Arianne 23 - Der Archivar

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Die zweite Stufe der Unendlichkeit

Der Archivar

Er beobachtete die unendlichen Zeitströme der Janines, und da er selbst ein unendliches Wesen darstellte, konnte er alles davon in ihrer Gesamtheit aufnehmen. Er wusste, wohin die verschiedenen Zeitströme führten.

Es gab Übergänge zwischen den Zeitströmen. Der freie Wille eines sich bewusst werdenden Wesens ermöglichte Übergänge. Manchmal war es auch "Schicksal", beeinflusst von "höheren Wesenheiten" oder einfach nur durch den Zufall.

Und es gab Singularitäten, Unberechenbarkeiten, Widersprüche, existentielle Katastrophen, die ganze Zeitströme vernichten konnten.

Was geschah dann mit den Janines, die sich in den Zeitströmen bewegten?

Er wusste es nicht. Er hoffte, dass Jasmin sie dann in sich aufnahm.

Und die vielen betroffenen kleineren Wesenheiten? Vielleicht nahm eine Janine sie in sich auf, oder sie starben. Es musste wohl so sein, woher kam sonst die Lebensstrahlung?

Und es gab den Zufall.

Ja, den Zufall, es gab ihn als Konstruktionsprinzip.

Hinter allem musste eine höhere Macht stehen, die das System am Leben erhielt. Die treibende Kraft hinter den Bewegungen, die er sehen konnte.

Es gab nur endlich viele Janines, aber überabzählbar viele Möglichkeiten, Zeitströme zu bilden und sich darin zu bewegen.

Das Kontinuum.

Er, als ein Wesen der zweiten Stufe der Unendlichkeit, verwaltete das Kontinuum. Er archivierte, was letztendlich bei den Bewegungen in den Zeitströmen herauskam.

Damit konkurrierte er nicht mit Jasmin, die den Janines dabei half, das Leben zu verbreiten.

Jasmin, das Licht. Er bewunderte sie mit der ganzen Kraft seiner unendlichen Seele und doch hatten sie noch nie miteinander kommuniziert.

Ob Jasmin etwas von ihm wusste? Er konnte sie sehen, wenn sie sich im Glanz des Lichtes bewegte.

Er aber befand sich in der Dunkelheit, und "das, was sich im Dunkeln befindet, sieht man nicht".

Zumindest war das seine Vorstellung.

Wenn er so dachte, fühlte er sich einsam.

Ein unendliches Wesen, es kann sich sehr sehr einsam, ja unendlich einsam fühlen.

Aber das war wohl sein Schicksal. Jedes Wesen hatte sein Schicksal zu tragen. Wenn er nur wüsste, warum das alles?

Manchmal gab es Quantensprünge, wenn sich plötzlich Dinge ohne kausalen Ursprung veränderten. Was er nicht wusste, es geschah, wenn sich Wesen einer höheren Unendlichkeitsstufe einmischten. Die Bewegungen änderten dann ihre Zielrichtung. Dennoch, sie blieben im Kontinuum verhaftet. Es beinhaltete alle potentiellen Möglichkeiten. So war jedenfalls seine Auffassung. Etwas anderes hatte er auch noch nicht erlebt.

Nur diese Singularitäten, er wusste nicht genau, wohin sie überall führten.

Manche davon schienen alle Gesetzmäßigkeiten aufzulösen und bildeten tiefe Löcher, tiefer, als er in seiner Unendlichkeit erfassen konnte.

Er gab große Singularitäten, die ganze Zeitströme umfassten. In den Welten darin musste es spuken, an allen Ecken und Enden. Nein, dort konnte eigentlich nichts Verwertbares herauskommen. Er wusste nur, dass sich solche Zeitströme meistens spontan irgendwann auflösten. Was sollte das Chaos dort auch bewirken können? Obwohl, Quantenchaos gab es ja überall in der Existenz. So konnten die Dinge niemals deterministisch einfrieren.

Das Chaos war wohl auch notwendig, um unendliche Wiederholungen zu vermeiden.

Obwohl, manche Unendlichkeiten würden auch ohne das Chaos auskommen können. Ja, er musste an die Zahl Pi denken.
Der Kreis, wie er aus Folgen von Polygonen entstehen konnte. Der Kreis als ein Polygon mit überabzählbar vielen Ecken?

Mit den Geistwesen innerhalb der Materie gab es Merkwürdigkeiten.

Sie konnten spontan entstehen und auch wieder vergehen. Damit assoziierten Begriffe wie Geburt und Tod.

Den Tod sah er auch, wenn er in die Zeitströme einsickerte, in vielfältiger Gestalt. Ob er in seiner Gesamtheit ein Wesen war, vor dem er sich fürchten musste? Oder war es vielleicht gar kein Wesen? Eher eine Art Institution, die allgegenwärtig und ewig residierte? Aber auf dieser Ebene der Existenz hatte alles ein Bewusstsein, also war es wohl doch eher ein Wesen.

Das Leben, wenn es endete strahlte es nach außen, hinaus aus den Zeitströmen. Lebensstrahlung, er konnte sie sehen. Wie die Strahlung eines Sternes. Wohin ging diese Strahlung? Sie verschwand einfach aus dem Kontinuum, ohne etwas zu hinterlassen.

