Arianne 228 - Verweigerung

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Verweigerung

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Die erste Frage in ihrem Leben konnte nicht eindeutig beantwortet werden: "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?"
Die Ärzte wollten sie gleich operieren.

Die Mutter der Kleinen: "Operieren? Wohin denn? Wenn diese Frage doch gar nicht beantwortet werden kann?"

Ketzerische Gedanken tauchten auf: << Vielleicht dahin, was am einfachsten erscheint, oder was den meisten Profit verspricht. Oder ist es vielleicht nur ein Experiment? >>

Joshua der Ältere, ein Bruder der Kleinen: "Nicht so schnell. Wir müssen darüber nachdenken und reden ... mit unseren Familienmitgliedern, den Freunden, den Priestern".

Oberdoktor Husarius der Wissende: "Aber ... die Naturwissenschaften, wir wissen doch heute, warum und wieso und wie wir es korrigieren können."

Antworten der Ärzte. Joshuana die Jüngere war nicht dumm, schließlich studierte sie Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie.

Sie sah dieses kleine schutzlose Wesen und die Skalpelle in der Hand der Ärzte ... brrrrr.

Joshuana: "Was wisst ihr schon? Seid ihr Gott? Ist es nicht auch immer die Evolution, die etwas anderes hervorbringt, etwas Neues, wenn man schon glaubt, alles zu wissen?"

Die Priester weigerten sich. So blieb das kleine Wesen erst einmal so wie es war.

Es?

Ein kleines Mädchen mit ... nein, darüber sprach man nicht. Lisarola eindeutig machen? Nein! Es ist Gottes Wille und niemand hat das Recht, daran etwas zu ändern.

So hat die Religion doch auch manchmal ihre guten Seiten. Was konnte die akademische Rhetorik eines Mediziners schon dagegen ausrichten?

Was für eine Religion ist das denn? Eine, die Beschneidungen fordert, aus welchen Gründen auch immer, offenbar nicht. Oder?

Wir glauben an das Wesen der Existenz, an die allesumfassende Kraft, die in uns ist und die uns leitet.

Ahja, Gläubige der Arianne?

Warum Arianne? Es kann auch eine andere Göttin sein, aber kein Gott. Nein, wir glauben an das Weibliche als Quelle der Existenz. So wie sich das Männliche sich in der Welt verhält ... es scheint eher eine Fehlentwicklung zu sein.

Ach, daher die Verweigerung einer Geschlechtsumwandlung zum Jungen auf Anraten der Ärzte. Aber es wäre doch so einfach, das männliche Attribut einfach verschwinden zu lassen. Wenn euch das Weibliche so wichtig ist?

Nein. Wir verurteilen nicht das Männliche an sich. Es ist die Erscheinungsform des Männlichen in der Welt, die wir in ihrer allgemeinen Form so nicht akzeptieren. Aber wir glauben an die Lernfähigkeit aller Menschen, es ist Teil ihres Wesens. Und dieses Wesen, wir wollen es nicht verändern, zerschnippeln, kastrieren und was euch sonst noch so alles einfällt.

Und das Weibliche? Ist diese Spezies denn so viel besser?

Nicht in allem. Aber es ist leichter für uns, einer Göttin zu folgen. Das Weibliche verkörpert für uns nicht die Eigenschaften des ewigen Kriegers, dem wir nicht folgen wollen. Und wir wollen keine Allmacht des Patriarchats, die das Männliche so wichtig nimmt und dem Weiblichen nur eine Nische in der Existenz einräumt.

Und Athene? Die Göttin des Krieges?

Was wisst ihr über Athene? Das, was überliefert wurde oder das, was daraus gemacht wurde. Jede neue Religion interpretiert die alten so um, dass sie selber im besten Licht erscheint. Und das soll die Wahrheit sein?

Wir akzeptieren die Menschen so wie sie sind. Nur das Spirituelle in uns, es ist unsere Wahl, welcher Göttin wir folgen wollen.

Und all die anderen Weltreligionen?

Warum müssen wir ihnen folgen? Sie widersprechen sich gegenseitig. Was dem einen Gott ist, kann des anderen Teufel sein. Sollte es dort wirklich nur eine Wahrheit geben? Welche ist es dann? Und warum gehen die anderen dann fehl? Ist man denn schuldig, wenn man nicht weiß, zu wem man beten soll und dann den falschen Gott wählt?

<< Es gibt da so eine Episode in South Park ... >>

Es ist die Kraft des Glaubens, die die Wahrheit vermittelt.

