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Arianne 283 - Der Zufall 01

Kleine hilflose Wesen entwickeln ein erkennendes Selbst. Sie werden vom Zufall beschützt.

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Der erwachende Geist

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Er war klein und hilflos in einer Welt der Giganten. Warum gab es ihn überhaupt? Nur als Häppchen für die ewig Hungrigen? Nein, er wollte kein Häppchen sein.
Auflehnung gegen ein Schicksal. Etwas sonderbar für ein Wesen, das überhaupt nicht denken konnte. Schon gar nicht über das eigene Selbst. War da nicht bereits ein Funken ... ?

Mußte ein Wesen so klein und hilflos sein, um sich auflehnen zu können?
Alles um ihn herum war größer und kräftiger. Selbst vor den Pflanzen mußte er sich in acht nehmen.

Die ganz Großen, vor denen hatte er am wenigsten Angst. Für die war er als Häppchen viel zu klein. Aber die vielen anderen dazwischen ... Brrrrr.

Wenn die ganz Großen alt wurden und starben, manchmal näherte er sich ihnen dann. Schaute sie an, blickte in die riesigen großen Augen. Augen, die brechen wollten. Manchmal, manchmal wurde sein Blick erwidert. Und er war nicht feindlich, irgendwie verständnisvoll und ein wenig besorgt.

Als wenn diese großen Wesen etwas für ihn empfinden würden.
...

Hoppelchen-M wurde durch die aufgehenden Sonne geweckt. Vorsichtig öffnete er ein Äuglein.
Freude durchflutete ihn. Die Sonne, sie gab Wärme und machte ihn glücklich. Gefühle. Ja, es war so schön zu leben.

Ein anderes Gefühl tauchte auf, Hunger.
 
Er stellte sich eine schöne kleine saftige Pflanze vor, die ihn nicht fressen wollte. Es kamen Bilder, wie er sie finden konnte. Aber hier in der Höhle? Nein, in einem Erdloch, das war keine Höhle. Vorstellungen tauchten in ihm auf, ja, das war der Weg, den er gehen konnte.

Andere Gefühle waren mit einem mal da. Angst. Angst vor Räubern, die ihn fressen wollten. Er war ja so klein. Das ganze durchmischte sich und er sah ein Bild, was er tun mußte, um sein Ziel zu erreichen. Immer ganz vorsichtig, langsam, bereit zur Flucht.

Der Hunger wurde stärker und übertrahlte die Angst. Vorsichtig näherte er sich dem Eingang der Höhle und sah ...

Hoppelchen-F schaute ihn an. Als wenn sie schon immer auf ihn gewartet hätte.

So ein Zufall, gerade jetzt.

Ein ganz anderes Gefühl durchströmte ihn, überstrahlte alles. Für die Umgebung hatte er keinen Blick mehr. Wenn jetzt einer der Räuber ...
Grabsssch. Eine kleine Flugechse schnappten sich den räuberischen Allesfresser bevor er die beiden verschlingen konnte.

Die beiden Hoppelchen näherten sich einander, berührten sich sanft mit den Nasenspitzen. Und dann geschah es, ganz spontan. War es Liebe? Oder nur ein Überlebensgefühl? Wie auch immer, sie waren zwei, die sich gesucht und gefunden hatten.

Boiiinnnnggg. Schmatzzzzz. Eine Super-Spinne schnappte sich das Rieseninsekt, das glaubte sein Frühstück gefunden zu haben. Damit war sie erst einmal versorgt...

Die beiden Hoppelchen, sie wußten noch nicht, was dieses Treffen wirklich bedeutete. Und sie machten sich keine Gedanken darüber, denn Gedanken, Gedanken über das eigene Selbst, so etwas kannten sie noch gar nicht ...
...

Beide hatten sich nun verkrochen, in ihrer Höhle. Es war aber eher ein Erdloch. Wenn das einer von den Furchentieren umgraben würde ...

Draußen bewegte sich einiges. Flora und Fauna, ständig auf der Suche nach Nahrung und auf der Flucht vor dem Gefressenwerden. Viele Planzen waren dabei im Nachteil, sie konnten ja nicht weglaufen.

