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Arianne 261 - Braidy


Braidy

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"Was willst du mit diesen ganzen Zöpfen?"

"Ich mag sie. Sie gehören mir und mehr als das..."

"Mehr als das? Was ist ein Zopf schon mehr als ein Haar.

"Viele Haare."

"Bla. Haar ist totes Material. Totes Material, das man abschneiden muss. So wie Fingernägel oder Krallen. Wenn dir das zu viel Mühe macht, es gibt auch Haarentfernungsmittel."

"Siehst du nicht das Besondere an diesen Zöpfen?"

"Sie sind lang, viel zu lang. Und du hast viel zu viele davon. Ein Haarmonster bist du. Und Schafe müssen geschoren werden. Am besten ganz kurz, dann siehst du endlich einmal normal aus. Ja, so machen wir es. Bis auf 2mm wird alles abrasiert."

"Nein, das will ich nicht."

"So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ..."

"Deine Hausordnung. Wenn du mich unbedingt los werden willst, sag es doch ganz direkt."
...

"Was erlaubst du dir eigentlich. Ich werde ... "

"Du wirst gar nichts machen. Ich bin kein kleines schwaches Kind mehr. Und ich habe einige Kampferfahrungen."

"Da sag doch mal einer. Willst du mir drohen. Du ... du ... du... du viel zu dünnes Mannweib."

"Mannweib. Weil ich mich wehren kann? Und viel zu dünn? Du bist ein schwabbelliges fettes Etwas, das kaum auf noch den eigenen Beinen stehen kann."

"So eine bodenlose Frechheit. Ich als Ernährer der Familie, wer lebt denn hier auf meine Kosten? Verlasse mein Haus. Auf der Stelle und lass dich hier nie wieder blicken."

"Ich werde dieses Haus noch heute verlassen. Dann kannst du ganz alleine nach deinen Vorstellungen leben."

"Sofort."

"Nun, meine Sachen werde ich wohl noch packen dürfen. Nach 17 Jahren."

"Ich werde dich ... "

"Versuche nicht mich zu verprügeln. Das ist vorbei. Ich werde dir nur ausweichen. Allein das bringt dich zu Fall. Die Wut, der Haß. Achte lieber auf dein Herz. Schon manch einer hat das nicht überlebt. Und alles nur wegen der Haare. Dabei sind es doch meine und sie belästigen dich gar nicht. Nur weil ich nicht so aussehe, wie du es willst und deine Kollegen es so wollen und die Nachbarn und die Verwandten. Vielleicht auch der Chef. Und der droht mit dem Arbeitsplatz? Dabei sehen sie schon alle aus wie geschorene Pudel. Aber vielleicht ist es ja auch gerade deswegen."

"Ich werde mir diese Beleidigungen nicht länger anhören. Raus mit dir, sofort, raus aus meinem Haus."

"Ich gehe ja schon. Und halte lieber Abstand zu mir. So richtig gut drauf bin ich momentan nicht. Und ich kann sehr hart zurückschlagen, wenn mich jemand physisch verletzt."
...

Braidy ganz allein auf der Straße. Mit einem Rucksack, in dem die wichtigsten Dinge verstaut waren. Was sollte sie nun tun?
...

Die Müllkinder. Sie nahmen sie auf.

"Du siehst so traurig aus."

Braidy: "Das bin ich auch. Warum das alles? Warum darf ich nicht ich sein?"

"Hier darfst du alles sein. Für die anderen sind wir Müll. Weil wir davon leben müssen, kein Zuhause haben.
Und aufpassen müssen wir. Die Organjäger ... für die Reichen. Wenn sie uns erwischen, schlachten sie uns aus."

Braidy: "Das habe ich nicht gewusst."

"Mit uns redet ja auch keiner. Nicht einmal die Sozialreporter und die Weltverbesserer. Wir sind einfach nur Müll, da wir den Reichtum nicht mehren. Und von Abfällen leben, wie die Ratten."

Braidy: "Wie kann denn so etwas sein? Wir sind doch ein freies Land mit Menschenwürde, das in den Grundrechten verbrieft ist."

"Verbrieft, vorbei, weggeschickt. Ist die Post jemals angekommen? Wer frei sein will, muss reich sein. Für die anderen gibt es keine Würde. Sie haben zu tun, was ihnen gesagt wird. Und sie können froh sein, dass sie vom Abfall leben dürfen und dass man sie nicht totschlägt. Aber nicht alle ... sie brauchen ja unsere Organe."

Braidy: "Das ist hart. Nein, ich kann es nicht glauben."

"Du wirst es erleben. Komm mit uns. Ganz allein auf der Straße, das ist gefährlich. Wir müssen uns verstecken, die Jäger kommen in der Nacht."
...

Es war kalt in dem kleinen Versteck. Und die Kleidung der anderen, sie hatte so viele Löcher. Es waren eigentlich nur Fetzen aus dem Hausmüll.

Braidy: "Lasst uns zusammenrücken, dann wird es wärmer. Und ... meine Haare, ich öffne die Zöpfe, dann können wir uns darin einwickeln."

