Arianne 185 - Zeit für Wunder

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Zeit für Wunder

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30 Langhaarige vor der Musterungs-Kommission. 5 kommandierende Offiziere waren auch dabei. Sie wollten die Gemusterten gleich mitnehmen.

Dass die Kandidaten alle langhaarig waren, bestimmt kein Zufall. Man wollte diese alternative Szene endlich auflösen. Es war kein Platz mehr für Abweichler. 30 Kandidaten. 15 Männer und 15 Frauen. Sie mussten sich nackt ausziehen.

Nachdem Jeremias seine Kleidung abgelegt hatte, wurden die Haare sichtbar. Er hatte sie in 12 Zöpfe geflochten. 6 davon verdeckten seine Vorderseite, 2 hingen an der Seite des Körpers und 4 lagen hinten, auf seinem Rücken.

Bodenlange Zöpfe. Jeder einzelne mehrere Finger dick.
Durch bunte Bänder zusammengehalten.

Die Schönheit der Haare, muss man denn ein Langhaarliebhaber sein, um sie zu sehen?
Vielleicht.

Jeremias blickte sich nach den anderen um.

Alle waren jetzt nackt und alle hatten lange Haare, knielange Haare, knöchellange Haare. Er war nicht einmal derjenige mit den längsten Haaren.
Eine der Frauen hatte ihre Haare mehrfach um den Körper gewunden.

Alaza.

Mun standen sie in einer Reihe vor der Kommission.

Der Vorsitzende der Prüfungskommission:

"Packt eure Haare nach hinten, auf den Rücken."

Jeremias schob alle seine Zöpfe mit den Händen nach hinten.
So stand er dann nackt vor ihnen.

Alaza löste ihre Bänder. Die ganze Haarflut ergoss sich in den Raum. Eine Lady Godiva. Von ihrer Nacktheit sah man nichts mehr. Dann bewegte bewegte sie ihre Haare mit den Händen nach hinten. Es mussten mehr als 4 Meter lange Haare sein.

Und die anderen? Nachdem alle Haare hinten auf dem Rücken auflagen, standen sie vollig nackt vor den Kommissionären.
Fragil und verletzbar.

...

Die Musterung. Lustgeile Blicke? Ja, einige waren sicher darunter. Sie musterten mehr als 30 Minuten lang, mit den Augen, gingen um die Nackten herum. Untersuchten sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Hier zeigte sich die Macht einer Technokratie.

Nein, nein, da waren auch Frauen in der Kommission, Ärztinnen.

Und diese Fotographen?
Ja, hmmm.

...

"Du da. Du mit den schwarzen Flecken auf der Haut. Dich können wir nicht gebrauchen."

"Ich bin nicht "du da". Mein Name ist Sweety."

"Egal. Ob Sweety oder nicht. Aber entlassen bist du damit noch nicht. Mit diesen Haaren lassen wir dich nicht mehr hinaus."

Sweetys Haare. Sie hatten ein gewaltiges Volumen, einfach viel mehr als die Haare der anderen. Und sie waren mehr als 2 Meter lang und dann ... ineinander gewunden. Die wahre Länge konnte man nur erahnen. Nur, wenn sie die Haare schüttelte, man sah einige kahle Stellen auf der Kopfhaut.

S: "Dazu habt ihr kein Recht."

"Das werden wir ja sehen. Wir sind auch für die Ordnung auf den Straßen zuständig. Jeder, der diesen Raum verlässt, wird einen sauberen und ordentlichen Eindruck hinterlassen. Hippies brauchen wir nicht. Wir sind doch keine Affenmenschen."

"Aber es sind doch meine Haare, meine Welt. Warum wollt ihr sie zerstören?"

"Weil es nicht in das allgemeine Bild passt. Die Zeiten der Affenmenschen sind einfach vorbei. Da du offenbar keine Kultur mitbekommen hast, werden wir ein wenig nachhelfen."

S: *Seufz*. Und dann? "Damit man meine schwarzen Flecken besser sehen kann? Ihr werdet einfach meine Gefühle wegkastrieren, dabei mag ich meine Haare doch so sehr.
Was euer Weltbild betrifft. Die Menschen neigen zu Irrtümern und Fehleinschätzungen. Das Problem dabei ist, sie glauben auch noch daran."

Missbilligende Blicke des Vorsitzenden.
Seine Gedanken << Nun ja, soll sie doch reden. Wenn sie mit Glatze vor uns steht, mal sehen, was sie dann noch sagt. Samsona ohne Haare, ha ha ha. >>

Merkwürdig. Wieso können plötzlich alle diese Gedanken verstehen?

