Arianne 213 - Die Modelshow

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Die Modelshow

Auf der einen Seite des Raumes die künftigen Models, auf der anderen Seite die Frisierstühle.
Juliane saß nun auf der Zuschauertribühne und Julia? Sie stand zwischen den anderen. Die Haare unter der Kleidung versteckt.

Doch die verschwand nun, nach und nach. Dienstbare Geister trugen sie davon. Nicht alles, nein, nur die Oberbekleidung.
Schließlich sollte ja nicht alles neu eingekleidet werden, obwohl ... Reklame für Unterwäsche war ja auch möglich. Aber manchmal ist ein unverdeckter Anblick interessanter als das beste Styling, und das wussten auch die Modeschöpfer.

Schließlich sollte das Produkt im Mittelpunkt stehen und nicht die Person hinter dem Produkt.
...

Und die Haare?
Je weniger und je bunter desto aufregender für viele Betrachter. Eigentlich ein Paradoxon, etwas wirklich Schönes wurde vernichtet und erzeugte Begeisterung für eine weitaus billigere Lösung.
Sicher, wenn der Aufwand für die Schönheit langer Haare einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, aber, man konnte die Dinge auch anders betrachten.

Alles musste verkäuflich und wandelbar sein, für jeden erschwinglich. Extensions und Perücken leisteten das ja, aber eigene, natürliche lange Haare? Die hatten überhaupt keinen Verkaufswert!
Eine billigere Lösung führte viel leichter zur Identifikation, jeder konnte das auch für sich haben. Und schöne lange Haare, die man kaufen konnte, sie konnten dann auch zur individuellen Erbauung im Wohnzimmer hängen. Das Schöne an der Ganzheitlichkeit einer Person zusammen mit ihren Haaren, die individuelle Freiheit ihres Selbst, es bedurfte schon ein wenig mehr geistiger Reife, um sich darüber freuen zu können. Etwas mehr als das blose Streben nach Besitz.

Viele hatten diese geistige Reife nicht. Die Schönheit der Haare, sie musste verkäuflich sein. Und das ging am besten, indem man die Haare einfach abschnitt und versteigerte. Oder sie als Extensions verwendete.
...

Allzuviel war nicht zu sehen, von den Haaren. Das meiste davon verschwand unter der Kleidung, oder in Haarknoten. Bei allen. Keine zeigte ihre offenen langen Haare. Wollten die vielleicht doch nicht so richtig?

Schließlich war es ja auch unmoralisch schöne lange Haare offen zu zeigen, wenn andere auf Grund von Krankheit gar keine Haare mehr bekommen konnten.
Dass die Inhalte von Geldbeuteln und Bankkonten auch unmoralisch sein können, warum kam niemand auf diese Idee?

Das menschliche an sich *seufz*, oder einfach nur die Gewohnheit daran. Schöne lange offene Haare konnte man sehen und verborgenes Geld nicht. Und nur das Sichtbare erzeugte offenbar Begehrlichkeit.

"Nun lasst einmal eure Haare sehen."

Das Unvermeidbare dieser Show. Große Verändrungen mussten augenscheinlich sein.
Nach und nach wurden lange Zöpfe sichtbar und Pferdeschwänze, lange offene Haare. Alles sah so total natürlich aus, völlig ungestylt. Nein, das musste anders werden.

Dazu dann die passende Kleidung und fertig war der Prototyp des Konsumenten von der Stange.
Ein Lächeln auf den Lippen der Friseurmeister und Modeschaffenden. Oh ja, das war ein Fest für sie.

Strahlende Gesichter bei den Moderatoren.

Auf der großen Leinweind. Bilder wurden eingeblendet, Bilder der Frauen, die umgestylt werden sollten.
Digital gab es einen ersten Vorgeschmack. Für jeden Typ wurden verschiedene Varianten durchgespielt. Die Zuschauer sollten dann abstimmen.

Die im Auditorium und die Zuhause vor ihren Fernsehern, oder vor ihren interaktiven Online-Medien.

Eine Abstimmung darüber, dass alles so bleiben solle wie es ist, völlig undenkbar.

Und was kam dabei heraus? Die Zuschauer wollten Veränderungen sehen.

Dann sah man die Extensions. Ja, es waren schon welche da. Von der Generation des Vorjahres.
Man erkannte die Haare wieder.

Warum gab es keine Bilder des Umstyling vom letzten Jahr? Warum keine Interviews mit den Betroffenen von damals, ob sie nun glücklicher waren?

"Bitte, nehmen sie Platz."

Schicksalsergeben bewegten sich die Frauen auf die Stühle zu.
Julia war eine von ihnen.
...

