Arianne 231 - Die roten Vorhänge

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Annabella

Beginn des Zyklus: 221

Annabella im Palast der Allheiligkeit, versunken im tiefen Gebet.

"Annabella, was tust du da? Dieser Ort ist nur den Männern vorbehalten. Es sei denn ... "

Annabellas Geist kehrte zurück, aus der Verbundenheit mit ihrer Göttin. Ihre langen wallenden Haare reichten über ihren Körper bis auf den Boden der Stufen, die zu dem heiligen Altar führten.

"Aber ... Priester, warum denn? Ist SIE nicht für uns alle ..."

P: "Sie? Was redest du da? Das ist Blashemie gegen den allmächtigen Gott."

A: "Allmächtig? Ist Gott allmächtig? Warum geschieht dann all das Böse in der Welt? Und warum ist Gott männlich, woher weißt du das?"

P: "Annabella, es sind die Überlieferungen, die ewigen Weisheiten der Generationen. Du zweifelst am höchsten Gebot. Wenn das die Geläuterten hören würden ..."

A: "Ist nicht das erste Gebot die Freiheit des Geistes?"

P: "Davon verstehst du nichts. Das ist Männersache. Warum bist du hier. Ach ja, du willst deine Haare opfern. Dann schneide sie dir ab und lege sie auf den Altar, oder lass sie dir abschneiden, und büße hinter den roten Vorhängen."

A: "Die roten Vorhänge, weißt du überhaupt, was sich dahinter verbirgt?"

...

P: "Die roten Vorhänge. Niemand kann sie sehen, und doch gibt es sie. So ist die Überlieferung. Nur den Opferwilligen ist es möglich sie zu sehen und den Raum dahinter zu betreten."

A: "Niemand? Sind die Opferwilligen denn Niemand? Und das war es dann auch. Ist jemals wieder jemand zurückgekommen?"

P: <>

A: "Und weiß man etwas über die Verschwundenen?"

P: "Es heißt einige Büßende seien spurlos verschwunden. Man hat sie das Haus betreten sehen und danach ... hat man nie wieder etwas von ihnen gehört. Aber das ist doch Legende. Menschen verschwinden einfach mal, so dann und wann. Annabella, du willst doch nicht wirklich ... Nein, tue es nicht. Es gibt so viele Menschen, die dich lieben."

A: "Menschen verschwinden einfach mal so. Und du willst Priester sein? Die roten Vorhänge, warum sagst du es dann?"

P: "Nur so seine Redensart. Es ist wie eine Beschwörungsformel, die immer und immer wieder ausgesprochen wird.

A: "Und dein Glaube? Wie ist es damit vereinbar? Ist das nicht Aberglaube?"

P: "Das sind schwierige Fragen. Gelehrte haben sich seit Jahrhunderten die Köpfe darüber zerbrochen... "

A: "Und die Ergebnisse dürfen von den Frauen nicht eingesehen werden. Sie sind nur da um zu opfern."

P: "Nein. Du verdrehst alles. Es ist die Weisheit des Allmächtigen, der den Frauen und Männern ihre Stellung in der Gesellschaft gegeben hat."

A: "Und meine Haare? Niemals darf ich dieses Haus mit meinen Haaren wieder verlassen. So bestimmen es die Gebote. Warum nur? Ich will sie nicht hergeben. Wenn ich meine Haare hergeben muss, dann werde ich innerlich zerbrechen, ich liebe sie doch so sehr. Meine Göttin fordert keine Opfer. Sie ist die Göttin des Lebens. Ich suche ihre Nähe, hier an diesem Ort, dazu wurde er doch geschaffen. Und sie hat mich gerufen. Warum macht ihr alles so kompliziert?"

P: "Weil ... bitte, stell doch nicht alles in Zweifel. Ich ... ich verstecke dich. Ich bringe dich wieder hinaus, mit deinen Haaren. Und erzähle niemanden das, was du mir erzählt hast! Sie werden dich für verrückt erklären, einsperren, oder als Hexe brandmarken."

A: "Das willst du riskieren? Niemals hätte ich das erwartet."

P: "Weil, dein Wesen, deine Art, du bist so wunderbar in allem. Und ohne deinen Willen zu leben, das Positive zu sehen oder zumindest zu suchen ... Nein. Das möchte ich nicht. Es ist wider der Natur."

