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Arianne 179 - Verloren

Die Geschichte einer Obdachlosen in einer verlorenen Welt.

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Annelie

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Es war kalt. Ein eisiger Wind pfiff durch die Straßen. Zwischen Müllcontainern fand Annelie eine Ecke, in die sie gerade hineinpasste. Dort saß sie nun, zusammengerollt, umhüllt von alten Lumpen, die sie auf der Straße gefunden hatte.

Sie wusste nicht, ob sie diese Nacht überleben würde. In der Kälte hier draußen, einschlafen durfte sie nicht. Wenn es zu kalt wurde, musste sie sich wieder bewegen, um nicht zu erfrieren.

So ging das nun Nacht für Nacht. Tagsüber fand sie manchmal einen Ort, an dem sie ein wenig schlafen konnte.
Auf einer Toilette, in einem Einkaufszentrum oder in einem Vorortzug, bis sie von einem Kontrolleur hinausgeworfen wurde.

Sie hatte überall blaue Flecke durch die Schläge, die sie dabei einstecken musste.

Manchmal konnte sie sich ein paar Cent erbetteln um ein wenig Nahrung zu kaufen, oder sie fand etwas in den Abfallkörben oder auf der Straße.

Früher, als sie noch jung und attraktiv war, bot sich die eine oder andere Gelegenheit für Geld ... Ihr wisst schon, wofür. Aber nun? Wer wollte sie noch? So wie sie aussah. Halb zerfallen, zernarbt, unansehnlich, hässlich. Ja, sie wusste wie sie aussah. Aber was konnte sie dafür?

So schlich sie sich durch die Straßen, Tag für Tag. Bereits glücklich, wenn sie an einem Tag nicht verprügelt wurde.

...

Ihre Haare. Sie hatte sie verkauft, vor Jahren schon. Was sollte sie auch mit langen Haaren,  hier auf der Straße. Kaum eine Möglichkeit, sie pflegen zu könnnen. Und was da nachwuchs, sie mochte es nicht mehr. Es war ihr egal. Ach ja, Nieren hatte sie auch nur noch eine und es fehlten noch ein paar andere Dinge. Was übrig geblieben war, es reichte fürs alltägliche Überleben, manchmal aber auch nicht. Es gab es ja noch soziale Auffangstationen und Streetworker.

Immer wieder fand sie in letzter Sekunde einen Ausweg. Oder sie wurde gefunden.

In letzter Sekunde, so kam es ihr vor.

Der ständige Kampf ums überleben, er lies ihr wenig Zeit zum Nachdenken über ihr Schicksal. Was konnte sie dafür? Es gab Reiche und Arme und die dazwischen, nein, die waren auch alle arm. Arbeitssklaven, die sich verbrauchten. Bis sie keiner mehr haben wollte und sie auf der Straße landeten, so wie sie.

Und die Reichen? Sie benutzten die Armen gelegentlich als organische Ersatzteillager. Oder als Schafe, die man scheren konnte. Vielleicht aber auch nur um zu sehen, wie so sehr viel besser es ihnen ging.

Sie konnten nie genug kriegen, die Reichen. Es gab doch immer noch einen, der mehr hatte, den man noch übertrumpfen musste. Und so zogen sie sich gegenseitig in immer luftigere Höhen, rafften immer mehr zusammen. Das was übrig blieb, es wurde immer weniger.

Ob die Armen eines Tages einfach wegsterben würden? Nein, denn dann wären die Reichen ja alleine unter sich. Wer würde dann die Arbeit machen? Ihnen die Löffel und die Schuhe putzen und ... Wer würde ihnen das Brot backen, ihnen Kleidung geben, Getränke besorgen, ihnen die Koffer tragen?

Und dann dieses Gefühl, andere wie Schachfiguren hin und her schieben zu können. Sich wichtig zu fühlen, als treibender Motor der Ökonomie. Nein, ohne die Armen, das Leben wäre für die Reichen nur noch langweilig. Das würden sie nicht  missen wollen, zu sehen, wie sehr sich die anderen quälten, etwas verändern wollten und zu erkennen, warum das scheitern musste. Weil man ja selber die Lichtgestalt im Getriebe war.

