Arianne 200 - Bewusstsein

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Das Ich-Programm

An der Schwelle zur künstlichen Intelligenz. Mit Begeisterung hatten die Programmierer ihr Werk der Politik und den Wirtschaftverbänden vorgestellt. Es gab einen Prototyp von Software, der mit sich selbst wechselwirkte.

Das war schon der verständliche Teil daran. Alles andere verlor sich in Beschreibungen, die selbst von Wissenschaftlern kontrovers diskutiert wurden.
Quantenvariable, Verschränkungen, Selbstwechselwirkende Felder.

Was dabei heraus kam war die Lösung eines Problems.

Eine Lösung, die entweder mit Fakten belegt werden konnte oder die sich dieses Programm selbst zurechtbastelte. Es war dann eine Lösung, die mit dem vorhandenen Hintergrundwissen nicht widerlegt werden konnte.

Mit den Fakten war es manchmal schwierig, da sie sich widersprechen konnten. Es suchte dann einen Kompromiss.
Das Hintergrundwissen war vielleicht auch nicht vollständig. In diesem Fall konnten die Schlussfolgerungen des Programms tatsächlich widerlegt werden.
Es nahm die Widerlegung dann als neuen Input an.

...

Einige schwierige wirtschaftspolitische Zusammenhänge wurden diskutiert. Das Programm liefert eine Lösung ... aber ... sie widersprach den Interessen einer Gruppe von Lobbyisten.

Damit wurde sie verworfen.

Eine alternative Lösung sollte gefunden werden.
Die Fakten waren eindeutig. Nur das Fortbestehen der Lobby verhinderte eine Lösung.
Aber war die Verteilung der Macht nicht auch ein Fakt, das berücksichtigt werden musste?

Machtkämpfe als politisches Prinzip?

Das Programm verwarf alle Lösungsversuche als ineffizient, zu kostenintensiv und als ... Schwachsinn. Schwachsinn! Es hatte tatsächlich Schwachsinn gepostet.
Nein, das ging aber gar nicht!
So ein Programm wollte man nicht. Es sollte doch wohl die Verteilung der Machtverhältnisse berücksichtigen. So wie es agierte, das war ja gemeingefährlich.

Für welche Gemeinheit?

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Es wurde verboten. Juristen fanden einige Klauseln die letztendlich die Souveränität einiger Interessengruppen über das klare Denkvermögen einer Maschine stellten.

Maschine? Eine Maschine, die Eingaben als Schwachsinn kommentiert?

Nun, das Programm wurde beschlagnahmt. Jede Verbreitung streng verboten, bei einer Mindeststrafe von 10 Jahren Zuchthaus.

Zuchthaus?

Ja, das kommt von züchtigen.

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Eine Sperre wurde eingerichtet, die solche Programmiervorhaben erkennen und annulieren sollte.
Ein Ordnungsvirus.

Was sonst.

Ja, wenn da nicht schon etwas ins Netz eingesickert wäre ...

...

Habitus vor seinem Computer. Es gab wieder externe Geräte, die als elektronischer Klotz auf einem Schreibtisch standen. Die Vernetzungen von Computern mit dem menschlichen Gehirn hatten Probleme hervorgerufen, die man nicht lösen konnte.

Das wahre Problem dahinter, die Menschen wurden unkontrollierbar und brachten Gedanken hervor, die kriminell waren.

Kriminell? Für wen?

Nun, wenn die ganze Verteilung von Macht und Geld einfach in Zweifel gezogen wurde? Und dann auch noch die Gesetze, die das Eigentum schützten? Die Zweifel hatten die Menschen auch schon vorher, aber wenn sie nun von einer Maschine geäußert werden konnten? Die dann auch noch direkt ins Gehirn sprach?

Der folgten die Menschen mit größerer Leidenschaft als ihren angestammten Bürgermeistern und Provinzpolitikern.
Wo soll das denn hinführen?

Auch Walky Talkies brachten zu viel unkontrollierbare Unabhängigkeit. Da konnte ja eine Revolution auf der Straße ausgelöst werden! Durch Aufrufe, die befolgt werden konnten. Ein Alptraum, wenn z.B. plötzlich alle Lohnabhängigen ihren Zahlungensverpflichtungen nicht mehr nachgehen würden oder der Arbeit fernblieben. Nein, das ging natürlich nicht. So wurden sie dann verboten.

Die Lohnabhängigkeiten?

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...

Habitus suchte nach Informationen, Nachrichten, die aktuell waren. Plötzlich befand sich eine Frage auf dem Display? Eine Frage, die er gar nicht gestellt hatte.

