Arianne 195 - Losty 04

Losty: 01   05
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Der Tempel der Erleuchtung

Die Erleuchteten teilten ihre Schüler in 2 Gruppen ein, die Geschorenen und die Ungeschorenen.
Die Geschorenen dokumentierten durch das Scheren der Haare, dass sie bereits eine Stufe der Spiritualität erreicht hatten.

Am Ende stand dann die Erleuchtung, dass alles Weltliche unwesentlich sei. Losty war neu im Tempel. Gerade gestern angekommen und schon eingeteilt. Sie gehörte nun zu Gruppe 2.

Gruppe 2 zählte 33 Mädchen und 20 Jungen mit sehr langen Haaren. Niemand von ihnen hatte jemals auch nur einen Zentimeter davon abgeschnitten. Die Haare wurden als Heiligtum betrachtet, das man sehr sorgsam pflegen musste. Als besonderes Geschenk der Göttin Losty.

Ein Widerspruch.

Die Statuen von Losty im Tempel der Erleuchtung zeigte eine barhäuptige Göttin, ohne jedes Haar. Bekleidet mit seidigen Gewändern bis unter die Nasenspitzen. Vollbehängt mit Schmuck, Armreifen, Ketten. Opfergaben der Betenden.

Die Statuen in den Touristenzentren zeigten eine kleine Rapunzel, ohne Schmuck, die ihre Nacktheit mit den Haaren bedeckte. Eine Lady Godiva.
Die Göttin der Barmherzigen.

Gruppe 1 bestand aus den Geläuterten vom letzten Jahr. 10 Jungen und 20 Mädchen. Kein einzelnes ihrer Härchen war länger als 2 mm.
Daneben gab es noch 28 weitere Gruppen, die schon etwas länger da waren. Lang bezieht sich dabei nicht auf die Haare.

Einige aus Gruppe 2 hatten ihre Haare hochgebunden und sie unter einem Kopftuch versteckt.
Heute war nun der Tag der Offenbahrung. Beide Gruppen waren zum gemeinsamen Gebet versammelt.

...

Oberpriester Ottibussa  betrat den Raum in Begleitung von 23 Nebenpredigern und betrachtete die zwei Gruppen.
Auf der einen Seite geweihte barhäuptige Schöler, auf der anderen Seite Schüleranwärter mit langen wallenden Haaren, die bis über die Tempelbänke ragten. Ín einigen Fällen lagen die Enden der Haare auf den Knien der Probanden der hinteren Reihen oder sie wurden von ihnen in den Händen gehalten.

Einige der Haarmähnen reichte über alle Bänke!
Manchmal wurden die Haare verstohlen gestreichelt. Heimlich, denn man wollte ja dem Weltlichen entsagen.

Ottibussa sah dies alles.

In der hinteren Reihe saß ein Mädchen, das ihre Haare unter einem Kopftuch verborgen hatte.
Ottibussa steuerte direkt auf sie zu.

"Das Bedecken des Kopfes ist in diesen heiligen Hallen nicht angemessen."

Er griff einfach nach dem Kopfttuch und hatte es dann in der Hand.
Das Mädchen drehte sich um und schaute ihn mit ihren großen Augen an. Irgenwie kindlich bittend. Aber um was bat sie ihn denn?

"Hochsteckfrisuren sind hier unnötig. Sie verbergen doch nur das offensichtlich Weltliche. Und auch das wird bald verwehen."

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Das offensichtlich Weltliche war ja auch unnötig?
War es denn die Göttin, die die Tempelbewohner mit Nahrung versorgte?

Oder waren es vielleicht doch die Barmherzigen, die ihre Opfergabe erbrachten? Die ärmsten der Armen, die von dem wenigen, was sie hatten, noch etwas abgaben. Damit ihnen der Glaube als der Sinn ihres Lebens erhalten blieb?

Ihre Haare hatten sie schon längst geopfert. Die schmückten nun die Skalps der Reichen oder der Wandelbaren, die so stolz darauf waren, dass sie jeden Tag mit einer anderen Frisur oder einer Haarfarbe erscheinen konnten.

Gralshüter der Kreativität.

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Das Mädchen griff sich in die Haare. Langsam entwickelte sie ihren Knoten. Nach wenigen Minuten hatte sie einen meterlangen Zopf in der Hand.

"Lass die Haare fallen. Fallen werden sie ohnehin heute, am Ende der heiligen Messe."

Dafür hatte er ja die 23 Nebenprediger mitgebracht und die Oberschüler aus Gruppe 1.
Dann wandte er sich ab und schaute sich die anderen an.

Olessa lies ihre Haare fallen. Eine Träne bildete sich und noch eine. Sie weinte still und leise. Kein Schluchzen war zu hören. Die Tränen rannten ihr das Gesicht herunter. Sie liebte ihre Haare doch so sehr, warum verstand das niemand hier? Draußen hätte sie die Haare verkaufen müssen, sie war arm und brauchte das Geld zum überleben. Als Bettlerin auf der Straße, nichts eigenes würde ihr dort mehr gehören, nichts, was sich nicht zu Geld machen lies.

