Arianne 27 - Die graue Wölfin

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Die graue Wölfin

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Sie war eine Hexe. Eine ziemlich alte Hexe. Fast 98 Jahre alt. Nun sollte sie brennen. Was hatte sie getan? Ein Blatt durch die Luft schweben lassen und einer der Obrigkeiten hatte es gesehen. Es hätte ja auch der Wind sein können. Dumm gelaufen, es war grad windstill gewesen an diesem Tag.

Der Spieltrieb. Was war so schlimm daran?

Mit dem Teufel sollte sie im Bunde sein. Den hatte sie noch nie gesehen. Es war doch nur ein bisschen Psychokinese, gar nicht gefährlich für andere. Sie wollte doch überhaupt keine Revolution. In ihrem Alter. Sie wollte doch nur noch ihren Frieden haben.

Nun lag sie angekettet in diesem Verlies. Als wenn sie noch rumhüpfen und springen könnte.

Sie hörte das Schreien der anderen Gefangen.

Draußen läuteten die Glocken.

Der Scheiterhaufen stand bestimmt schon.

Was wollte man nur von ihr? Lange hatte sie ohnehin nicht mehr zu leben. Sie konnte kaum noch gehen, sah die Welt nur noch verschwommen.

Ja, sie hatte ihnen einigen Ärger bereitet. Mit ihrem Wissen über die Welt. Keine Angst vor den Autoritäten. Das sollte nun wohl die Rache sein. Leider wurde man älter und gebrechlich im Laufe der Zeit, konnte sich nicht mehr richtig wehren. Ihre Freunde und Gönner aus vergangenen Zeiten waren schon alle tot. Das war wohl der Preis, den sie als Methusalem zu zahlen hatte.

Die Zeiten wurden schlechter. Das bisschen Intelligenz, das sich entwickelt hatte, wurde systematisch unterdrückt, wenn nicht gleich vernichtet. Es ging nur noch um die Macht und Herrlichkeit der Mächtigen, Reichen, Obrigkeiten.

Der Rest der Menschen hatte ihnen die Füße zu küssen. Und das war nicht nur sinnbildlich gemeint.

Sie erinnerte sich, eine junge Frau hatte einen von denen einen Zehen abgebissen. Sie verschwand dann in diesem Verlies. Weiter wollte sie nicht darüber nachdenken, sie konnte es nicht ertragen.

Ihre langen weißen Haare hatte sie noch. In der Regel wurden die Delinquenten vorher kahlgeschoren.

Da war er auch schon.

Er näherte sich ihr. Sie schaute ihn nur an. Ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. Den hatte sie noch nie gemocht. Ein Ekel wie er in kein Buch hineinpasste. Ja, er hieß jetzt Ekel für sie.

In ihr war noch etwas Kraft. Sie schleuderte ihn zurück, mit der Macht ihres Geistes.

"Au verdammt. Du bist wirklich eine Hexe. Waaaaaacheeee !!!!

...

Die Wachen schauten sie nur an. Was war geschehen? Sie hatten eine alte Frau erwartet und nun, ein jugendliches Gesicht schaute ihnen entgegen. Aus ihren Augen schien Feuer zu sprühen. Und dann, wenig später, wieder die alte Frau. Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu.

Ekel hatte es noch gar nicht mitgekriegt.

"Worauf wartet ihr noch?"

Und schon verwandelte sie sich wieder. Nun sah er es auch. Wich zurück. "Satan, weiche" rief er in aufkommender Panik und Boshaftigkeit.

"Verschwindet. Lasst mich allein." Ihre Stimme grollte durch den Raum. Sie lies keinen Widerspruch zu. Die Wachen rannten davon. Ekel hinterher.

Dabei würde es wohl nicht bleiben. Vielleicht würde man gleich das gesamte Gefängnis in Brand stecken. Sie musste hier raus. Aber wie? So viel Kraft hatte sie nicht, nie gehabt. Ein Blatt durch die Luft schweben lassen. Na ja, der Brand der alten Folterkammer, aber das musste einfach sein und der Verlust der Inquisitionsdatei, mit dem Sündenregister der Menschen. Vor allem auch mit den Schuldscheinen gegenüber den Reichen, die sie zu Leibeigenen machten. Gerade an einem Tag, als Orkane durch die Stadt jagten. Sie lächelte bei diesem Gedanken.

Damals, als sie noch richtig Feuer in sich hatte. Aber nun?

Sie hatte eine schöne Zeit gehabt. Aber es war alles schon so lange her.

