Arianne 197 - Flügel

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Annala verweigert sich der Tradition des Flügelstutzens und fliegt davon.


Annala und Darwinia

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Die ganze Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie lag in ihrer Mulde und berührte ihre Flügel mit den Händen, Flügel, die sie ganz umhüllten.
Sie spürte das Leben dort drin. Etwas, dass es eigentlich gar nicht geben durfte.

Flügel waren doch nur ein Kokon, in den man sich einwickeln konnte, als Kind.
Mit 14 Jahren wurden sie dann entfernt.

Warum nur hatte man diese Flügel? Wenn sie doch nur entfernt werden mussten?
Noch nie hatte sie die Flügel entfalten können. Seit ihrer frühesten Kindheit war sie darin eingewickelt gewesen und man hätte Bänder darum gebunden, damit es auch so blieb.

Man konnte sie bei den Kindern nicht einfach entfernen, da sie für die Entwicklung wichtig waren. Sie schützten vor den Mikroorganismen des Planeten, wärmten im Winter und reflektierten die harte Strahlung der Sonne im Sommer.

Kleidung brauchte man nicht, die Flügel ersetzten sie.

Nach der Entfernung der Flügel trug man fantasievolle Kleidung. Es gab da eine Menge Nachholbedarf und eine Industrie, die ganz gut davon leben konnte.
Kleidung war dann auch der Inhalt der meisten Gespräche. Viele der noch flügelbehafteten Kinder beneideten ihre älteren Geschwister deswegen.

Die Flügel brachten eine Menge Geld. Es gab Reiche, die sie kauften. Aus welchen Gründen auch immer. Sie mussten sehr schön sein, wenn  sie voll entfalten waren.

Aber das geschah nie. Nicht einmal in dem Moment, wo sie abgeschnitten wurden.

Offiziell hießen sie Stutzen, wahrscheinlich, weil sie ohnehin gestutzt wurden.
Und Flügel? Das musste etwas mit fliegen zu tun haben. Aber Fliegen war verboten, seitdem der Geflügelte vor langer Zeit den Planeten heimgesucht hatte. Eine Legende. Nur den allgewaltigen Göttern der Erde war es zu verdanken, dass man ihn besiegen konnte.

Und die Erdgötter verboten das Fliegen. Der Käfer war nicht für die Luft geboren.
Ja, sie nannten sich Käfer. Warum, das wusste keiner mehr.

Die Käfer ohne Flügel nannten sich Spezies.
Seit Jahrtausenden ging das nun schon so. Tradition die sich verfestigt hatte, im Bewusstsein der Spezies.

Annala hatte morgen ihren 14. Geburtstag. Als Geschenk sollten ihr die Flügel entfernt werden. Dann war sie endlich frei.
Frei? Wovon denn? Ach ja, sie hatte die Freiheit fantasievolle Kleidung zu tragen. Kleidung, die nicht billig war. Sie konnte sich besser bewegen und für das Gemeinwohl mehr an Arbeitsleistung erbringen.

Arbeit macht frei? Das Geld war doch ohnehin gleich wieder weg.
Nein, sie wollte ihre Flügel so gern behalten. Sie liebte sie.

...

Tränen. Es half ihr nicht. Die ganze Verwandtschaft war gekommen, um ihre Verwandlung mitzuerleben. Nun würde sie endlich erwachsen werden. Erwachsen mit 14?
Wollte sie das überhaupt?

Annala im Finalen Showdown.

Ein angesehener Heilfürsorger würde die Flügel stutzen.
Die ganze Verwandtschaft war im Hintergrund versammelt.

Nach dem Abschneiden würde man die Flügel versteigern. Das würde einen ansehnlichen Geldbetrag einbringen. Damit konnte sie ihre eigene Existenz sichern und sie war nicht mehr auf Zuwendungen des Gemeinwohls angewiesen.

Die Prozedur fand im Freien statt. Man hatte Zuschauertribühnen aufgebaut. Schließlich war dies ein Ereignis, das schon seit Jahrtausenden immer wieder neu zelebriert wurde. Es bot Zusammenhalt in Zeiten des Wandels.

Aber was wandelte sich hier schon?