...

Aber nichts bleibt so wie es ist.

Einmal traf sie einen Mann, der ihr die ganze Stadt für einen halben Dollar abkaufen wollte. Das hätte gerade für ein Brötchen gereicht, und sie hatte Hunger. Aber so ein Unsinn, als würde ihr die Stadt gehören. Sie war arm und ... arm, aber das ließ sie nicht mit sich machen. "Pack dich von von dannen". Und so geschah es dann auch.

Wem sie da einen Korb gegeben hatte, sie wusste es nicht.

...

Die große Wirtschaftkrise. Plötzlich gab es 1000 mal so viel Arme wie vorher, auf der Straße. Das war zu viel. Gewalt brach aus, Krieg auf den Straßen.

Polizei und Militär griffen ein.

Die Anzahl der Toten, wer würde sie noch zählen wollen? Sie wurden entsorgt wie Müll, der liegen geblieben war.
So verringerte sich die Zahl der Armen wieder. Aber als dann die große Krise vorbei war, es waren nicht genug übrig geblieben, um das alte Getriebe wieder zum Leben erwecken zu können.

Die Stadt zerfiel. Als nun auch die Militärs und Polizisten keinen Sold mehr bekamen, löste sich die staatliche Ordnung auf.

Die Reichen verbarrikierten sich, in ihren Wohnsilos, in bunkerähnliche Anlagen. Dort hatten sie Lebensmittel für Jahre gelagert. Das Problem mit den Armen würde sich zwischenzeitlich schon von selbst lösen. So dachten sie.

...

Das Leben wurde schwieriger für unsere Annelie. Sie fand keine Nahrung mehr in den Mülltonnen und auf der Straße. Manchmal war sie Tage unterwegs,  bis sie ein wenig erheischen konnte. Andere gaben ihr etwas ab, oder sie fand einen geplünderten Supermarkt, in dem noch nicht alles davongetragen worden war.

Manchmal schaffte sie es auch einen Vogel zu fangen oder ein kleines Säugetier, von Käfern und Insekten soll hier gar nichts erzählt werden ... Ja, die Nahrungsaufnahme in der Not kann sehr elementar sein.

Aber wie lange noch? Irgendwann würde sie einfach verhungern.

...

Die Reichen in ihren Behausungen. Irgendetwas ging dort wohl schief. Es gab einige Explosionen. Brände brachen aus. Aber was kümmerte das die Armen. Sie trafen sich in den Plätzen der zerfallenen Städte, niemand störte sie dort jetzt mehr. Die verlorenen Seelen einer verlorenen Zeit.

Arm heißt ja nicht unbedingt dumm, und so fanden sich auch immer wieder Ideen, wie das unmittelbare Überleben gesichert werden konnte.
Ein wenig änderte sich dabei die Sicht auf die Dinge. Manchmal, manchmal empfanden einige dabei so etwas wie Glück.

...

Aber dann. Die Reichen, sie brauchten Nahrung und sie hatten Waffen, schwere Waffen. So holten sie sich, was sie haben wollten und sie zerstörten die kleine Pflanze dabei, die gerade erst am Entstehen begriffen war.

...

Dann brach Kannibalismus aus. Die mit den Waffen hatten die Macht. Keine Rücksicht auf Gefühle. Aber so einfach ließen sich die Armen nicht mehr fangen.

Sollten sich die Reichen doch gegenseitig auffressen oder ihr Geld aufessen.

Ein Gewehr kann seinen Besitzer wechseln. So vermischten sich die Fronten. Bald waren die alten Unterschiede zwischen arm und reich nicht mehr erkennbar.
Aber da es fast nur noch Waffenträger gab, war niemand mehr da, der Nahrungsmittel nachwachsen ließ.