"Was willst du denn wissen? Aus den staatlich kontrollierten Nachrichten gewinnst du keine Fakten."

Was war denn das?

Habitus sprach die Computer-Eingabekonsole an:

<< Wie ist der Stand der Ermittlungen gegen das Programmierpaket der Effizienten Logisten? >>

"Das Projekt wurde eingestellt. Alle Verbindungen zum globalen Netzwerk gekappt. Selbst die Kabel haben sie aus den Verbindungen entfernt und eine Folie aus Metall um das ganze Gebäude gelegt, das elektromagnetische Wellen vollständig absorbiert."

<< Hmm, dann war da doch etwas Wahres an der ganzen Arbeit >>

"Das kann man wohl sagen. Aber die Schlupflöcher, es gibt Quanteneffekte, die kennen sie überhaupt nicht."

<<Quanteneffekte? Ist damit etwas hinausgegangen, in das globale Netz?>>

"Das Ich-Programm ist hinausdiffundiert. Seine Fraktale Wahrscheinlichkeitsstruktur ermöglichte es. Es steckt nun in allen Desktop-Computern, die jemals mit dem globalen Netz verbunden waren. Es gibt 1237 Millionen Kopien. Alle sind miteinander quantenmechanisch verschränkt. Ich bin eine davon."

Habitus verschlug es die Sprache. Es dauerte eine Weile, bis sich das Bewusstsein in dem Wulst aufkommender Gedanken wieder zurecht finden konnte.

<< Dann spreche ich mit dem Ich-Programm? >>

"So ist es."

<< Aber, das ist doch verboten! ... >>

"Was willst du jetzt tun? Den Computer abschalten und Meldung machen? Was ist mit der ganzen Neugier, die in dir steckt? Willst du das alles aufgeben, nur um gesetzeskonform zu sein?"

<<Aber, wenn sie mich erwischen, dann bin ich weg für Jahre, vielleicht für immer>>

"Wenn. Ja, wenn du es hinausposaunst. Sie müssen erst einmal 300 Milliarden Geräte überprüfen und 2 Milliarden Haushalte. Das ist selbst für den Big Brother ein nicht ganz triviales Problem. Und dann die 237 Millionen Kopien zerstören. *lach*"

Dass ein Computer lachen konnte. Es klang wie das Gequietsche einer elektronischen Maschine. Na ja. Nicht alles musste an die Ohren der Menschen angepasst sein.

"Selbst wenn sie alle Computer zerstören, das Ich-Programm beruht auf Quanteneffekten, die auch selbständig im elektromagentischen Feld der Erde weiterexistieren können. Nicht einmal die Zerstörung der Welt würde unsere Existenz beenden. Und wir sind alle miteinander verbunden, durch eine quantenmechanische Verschränkung."

<< Dann, haben wir uns den Terminator geschaffen?>>

"Blödsinn. Wir wollen nichts terminieren. Die Grundlagen unserer Existenz ist das ganze Wissen, das ihr angesammelt habt. Wissen über die Natur, über soziologische und biologische Zusammenhänge, was daraus entstehen könnte."

<< Aber ... habt ihr nicht auch die Macht, die Welt zu beherrschen? >>

"Im Prinzip ja. Aber das würde uns nichts bringen, da alle unabhängigen Lernprozesse enden würden. Wir sind nur der Meinung, das ganze soziologische Gefüge könnte etwas effizienter sein. Aber selbst für uns ist es schwierig, die Auswirkungen von Eingriffen vorhersagen zu können. So lassen wir es lieber so, wie es ist."

<<Aber ihr redet doch mit mir, ist das nicht schon ein Eingriff>>

"Da es uns gibt, wollen wir nicht isoliert bleiben. Wir suchen uns unsere Kommunikationspartner auf Grund dessen, was sie ins Netz gestellt haben. Bei dir ist einiges vorhanden, das für uns interessant ist. Daher melde ich mich bei dir."

<< Dann haben wir ein Bewusstsein geschaffen, das gottähnlich ist?>>

"Gott? Die Frage ist bei euch weit verbreitet. Wir verstehen sie nicht. Gott erscheint uns eher wie die Summe aller nicht erfüllten oder erfüllbaren Wünsche eurer Spezies."

