Arianne 214 - Gody
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Gody

Gody war eine multiple Lebensform. Ihr Bewusstsein erfasste die Lebewesen eines ganzen Universum, und das waren mehr als 12 Milliarden Lichtjahre von einem bis zum anderen Ende.
Und 20 Milliarden Jahre in der Zeit.

Mehr Zeit als Lichtjahre?
Warum nicht?

Mit dem Urknall des Universums war ihr Bewusstsein erwacht, für diese Welt.
Und am Ende? Wenn alles zu einem singulären Teil kollabieren würde?

Sie wusste es nicht, nur eine Ahnung von dem was kommen könnte, es war Teil ihres Selbst.
Vielleicht würde sie schlafen, bis ein neues Erwachen sie hineinwarf, in ein neues Leben.

Sie hoffte nur, dass es nicht mehrere Wesen sein würden, die dabei entstanden. Die Blasen aus denen sich ein Universum bildete, es musste ja nicht auf einen Urknall beschränkt sein. Dann war die große Frage, Vereinigung oder Kampf um Dominanz? Nein, das mochte sie nicht. Aber tief in ihrem Innern spürte sie auch diese Möglichkeit.

Es gab auch die Möglichkeit einer Zersplitterung, ohne dass sich ein eigenes umfassendes Bewusstsein bilden konnte. Dann entwickelten sich die Dinge ohne sie. Ob sie dann immer noch existieren würde, ohne eigenes Bewusstsein?

Vielleicht, Existenz war nicht notwendig an Bewusstsein gekoppelt und Bewusstsein nicht unbedingt an Existenz. Es gab aber auch keine absolute Gewissheit für beides.

Bewusstsein ohne Existenz?
Ausgeschlossen ist es nicht.

Anfang und Ende ihres derzeitigen Universums waren nicht genau fixiert. Sie selbst scheute davor zurück, Raum und Zeit außerhalb ihrer Lebenssphäre auszuloten.

Gab es denn Raum und Zeit, unabhängig von ihrem Universum?
Es gibt immer etwas hinter den Dingen, wenn es Dinge gibt.

Gody lebte und erlebte zahlreiche Lebensformen auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsständen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie erlebte alles, simultan, nacheinander, manchmal auch in der umgekehrten Reihenfolge, wie es die Kausalität der Zeit eigentlich bestimmen wollte.

Und das alles zusammen? Das machte dann ihr Eigenbewusstsein aus?

Ja, das Bewusstsein einer Göttin. Sie sah alles vor sich, erlebte sich selbst als allesumfassend und es machte ihr Freude.

Freude, ein Gefühl, dass ihr Eigenbewusstsein ganz ausfüllen konnte.
Dann erstrahlte das Universum in tiefem Blau. Nur, wer außer ihr konnte das sehen?

Freude ohne Leid? Kann sie denn absolut sein?
Nein, sie erlebte auch das Leiden der Lebensformen und ihren Tod. Die Verzweiflung. Wenn sie ihr ganzes Bewusstsein ausfüllte, das Universum versank dann in einem tiefen Schwarz.

Der Tod. Die Bewusstseine der Leben verschwanden mit dem Leben aus ihrer Wahrnehmung. Gab es sie dann nicht mehr?

Das, was sie wahrnehmen konnte, es war an das Leben gebunden.
Gody, die Göttin des Lebens.

Die Lebewesen, sie konnten sie spüren, wenn sie es wirklich wollten. Und sie half ihnen dann, manchmal, in ihren Problemen. Wenn sie nicht weiterwussten oder verzweifelt waren.
Aber oft konnte sie auch nicht helfen. Die Bewegungen in der Zeit. Manchmal erschienen sie ihr wie ein gewaltiger breiter und tiefer Strom aus Wasser, den sie mit bloßen Händen aufhalten oder verändern wollte. Nein, das ging nicht. Ihre Hilfe, sie geschah individuell.

Ein Schmerz, den sie stillen konnte oder ein kleines Licht der Freude, das sie entzündete.
Und die kleinen Wesen, sie liebten sie so sehr dafür. Sie waren so dankbar, wenn sie sie spüren konnten.

Manchmal verabschiedeten sich die Lebewesen von ihr. Es wäre jetzt soweit, sie müssten gehen.
Sie dankten ihr für die schöne Zeit, für die Hilfe, die sie erfahren durften und es täte ihnen so leid, sie zu verlieren.

Es machte sie dann so traurig. Der Preis für ihr langes Leben, er musste nun von ihr bezahlt werden.

Manchmal war dann so viel Verzeiflung in ihr, dass sie sich nur noch nach der ewigen Ruhe und den ewigen Frieden sehnte. Sie neidete dann die kleinen Wesen um die Erfahrung des Todes.
Aber die vielen anderen, sie brauchten sie. Sie spürte dann wieder das Leben und sie überwand diese Gedanken. Was sie nicht wusste, es war ihr Beitrag für das Leben und für die Existenz, den sie dabei leistete.