"Du hast mächtig viele Zöpfe ... und so lang. Dürfen wir dir helfen, beim Öffnen der Zöpfe?
Wir werden auch sehr vorsichtig sein. Haare sind so empfindlich. Wenn man sie kaputt gemacht hat, sie können sich nicht reparieren, nur nachwachsen."

Braidy: "Meine ... okay, bitte helft mir. Die Haare, sie sind etwas besonderes ..."

"Ja, das sind sie. Oh, wieviele Haare in den Zöpfen versteckt sind ... Das sind ja Meter und Meter an Haaren!"

Braidy: "Wir sollen uns ja auch alle darin einwickeln können, und wir sind 15 frierende kleine Menschlein."
...

Es mussten mehr als 20 Meter lange Haare sein. Und das alles in den 20 Zöpfen versteckt. Oder war ein kleines Wunder geschehen, die wundersame Haarvermehrung? Weil jetzt so viele lange Haare gebraucht wurden? Es war so schön warm unter den Haaren und die Berührung der Körper ... Ja, sie lagen alle ganz dicht beieinander, berührten sich ... die Arme umeinander gewickelt ... Sie alle fühlten sich mit einem mal so sicher und geborgen. Und es war so schön, zusammen zu sein. Glücksgefühle durchströmten die kleinen zarten zerbrechlichen Körper ...
...

Stimmen in der Nacht.

"Haben wir sie endlich."

Die Jäger hatten sie gefunden.
...

Mit schweren Waffen zielten sie auf die kleine Gruppe. Wahrscheinlich hatten sie nur deswegen nicht schon abgedrückt, weil sie die Organe unzerstört brauchten.

"Aufstehen. In einer Reihe aufstellen. Die Arme auf den Rücken."

Nichts geschah. Sie lagen beeinander und ein Gefühl durchströmte sie, das sie noch nie erlebt hatten. Euch können sie nichts tun, sagte dieses Gefühl. Bleibt einfach nur liegen. Liebt euch und seid glücklich.

"So, ihr meint. Schießen wir doch einfach einmal dazwischen."

Peng. Das Gewehr flog auseinander und die Kugel ... sie traf den Schützen mitten ins Gesicht.
Sprachlosigkeit bei den Organjägern. Fassungslos starrten sie auf den Toten.
...

Wind kam auf. Und er wurde schnell stärker. Ein rasender Wirbel bildet sich und ... weg waren sie.
...

"Was war das? Wir ... wir sind noch wir ... wir leben noch, haben unsere Organe noch."

Braidy: "Wir leben in einem Kosmos, in dem wir nicht allein sind. Und manchmal, manchmal helfen uns die Götter."
...

"Die Götter? Zu welchem Gott sollen wir beten?"

Braidy: "Das ist nicht wichtig. Wenn ihr glaubt und betet und einen Gott braucht, sie alle hören euch zu. Ihr dürft nur nicht versuchen, sie zu etwas verleiten zu wollen. Sie helfen, wenn sie es wollen. Es ist euer Gefühl, das Gefühl für das Leben, für das Schöne, das ihr empfinden könnt, und wenn ihr dringend Hilfe braucht. Nur diese Dinge zählen für das Gebet."

"Aber ... gibt es nicht nur den einen Gott?"

Braidy: "Wer sagt das denn? Religionen, die nur an einen Gott glauben, sie bekämpfen sich gegenseitig bis aufs Blut. Jeder beansprucht den wahren Gott für sich allein. Wer den Kampf gewinnt, meint, er hätte den wahren Gott gefunden. Als wenn sich Gott nach den Menschen richten würde. Glaubt an das, was ihr in euch fühlt, was ihr meint, es wäre das Richtige. Gott ist nicht für die Priester da und für jene, die meinen, seine Worte interpretieren zu müssen. Als wenn Gott nicht mächtig genug wäre, sich jedem einzelnen Menschen zu offenbahren.

Und warum soll es immer der alles umfassende und allmächtige Gott sein? Genügt es nicht, wenn irgendein spirituelles Wesen euch helfen kann? Oder ein anderer Mensch, vielleicht steckt der Geist eines solchen Wesens gerade in ihm drin. Warum soll es solche Wesen nicht geben, zwischen euch und Gott? Sie sind vielleicht genau so wenig wahrnehmbar wie Gott selbst. Oder hat ihn jemand von euch schon gesehen? Und warum soll Gott nicht weiblich sein?"

"Ein weiblicher Gott ... woran denkst du?"

Braidy: "Ich denke an Gaia, die Erde. Oder ... an die Liebe ..."

"Oder an Arianne."

Braidy: "Arianne ist sehr weit weg und doch so nah. Wir leben in ihrer Existenz. Warum sie nur manchmal hilft und oft nicht, es ist schwer zu verstehen. Aber diesmal, diesmal hat sie uns geholfen. Meine Haare, sie flüstern es mir zu."
...

Braidy
braidy

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