Ja, bitte, welche denn? Weil du deinem Gott glaubst, muss der die Wahrheit repräsentieren? Nein, ich denke diese Art von Wahrheit ist nur eine Sichtweise, die sich ändern kann. Und unser Glaube, er läßt den Glauben von anderen Menschen zu und auch den Zweifel. Unsere Göttin lässt es zu, wenn wir an ihr zweifeln. Sie ist dann nicht mehr präsent. Und manchmal, manchmal ist sie einfach nicht mehr da. Wir wissen nicht, warum es so ist, aber sie hilft uns so oft, in unsere Verzweiflung, darum lieben wir sie.
...

So wuchs Lisarola heran und niemand strafte sie für ... ihre Besonderheit. Es musste ja auch nicht jeder davon wissen. Schließlich gab es Kulturen, in denen es ganz normal war ... etwas anders zu sein.

Man hatte sich informiert!

Dann kam die Pubertät ... und ... sie blieb, wie sie war. Ein hübsches junges Mädchen.

Diese dummen Ärzte. Einen Jungen hatten sie aus ihr machen wollen!

Und das gemeinsame Nacktbaden?

Nein, gemeinsames Nacktbaden war nicht erlaubt, die Religion verbot es. Und überhaupt wird es Zeit, dass hier wieder Sitte und Anstand einkehrt! Jungen und Mädchen gemeinsam nackt in der Badenastalt.

Nein sowas, früher gab es das nicht.

Warum jetzt diese Moral?

Wir müssen unsere Lisarola schützen!
...

Lisarola hatte sehr lange Haare. Sie umrahmten ihren Körper. Sie konnte sich völlig darin einwickeln. Viele beneideteten sie darum. Als Junge hätte man ihr alles abrasiert. Jungen mit langen Haaren, das verbot schon die Schulordnung.

Also Mädchen bleiben wollen, um die langen Haare nicht zu verlieren?

Warum müssen Jungen kurze Haare haben? Es ist kein Naturgesetz. Es straft all jene, die ihre langen Haare lieben, und davon gibt es viele.
Begründet wird es mit Ordnung und Disziplin
... und einigen nicht unbedingt nachvollziehbaren Vorstellungen.
Ordnung, Disziplin, sind das nicht militärische Begriffe? Als wenn das alles ist, was das Leben ausmachen kann.

Aber viele der Jungen haben doch freiwillig kurze Haare.

Und warum müssen sich dann die wenigen, die lange Haare wollen, dort einordnen? Warum muss jeder männliche Teil der Gesellschaft, wenn er lange Haare hat,  seine langen Haare rechtfertigen?

Weil die armen Frisöre sonst noch ärmer sind?
...

So durchlebte Lisarola ihre Schulzeit mit den langen Haaren, und es war eine glückliche Zeit. Die erste Liebe? Ja, es gab sie. Aber sie liebte ein anderes Mädchen und das erwiderte ihre Zuneigung.

Nun, ein bisschen gleichgeschlechtliche Zuneigung in jungen Jahren, darüber sah man hinweg.

Bei Mädchen!

Doch die Liebe blieb nicht rein platonisch. Sie küssten sich und streichelten sich und ...
Sie hatten sich vorher ausgesprochen. Hellaria wusste um die Besonderheit von Lisarola. Schließlich war man beste Freundinnen und ... sie liebten sich! Jede Faser ihrer körperlichen Existenz. Und da sollte etwas ausgespart bleiben?

Nein. Es war schön, zusammen zu sein, vollkommen nackt und fragil und so wunderschön geborgen. Und wissen wir denn so genau, wie Hellaria beschaffen ist?

Sie waren sich beide sehr ähnlich und sie hatten sich gefunden.
...

Ein Nacktbild von beiden in der Aula. Jemand hatte sie heimlich gefilmt, als sie sich liebten. Und nun ... riesige Aufregung?

So etwas in diesem anständigen Ort.

Dabei war das Bild nur verschwommen und undeutlich. Man musste schon hineininterpretieren, was man sehen wollte.

Was würde nun mit den beiden geschehen?
...

Die beiden beim Direktor im Zimmer.

So ein Lotterleben und überhaupt. Wie konnten sie das nur verbergen, vor all den anderen. Am Ende kam es dann doch heraus! Die Porno-Industrie hätte Verwendung für sie. Da könnten sie eine Menge Kohle machen. Als Liebespärchen mit superlangen Haaren und ... nein, darüber sprach man nicht.

War das nun Zynismus oder ein ernst gemeinter Vorschlag?

Die Ärzte würden ihnen weiterhelfen, aber diese Zügellosigkeit, schamlos, splitternackt und dann auch noch ... Nein, so etwas ging nun überhaupt nicht. Man würde sie versetzen, an einen anderen Ort, nach Hutzendubelfeuerbach, weit weg ... nachdem die Ärzte die Dinge gerichtet hätten.

Damit waren sie erst einmal entlassen. Aber die ganze Stadt wusste nun Bescheid ... konnten sie sich überhaupt noch auf die Straße wagen?