Sie war müde. Wie lange würde sie überhaupt noch durchhalten? Den Tod hatte sie auch schon mal gesehen, glaubte sie. Ganz sicher war sie sich da allerdings nicht. Irgendetwas musste ihn wieder vertrieben haben.

Dann spürte sie wieder dieses Feuer in sich. Es lies sie nicht sterben. Sie schaute auf ihre Fesseln, spürte die Materie der Fesseln in ihrem Bewusstsein. Wenn sie nun einfach? Krach, die Fesseln brachen auseinander.

Gut, nun konnte sie sich theoretisch wieder bewegen.

Draußen begann es zu qualmen. Die wollten tatsächlich das ganze Gebäude in Brand setzen. Und die anderen Gefangen gleich mitverbrennen. Ja, so hatten sie sich das wohl vorgestellt.

Sie schaute durch das Gitter nach draußen.

Einen riesigen Haufen Stroh, trockenes Holz und Gelumpe hatten sie angesammelt und in Brand gesteckt.

Darum standen Bogenschützen, die auf das Verlies zielten.

Aha, man traute dem Frieden nicht so recht.

Sie konzentrierte sich auf den Wind, die Wolken. Und es begann zu regnen. Ein richtiger Wolkenbruch.

Ha, was eine richtige Hexe ist. Zufrieden schaute sie auf ihr Werk.

Was kam als nächstes?

Sie konzentrierte sich auf die Tür zu ihrem Verlies. Krachend flog sie aus den Angeln.

Der Gang war leer.

Sie bewegte sich zum Ausgang, trat auf den Platz hinaus.

Die Bogenschützen. Etwa 50 Pfeile schossen auf sie zu. War dies das Ende?

Nein. Die Kraft in ihr. Die Pfeile fielen zu Boden.

Ein bisschen begann sie nun doch zu staunen. Wo kam nur diese Kraft her?

Sprachlos und mit weit offenen Augen schauten die herumstehenden Menschen sie an. Was war geschehen? Sie fühlte sich gut, sehr gut sogar. Ein Königreich für einen Spiegel, dachte sie bei sich. Ach ja, diese Pfütze dort. Sie schaute in die Pfütze und konnte es selbst nicht glauben, sie sah sich, so wie sie einmal war, vor mehr als 70 Jahren.

"So, ihr Lieben. Ich bin sozusagen wieder auferstanden".

Die Menge hört schweigend zu. Keiner wagte es, sich ihr zu nähern. Ja, wenn es so einfach gemacht wurde, Menschen, die sich nicht wehren konnten, umzubringen. Dann lärmten sie. Aber sie konnte sich wehren. Ohne allerdings zu wissen, warum.

Solche Kräfte wurden dem Teufel zugeschrieben.  Das lies sich ihnen nicht mehr austreiben. Nein, sie hatte genug von dieser Welt.

Etwas näherte sich von oben. Es sah aus wie ein großes fliegendes Blatt. Nur es hatte Volumen, einen Innenraum, in den sie sehr gut hineinpassen würde.

Ein Gedanke in ihrem Bewusstsein. << Bitte steige ein. Verlasse diese Welt. Du brauchst sie nicht mehr >>

Das Blatt landete, ein Öffnung bildete sich und sie trat hindurch.

Es war nicht leer. Eine junge Frau mit superlangen Haaren befand sich dort drin.

"Trete bitte ein. Es ist deine Zeit, die du betrittst. Wisse, die vergangene Zeit ist nicht einfach verloren. Sie ist selbst ein lebendes Wesen".

Die Zeit ein lebendes Wesen? Alles was geschehen war, lebte weiter? Ein fantastischer Gedanke. Es gab nicht so viele Dinge, die sie bereute. Und wenn sie etwas bereute, es geschah aus Unwissenheit, manchmal auch aus mangelnder Reife, oder wenn sie eine Situation nicht wirklich bewältigen konnte. Ob sie ein anderes Wesen wirklich ernsthaft geschadet hatte? Möglich war das schon, aber sie wollte es nicht, zumindest nicht aus Boshaftigkeit heraus. Ein wenig fühlte sie sich bei diesen Gedanken wie vor dem jüngsten Gericht.

"Hab keine Angst, hier wird nicht gerichtet. Du kannst deine eigene Zeit sehen und wirst dich selbst begreifen lernen."

Danke :-) dachte sie.

Ob sie ihre Freunde wiedersehen würde?

Sie stellte sich vor.

"Man nannte mich die Graue Wölfin, bevor sie mich als Hexe gebrandmarkt haben, und wer bist du?"

"Ich bin das Zeitwesen dieses Universums"

Die graue Wölfin



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