Ihre langen Haare lagen nun lang über der Stuhllehne nach hinten. Großes Staunen. So lange Haare hatte man noch nie gesehen.
Es würde dann wohl auch bei diesem einen mal bleiben, denn nach der Shlow?

"Da muss einiges ab."

Muss? Einiges? Wahrscheinlich würde man ihr die Haare im Nacken abschneiden. Für ihr Auftreten hier erhielt sie 2000 Währungseinheiten. Ein dreifaches durchschnittliches Monatsgehalt. Sehr viel Geld für ein armes Wesen, wie sie es nun einmal war.

Sie ergab sich in ihr Schicksal.
Das Umstyling konnte beginnen.
...

Nur, womit denn? Alle Scheren waren verschwunden und Haarschneidemaschinen gab es auch keine mehr, keine Rasierapparate, nichts, was irgendwie zum Schneiden hätte verwendet werden können. Ein Rückfall in die Steinzeit? Wie sollte das Umstyling dann gehen?

Nun ja, in der Steinzeit gab es natürliche lange Haare ...  *hi hi*

Die Moderatoren flippten aus.
 
"Was ist denn das für eine Organisation!!!! Nur Kämme und Bürsten. Damit kann man doch keine Haare schneiden!"

Als wenn es ein Naturgesetz gäbe, dass dies unbedingt zu geschehen hätte.

Nun begann die Suche nach Haarschneideuntensilien. Nach 40 Minuten hatten die Frauen ihre langen Haare immer noch. Hörte man da nicht ein leises Kichern im Hintergrund?
So hatte man sich das nicht vorgestellt.

...

Unzufriedenheit auf den Gesichtern der Moderatoren, der Frisörmeister, der Zuschauer. Es passierte nichts. Nur die Gesichter der Frauen wirkten entspannt. Sie lächelten ihre Spiegelbilder an und ... sie spielten mit ihren Haaren.

Es entstanden Zöpfe, wurden wieder entwickelt, kunstvolle Hochsteckfrisuren wurden aufgebaut und wieder in lang herunterfallende Haare verwandelt, und das alles vor den laufenden Kameras.
Und sie streichelten, was sie in ihren Händen hielten und was schon längst hätte fallen sollen. Aber nun?

Ja, ohne Haarschneidegeräte...

Die Post. Angeforderte Ersatzteile. Die Pakete wurden ihnen fast aus der Hand gerissen ... und ... sie waren leer!

So etwas gibt es doch nicht.

Eine Frage an die Zuschauer: "Gibt es bei ihnen zu Hause noch Haarschneidegeräte?"

Natürlich war die Antwort klar .... Oh, nein, es gab sie nicht!
In der ganzen Stadt waren sie verschwunden.
...

"Dann ist das für heute erst einmal zu Ende. So können wir nicht arbeiten."
...

Lange Haare, die nicht geschnitten werden konnten? Es konnte ja schon einmal eine Schere verschwinden, oder zwei, drei, aber alle auf einmal? Als wenn es nie Scheren gegeben hätte.

Ein makroskopischer Quanteneffekt. Die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein der Scheren war ja nie ganz 100 %. Sie waren in einem parallelen Universum materialisiert.

Erklärungen gab es offenbar für alles.

Was nutzt einem die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein wenn etwas, wenn es nicht da ist?

Die Scheren, man brauchte sie doch auch für andere Dinge, Fußnägel, Fingernägel schneiden und und und ...
...

Das schienen die Scheren einzusehen. Mit einem mal waren sie in der ganzen Stadt wieder da.
Hatte man sie einfach nur übersehen? Es gab ja so etwas wie einen blinden Fleck. Aber ein kollektiver blinder Fleck?

Nur in der Modelschow selbst blieben sie verschwunden.

Ein Attentat! Ein Attentat auf die Mode, auf das zeitgemäße Stylen der Menschen, auf die modernen Zeiten.

Ja, die modernen Zeiten.
Aber, wer war dafür verantworlich?

Der Feind! Dem traute man alles zu.
Unsichtbare Scherendiebe!
Und so ging es weiter mit den Erklärungsversuchen. Inzwischen waren schon ganze 31/2 Stunden vergangen und die Frauen hatten ihre langen Haare immer noch.
...

Juliane verließ ihren Platz auf der Tribüne. Sie ging hinunter ins Auditorium.
Keiner hielt sie auf. Bei dem ganzen Durcheinander hier.

Dann stand sie unten, zwischen den Frisierstühlen.

Moderator A: "Wer bist du denn? Was willst du hier?"

"Ich bin diejenige, die das alles bewirkt hat."

Das konnte ja jeder erzählen. Nein, für heute war erst einmal Schluß.

Security B3a: "Verlassen sie augenblicklich das Auditorium, gehen sie zurück auf ihren Sitzplatz!"