Das wissen sie doch gar nicht. Nur jeder einzelne glaubt plötzlich, er hätte diese Gedanken gehabt. Gedanken, die gar nicht seine eigenen sind.

Und die Reaktion?

Täuschung, Suggestion, Hypnose. Aber damit werde ich schon fertig.
Keine Kommunikation darüber.

Wer will sich schon eine Blöße geben.
...

"Alle anderen sind tauglich. Die Einberufung erfolgt unmittelbar. Damit seid ihr Mitglieder unserer ruhmreichen Armee. Die Haare müssen ab. Sofort. Barbiere!!!"
...

Direkt vor den Begutachtern standen 30 Stühle. In einer Reihe.

"Setzt euch auf die Stühle."

Nun saßen sie alle dort. Man hatte ihnen weiße Tücher über die Körper gelegt. Leichentücher für die Haare. Nur für die Haare? Wer weiß das schon so genau.

Musterung. Einberufung. Militäreinsatz. Man führte Krieg, aus welchen Gründen auch immer. Und das noch nicht einmal im eigenen Land.
Manchmal wurde die neuen Soldaten einfach nur verheizt.

6 von Jermias Zöpfen hingen nun nach vorne, 6 nach hinten.

30 zum Haareabschneiden Abkommandierte betraten den Raum.
In irgendeiner Weise hatten sie wohl einen Bezug zum Frisörhandwerk, in ihren zivilen Leben.
Die Haare sollten simultan abgeschnitten werden.

Eine Übung.

Für den Ernstfall?

Dann möchte ich nicht wissen, wie der Ernstfall aussieht.

"Scherenkommando, stillgestanden."

Der Vorsitzende sprach Jeremias an: "Du siehst sehr feminin aus. Angezogen sahst du aus wie eine Frau. Und diese Kleidung, die du vorher anhattest! Nur, um die Verwirrung noch zu steigern. Aber auch Frauen müssen dienen. Es hätte dir also nichts genutzt. Wie kann man als Mann nur die Haare so lang wachsen lassen. Du solltest dich in Grund und Boden schämen."

J: "Warum nicht? Sie sind ein Teil meines Ichs. Das interessiert euch ohnehin nicht, ihr wollt nur funktionierende Soldaten, da kommt es auf das Ich nicht mehr an. Und was meine
Geschlechtszuordnung betrifft, was versteht ihr schon davon?"

"Wir brauchen intelligente Soldaten. Sonst können wir den Krieg nicht gewinnen. Dein Geschlecht? Männlich, das sieht man doch."

J: "Na ja. Was heißt hier schon Intelligenz? Der Soldat soll optimal funktionieren, das ist alles. Eigentlich könnte man das Gehirn auch herausnehmen und durch eine Befehlsmaschine ersetzen."

"Dir fehlt die richtige Einstellung zu dem Ganzen. Die Bereitschaft zur Verteidigung ist für das Überleben eines Volkes wichtig. Die Gemeinschaft hat für euch gesorgt, bis jetzt. Schule, Ausbildung, Wohnung, Nahrung, soziale Sicherheit. Alles das habt ihr umsonst bekommen. Nun brauchen wir euch, als Soldaten und Soldatinnen, sonst gibt es uns bald nicht mehr. Die anderen würden uns einfach fressen. Aber das kriegen wir schon hin. In der Armee lernt ihr ein ganz neues Gefühl von Kameradschaft kennen. Eure langen Haare erzeugen dagegen ein Gefühl von Individualiät und Egoismus, das niemand braucht. Wenn die Haare erst einmal ab sind, wird sich auch das Weltbild ändern."

J: "Und wenn ich das nicht will? Wir lieben uns doch mit unseren Haaren. Es ist so schön, wenn man sie streicheln, sich darin einzuwickeln kann. Ihre Schönheit ganz für sich hat, sie bewundern kann. Sie geben so viel Streichelsex, der einfach nur guttut. Es ist keine Ware, die man kaufen müsste. Sie sind einfach da, entstehen aus uns selbst heraus.
Und wenn ich meine eigenen Vorstellungen von meinem Leben nicht verwirklichen kann, warum soll ich es dann für andere tun?"

Die Frage unterbrach erst einmal die Prozedur.
Manchen machte es ja auch Spaß, zu sehen, wie jemand verbal etwas Unvermeidlichem entkommen wollte und am Ende geschah es dann doch.

Aber man wollte auch überzeugen. Soldaten, die freiwillig und mit Leidenschaft ihr Land verteidigten, waren effektiver als andere, die sich bei der erstbesten Gelegenheit verdrückten oder verdrücken wollten.

Vielen gelang das nicht.

Aber erschossene Fahnenflüchtige konnte man auch nicht mehr in den Kampfeinsatz schicken.

