Arianne 18 - Tod

Home   nächste Seite

Das Ende eines Lebens und wie es weitergehen soll.


Tod

Er stand am Fenster und schaute hinaus. Es dämmerte bereits. Gedanken gingen ihm durch den Kopf, die sein Leben betrafen. Es war an der Zeit, Bilanz zu ziehen.

Dann kam ihm ein Gedanke, stand er wirklich am Fenster?

Er wusste noch von diesem eigentümlichen matten Gefühl, eine Art Schwerelosigkeit des Körpers, als würde er an Masse verlieren. Ja sein Körper, er hatte ihn immer geliebt, über die vielen Jahre hinweg. Was für intensive Gefühle für Körperlichkeit er erleben durfte. Seine Seele lächelte bei dieser Erinnerung.

Nun schien der Körper den ewigen Kampf verloren zu haben, den Kampf um Selbstbehauptung, in einer Welt voller Mikroorganismen, die alles zerstörten, was sich nicht behaupten konnte. Nicht das Leben an sich ging verloren, aber was geschah, wenn sein Körper den Kampf aufgab?

Das waren so seine Gedanken.

Vor Tagen schon, er schaffte es Kraft seiner Gedanken einen Gegenstand zu bewegen, eine Lampe drehte sich plötzlich zur Seite, nur weil er es wollte. Telekinese. Er hatte es sich so so sehr gewünscht, über so lange Zeit, und nun? War es nicht ein Zeichen für das beginnende Ende, oder war er schon darüber hinaus?

Übersinnliche Fähigkeiten, etwas was die Welt dringend brauchte, um sich gegen die Konzentration der Macht in wenigen Händen behaupten zu können. So dachte er, aber es war nur eine Illusion mehr, die die Wirklichkeit erträglicher machte. Er musste an das Lied von Witt und Heppner denken, "die Flut".

Die vielen Ängste, Ahnungen von unsichtbaren Wesen, die ihn sein ganzes Leben begleitet hatten, würden die plötzlich auf ihn eindringen?

Er sah eine dunkle Gestalt im Eingang der Tür. Eine Ahnung kam in ihm auf.

Plötzlich fand er sich in seinem Bett wieder, schaute Richtung Tür, mit geschlossenen Augen. Trotzdem konnte er ihn sehen, die Gestalt bewegte sich auf ihn zu.

Vor dunklen, alptraumhaften Gestalten hatte er immer Angst gehabt, sein ganzes Leben lang. Angst, dass er dabei verrückt werden könnte, in eine Endlosschleife panikartiger Zustände geraten würde. Und nun? Müde schaute er ihm entgegen.

Die Gestalt zögerte. Bewegte sich nicht weiter.

Am Fenster sah er einen Schatten, umrahmt von sich bewegenden Teilen, es sah aus wie die Schatten langer Haare.

Ja, die Haare, er hatte seine eigenen über die Zeit retten können. Sie reichten ihm bis zum Po. Er mochte sie sehr, seine langen Haare. Was sollte nur aus ihnen werden?

Die Gestalt am Fenster wurde deutlicher, eine Frau von unbeschreiblicher Schönheit, umrahmt von körperlangen Haaren.

Was für ein Gefühl, so ein schönes Wesen sehen zu dürfen. Er musste lächeln, trotz all der Müdigkeit in sich drin.

Die Frauen in seinem Leben, wie oft hatte er sie hungrig angeschaut, voller Sehnsucht nach Liebe. Was geschah dann? Es war schön, verliebt zu sein, aber wenn die Liebe erkannte, dass sie nicht gebraucht wurde? Der seelische Schmerz, er war grausam. Nicht nur einmal hatte er das erlebt. Manchmal hatte er sein Ziel erreicht, das "Objekt der Begierde". Aber die Liebe wurde transparent und verschwand dabei. Er konnte sie nicht festhalten. Nun blieb nur noch die Erinnerung, die Erinnerung an den Verlust und an die Sehnsucht. Er war allein.

"Ein anderes Gefühl von Schmerz", ein Lied von Rosenstolz. Man musste die Dinge wohl erfahren, um sie zu verstehen. Aber warum immer die gleichen Dinge? Manchmal, ja manchmal hat es auch etwas für sich, wenn die "Dinge" zu Ende gehen.

Bloss nicht an Reinkarnation denken, das gleiche noch einmal?

Die Frau am Fenster. Niemals hätten seine Vorstellungen von Weiblichkeit damit konkurrieren können.

Aber nun, er fühlte seinen Körper kaum noch. Die Gestalt an der Tür, das musste der Tod sein, und am Fenster, eine Berührung mit seinen innersten Wünschen, bevor er in den Tiefen des Vergessens verschwinden würde? Oder der Teufel selbst, der ihm zeigen wollte, was er alles nicht bekommen konnte?

Die Frau am Fenster bewegte sich auf ihn zu. Berührte seinen Körper ganz sanft. Vor dem Tod schien sie keine Angst zu haben. Der stand einfach nur da.

Sie flüsterte leise.

"Hab keine Angst, ich bin Arianne, das ALLES umfassende Bewusstsein. Der Tod wird dich nicht holen, ich werde dich direkt in mich aufnehmen, wenn du es willst"
 
Er fühlte die spirituelle Ausstrahlung der Arianne. Sie musste eine Göttin sein. Er dachte an Athene, Aphrodite. Sollte er direkt in ihren Himmel kommen, trotz all seiner Sünden und Verfehlungen? Wie oft hatte er sich ohnmächtig gefühlt und peinlich berührt, oft von seinen eigenen Handlungen verwirrt. Nichts wesentliches hatte er zustande gebracht, sich irgendwie durchgemogelt. Und nun dieses? Arianne bot ihm das Paradies an. Aber warum für ihn? Er dachte an das Schicksal all der Menschen, die nicht so viel Glück hatten.