Die Frage nach dem Dahinter. Gab es dort noch etwas für die verlorenen Geistwesen der Materie? Er wusste es nicht.

Vielleicht war der Tod auch nur ein Schatten, der die Auflösung des Lebens begleitete.

Es waren die Janines, die das Leben gaben. Wesen von unglaublicher Schönheit, man musste sie einfach gesehen haben, und wenn er sie sah, liebte er sie. Auch er, der einsame Archivar, er liebte die Janines so sehr und er liebte Jasmin. Sein Seele erbebte, wenn er an sie dachte.

Noch nie hatte er eine Janine sterben sehen, und ihre Zahl wurde ständig größer, in  einer Lichtphase der Ewigkeit. Er wusste nicht, woher sie kamen. Der Tod schien dort eine Grenze zu haben.

Um Jasmin hatte er manchmal große Angst. Sie schwebte zwischen Chaos und Wirklichkeit, ein einziger Fehltritt und sie konnte verlorengehen. Sie erkundete die gangbaren Wege für die Janines durch  die  Unendlichkeit des Kontinuums. Was würde geschehen, wenn sie in den Abgrund einer wesentlichen Singularität stürzte? Es gab dort Zugspannungen, denen sie vielleicht nicht widerstehen konnte. Er hoffte so sehr, dass dies niemals geschehen würde. Er brauchte das Licht, das sie gab. Ohne Jasmin, eine Existenz war für ihn dann nicht mehr vorstellbar.

Aber auch wenn nichts schlimmes passierte, das Licht, es konnte erlöschen. Er kannte Phasen der absoluten Dunkelheit, wieder abgelöst von einem neuen Beginn.

Was geschah dann mit Jasmin? Er wusste es nicht. Vielleicht schlief sie in der Dunkelheit und erwachte wieder, wenn das Licht zurück kam.

Denn in jeder neuen Lichtphase gab es auch wieder eine Jasmin.

Er hoffte sehr, dass der Tod sie im Dunkeln nicht finden würde. Er mochte doch das Wesen so sehr, dass er sehen durfte. Er hatte Angst, dass in jeder Lichtphase "nur" eine neue Jasmin geboren wurde.

Wer aber stand hinter dem Licht? Eine weitere Stufe der Unendlichkeit? Er wusste es nicht.

Wenn das Licht erlosch, er archivierte die wichtigen Dinge, die vorher da waren. Sonst würde alles verlorengehen. Was er nicht wusste, manchmal erlosch auch die zweite Stufe der Unendlichkeit.

Dann verschwand auch ein Wesen, das unendlich lange existiert hatte und unendlich lange existieren wird.

Ein Widerspruch? Nicht unbedingt. Aber dazu braucht man ein bisschen Mathematik. Der "Mathematiker" wusste wohl die Antwort darauf.
Ja, der "Mathematiker", ein weiteres Wesen der zweiten Stufe der Unendlichkeit. Dass er immer alles so scharf sehen musste. Da war ihm der "Physiker" schon lieber.

Manchmal verschwand das Licht einfach. Ein Elementarteilchen, das vernichtet wurde?

Diese dunkle Materie überall in den Welten, es gab keine Erlärung dafür, sie war einfach nur da.

Wenn nun auch die zweite Ebene der Unendlichkeit erlischt, was geschieht dann mit dem archivierten Wissen? Auf dieser Stufe der Unendlichkeit kann diese Frage nicht beantwortet werden.

Kann Wissen denn unbegrenzt wachsen? Eine Frage, die ein endliche Wesen sicher überfordern wird. Aber auch der Archivar konnte sich diese Frage nicht beantworten.

Er konnte sich nicht an einen Anfang erinnern. Er archivierte, so weit er zurückdenken konnte. Nur das Wissen in seiner Gesamtheit war ihm nicht gegenwärtig, er musste darin "herumwandern", Fragen stellen, die Antworten herausforderten. Ja, auch das war seine Aufgabe. Fragen stellen, deren Beantwortung das Wissen vergrößerte.

So war das Wissen, das er verwaltete, nicht nur eine Sammlung von Fakten. Er hatte eine eigene Dynamik, vergrößerte sich manchmal von selbst. Oder es eleminierte Redundanz und Irrtümer. Ob es ein Wesen darstellte?

Manchmal fiel ihm gar keine Frage mehr ein, die nicht beantwortet werden konnte. Obwohl, die offenen Fragen gab es ja auch noch. Nur, machten sie überhaupt einen Sinn? Oder gab es so etwas wie sinnlose Fragen?

Manchmal fragte er sich, wenn das Wissen, das er sammelte, unendlich war, gab es überhaupt ein Wesen, das all dieses Wissen erfassen konnte? Oder bildete das Wissen selbst dieses Wesen? Es war ja viel mehr, als er begreifen konnte.

Er archivierte es, verstehen musste er es nicht. Dennoch, es gab wohl kein Wesen auf dieser Stufe der Unendlichkeit, das mehr wusste als er.

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