"Du kennst die Gesetze. Die Musterung und Einberufung ist verbindlich. Und innerhalb der Armee gibt es Vorschriften für Kleidung und Haartracht, die von jedem einzuhalten sind. Lange Haare sind für Kampfeinsätze einfach nur hinderlich und auch gefährlich. Und sie bringen hygienische Probleme mit sich. Sie zerstören das Bild einer einheitlichen Ordnung, wo jeder für den anderen einstehen muss."

J: "Der Mensch optimiert als Teil einer Militärmaschine? Warum hinterfragt das niemand? Also dann, das künftige Leben als Zinnsoldat. Ich weigere mich. Euer Wille mich dort hineinzuzwängen. Damit übt ihr nur Macht über mich aus. Im Grunde ist das schon alles."

Der Vorsitzende sah keine Notwendigkeit für eine Fortsetzung der Diskussion. Es war ja offensichtlich, wer sich fügen musste und wer nicht. "Genug der Rede, Scherenkommando, Haare ab."

Die Barbiere konnten es kaum abwarten.

J: "Barbier, wage es nicht mich zu berühren."

Der Barbier ignorierte den Einwand, griff sich einen der langen Zöpfe und ...

Niemand konnte später genau sagen, was dort passiert war. Der Barbier lag am Boden. Die Schere 5 Meter weiter entfernt.
Beide Hände waren gebrochen.

An den anderen Stühlen gab es ähnliche Unfälle.

Aber die Ursache für das Disaster, die kannte man ja. So etwas konnte man nicht durchgehen lassen. Niemals.

"WACHE!!!"

Nun eskalierte das ganze.

"Fesselt sie an die Stühle."

Jeremias schaute die Wachsoldaten nur an. Sie zögerten. Hier stimmte etwas nicht.

...

"So, erst wollt ihr uns die langen Haare wegnehmen und dann das Leben. Aber habt ihr denn die Macht dazu?"

...

Jeremias stand von seinem Stuhl auf. Ging hinüber zu Julia. Sanft berührte er ihre knielangen Haare, streichelte ihre Haut. Nichts lies er aus.

Seltsam, die anderen Anwesenden wirkten wie eingefroren in der Zeit. Jeremias schien der Einzige zu sein, der sich bewegen konnte. Und Julia.
Nicht ganz. Da war noch Sweety. Sie lächelte Jeremias an, nickte ihm zu, als würde sie ihm zustimmen oder ihm eine Erlaubnis erteilen.

Hatte Sweety hier mehr zu sagen als Jeremias? Wer war überhaupt der Chef von dieser Hippie-Tribe?

Sweety ging rüber zu Sebastian, nahm seine knöchellangen Haare ganz sanft in die Hände, streichelte sie.

S: "Dies alles wollt ihr ihm wegnehmen? Was bekommt er dafür? So viel Liebe und Pflege, wie er dort hineingesteckt hat, alles nur für den Müll?"

Auch Sebastian konnte sich wieder bewegen, und dann die anderen Deliquenten. Sie standen nun im Licht, ein Licht, von dem niemand wusste, wo es eigentlich herkam.
Als wenn das Licht sich zusammengezogen hätte, alle übrigen Teile des Raumes waren völlig dunkel.

Schwärzer als jede Nacht sein konnte.

Interferenz? Sie führt ja zu einer unterschiedlichen räumlichen Verteilung von Energie. Aber dazu bedarf es wellenartiger Strukturen.
...

Die Kommissionäre, eingefrorene Zuschauer. Sie saßen in der Dunkelheit, man sah sie nicht.
Aber sie bekamen alles mit.

Sweety: "Wir zeigen euch, was Liebe ist."
<< I believe in love >>. Wo kam nur diese Musik her?

Sweety und Sebastian.
Eine Vorführung? Nein, eine Lektion in Erotik, Zärtlichkeit und Sensibilität.

Wie kam es denn an?
Na ja, was soll man schon von Leuten erwarten, die durch Pornographie übersättigt sind und sich jede Art von Sex kaufen können. Machtbessessene Funktionäre, die nur an ihre eigene Größe glauben.

Wenn es bei nur einem etwas Einsicht hervorgerufen hat, das wäre ja schon etwas. Ja, zumindest Astratus scheint etwas nachdenklicher geworden sein.
Einer der Ärzte in der Kommission.

Nun denn, zeigen wir ihnen die andere Seite.

Jeremias streichelte Julia ganz sanft.

"Ihr wollt sie zu einer kurzhaarigen Befehlsempfängerin machen. Was für eine Verschwendung. Ich zeige euch, was aus ihr geworden wäre."

Der Raum verdunkelte sich.

...