...

Priester und Mädchen, und die Natur. Selbst das allmächtige Gottespatriarchat kann hier an seine Grenzen stoßen.

Plötzlich waren sie nicht mehr allein. Eine fremde Frau hatte das Gotteshaus betreten. Sie saß nun in der letzten Reihe.

Und dann geschah es.

Die roten Vorhänge.

...

Der Priester stand da wie versteinert. Er konnte nicht fassen, was er dort sah. Sein Gehirn arbeitete und arbeitete ...

Annabella schien nicht so mitgenommen zu sein. Rote Vorhänge, die einfach aus dem Nichts erschienen waren. Eine Aufforderung, den Raum dahinter zu betreten?

Nun denn, lassen wir es auf uns zukommen.

Annabella bewegte sich in Richtung der roten Vorhänge.

"Halt. Warte. Bitte."

Die Frau in der letzten Reihe.

Annabella blieb stehen.

Da begann sich der Vorhang zu bewegen und ... eine Gestalt trat daraus hervor.

...

Mit langem zerzausten Haar und einen stechenden Blick. Dieser Blick, mit einem mal hatte Annabella Angst ihre Seele zu verlieren.

Sicher nicht ganz unbegründet.

Die Frau aus der hinteren Reihe stand nun fast direkt neben ihr. Sie fasste nach der Hand von Annabella.

Ein Wispern in Annabellas Verstand.

<< Hab keine Angst, ich bin Laura, ich schütze dich >>.

...

Die Gestalt aus dem Bereich hinter den roten Vorhängen wandte sich nun Laura zu und ... sie schien etwas irritiert.

Etwas?

B: "Ich kenne dich. Du bist Laura Palmer. Wie kommst du an diesen Ort?"

L: "Ich bin hier, Bob. Das genügt. Und ich bin nicht allein."

Ploppp.

B: "Maddy und Herold ... Was seid ihr? Lebende Menschen? Nein, dann hätte ich euch schon vereinnahmt. Geister? Ich bin ein Geist, aber ich erkenne euch nicht."

L: "Kannst du dir vorstellen, dass es Mächte gibt, die über dir stehen?"

B: "Nicht wirklich. Hier entscheidet sich das Schicksal der Gestorbenen. Sie waren in ihrem Leben groß oder klein, am Ende reduziert sich doch alles zu einem Nichts. Was soll dahinter noch kommen?"

L: "Die weiße und die schwarze Hütte. Aber das ist nicht alles."

B: "Hinter mir, dies ist die schwarze Hütte. Die weiße Hütte. Sie ist eine Illusion. Nur eine andere Sicht auf die Verhältnisse hier."

L: "Sie ist mehr als das. Aber davon verstehst du nichts."

B: "Willst du hier als Ritter der weißen Hütte auftreten?"

L: "Warum nicht? Aber es ist nicht so, ich habe die weiße Hütte verlassen."

B: "Du hast was?"

L: "Nichts ist unveränderbar, nicht einmal die Unendlichkeit der Stille. Ich habe das Ende der weißen Hütte erlebt."

B: "Das Ende der weißen Hütte?"

L: "Nicht in dieser Zeit und nicht an diesem Ort."

...

B: "Was hält mich davon zurück, euch zu besitzen?"

L: "Du hast nicht die Macht dazu. Wir stehen außerhalb der Freßhierarchie hungriger Geister."

B: "Ich ... ich kann dich nicht erfassen. Und diese Frau hier, du erzeugst eine Glocke um sie herum, die sie unerreichbar macht. Dabei bin ich von Raum und Zeit unabhängig."

L: "Deswegen bin ich ja hier."

B: "In der Tat. Es hat sich etwas verändert. Aber was geschieht nun mit der ganzen Qual und Lust in der Welt, wenn sie nicht gefressen wird?"

L: "Die Gefühle, sie gehören den Wesen, die sie gebären. Was sie daraus lernen können, es ist ihre Sache."