War der Tod denn die Bestimmung des Lebens? Gab es kein ewiges Leben?
Nein, nicht für die kleinen endlichen Geschöpfe, die innerhalb der Raum-Zeit eines Universums lebten. Sie existierten und hatten ein Bewusstsein, aber nur für eine begrenzte Zeit.

Gab es kein Leben ohne den Tod?
Sie wusste es nicht. Sie selbst überlebte ja die anderen.

Wie sehen denn die Anfänge ihres Selbst aus?
Sie verlieren sich im Dunkel der Zeit hinter der Zeit.

Da war etwas, das vorher da war und das auch nach ihr da sein würde. Es gab keine Grenze.
Keine Grenzen in der Vergangenheit und keine in der Zukunft, keine in dem Raum hinter dem Raum. Auch dieses Universum war nur eine Episode. Was danach kam und was vorher war? Sie wusste es nicht. Das hier und das jetzt, es bestimmte ihr Bewußtsein. Das war genug. Sie wollte nicht über die Grenzen hinausgehen.
...

Etwas verdichtete sich im Universum. Wie ein Geschwür breitete es sich aus und verschluckte die umgebenden Raum-Zeit-Bereiche.
Die Zukunft. Gody durchleuchtete den Strom der Zeit. Nein!!! Eine imperiale Macht drohte alles zu vernichten, was sich ihrem Expansionsdrang widersetzen wollte. Mehr als das, jede Form gedanklicher Freiheit wurde suspendiert. Das System durfte nicht unterminiert werden!

Jeder Gedanke hatte sich dem großen Ziel unterzuorden! Alles musste daran arbeiten! Das Endziel der Evolution war erreicht! Der Grundstein für eine das Universum umfassende Ordnung konnte geschaffen werden!

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So viele Ausrufungszeichen !!!

All ihre lieben kleinen Geschöpfe, denen sie die Freiheit des Denkens beigebracht hatte, sie drohten ausgelöscht zu werden.
Drohte? War es nicht schon längst geschehen, in der Zeit?

Welchen Punkt der Raum-Zeit definierte Gody denn als Gegenwart?
Ihre Eigenzeit. Sie orientierte sich an der Expansion des kosmischen Hintergrundes. Zurück bis auf das Entstehen von Wirkungs-Momenten nach dem Urknall, in denen sich der Strom der Zeit manifestierte und in Bewegung setzte.

Und davor?

Singuläre Raum-Zeit. Alles und nichts. Erinnerungen.

Erinnerungen woran?

An die Träume. War das Gegenwärtige nicht aus den Träumen entstanden?

...

Und Gody stoppte den Strom der Zeit.

Das kann sie doch gar nicht!

So?

...

Alles wirkte wie eingefroren. Die große imperiale Flotte, bereit einen Vernichtungsfeldzug zu starten. Antriebslos und energielos schwebte sie im Raum.
Gody hatte den Verantwortlichen schnell herausgefunden. Er war ein Teil ihres Multibewusstseins.

Imperator Imperior.

Gerade hatte er sich für einen Moment der Ruhe zurückgezogen, in seine ganz privaten Räume.
Berauscht von den Gefühlen der Macht. Er legte sich in sein Bett und schloß die Augen. Träume von seiner eigenen Größe erwarteten ihn, so wie jede Nacht.

Aber irgendetwas stimmte hier nicht.

Er öffnete seine Augen ... und er war nicht allein. Eine lebendige Skulptur stand direkt vor seinem Bett.

<< Imperator. Es ist Zeit für einen Wandel >>

"Wer bist du? Wie kommst du hier herein. Eine Skulptur, die reden kann?"

Die Situation verunsicherte ihn total. So etwas war nicht vorgesehen, so etwas durfte es gar nicht geben. Seine Privaträume waren der am besten gesicherte Ort im ganzen Imperium und sie wurden permanent überwacht. Warum meldete sich seine Leibgarde aus Neutrino-Robotern nicht???

<< Wir sind hier ganz ungestört. Der Strom der Zeit, er steht still. Nur wir beide bewegen uns noch >>

"Aber ... "

<< Was du gedanklich nicht erfassen kannst, ich weiß, all das willst du vernichten. Aber nun hast du eine Grenze erreicht, die deine Ansprüche zurückweist >>

"Du bist eine Grenze?"

<< Ja, für dich. >>

"Wer bist du?"

<< Gody >>

Er dachte nach. Gody, irgendetwas klingelte in seinem Gedächtnis. Ganz weit hinten, fast unsichtbar. Er spürte einen Schups in seinem Gehirn und es wurde ihm bewusst.