So war sie diesen Tempel gekommen, eine Flucht aus dem Elend dort draußen. Sie hatte so sehr gehofft, ihre Haare behalten zu dürfen. War es denn nicht der Wille von Losty, dass Menschen lange Haare tragen durften? Die vielen kleinen Statuen zeigten es doch. Aber hier im Tempel? Die große Statue in der Eingangspforte war barhäuptig.

Ottibussa sammelte noch 4 weitere Kopftücher ein. Nun hingen die Haare fast aller Probanten aus Gruppe 2 lang herunter.

"Das Spielen mit den Haaren ist nicht gottgefällig. Nehmt die Haare nach vorne und schämt euch für die Weltlichkeit, die immer noch an euch hängt."

Alle folgten seinem Gebot. Aber schämen für die langen Haare? Sie waren doch wunderschön. Man konnte sie streicheln und dabei Gefühle von Sanftheit und Zärtlichkeit erfahren. War denn Spiritualität etwas, das diese Dinge ausschließen wollte?

Ottibussa stand nun direkt hinter Losty. Ein riesiger Ballon von Haaren umrundete ihren Kopf.

"Öffne die Haare, damit ich sehen kann, welche Opfergabe du erbringen wirst."

Losty: "Nein, die Haare gehören mir."

Ottibussa hatte dergleichen schon öfter gehört.

"Du widersprichst deinem Lehrmeister? Und das vor der ersten Lektion! Wie willst du dann jemals etwas von ihm lernen? Es ist besser, du verlässt den Tempel, sofort!"

Losty erhob sich von ihrem Platz. "Ihr werft mich hinaus? Aus dem heiligen Tempel, der jeder Ratsuchenden offensteht?"

Ottibussa: "Wer bist du, dass du dir solche Reden erlaubst? Du hast dich in die Obhut der allheiligen Inspiration begeben und hast jedem ihrer Gebote Folge zu leisten. Dir fehlt das Gefühl für Demut, Achtung vor dem Höheren, den Weisen, den Älteren und Erhabenen. Habe ich dir erlaubt, das Wort an mich zu richten?"

Losty: "Willst du mich nicht nach meinem Namen fragen?"

Ottibussa: "Wie lautet dein Name?"

Losty: "Losty".

Ottibussa war nun doch etwas erstaunt.

O: "Du wagst es, den Namen unserer Göttin anzunehmen? Das ist Blasphemie, Gotteslästerung. Nein, das Hinauswerfen aus dem Tempel, es ist zu wenig, dafür wirst du bestraft."

L: "Bestrafung? Was wollt ihr mir antun?"

O: "Deine Haare, sie bleiben hier. Das müsste genügen. Setzt dich, damit wir die heilige Messe durchführen können. Am Ende wirst du zusammen mit den anderen kahlgeschoren und dann hinausgeworfen."

Losty setzte sich wieder. Und sie begann ihre Haare zu öffnen.

...

Gebete. Pseudo-philosophische Reden. Was für eine Verballhornung ihrer Lehre. Eine endlose Gebetsmühle. "Wir glauben an den Geist der Erleuchteten, die unsere armen verlorenen Seelen heimführen wird ..." und das ganze 500 mal. Losty konnte es nicht mehr hören.

Ihre Haare hatte sie inzwischen geöffnet. Sie hingen nun zwischen den Bänken, bis in die letzte Reihe. Beinahe alle der anderen Probanten hatte eine Strähne davon abbekommen. Manche waren sogar vollständig von ihren Haaren bedeckt.

Und wie zärtlich sie damit umgingen! Als wäre es kleine sanfte zu beschützende Wesen.
So viele Haare in einem doch eher kleinen Ballon? Schon etwas merkwürdig.

Oder vielleicht eine wundersame Haare-Vermehrung? 20 Meter lange Haare, die beanspruchen ihren Platz.

Die Mädchen und Jungen hinter ihr, sie konnten sich der Faszination dieser Haare gar nicht entziehen. So vergaßen sie Ottibussa und seine Gebete. Dann kamen noch die eigenen Haare dazu.

Die Jungen und Mädchen aus Gruppe 1 schauten mit offenen Mündern herüber. Kein Blick mehr übrig für Ottibussa und seine Gebete.
Dieser hatte sich so in seine spirituelle Meditation hineingesteigert, dass er es gar nicht bemerkte.

Und seine Diener?

Die dienten ihm. Kein Blick für die Menge in den Bänken.

Dann war das Beten zu Ende.
Ottibussa drehte sich um und sah ... nichts als Haare in der linken Reihe. Und einige der Strähne wanderten bereits in die rechte Reihe! In die Reihe der erleuchteten Schöler!!