Es gibt bereits genug Leiden in der Welt. Wir brauchen keine zusätzlichen Parasiten, die das ganze in ihrem Sinne verstärken wollen. Aber euch einfach auslöschen? Es würde gehen, nur die Wesen der Existenz, in ihren Irrungen und Wirrungen schaffen sie euch immer wieder neu. Nein, wir müssen behutsamer vorgehen. Diese hier, sie steht unter meinem Schutz. Und ich mache dir die Grenzen deutlich. Das führt dann auch zu ein wenig Selbsterkenntnis. Vielleicht auch zu ein wenig Bescheidenheit. Wozu das immer gut sein mag. Die Wesen der Existenz, ihre Gefühle, sie sollen ihnen gehören. Und so groß wie ihr euch fühlt, seid ihr auch nicht."

B: "In der Tat. Du hast dich verändert. Aus dem kleinen schwachen Mädchen ... das mir sehr viel Spaß bereitet hat. Ich wollte dich besitzen und im Leben wie im Tode bist du mir entwischt."

L: "Ja, ich hatte Freunde. Freunde, von denen ich nicht einmal etwas ahnte."

B: "Mike? Nein, der ernährte sich auch nur von deiner Qual. Und das im Angesicht seiner Gottesgläubigkeit."

L: "Mike hat mich davor bewahrt, dass du von mir Besitz ergreifen konntest."

B: "Was dich nicht vor dem Tode bewahren konnte."

L: "Ja, ich weiß. Aber in der schwarzen Hütte ... etwas hat mich beschützt. Und der Engel, der dann zu mir kam ... Erst dachte ich, er verschwindet einfach wieder und läßt mich zurück. Aber dann ... "

B: "Schon merkwürdig. Der Engel enfernte sich wieder und plötzlich kehrte er wieder um und nahm dich mit. Schade um die ewige Qual, die mir so viel Nahrung gegeben hätte. Nein, aufgefressen hätte ich dich nicht, dafür hattest du viel zu viel zu bieten."

L: "Wie ein Schwein, das gemästet wird. Nur, dass man ihm immer nur so viel Fleisch wegnimmt, dass es ewig weiterleben kann.
Ein Leben in ewiger Qual, aus der mich selbst der Tod nicht mehr befreien kann. Was für eine Hölle ist das? Hatte ich wirklich so viel Schuld auf mich geladen?"

B: "Nun, die Gesetze deines Gottes ... du hast sie verletzt. Und wenn sie streng befolgt werden... Glaube mir, dieser Gott ist nicht nicht das, was ihr in ihm sehen wollt. Ich bin es, der das Schattenreich ganz allein beherrscht."

L: "Nun, für mich ist das alles vorbei. Ich habe ein Wesen kennengelernt, das ihr nicht vereinnahmen könnt und es gibt mir seinen Schutz, jetz hier in diesem Moment. Und dein Schattenreich, es ist begrenzt, es erfasst nicht das ganze Universum. Dazu hat es einfach zu wenig Substanz. Vielleicht diesen Galaxiencluster, aber dann?"

B: "Ach, dann bist du es gar nicht selbst, die diese Macht hat? Wer ist dieses Wesen? Gott wird es wohl nicht sein, denn den gibt es nur in der Illusion. Und was meinen Einflußbereich betrifft, wer sagt denn, dass ich ihn nicht erweitern kann?"

L: "Illusion. Bist du dir deines Selbst so sicher? Meinst du, du bist Realität? Oder vielleicht doch nur ein verwehendes Etwas, zusammengesetzt aus den Inhalten gestorbener Wesen? Der Bereich außerhalb deiner Möglichkeiten, ja, es gibt noch weit üblere Gestalten dort. Und sei dir nicht so sicher, dass sie dich nicht eines Tages fressen werden."

Annabella: "Was gibt es denn sonst noch alles in dieser unsichtbaren Geisterwelt?"

L: "Vieles. Dieses Universum ist ein Spielwiese für Geistwesen aller Art. Zum Glück ist es nicht überall so in der Existenz."

Annabella: "Existenz? Gibt es denn noch mehr, als dieses Universum?"

L: "Viel mehr. Die Welt ist unendlich und sie wiederholt sich nicht, in dieser Unendlichkeit. Aber das ist mehr, als du wissen musst, um hier glücklich zu werden."