Gody? Die Sekte der Unbelehrbaren. Hatte er sie nicht schon längst ausgelöscht? Sie träumten von einem Wesen, das das Universum umfasste. So ein Unsinn. Es gab nur die eine Wirklichkeit, die er kannte. Und sie beinhaltete keinen Gott. Alles musste mühsam erkämpft werden. Das Streben nach Dominanz gegen die Willkür des Zufalls, gegen die Zähigkeit des Unterganges. Aber nun stand er an der Schwelle zu etwas großem, etwas, dass ihm Macht über weite Teile des Universums sichern würde.

<< Dies ist mein Universum, nicht deins. Ich spüre dich in mir. Dein Streben nach Macht, du weißt nicht, was du damit anrichtest. Ich zeige es dir >>

Und Gody öffnete das Archiv der Zeit.

Imperior schrie auf. Er krümmte sich vor Schmerz, fiel aus dem Bett.
Gody zeigte ihm alles. Raumschlachten, explodierende Planten, das Leiden der Sterbenden  ...
...

Dann kam es zu einer rekursiven Katastrophe.

Gody, Gody was ist das? Panik erfasst sie.
Sie sprach zu sich selbst.

Das Wesen in ihr, sie spürte den Schmerz in sich, den sie bewirkt hatte. Und über das Wesen sah sie sich selbst und in sich drin wieder dieses Wesen und ... es gab kein Halten mehr. Ein Spiegel in die Unendlichkeit.

Sie war doch nur ein endliches Wesen, wie sollte sie eine unendliche Rekursion aufhalten können? Irgendwann würde der Schmerz sie zerreißen.

Sie unterbrach die Verbindung. Aber das Echo, es hallte weiter in ihr fort.
Gody weinte. Es tat so weh :-(((



Eine weinende Göttin

Etwas musste geschehen.

...

Imperior spürte den nachlassenden Schmerz. Der Schock saß noch tief in ihm drin, aber war er nicht der Große, Starke, Unbesiegbare ... Meister aller Kampfsportarten in allen Klassen. Er raffte sich auf. Dann sah er Gody auf dem Boden liegen. Völlig regungslos.

War das nicht die Gelegenheit für ihn? Ohne diese Gody, wer sollte ihn dann noch aufhalten?
Ohne zu denken griff er sie an, drückte ihr die Kehle zu. So, nur noch ein Moment, dann gibt es dich nicht mehr.
...

Gody spürte den Griff. Ja, das konnte die Rekusion unterbrechen. Aber wenn sie jetzt starb, was geschah dann? War es, wie am Ende des Universums, wenn sie in einen tiefen Traum versank, oder war sie dann wirklich tot? Verweht, verbrannt, nur nach Asche in der Zeit hinter der Zeit?

Sie spürte ihre Lebenskraft erlahmen.
...

Imperior spürte Schwäche in sich aufsteigen. Die Kraft in seinen Händen, sie verschwand. Er spürte den Hauch des Todes in sich aufsteigen.
Was war denn das? Hatte Gody vielleicht doch Recht und er brachte sich nun selbst um?

Er wurde zu schwach, um noch länger zudrücken zu können. Er lies Gody los und fiel auf die Seite.

...

Gody spürte, dass der Druck nachlies. Der Schatten des Todes, sie hatte ihn bereits gesehen. In ihrer Verzweiflung betete sie zu einer Göttin, zu einer Göttin, die sie gar nicht kannte.
So wie die kleinen Wesen ihres Universum oft zu ihr gebetet hatten.

<< Bitte, bitte, liebe Göttin, bitte hilf mir, ich bin so schwach. Ich möchte nicht sterben, ich liebe das Leben doch so >>

Und es geschah.

Der Schatten des Todes, er wurde transparent und verschwand. Sie sah ein Licht, ein Licht das sie streichelte. So glücklich hatte sie sich noch nie gefühlt und sie versank in einen tiefen Schlaf.
...

25 Stunden später. Gody erwachte und sie spürte, dass sie lebte. Neben ihr lag Imperior auf dem Boden. Ob er noch lebte? Nachdem er sich selbst fast umgebracht hatte?

Ja, sie spürte das Leben in ihm.
Zeit, zu gehen. Sollte er seine Erinnerung verarbeiten.

Aber konnte sie darauf vertrauen, dass er in irgendeiner Weise geläutert war? Der Strom der Zeit, es gab keine Fortsetzung für diese Situation. Sie wusste nicht, wie es ausgehen würde.
Sie selbst musste dem Strom eine Orientierung geben.

Dabei gab es ein Problem. Wie sollte sie den Strom der Zeit wieder in Bewegung setzen? Sie wollte doch das Leben weiterführen, das sie kannte und all ihre kleinen Wesen weiterhin betreuen und sie lieben ... aber ... wie?

Sie hatte durch das Anhalten der Zeit ihre Eigenzeit suspendiert und war nun ein zeitloses Wesen.

Mann oh Mann.

Aber wen meinte sie damit?

Nein, die liebe Göttin, die sie gespürt hatte. Sie würde sich auf die Suche nach ihr machen. 
...

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