.

Sie schaute ihn an. Strich ihm über den Kopf.

"Steh bitte auf."

Verlegen und unschlüssig standen die vier vor ihr. Die würden sie nicht mit Gewalt abführen.

"Ich komme mit euch. Habt keine Angst um mich, ich vertraue auf Astoria, sie wird mit helfen."

Ob sie Astoria's Handeln bestimmen wollte? Nein, es war der Glaube, Glaube der in der Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr sah.

Die Wachhabenden warfen ihre Peitschen in der leeren Kerker. Sollte sich der oberste Pfaffenheilige doch damit selber züchtigen.

Eigentlich sollte sie gefesselt werden. Aber auch daraus wurde nichts. 2 der Wachhabenden gingen vor ihr, 2 hinter ihr.

So gelangte sie unversehrt in die Gottesburg. Die Wachen an ihrer Seite, es sah eher aus wie eine Eskorte. Dass sie nackt war, es zeigte nur ihre unvergleichliche  Schönheit. In ihrer Haut, wie sie sich bewegte, kein nacktes Wesen wirkte so angezogen wie sie.

Dem Oberpaffen vielen fast die Augen aus den Höhlen. Aber was sollte er tun. Die Wachen anschreien? Wenn sie sich nun nicht so verhielten, wie erwartet?

Er befahl vier der umstehenden Soldaten, die Wachen abzulösen. Die würden den heutigen Tag nicht überleben.

Die Soldaten waren gefolgsamer.

"Bindet sie an den Baum der Weisheit."

Und so geschah es. Die Dinge schienen sich doch noch in seinem Sinne zu entwickeln.

"Du bist bereits verurteilt. Der Urteil lautet Tod durch Entfleischen. Wir werden sofort damit beginnen."

Er winkte die 4 Henkersknechte herbei. Mit Muschelschalen sollten sie ihr die Haut von den Knochen kratzen.

Das Gotteshaus war voll. Mehr als 400 Gläubige würden der Zeremonie folgen können.

...

Annamalia sah die Menschen vor sich und die Henkersknechte auf sich zukommen. Die hatten noch nie einen Befehl verweigert. Tränen standen in ihren Augen.

Durch die Flüssigkeit hindurch sah sie die Teufelsfairy. Die anderen konnten sie offenbar nicht sehen.

Die Henkersknechte stolperten über einen nicht sichtbaren Strick und lagen vor ihr auf dem Boden, mit blutenden Nasen.

Sie sah die Fairy grinsen.

<< Die tun dir nichts und wenn der Teufel hier selbst erscheinen muss >>

Sie half ihr, obwohl sie sich dem Teufel verweigert hatte?

<< Ach, der Teufel mag dich nicht als blutendes Fleischknäuel sehen. Er hat auch ein Auge für die Schönheit des Lebens. Schließlich ist er ein Teil von Arianne  ... aua, warum habe ich mit einem mal solche Zahnschmerzen und mein Hintern tut so weh ... >>

Die Fairy vergaß ihre Tarnung und war nun für alle sichtbar.

"Eine Teufelsfairy auf heiligem Grund. Weiche, weiche ... "

Sie schaute sich um.

<< Dummes Gerede. Ich weiche nicht. Aber ihr kriegt noch mehr Besuch. Seht iht die Gestalt mit dem schwarzen Mantel dort in der Ecke des Büßerstuhles? >>
...

Die Fesseln um Annamalia machten sich selbständig. Mit einem mal war sie frei.

Aber noch mehr Dinge geschahen gleichzeitig.

Krachend wurden die Tore der Gottesburg aufgestoßen. Bewaffnete drangen ein.

"Wagt es nicht, ihr etwas zu tun."

...

So gab es dann doch eine Revolution. Ob sie ohne das Eingreifen der Fairy rechtzeitig gekommen wären? Ihren Tod hätten sie sicher verhindert, denn das Entfleischen war ein grausammer Prozess, der mehr als eine Stunde dauerte. Aber ob sie unverletzt davongekommen wäre? Wir wissen es nicht. Ob ihre Schönheit auch auf die Henkersknechte gewirkt hätte, auch das wissen wir nicht.

Auf den Oberpfaffenheiligen wirkte sie offenbar nicht. Hatte der einen blinden Fleck im Gehirn?

Und die Zuschauer? Als wenn sie berechenbar gewesen wären. Verstohlen ließen einige ihre Wurfgeschosse verschwinden. Es waren die Treffsichersten unter den Meistern der Steinschleuder.

So befanden sich nun der Teufel, seine Fairy und die Revolutionäre gemeinsam im Bund gegen die Allmächtige Gläubigkeit.

Es war nun an Annamalia, eine Ansprache zu halten.

"Ich danke dem Teufel und seiner Fairy für ihr Eingreifen. Ja, ich tue es, ohne meine Seele dafür verpfändet zu haben. Ich predige auch keine Gefolgschaft dem Teufel, aber in dieser Situation hat er mir geholfen, und dafür gilt mein Dank. Vielleicht hat Astoria ihn geläutert, weil keine andere Hilfe bereitstand. Mein Dank gilt auch den Revolutionären. Danke dafür, dass ihr für mich kämpfen wolltet. Ich weiß, es ist meine Schönheit, die euch betört. Ich bin dort mitten drin, ich will sie nicht nur für mich haben. Ich will sie mit euch teilen. Jeder von euch ist willkommen, er darf mich berühren, mir in die Augen schauen, mit mir reden und auch mit mir schlafen, wenn er nicht über mich herrschen oder mich verletzen will.

Um das für alle deutlich zu machen, ändere ich meinen Namen, von nun an nenne ich mich Erotica."
...

nächste Seite