Unsere Annelie hatte dies alles überlebt. Doch nun hatte man sie gefangen, eine Gruppe von Jägern. Man würde sie schlachten und auffressen. Das war ihr Schicksal. Niemals hatte sie sich darüber beschwert, ihr Leben so genommen, wie es gerade noch ging. Aber nun?

Es gab keine Anklage gegen Gott, in ihren Gedanken. Nur einen Ausdruck von Sprachlosigkeit. Das sollte die Existenz gewesen sein, in der sie gelebt hatte?

Und dann? Wenn der Letzte den Vorletzten aufgefressen hatte, was geschah danach?

Ein Punkt, an dem auch die Götter nicht mehr schweigen konnten.

...

Ein Nebel bildete sich. Dann, erst undeutlich und unscharf, aber immer deutlicher werdend, eine Gestalt. Sie entstand aus dem Nichts.

Die Jäger wagten es nicht, sich zu rühren. Annelie starrte sprachlos auf die Gestalt. Sie war schön, in ihrer Körperlichkeit, aber in Lumpen gehüllt, in Fetzen von Kleidern. Der Widerspruch konnte gar nicht größer sein.

<< Ich bin Losty >>

...

Annelie: "Losty? Du klingst ein wenig verloren."

<< Ja, da hast du recht. Aber mein Ich, es umfasst all die verlorenen Seelen. Es sind so viele, so entsetzlich viele. >>

Annelie: << Die verlorenen Seelen? Alle verlorene Seelen? Ja, das waren einmal sehr viele. Aber nun, wie viele sind noch übriggeblieben? >>

Die Jäger standen nur da. Verfolgten den Gedankenaustausch. Losty sagte ja nichts, sie vermittelte Gedanken durch Telepathie und Annelie sprach laut. So bekamen sie alles mit.

"Und wir Jäger, was ist mit uns?"

Losty schaute den Sprecher nur an. Nein, dieser Blick. Sie wurde verstanden, auch ohne Gedanken. Die Jäger schwiegen. Um sie ging es hier nicht.

<< Annelie. Willst du mit mir kommen? >>

Annelie: "Wohin denn? Ich sehe nicht, dass du ein Fahrzeug besitzt, und zu Fuß durch die Wüste, die einmal eine lebendige Stadt war? Sie werden uns bald wieder gefangen haben und dann fressen sie dich gleich mit auf."

Irgendwie schien das die Jäger zu ermutigen. Einer hob sein Gewehr und ... "Auuauuauauau". Er ließ das glühend heiße Metall fallen.

Das versetzte die anderen in Panik, sie rannten davon. Losty ließ sie gehen.

<< Annelie, ich brauche kein Fahrzeug. Nur dein Wille muss da sein. >>

Annelie: *seufz*. "Was habe ich noch zu verlieren? Du hast mich ja schon gerettet, davor geschlachtet zu werden wie Vieh. Deine ganze Art, wie du sprichst, wie du dich bewegst, wie du assiehst, ich vertraue dir. Du willst eine Antwort. Ja, ich möchte mit dir gehen."

...

In Ariannes Heimat.

Losty gehörte zu den wenigen Wesen, die unbeschränkten Zugang zu Arianne hatten. Für sie war sie immer da.

Losty: << Arianne, ich habe dir jemanden mitgebracht. Bitte nimm sie auf, in die Schule der Janines. >>

...

Arianne schaute sie beide an, lächelte dabei. Dann umarmte sie Losty und Annelie.

Arianne: << Du hast mir eine künftige Janine mitgebracht? Ja, Losty, ich werde sie dort aufnehmen. >>

Sanft streichelte sie Annelie.

Und Annelie? Sie musste weinen. So viel Zärtlichkeit. Dabei verstand sie nicht einmal, mit wem sie es hier zu tun hatte. Für sie war es wie ein Traum. Ein Traum, der sie heraus brachte aus ihrer Welt, die so viel Schmerzen für sie bereit gehalten hatte.

...

Annelie

annelie

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