Sie war nicht die Einzige, deren Flügel gestutzt werden mussten. Mehr als 200 Kandidatinnen waren hier versammelt. Alles junge weibliche Käfer.

Und die männlichen Käfer.
Die behielten ihre Flügel drei Jahre länger.

Irgendwo musste sich ja das Patriarchat manifestieren. Obwohl, viele betrachteten das auch eher als Bestrafung.
Das Abschneiden fand unter örtlicher Betäubung statt. Man war ja zivilisiert in diesen Modernen Zeiten.

Das war nicht immer so gewesen.
Es wurde berichtet, dass in ferner Vergangenheit die männliche Spezies ihre Flügel behalten hatte. Den weiblichen Käfern wurden die Flügel entfernt. Das gab dann eine Dominanz des Männlichen über das Weibliche.

Aber wie denn, mit diesen sinnlosen Flügeln? Nur um ein Mehr zu haben? Da musste noch etwas anderes gewesen sein.
Seufz. Annala verstand diese Gefühle. Es war einfach schön ganzheitlich zu sein.

...

Sie wurde als erste herausgepickt. Die anderen warteten in einer Reihe. Schon hatte sie sich eine Spritze eingefangen.
Aber seltsam, sie spürte die Betäubung gar nicht. War da etwas schiefgegangen?

Ihr ganzes Gesicht war verheult, sie konnte gar nicht mehr richtig gucken.

Und die anderen?
Manche schienen glücklich zu sein, dass es nun endlich geschah. Aber sie war nicht die einzige, die weinte.

Der Heilfürsorger löste die Bänder, die die Flügel daran hinderten, sich zu entfalten.
Aber was machte er da?

Er entwickelte die Flügel! Das war doch gar nicht notwendig, man konnte sie einfach so abtrennen.
Entwickelt wurden sie erst nach dem Abschneiden, damit potentielle Käufer sie sehen konnten.

Um Verletzungen zu vermeiden, sie nicht zu beschädigen. Es seien ganz besonders schöne und zerbrechliche Flügel. Außerdem sei sie so fest darin eingewickelt, dass er sie verletzen könnte.
Jeder der zwei Flügel entfaltete sich um mehr als 2,50m. Als sie voll entfaltet waren hatten sie eine Spannweite von mehr als 5 m.

Wunderschöne transparente Flügel. Sie brachen das Licht in allen Farben des Spektrum. Man konnte ihre Blutgefäße und ihre Muskeln sehen. Nervenbahnen durchzogen sie.

Das sah man bei den abgeschnittenen Flügeln nicht.  Offenbar rollten sich Muskeln und Nervenbahnen ein. So schnell konnten sie doch nicht zerfallen, oder?
Wozu brauchten die Flügel denn Muskeln?

Sanft berührte Annala die Flügel mit ihren Händen, führte sie zu ihrem Mund, küsste sie. Sie stand da wie ein Engel.

Was machte die denn da? Unverständliches Kopfschütteln. Dabei küssten manche ihre Schuhe, wenn sie ihnen gefielen. Oder die Kleidungsstücke. Aber Flügel? Sie gehörten ihr doch schon gar nicht mehr.

Ottobus hatte bereits 5000 Diadaten als Anfangsgebot einschreiben lassen.

"Stutzer, fang endlich an."

Zustimmendes Gemurmel. Die 2 Traditionswächter wurden bereits unruhig.
Der Heilfürsorger nahm das schwere Skalpell in seine Hand. Leise, damit es die anderen nicht hören konnte, flüsterte er etwas. Direkt in Annalas Ohr.

"Was flüsterst du da?"

Keine Antwort. Aber Annala verstand ihn. <<Flieg >>, hatte er gesagt. Dann noch einmal: <<Flieg>>

...

Annala nahm das Gesprochene auf und setzte es um, irgendwie. Ihre Flügel begannen sich zu bewegen. Unglaublich, so etwas hatte man noch nie gesehen. Flügel waren doch totes Material, dass man abschneiden musste.

Zaghafte Bewegungen. Dann, mit einem mal schlug sie die Flügel zusammen und wieder auseinander.