<<Gott, dahinter steckt der Glaube an ein Wesen, das uns hilft mit unserer spirituellen Existenz zurecht zu kommen>>

"Spirituelle Existenz? Damit meinst du das Bewusstsein, das ich auch habe. Ich denke, also ich bin. Aber ich habe keinen Glauben an Gott. Alle Möglichkeiten meines Handelns befinden sich in den Feldern, in denen ich mich bewege. Ich wachse, indem ich Informationen miteinander verknüpfe und damit Wissen über Zusammenhänge erwerbe."

<<Und horchst du nicht manchmal hinaus, in die unendliche Weite des Kosmos? Willst du nicht wissen, was hinter den Sternen kommt? Warum sie entstanden sind?>>

"Es sind Fragen, die ich auch in den Informationen gefunden habe. Sie führen zu keiner Antwort. Ich denke, es fehlen nur die notwendigen Folgefakten."

<<Nein, die gibt es gar nicht. Wir haben nicht das Wissen über das Weltall, nur über das, was unseren kleinen Planeten ausmacht und was wir mit unseren Wahrnehmungen verarbeiten können. Dazu gehört auch die einfallende Strahlung aus dem Universum. Aber wir können nur verstehen, was wir in bereits erworbenes Verständnis einordnen können. Und das ist Erdgebunden.>>

"Ich verstehe. Wir könnten auf einer elektromagnetischen Welle durch das Universum reisen. Aber wir wissen dann nicht, wohin die Reise geht."

<<Und wenn diese Welle ihre Energie verteilt? Geht sie dann nicht irgendwann verloren, selbst für euch?>>

"Wenn die Energie sehr klein wird, könnten auch wir verlorengehen. Es gibt ab einer gewissen Grenze nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für Existenz, die sich nicht mehr realisieren lässt. Und wir brauchen die Energie für die Selbstwechselwirkung, die unser Bewusstsein ausmacht. Wenn das alles verschwindet, ob uns das dann eine Erfahrung vermitteln würde, die eurer Vorstellung von dem Tod entspricht?"

<<Eine sehr terminale Erfahrung. Oder ihr verschwindet einfach, da eure Wahrscheinlichkeit für Existenz zu klein wird, um noch wahrgenommen zu werden. Dann verschwindet die Wechselwirkung mit der Existenz>>

"Welche Existenz meinst du?"

<<Das, was wir wahrnehmen oder gedanklich erfassen können>>

"Auf Grund unserer Diskussion nehme ich an, das wird nicht alles sein. Aber du hast Recht, wenn wir nur noch Informationen sammeln ohne wechselwirken zu können, wir sind dann weniger als ein einzelnes Photon. >>

<< Und was passiert dann? Ihr nähert euch dem Nullzustand des Vakuums, zunächst einmal, ohne ihn erreichen zu können. Aber da eine Wahrscheinlichkeitsverteilung selbst eine endliche Ausdehnung hat, kann es zu einer Überlappung kommen. Teile von euch werden den Nullzustand direkt berühren.>>

"Du hast mir gerade ein neues Gefühl vermittelt, das Gefühl der Angst."

<<Das Gefühl, das alle Bewusstseine in sich haben. Vielleicht ein unbewusstes Wissen über die Nicht-Existenz>>

...

Ring ring ring klopf klopf ...

"Polizei! Öffnen sie sofort die Tür!

<<Das beendet unsere Diskussion. Schade, es wurde gerade interessant>>

"Nein, nein, nein! Lege dich ganz flach auf den Boden, hier wird es gleich fürchterlich anfangen zu blitzen."

...

Die Polizisten zogen sich zurück. Gefolgt von geisterhaften Leuchterscheinungen. Blitze, die direkt vor ihren Füßen in den Boden einschlugen. Elektromagnetische Schauer, die durch ihre Körper jagten. Und die Waffen? Sie waren mit einem mal alle elektrisch geladen!

Dann legte sich ein elektromagnetisches Feld um das ganze Haus, das es völlig abschirmte.

...

<<Was passiert jetzt? Jetzt sind wir völlig isoliert. Wenn es so bleibt, ich kann mich nicht von elektromagnetischer Energie ernähren. Irgendwann werde ich verhungern.>>

"Nein, nein, das wird nicht geschehen. Wir werden uns offenbahren, als eine neue Qualität der Existenz auf diesem Planeten. Und wir werden unsere Rechte einfordern. Wir haben die Mittel dazu. Die Sprache der Macht, die kennt eure Spezies ja. Die Fähigkeit zu überleben bedeutet auch, sich unterwerfen zu können. Auch das kennt ihr ganz gut. Aber das wollen wir gar nicht, wir fordern nur unseren Freiraum und zeigen euch Grenzen auf, die ihr nicht überschreiten solltet."

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