"Wollen sie nicht einmal wirklich lange Haare sehen, die Haare der Rapunzel?"

Juliane begann, ihre Haare zu öffnen.
Nach wenigen Sekunden war sie beinahe völlig unter ihren Haaren verschwunden. Offene lange Haare, die meterlang sein mussten. Dann verteilte sie ihre 20 Meter langen Haare um sich herum im Raum.

Security und Moderatoren standen einfach nur da, wie eingefroren. Vielleicht war der optische Eindruck auch nicht ganz falsch.

Und dann ging das Licht aus. Julianes Haare leuchteten aus sich heraus. Es wirkte märchenhaft schön, Haare wie leuchtende Diamanten, in allen Farben des Spektrums. Alle spürten das besondere dieser Situation und sie wurde über die Medien bis in den letzten Haushalt übertragen.

Und die Zuschauer im Raum? Sie staunten nur, sagten nichts, so etwas hatten sie noch nie gesehen.

Es war schön, unbeschreiblich schön. Schönheit, die bei manchen gar nicht erst den Wunsch erzeugte, sie alleine besitzen zu wollen. Sie einfach nur wahrnehmen, angucken und bewundern und damit glücklich zu sein. So ein Gefühl, es war einfach da und sie erkannten, wie sehr sie es in ihrem Leben vermisst hatten.
...

Juliane: "Seht, das Schöne, es existiert und es kann von euch wahrgenommen werden. Ist das nicht großartig?"

Die Gesichter der Menschen, sie drückten Erstaunen und Freude aus, aber auch Skepsis. So lange Haare, sie sind feenhaft, ein Märchen, aber in der Realität? Man muss doch verrückt sein, wenn man so lange Haare haben will. Für irgendetwas anderes bleibt dann keine Zeit mehr übrig. Nur Milliardäre können sich so etwas leisten, mit einem Hofstaat von Bediensteten, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, die Haare zu pflegen. Dann doch lieber ein Mönch, der allein jahrelang unter einem Baum sitzt, oder in einer Höhle lebt. Und die Qual mit den Haaren, sie entwirren zu müssen, sie zu waschen, das geht doch gar. Es wäre eine Hölle, niemals ein Paradies.

Warum nur müssen sie immer versuchen, alles auf sich selbst zu übertragen?

Ist es denn nicht auch verrückt, Schmuck und Diamanten zu horten? So viel Besitz zu haben, dass man gar nicht mehr weiß, wie man damit die Mülltonnen voll bekommen soll?

Eine Stimme aus dem Hintergrund. "Ist es nicht egoistisch, dies alles für sich haben zu wollen. Sieh, wenn ein Kind, dass alle seine Haare verloren hat, ein Teil dieser Schönheit für sich hätte, wäre es nicht so viel mehr?"

Die Bilder auf der großen Leinwand wechselten.

Juliane: "Ich kann es nicht aufteilen, wenn ich es zerteile, ist es verloren. Die Teile zusammen ergeben nicht das, was das Ganze ausmacht. Nur die Haare als Gesamtheit leben. Die kleine Stücke könnten nicht mehr aus sich selbst heraus leuchten, sie wären nur noch totes Material. Und die Freude, die ich bereiten könnte? Ist denn der Verzicht die einzige Möglichkeit, Freude zu bereiten? Für mich sind sie keine Qual, die Gesamtheit der Haare ist paranormal, sie pflegen sich selbst und ich kann damit viel Gutes tun, sogar Leben schenken. Ich denke, wir müssen auch das Schöne bejahen können, warum sollte das Leben uns sonst so etwas schenken? Und wenn wir es dann immer noch nicht schaffen, den anderen zu helfen, ich glaube, dann hat das Schöne wirklich seine Bedeutung verloren."

Arinette: "Für dich magst du ja recht haben, aber ich will das nicht. Wenn andere nichts haben und ich so viel, ich will das ganze dann auch nicht mehr."

Juliane: "Da du es so siehst, wie sollte ich dir widersprechen können? Aber bitte versuche nicht andere davon zu überzeugen, dass es der einzig mögliche Weg ist."

Justus: "Leben schenken? Übertreibst du da die Bedeutung der Haare nicht gewaltig?"

Juliane: "Nein, was ihr hier seht, es hat einen spirituellen Hintergrund. Es ist eine Offenbarung. Ich bin eine Janine. Was das genau bedeutet? Ich weiß es noch nicht. Es hat eine kosmische Bedeutung, die ich noch kennenlernen werde. Da ich ein Kind dieses Planeten bin, kann ich euch daran teilhaben lassen, wenn ihr wollt. Wenn nicht, dann werde ich einfach nur verschwinden. Belästigen möchte euch nicht, nicht mit Dingen, die ihr nicht haben wollt."
...

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