Arianne 196 - Losty 05

Losty 01   English Part
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Der letzte Traum

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"Lisa"

Laut schallte der Ruf durch die Halle.
Die Tür öffnete sich und herein kam ... man konnte nicht erkennen, wer herein kam. Das Wesen war völlig unter seinen Haaren verborgen. Lange glatte Haare, die bis auf den Boden reichten. Vielleicht auch noch länger, die unteren Enden waren nach innen gebogen.

Die Haare glänzten im Licht der Halle und brachen es in allen Farben des Spektrums.

Ein natürliches Prisma.

Wie ein Regenbogen stand sie da. Die Haare leuchteten auf dem Hintergrund eines dominierenden hellblond.

Das Haare so etwas konnten? Eine physikalisch einmalige Situation. Die Haare mussten transparent sein, wie Glas und dabei hart wie Diamant.

So harte Haare?

Die sind doch eher weich und zerbrechlich.

Na, manchmal auch nicht, wenn auch nur im Kleinen. Für so ein Photon reicht das ja. Aber die hinter den Haaren sieht man ja auch nicht *grins*

L.. L..  Losty???

<>

"Der Frisierstuhl wartet schon."

Ach ja, die banale Realität.

Das Wesen blieb an der Tür stehen, es traute sich nicht herein.
Annala ging auf sie, fasste durch die Haare hindurch nach einem Arm und zog sie mit sich.

"Nun komm schon. Wenn wir dir die Haare abschneiden, wirst du schon sichtbar werden. Du wirst eine wunderschöne leuchtende Kurzhaarfrisur erhalten. Färben brauchen wir die Haare ja nicht. Wir werden sie dann im TV versteigern. Dabei kommt bestimmt ein ansehnlicher Preis zustande".

Lisa wehrte sich. Sie wollte nicht.

"Lisa, es geht nicht anders. Die Schulordnung lässt nur noch Bobfrisuren zu, als Langhaarfrisuren! Deine Haare wurden schon zur Auktion angeboten, es gibt einige, die sie haben wollen. Das gibt sicher eine interessante Versteigerung. Mit dem Geld kannst du dir dutzende von Perücken leisten."

Wer hatte sie denn gefragt? Eine Perücke? Nein, niemals, ohne die Haare würde sie auf ewig glatzköpfig sein, oder sterben. Einfach so.
Annala griff fester zu. Nun kam auch Emelia hinzu, griff sich den anderen Arm. Gemeinsam zogen sie Lisa voran, Richtung Frisierstuhl.

Aber war das überhaupt Lisa? Vor lauter Haaren sah man ja nichts von ihr.
Nur die hochhackigen Schuhe wurden manchmal sichtbar, High Heels. Und ein paar Armreifen, Ringe, Gummis.

Vor dem Stuhl angekommen. Beada kam nun auch noch hinzu.
Das kurzhaarige Triumvirat dieser Show.

"Ach komm doch Lisa, die Haare gehören den Meistbietenden. Willst du denn alles für dich alleine haben? Denke doch einmal daran, was du mit dem Geld alles Gutes tun kannst."

Zu dritt setzten sie Lisa in den Stuhl.

Alle drei Frauen hatten schon die passende Frisur.

Nun saß Lisa im Frisierstuhl. Vor ihr der große Spiegel. Konnte sie durch die Haare hindurchsehen?
Oder wollte sie gar nichts mehr sehen?

Zwei Arme tauchten plötzlich aus den Haaren auf und schoben sie ein wenig zur Seite.
Ein Auge wurde sichtbar.

Es schien ganz feucht zu sein. Ob sie geweint hatte?

...

Frisörmeister Harlos griff nach ihren Haaren, wollte sie sich für das Schneiden zurechtlegen. Über die Lehne des Stuhles nach hinten. Doch was war das?
Nackte Haut wurde sichtbar. Mit einem mal sah man ihre entblösten Beine. Das Mädchen war offenbar völlig nackt unter ihren Haaren!

Er schob die Haare wieder zurück, nach vorne. Nein! Und das im abendlichen Fernsehen. Es würde Proteste geben! Man war doch kein Pornosender.

So waren Lisas Haare erst einmal gerettet. Wirklich?
Sollte er ihr nicht einfach einen dicken Strang wegschneiden. Damit ein Anfang gemacht wurde?

Mit der einen Hand griff er in die Haare, in der anderen Hand die große Schere.
Die Moderatorin Maurizia mischte sich ein.

"Nein. Wir zerstückeln die Haare nicht. Wir brauchen sie in ihrer Gesamtheit. Lisa, du gehst jetzt sofort in den Umkleideraum und ziehst dir etwas an. Wir warten hier. Wenn du nicht in 10 Minuten wieder zurück bist, fliegst du von der Schule. Du weißt, was das bedeutet."