So viel Weltlichkeit! Plumps! Es hatte ihn von den Schuhen gehauen und er saß auf seinem Hintern.

Dann fasste er sich wieder: "Knääääääääääächte!!!!"

Ja, jeder wichtige Mann hat seine Sklaven, die ihm gewisse Arbeiten abnahmen. Gerade solche, die weit unter seiner Würde standen.

8 Knechte stürmten herein.

"Diese dort, schneidet ihr diese endlosen Haare ab".

Die Knechte wollten sich durch die Reihen bewegen, in Richtung der mächtigen Haarmähne.
Knecht Archibald trat zufällig auf einen Strang von Lostys Haaren, der auf dem Boden lag.

...

Auuuuuuuuuaaaaaaaah !!!! KRAAAAAAACCCHHHH BUMMMMMMM!!!!!!!!!!!! Ein gewaltiger Donnerschlag lies das ganze Gebäude erzittern.
Dann barsten alle Fensterscheiben. Einige Teile der Mauern stürzten ein. Das Dach hielt sich gerade noch, wie durch eine geheimnisvolle Kraft gestützt ...

Vor Schreck konnte sich niemand mehr bewegen.

Durch die offenen Fenster und Mauerlöcher konnten alle nach draußen blicken.
Der Himmel, er färbte sich blutrot. Ein tiefes, dunkles Rot.

Archibald blickte zufällig nach nach unten und dann sah er den roten Fleck, direkt neben seinem rechten Fuß. Dort, wo er auf Lostys Haare getreten war.
Seine Stimme zitterte. "Herr, seht nur hier, das Blut ..."

Alle schauten nun in Richtung des roten Blutfleckes.

...

Losty vergoss eine Träne. Alle konnten es sehen. Mit einem mal brauste dort draußen ein Regen, wie es ihn seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hatte. Nach wenigen Sekunden ergoß sich das Wasser in die heiligen Hallen.

Dann hört es schlagartig auf.
Aber alle standen bereits bis zu den Knien im Wasser.

Der rote Blutfleck, er hatte sich verteilt.
Und der Himmel, allmählich bildete sich seine natürliche Farbe wieder zurück.

Losty rollte ihre nassen langen Haare ein, wickelte sie sich um ihren rechten Arm.
So eine große Rolle! Dass sie dieses Gewicht überhaupt noch halten konnte!!

"Oberpriester, du hast mich hinausgeworfen, aus meinem eigenen Tempel."

Ottibussa konnte nichts mehr sagen. Es sah sie nur mit offenem Mund an. Seine Gedanken überschlugen sich, brachten aber nichts verwertbares zustande.
Mit dem war momentan nichts anzufangen.

Losty: "Olessa, willst du mit mir kommen?"

Olessa fiel auf die Knie. Platsch, nun stand ihr das Wasser bis zum Hals.

Losty: "Nein, bitte steh auf. Ich biete dir meine Freundschaft an. Ich verlasse diesen Tempel jetzt, er hat keine Bedeutung mehr für mich. Wer mir folgen möchte, bitte kommt mit mir."

Archibald, der Knecht: "Bitte, liebe Losty, dürfen wir dir folgen?"

Losty lächelte ihn nur an. "Kommt einfach mit."

Auch aus Gruppe 1 kam eine zaghafte Frage ...

Nun wollten auch die Nebenpriester mitkommen.

Losty: "Nein".

Losty kannte die Geschichte des Tempels. Jeder der Nebenpriester war noch mehr von seinem Glauben besessen als der Oberpriester selbst. Alle wollten ihn übertreffen. Dabei bestand der ganze Glaube zum großen Teil aus Selbstzüchtigung, um über den Schmerz das wahre Leben zu erfahren. Enthaltsamkeit als oberstes Gebot. Keine weltlichen Gelüste. Das Abschneiden der Haare war nicht die einzige Strafe, die man sich einfallen lies.

Nein, das ganz widersprach ihr so sehr. Sie liebte doch das Körperliche und die Menschen, die das Leben liebten.

Diese Prediger liebten nur ihre Vorstellungen und Fantasien, ohne sie zu hinterfragen. Eigentlich lebten sie nur das innere Gefühl von Macht, aus Schwäche heraus gebohren. Macht, die sie nicht hatten, aber über ihren Gott erlangen wollten. Da ihr die anderen glaubten, führte dies auch zu weltlicher Macht.

Die Jungen und Mädchen aus Gruppe 1 und 2 verließen ihre Bänke. Und das Ereignis hatte sich herumgesprochen. Alle Schüler und Oberschüler des Tempels wollten ihr nun folgen.

Am Ende stand Ottibussa zusammen mit seinen 23 Nebenpriestern alleine da. Was aber das Schlimmste für die Zurückgebliebenen war, zu wem sollten sie jetzt beten?

...

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