Der Windstoß fegte die ganze Verwandtschaft um. Auch der Heilfürsorger lag im Staub und die beiden Traditionsbewahrer.
Die Traditionsbewahrer ahnten einen schweren Verstoß, rappelten sich wieder auf, stürmten auf Annala zu.

Klatsch, ein Schlag mit den Flügeln. Aua, das tat ihr ja weh.

Die 2 Traditionswächter waren k.o.

...


Dann, plötzlich schwebte Annala einen Meter in der Luft, dann 5 Meter.

Maßloses Erstaunen. Selbst die auf der Zuschauertribühne wurden ganz still. So etwas hatte man noch nie gesehen. Doch die Faszination hielt nicht lange an.
So musste der Geflügelte ausgesehen haben!

"Fasst die Geflügelte! Holt sie vom Himmel!"

Aber womit denn? Pfeil und Bogen hatte man zu Hause gelassen. Und Steine gab es hier nicht. Selbst die Traditionsbewahrer hatten nur ihre Schlagstöcke dabei.

...

Annala flog davon.

Sie war nun eine junge weibliche Spezie mit Flügeln. Für manche war das wohl schlimmer als die Pest.

...

Wohin sollte sie fliegen? Hier konnte sie nicht mehr bleiben. Alle Hexenjäger und Traditionsbewahrer würden sich auf sie stürzen. Die Menge würde sie steinigen. Man würde Wurfgeschosse nach ihr werfen, sie vielleicht in Stücke reißen, wenn man sie fangen konnte. Nein.

Sie flog Richtung Ozean.

...


Eine Eingebung? Dort in der Luft, eine farbenfrohe feminine Spezie. Sie hatte Flügel, eine andere weibliche Spezie mit Flügeln!
Ein Gedanke bildete sich in Annala.

<< Hab keine Angst. Der Heilfürsorger und Du, ihr habt einen Schritt in der Evolution eingeleitet. Ganz alleine, niemand hat euch dabei geholfen. Nun ist es an der Zeit, dass die Götter euch helfen >>

"Wer bist du?"

<< Ich bin Darwinia >>

...


"Darwinia...?"

<< Ja >>

"Ich habe eine Bitte... "

<< Ich weiß schon, deine Freundinnen. Ich habe sie alle an einen sicheren Ort gebracht, auch den Heilfürsorger. Nun weiß die Menge nicht mehr, wie sie ihre Tradition zelebrieren soll. Aber der Glaube an den Geflügelten, seufz. Der religiöse Wahn breitet sich aus. Ich kann es nicht verhindern, wenn ich ihnen nicht den eigenen Willen nehmen will. Aber was hätten sie dann noch für eine Bedeutung?

Sie würden ihre eigenen Kinder töten, um ihre Religion zu zelebrieren. Nur, sie werden sie nicht mehr finden.
Wenn die Kinder sehen, was die Flügel wirklich bedeuten, sie werden sie nicht freiwillig mehr hergeben wollen.

Lasst den Alten ihren Wahn, sie sterben aus. Die Zukunft gehört euch. Ihr werdet eine Zivilisation von Engeln bilden. Die Flügel, sie beinhalten viel mehr, als man euch gesagt hat. Daher auch das viele Geld, das dafür bezahlt wird. Mit den Reichen und den Mächten dahinter, mit denen werde ich noch Einzelgespräche führen ... >>

Das klang doch wie eine Drohung.

"Darwinia?"

<< Hab keine Angst um mich :-). Du brauchst keine Angst um mich zu haben. Es ist aber sehr schön für mich, dass Du so fühlst :-) >>

...

Annala und Belada, ihre beste Freundin. Beide schwebten nebeneinander in der Luft, in 2000 Meter Höhe. Es war so schön zu gleiten, die andere neben sich zu sehen. Das ganze Glück des Lebens, mit einem mal wurde es freigesetzt.

Nur die Trauer um die Zurückgebliebenen, den Verlust, den sie erleiden mussten, das konnte ihnen auch Darwinia nicht nehmen.

...
Annala

Eine größere Darstellung des Bildes

Link: ein Bild von Darwinia
Link: ein farbiges Bild von Annala

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