Frisörmeister Harlos hatte wohl nicht zugehört. Er wollte einfach weitermachen, schneiden. Aber dann, aus, ein Krampf im Arm. Die Schere polterte zu Boden. Jemand musste laut nießen.

Gesundheit.

Lisa erhob sich von alleine von ihrem Frisierstuhl. Das hätte man ihr gar nicht mehr zugetraut, nachdem schon drei Frauen sie hatten führen müssen. Und das Sonderbare dabei, alle ihre langen Haare hatte sie noch.

Noch nie hatte jemand diesen Stuhl wieder mit langen Haaren verlassen.
Die Zuschauer begannen zu murren.

"Haare ab, Haare ab, schneidet ihr endlich die Haare ab."

Waren das nun bestellten Schreihälse oder dachten alle so?
Was für ein Auditorium.

Man sah immer noch nichts von Lisa. Nur lauter Haare. Sie schienen aus sich heraus zu leuchten. Wie war denn so etwas möglich? Sicher eine optische Täuschung.

Lisa bewegte sich Richtung Ausgang, öffnete die Tür und weg war sie.
Sie wurde im angrenzenden Raum von Hanna empfangen und leidenschaftlich umarmt. Nun saßen beide auf dem Boden, bedeckt von ihren Haaren. Nichts sah man von ihnen, nur die Bewegung in den Haaren. Was machten die dort?

Von draußen hörte man die zurückgelassen Showmaster reden.

"Wer ist die Nächste?"

"Hanna mit ihren körperlangen welligen Haaren. Locken, die bis auf den Boden reichen."

"Hanna!!!"

Nichts geschah.
Dann musste man sie eben holen gehen.

Nein, nicht schon wieder. Und die anderen 28 Mädchen. War das hier ein Freikörperbüro?
Die Kleidung hatten sie aus dem Fenster geworfen. So war einfach nichts mehr zum Anziehen da.

Alle Mädchen wurden von ihren Haaren bedeckt, man sah ihre Nacktheit nicht.
Natürliche Kleidung! Was sollte nur aus der Textilindustrie werden. Nein, so ging das nicht.

...

Sie saßen eng zusammen, streichelten sich gegenseitig Haut und Haare.  Beides wurde irgendwie zu eins.

"Bitte, lasst uns doch unsere langen Haare. Wir lieben sie so."

Nein, das ging einfach nicht. Die politischen Vorgaben forderten das Ende der Langhaartradition. Seit tausenden von Jahren gab es Frauen und Männer mit sehr langen Haaren. Es passte einfach nicht mehr in das Bild der modernen Zeiten, in das Bild des modernen Menschen.

Die Männer hatte man inzwischen schon an ihre Kurzhaarigkeit gewöhnt.
Jetzt waren die Frauen dran.

Moderne Zeiten?

Ein Kameramann war mitgekommen. Alle im Lande konnten sie nun sehen, wie sie zusammenhockten, mit ihren Haaren, sich gegenseitig streichelten und darum bettelten, ihnen doch ihre Haare zu belassen.

Irgendwie passte es nicht, das Abschneiden der Haare jetzt und hier mit Gewalt durchzusetzen.

<< Lasst ihnen doch noch diesen einen Tag. Wenn sie alleine nach Hause gehen, wir werden sie schon kriegen >>

So wurde hier geflüstert.
Danach lies man sie erst einmal wieder allein.

...

"Sie werden uns die Haare wegnehmen, sie können es einfach nicht zulassen. Sie haben immer gewonnen."

Klara sah so traurig aus. Ihre knielangen Zöpfe hielt sie fest in den Händen.

"Sind wir nicht der letzte Traum dieser Zivilisation? Wir mit den langen Haaren. Märchenfeen für die anderen, etwas, was es sonst gar nicht mehr gibt? Wenn man ihnen auch noch diesen letzten Traum nimmt, was bleibt dann noch?"

"Der letzte Traum, ja, wir sind der letzte Traum. Ich spüre es, der letzte Traum einer Zivilisation, die uns gar nicht mehr wahrnehmen will."

"Oder kann."

"Vielleicht, vielleicht wird es einmal eine Zeit geben, wo auch der letzte Traum etwas für die anderen tun kann. Solange es ihn noch gibt"

...

Was sie nicht wussten, das gesprochene Wort, es wurde aufgezeichnet und weitergegeben.
Der große Diktator, er selbst kümmerte sich darum.

Für so ein unbedeutendes Ereignis?

Nein, es ist nicht unbedeutend. Er will eine jahrtausendealte Tradition brechen, so wie die Tradition hinter dem Verkrüppeln von Gliedmaßen und Organen, aus welchen Gründen auch immer.

Aber kann man das denn alles in einen Topf werfen?
Man kann, muss es aber nicht. Es hängt ab vom Standpunkt des Betrachters.