Er war zu müde, um noch in Euphorie geraten zu können. Er wusste, was es bedeutete, zu verlieren.
Dabei musste er spontan an ABBA denken, ein Lied über die Verlierer, "the winner gets it all".

"Ich weiß nicht. Ist es nicht besser, meine Existenz verschwindet einfach? Es gibt so viele, bei denen es besser gelungen ist, das Leben, und so viele, die nie eine Chance hatten. Ich hatte meine Zeit, und manchmal war ich sehr glücklich damit. Aber alles ist nur von endlicher Dauer, auch das Leiden, die Sehnsucht. Schenke lieber anderen deinen Himmel, die ihn wirklich verdient haben. Oder hilf denen, die es selbst nicht können. Das wäre mir ein Anliegen, ich war wohl zu schwach dazu, um es selbst zu tun."

"Bitte lass mich einfach verschwinden."

Er sah eine Träne bei Arianne. Es berührte ihn sehr.

Arianne ging nicht. Sie wollte nicht. Sein Wille gegen den Willen der Arianne?

Arianne: "Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, wenn du es wirklich willst. Bist du sicher, dass alles in deiner Existenz nur diesen einen Schluss zulässt?"

Er dachte nach.

"Es wäre vielleicht eine Abstimmung über Gott, über die Schöpfung aus der Sicht eines Betroffenen. Es ist aber nicht nur mein Ich, das dazugehört, zur Schöpfung. Welche Rolle spiele ich darin? Gegenüber der Evolution habe ich versagt, sie mag mich nicht. Eine Wiederholung meines Lebens, würde ich das wollen? Viele Dinge waren schön, nur ich kenne auch die Abgründe des Lebens. Sie sind so schrecklich tief, endlos tief, und dabei so fürchterlich trivial. Manchmal habe ich nur Glück gehabt, dass ich dort nicht hineingefallen bin. Ich habe die Lebensenergie nicht mehr, die ich so gerne mochte. Auch hier spürte ich einen Hauch von Ewigkeit. Ohne sie will ich nicht existieren, nur als Geist in meinen Gedanken und Erinnerungen? Welche davon sind schon so wichtig um Bestand haben zu müssen? Ohne die Möglichkeit der Veränderung? Das wäre schlimmmer, als einfach nur zu verschwinden."

Arianne: "Deine Sehnsucht nach Körperlichkeit. Sie hat ihre Erfüllung in den Janines, es sind absolut körperliche Wesen, die niemals als Geistwesen existieren könnten. Ich werde dir deine Janine zeigen."

Dann sah er sie, die Janine.

Mit ihren unendlich langen Haaren, wie sie sich durch Raum und Zeit bewegte, sie mit Leben erfüllte.

Ruhend in ihrer unendlicher Schönheit.

Alles was er in sich tot geglaubt hatte flammte plötzlich wieder auf. Er spürte die Körperlichkeit der Janine mit einer Intensität, die ihn glücklich machte.

Er kannte diese Intensität, sein Körper hatte sie ihm geschenkt, manchmal, wenn er sich darin verlor.

Er dachte dann, die Gefühle seien doch irgendwie überirdisch oder transzendent.

Nun sah er sie vor sich, die Transzendenz seiner Gefühle.

Er liebte die Janine mit jeder Phase seines Bewusstseins und spürte dabei ihren Körper. Mehr noch, alle lebenden Wesen des Universums hatten einen Bezug zu Janine. Wie konnte er das nur wissen? Es war Telepathie, so groß hatte er sich das nicht vorgestellt.

"Meine Janine?"

Arianne: "Ja, du gehörst zu ihrem Zeitstrom, in den auch dein Universum eingebettet ist. So wisse, wenn dein Körper erlischt, dein Wesen würde dann die Körperlichkeit der Janine wahrnehmen, versuchen sich mit ihr zu vereinigen, weil deine Seele sich so sehr nach Körperlichkeit sehnt. Es ist aber die Bestimmung einer jeden körperlosen Seele, zu mir zurückzukehren. Manchmal wird sie dabei aufgehalten, aber am Ende kommt sie dann doch"

"Ich mag meinen Körper sehr gerne. Wenn ich ihn verliere ... ja, du hast Recht, es ist die Janine, die ich jetzt schon in mir spüre."

Arianne: "Du wirst deinen Körper nicht verlieren. Deswegen bin ich hier. Der Tod hätte ihn wohl zerfetzt."

Tod: "Ähem. Es ist meine Bestimmung die körperliche Existenz aufzulösen und das Geistwesen in seine neue Bestimmung zu geleiten."

Arianne: "Ja, aber ich möchte das jetzt nicht. Regeln entstehen und vergehen auch wieder, haben ihre Ausnahmen. Wenn jemand seine Köperlichkeit so sehr liebt, man muss sie nicht zerstören."

"Kann ich denn in dir aufgehen und meinen Körper behalten?"

Arianne: "Ja. Auch die Janines sind ein Teil von mir, und sie sind körperlich"

"Bitte, liebe Arianne, ich würde so gerne ein Teil von dir sein"

Arianne: "Das bist du auch schon jetzt, ein unabhängig sich selbst bewusst werdender Teil. Wenn du in mir aufgehst, bist du ein Teil der Gesamtheit meines Wesens, und dein Körper wird ein Teil dessen sein, was die Janine ausmacht. Er ist dann dem Verfall durch die Welt entzogen"

Es wurde dunkel in dem Raum und wenn man sich jetzt umschaute, er war leer.

nächste Seite