Annabella: "Glücklich werden? Als Frau in einer von Männern beherrschten Welt? Ich bin ja schon glücklich, wenn ich höre, es gibt noch etwas anderes."
...

B: "Wollt ihr mich nicht besuchen, auf eine Tasse Kaffee?"

L: "Warum nicht."
...

In der schwarzen Hütte. Ein runder Tisch mit Stühlen und einem Gedeck. Der Kaffee schmeckte ganz gut. Alle paranormalen Abnormitäten schienen erstarrt zu sein.

Und noch ein paar Gäste. Mike, der Mann von einem anderen Ort ...
...

Aber die noch nicht beantwortete Frage, wo befand man sich hier?

L: "Euer Wirkungsbereich ist größer als angenommen. Es ist nicht nur die Erde. Wir befinden uns hier in einer anderen Galaxis, 8,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt."

Annabella: "8,5 Millionen Lichtjahre? Ich habe Astronomie studiert. Was bitte ist ein Lichtjahr?"

H: "Die Entfernung, die das Licht in einem Jahr zurücklegt."

Annabella: "Licht? Woraus besteht Licht?"

H: "Licht. Stelle es dir als ein Teilchen vor, das sich mit einer Geschwindigkeit von 300000 km in der Sekunde bewegt."

Annabella: "Licht ist ein Teilchen? So etwas wie ein Staubkorn?"

H: "Nicht nur. Es ist zugleich auch eine Welle, die sich ausbreitet."

Annabella: "Wie kann etwas gleichzeitig Welle und Teilchen sein? Das ist ja genau so verrückt wie die Gespensterwelt!"

H: "Nun ja. Verrückt ist es" *grins*. "Und die Welt wird immer verrückter, mit der Zunahme an wissenschaftlicher Erkenntnis."

Annabella: "Diese 8,5 Millionen Lichtjahre, kommt ihr von dort her?"

L: "Ja. Dort befindet sich die Milchstraße. Und dort gibt es einen kleinen Ort mit dem Namen Twin Peaks. Dort fing für mich alles an."

Annabella: "Milchstraße? Gibt es dort eine Straße voller Milch?"

Annebella: "Die Milchstraße ist eine Galaxis mit mehr als 100 Milliarden Sonnen. Denke an die Sterne, die du am Nachthimmel siehtst. Jeder der Sterne ist eine Sonne, die ähnlich beschaffen sein kann wie die Sonne, die du am Tage siehst. Sie sind nur sehr viel weiter weg, deswegen wirken sie so klein."

Annabella: "Mmmmmh. Es gibt Theorien der alten Astronomen, die etwas ähnliches besagen. Und nun bist du hier. Schafft dieser Ort so weite Verbindungen?"

L: "Ja, offenbar. Die Türen in der Hütte reichen in weite Fernen."

B: "Wir sind nicht beschränkt in Raum und Zeit."

L: "Aber begrenzt durch dieses Universum. Und dort gibt es nur einen kleinen Bereich, den ihr berührt. Aber das ist bereits zu viel."

B: "Und was willst du dagegen tun, oder, besser gefragt, das Wesen, das hinter dir steht?"

L: "Die Wesen der Existenz, sie brauchen Hilfe, um sich verändern zu können. Die werden wir ihnen nicht versagen. Und ihr müßt nun immer und überall damit rechnen, dass wir eingreifen, um sie zu schützen. Vielleicht, und das hoffen wir, werdet ihr eines Tages einfach überflüssig. Aber das wissen wir nicht so genau. Die Entwicklung ist nicht festgeschrieben, sie wird von den Wesen selbst gestaltet, um die es dabei geht."
...

L: "Es wird Zeit zu gehen."

B: "Wie wollt ihr die Hütte wieder verlassen? Dies ist mein Bereich."

L: "Ach, wirklich?"

Laura und ihre Freunde bewegten sich auf den Vorhang zu und ... verschwanden aus der Hütte.

Die roten Vorhänge, sie verblassten.

Und weg waren sie.

Annabella: "Wo sind die roten Vorhänge geblieben?"

L: "Die roten Vorhänge ... welche Vorhänge? Gibt es hier irgendwo rote Vorhänge?" *grins*

Laura faßte Annabella sanft bei der Hand.

L: "Willst du mit uns kommen?"
...

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