Und der Dikatator, wer kann schon die Standpunkte eines solchen Menschen voraussehen?

...

Auf der Straße. Einige dunkle Gestalten verbargen sich in Hauseingängen, bewaffnet mit Scheren und Messern. Sie wurden gefunden, von den Eliteeinheiten, die plötzlich überall unterwegs waren. Einkassiert und weggekarrt.

Schon sehr merkwürdig.

Da musste doch irgendjemand seine schützende Hand über unsere Rapunzel halten.
Ob der letzte Traum etwas damit zu tun hat?

...

Die Astrophysiker hatten es als erste gesehen. Der Komet Hartrud raste auf den Planeten zu. Ein Brocken mit einem Durchmesser von 20 km. Er würde ihn in weniger als 2 Stunden treffen. Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100000 Stundenkilometern.

Wenn dann noch etwas übrig blieb ... denken konnte es wohl nicht mehr.
Es blieb keine Zeit mehr für Gegenmaßnahmen.

...

Ein Militärkonvoy vor der großen Halle. Soldaten drangen ein, bahnten sich ihren Weg, in Richtung des Raumes, in dem unsere Mädchen ihre Liebe füreinander und für ihre langen Haare lebten. Vielleicht ein letztes mal?

Klopf klopf klopf.

"Wir bitten eintreten zu dürfen."

"Ja, kommt herein. So viele Soldaten? Wollt ihr uns jetzt die Haare nehmen. Mit militärischer Gewalt?"

"Hallo, ich bin General Marissimo. Der Oberbefehlshaber aller Streitkräfte des Landes. Ich bin zu euch gekommen, weil wir eure Hilfe brauchen. Der letzte Traum unserer Zivilisation, wir brauchen ihn jetzt. Sonst gibt es uns bald nicht mehr. Wir haben nur noch 90 Minuten Zeit."

...

Wie sollten sie den Kometen aufhalten? Mit parakinetischer Energie? Aber die beherrschten sie doch gar nicht. Dieses bisschen Lichtspiegelei, kleine Hexereien, damit konnte man doch nicht eine ganze Welt aufhalten!

So, und warum nicht?

Alle hatten es gehört und doch war kein Wort gesprochen worden.
Nein, nicht alle, nur die langhaarigen Mädchen, die Mitglieder des letzten Traumes.

Die Soldaten beobachteten eine Veränderung. Die Mädchen wirkten mit einem mal hochkonzentriert, und dabei völlig abwesend.
Sie wagten es nicht zu stören, selbst ihre Atmung schränkten sie ein.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören.
Auch draußen war alles still. Die Menschen wussten, worum es hier ging.

Totenstille vor dem Tod?

Oder auch nicht.

...

<< Losty, wir sind deine Kinder. Bitte, liebe Losty, bitte hilf uns. Wir schaffen es nicht ohne dich >>

Ein ehrliches Gebet. Und wenn es diese Losty nun nicht gab?

...

Ihr schafft es alleine. Ihr müsst es nur wollen.

Wieder so ein Gedanke aus dem Nichts, von dem man nicht wusste, ob man ihn überhaupt gedacht hatte.

Lisa: "Kommt, fassen wir uns alle an den Händen, lasst uns ganz eng zusammenrücken. Eine kleine Kugel aus Leibern, bedeckt von den Haaren. Und das ganze Land, bitte, denkt mit uns. Liebt uns, so wie wir euch lieben. Wir brauchen euch alle. Bitte, übertragt es mit den Kameras in die ganze Welt. Wenn wir alle eins miteinander geworden sind, dann schlagen wir ihn, mit einem einzigen Gedanken."

...

Astronom Archibada glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Der Komet zerbarst in tausende kleine Stücke die alle einen Impuls mitbekamen, weg von der Erde. Das konnte doch nicht wahr sein!

...

Der große Diktator empfing sie in seinem Büro. Ja, kein Palast, einfach nur ein Büro. Noch nicht einmal besonders groß.

"Ich danke euch, Träumerinnen. Und ich bitte euch, lasst uns die Geschicke dieses Landes gemeinsam gestalten. Wir wissen um euren Glauben an die unvergleichbare große Losty und wir möchten diesen Glauben mit euch teilen. Bitte helft uns dabei."

Lisa: "Losty möchte keine Göttin sein, die man anbetet. Sie möchte einfach nur, dass wir uns weiter entwickeln, aus uns selbst heraus. Unsere animalische Vergangenheit überwinden lernen und dem wachsenden Geist den Raum einräumen, der ihm gebührt. Dann hilft sie uns auch, meistens werden wir es nicht einmal bemerken."

Lisa, nun sah man etwas von ihr, das Gesicht, die Augen, eine wunderschöne junge Frau, umrahmt von einem Meer aus leuchtenden Haaren.
...

Lisa

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