Es war nicht so schlimm, wie sie es erwartet hatten. Manche Blicke, sie lächelten ihnen sogar zu.

Und selbst in der Schule. Sie wurden nicht verlacht und angepöbelt ... war es vielleicht doch eher so, dass die Autoritäten damit nicht klarkamen?

Nur, wovon sollten sie leben? Wer würde sie einstellen? Ohne abgeschlossene Schulausbildung.
Bekannt in der ganzen Stadt als Andersartige, die sich weigerten normal zu sein?  Und es kommt ja noch schlimmer, sie verkörperten nackte, homosexuelle Liebe.

War es nun lesbische Liebe zwischen den beiden oder ... ?

Das entscheiden die Gene! Es ist an der Zeit für einen Gentest.

Aber, sie fühlten sich doch so weiblich und ... ein bisschen männlich.
Ist Liebe zwischen gleichen Geschlechtern denn verboten, in diesem Land?

Was genau ist das Geschlecht?

Diese Frage ... sie fühlten sich als Menschen, als Wesen die beiden Geschlechtern zugehörig waren.

Aber, sie sahen aus wie Frauen!

Es muss aber nicht so bleiben, sie sollten sich entscheiden. Die eine als Mann, die andere als Frau, dann hätten sie die passenden Geschlechter. Die Presse würde ihre Rückkehr feiern, in das Boot der Normalität. Ja, was die Medizin heute alles zu leisten vermag!

Das soll normal sein?

Sie wollten sich nicht verändern. Sie mochten sich so, wie sie waren. Und sie waren stolz darauf.

Ach, ein bisschen Medizin und die Einstellung ändert sich. Ein paar Operationen und alles passt wieder zusammen. Man muss nur ein wenig nachhelfen, wenn die Natur es nicht alleine schafft.

Nein. Sie wollten das nicht.

Das nächste Gespräch mit dem Direktor.

"Mmmmhmh. Wenn ihr so stur seid. Vielleicht sollte man eurem Glück etwas nachhelfen?"

"Wir werden das niemals akzeptieren. Wenn ihr uns umbringen wollt, warum dann nicht gleich hier. Bestimmt fällt euch das passende Vergehen dazu ein."

"Das Vergehen ist schon da. Erregung öffentlichen Ärgernisses. Wir können euch so gar nicht auf die Straße lassen. Die Geradlinigen könnten euch angreifen, vielleicht sogar lynchen. Ihr seid als Fehler erkannt worden, der korrigiert werden muss. Wie kann sich ein Fehler weigern, sich korrigieren zu lassen? Wovon wollt ihr leben? Soll euch die staatliche Fürsorge ernähren? Nicht einmal in der alternativen Kneipenszene habt ihre eine Chance. Es gibt hier nichts, wo ihr hineinpasst."

"Dann wandern wir aus. In ein anderes Land, wo wir leben dürfen. Es gibt ja Kulturen, in denen unsere Art akzeptiert wird, als Teil der Gesellschaft."

"Asyl in einem fremden Land? Aber wir sind doch das Land der Freiheit."

"Freiheit, ja, wenn sie passt. Es gibt Länder mit einer anderen Freiheit, die ihr euch noch nicht einmal vorstellen könnt."

"Wenn das die Presse mitbekommt ... Ja, es könnte gehen. Aber ihr wisst, dass sich die ...  in diesen Ländern sich sehr oft in der Pornoindustrie wiederfinden?"

"Es wird nicht die einzige Möglichkeit sein, dort zu leben. Und wir sind doch nicht dumm, wir werden lernen uns zu behaupten. Wir sind glücklich mit dem, so wie wir sind. Warum könnt ihr uns nicht einfach so lassen, wie wir sind?
...

In einem fremden Land, in einer fremden Kultur. Sie hatten den Weg gefunden und ... man hieß sie willkommen.

Zunächst war da ein Kloster. Wenn sie ihre langen Haare scheren würden ...

Nein!!! Wir wollen uns so, wie wir sind. Wir lieben unsere langen Haare. Warum verlangt euer Gott eine Glatze? Und überhaupt, der Obere mit seinem dicken Bauch. Nur vom Meditieren allein wird das wohl kaum kommen.

So blieben sie draußen. Der Obere kannte keine Kompromisse.

Und nun?

Sie hatten doch so viel Wissen in sich, über ihre eigene Kultur, das, was sie in der Schule gelernt hatten. Warum es nicht weitervermitteln? An jene, die es dringend brauchten und die keine Möglichkeit hatten, Wissen zu erwerben.

Für einen Laib Brot und ein Bett für die Nacht?

Warum nicht? Wenn sie als Menschen so leben durften, wie sie es sich wünschten.

Und es funktionierte!

Ob ihre Göttin da ein wenig nachgeholfen hat?
...

Lisarola und Hellaria

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