Bilder. Mehr als das. Die Anwesenden wurden ein Teil dessen, was sie sahen.
Julia mitten im Schlachtfeld. Dann eine Granate. Die Granate zerfetzte ihre Beine.

Schreiend lag sie auf dem Boden. Alles war voller Blut.

Die Zuschauer spürten ihren Schmerz. Er schlich sich in das Bewusstsein und füllte dann das ganze Ich aus. Alle wurden zu einem Teil dieses armen Wesens. Ein Wesen, vor Minuten noch von wunderbarer körperlicher Schönheit und nun?

...

Es wurde eine lange Nacht. Ihr Todeskampf dauerte bis zum Morgengrauen. Und die anderen, sie mussten ihren Schmerz teilen.
<< The flesh failure >>.
<< Leiber zerfetzt von eisernen Splittern >>

Die Musik brachte keine Erleichterung. Sie verstärkte die Eindrücke sehr. Jeder Akkord löste eine Schmerzwelle aus.
Weinen, Tränen. Ein Ozean des Leidens.

Dann die Todeserfahrung.

Sie streifte die Zuschauer. Einige aus der Prüfungskommision überlebten es nicht. Die anderen, leichenblass hingen sie in ihren Stühlen, zu keiner Regung mehr fähig.

J: "So ist es, wenn man die Konsequenzen seines Handelns zu spüren bekommt."

...

Es dauerte sechs Stunden. Dann hatte sich der Vorsitzende so weit gefasst, dass er eine Frage stellen konnte.

"Wer bist du?"

J: "Ich bin der Widerpart zu all dem, was ihr tut. Ein wahrhaft kosmisches Ereignis hat mich leibhaftig werden lassen."

...

"Der Leibhaftige? Aber ... aber das ist der Teufel."

J: "Ich bin nur der Widerpart zu dem, was die Menschen hier so treiben. Wenn ich als der Leibhaftige erscheine, denkt einmal darüber nach, warum es so ist."
...

Gegen diese überzeugenden Argumente konnte niemand etwas mehr sagen.

Die Delinquenten erhoben sich von ihren Stühlen. 15 Männer und 15 Frauen. Paare bildeten sich. Sie umarmten sich, verdeckt von den langen Haaren.

Sweety und Sebastion. Jeremias und Julia ...

...

Die Kommissionäre schauten nur zu. Gegen höhere Gewalt konnten sie ohnehin nichts ausrichten.

J: "Seht, wir lieben uns. Wir brauchen keinen Krieg. Aber offenbar ist es auch wichtig, dass die Liebe über die Macht verfügt sich selbst zu schützen."

"Welche Macht meinst du denn? Bisher haben wir nur Traumerfahrungen gemacht."

J: "Meint ihr? Manchmal bedaure ich es doch sehr, dass euer Horizont so beschränkt ist. Für 3 von euch war die Erfahrung tödlich. Es waren kommandierende Offiziere, die die einberufenen Kandidaten gleich mitnehmen wollten. Ihr habt gesehen, was in ihren Einheiten passiert wäre.

Glaubt mir, ich habe keine Probleme damit, euch Situationen zu zeigen, die keiner von euch überlebt."

Die Kommissionäre wurden noch ein wenig blasser.

J: "Kameramann. Alles schön aufzeichnen und weitergeben. Dann ins abendliche TV einspeisen, aber das werden sie nicht zulassen wollen. Nun denn, es wird gesendet werden. Pünklich zur Hauptsendezeit. Sollen sich die Mächtigen fragen, warum sie das nicht abstellen können. Für die Wissenschaftler gibt es ein neus Problem zum nachdenken. Warum ist Fernsehen auch ganz ohne Strom und elektromagnetische Wellen möglich? Sogar ganz ohne Geräte?"

Wir gehen jetzt und versucht nicht, uns aufzuhalten."

"Aber die staatliche Ordnung, wir sind doch auch nur ein Teil in einem größeren System."

J: "Das System besteht aus einzelnen Menschen. Es bilden sich dynamische Machtstrukturen, der sich die einzelnen unterwerfen. Aber das ist kein Naturgesetz. Dagegen haben wir eine reale Macht in uns und wir benutzen sie auch. Nehmt es meinetwegen als Esotherik, die sich verwirklicht hat. Wer sich uns nähert, in welcher Absicht auch immer, er wird seine Begegnung der dritten Art erleben. Und wenn die Befehlshaber dahinter nicht aufgeben wollen, seien es Generäle oder Politiker, ich habe keine Probleme damit, ihnen einen Besuch abzustatten. Dies ist eine Warnung, ich werde sie nicht beliebig oft wiederholen. Solche Dinge sollten sich doch herumsprechen."
...

Jeremias


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