Aber manche zeigten sich sehr wehrhaft. Mit Dornen, die sie verschießen konnten. Und mit Giftspritzen, die selbst einem der Großen Respekt einflüßen konnten. Den ganz Großen natürlich nicht, die waren über alles erhaben.

Ein Geräusch ... und der Kopf eines Kriechtieres tauchte auf. Ein Wurm, der sich durch das Erdreich bohre. Sein Kopf war fast so groß wie der ganze Körper von Hoppelchen-M. Und er war angriffslustig!

Boinnng. Hoppelchen-M konnte richtig hart zuschlagen ... aber ... der Wurm war 30 mal länger als er. Der würde ihn mit seiner Masse erdrücken ... und ... Hoppelchen-F gleich mit.
Die Flucht nach draußen ... nein, da war einfach zu viel Betrieb.

Business as usual.

Wie bitte? Was war denn das. Hoppelchen-M verstand diese Eingebung nicht. Wirres Zeug. Was viel wichtiger war, sie brauchten ein sicheres Versteck.

Grabbbsch. Etwas zog den Wurm nach hinten und er verschwand aus dem Gesichtsfeld der beiden Hoppelchen. Damit war das Problem gelöst.
Ein Furchentier mußte ihn beim Umgraben freigelegt haben und ein Geflügelter hatte ihn dann gepackt.
...

Panzerfaust-Riesenechse war müde geworden. So viele Jahre im ständigen Kampf ums Dasein. Nein, es war an der Zeit zu gehen. Den täglichen Nahrungsbedarf zu decken, es wurde immer schwieriger.

So legte er sich hin und wartete auf den Tod. Nicht weit vor der Höhle der beiden Hoppelchen.
...

Hoppelchen-F schaute aus dem Loch und sah das riesige Auge. Es war bestimmt 5 mal größer als die eigene Körperlänge.
Das Auge schaute sie an und vergaß dabei, dass es sich eigentlich schließen wollte, für immer.
...

Der riesige Körper, er bot so viele Einbuchtungen und Öffnungen, in die sich die beiden verkriechen konnten. Und ... irgendwie war da ein Einverständis. Ohne Worte, denn sprechen und denken konnte niemand auf dieser Welt.
...

Hoppelchen-M und Hoppelchen-F zwischen zwei riesigen Zähnen, die sie um mehr als das Fünffache überragten und die dreimal so breit waren. Dazwischen gab es große Lücken und morsche Bereiche, die dazu einluden, sich in den Löchern zu verstecken. Aber ... der ganz Große mußte die Zähne doch benutzen ... nein, dies war kein guter Ort um zu bleiben.

Es gab so viel Rückstände hier, verfaulende Reste. So viel Müll. Es ätzte und nagte an der Substanz.
Hoppelchen-F und Hoppelchen-m machten sich daran, die Umgebung zu säubern. Vor allem die Zähne.

In den Nasenhöhlen gab es viel mehr Raum und vor allem Wohnraum. Nur ... es konnte hier auch sehr luftig werden.

Dann schauten sie in das Innere der Ohren. Hier mußten sie sehr leise sein.

Ein Parasit! Fast so groß wie die beiden Hoppelchen zusammen. Mit vereinten Kräften stellten sie sich der Herausforderung ... und sie gewannen die Schlacht.
So begann eine Symbiose ... wenn nicht ... ja, der ganz Große mußte leben! Sonst würden die vielen anderen ihr neues Heim in Stücke hauen.

Die beiden Hoppelchen bewegten sich in Richtung des großen Auges, das nun geschlossen war.
Mit vereinten Kräften zogen sie daran ... bis es sich langsam wieder öffnete.

Die so verschiedenen Wesen schauten sich an. Und sie begriffen ... es hatten sich Freunde fürs Leben gefunden.
...

Draußen sammelten sich Wesen, die den ganz Großen zerstückeln und auffressen wollten. Einige davon konnten fliegen und schossen mit Dornen auf ihr Opfer. Andere spukten Säure und wieder
andere versuchten es mit Feuer. Dass der sich zum Sterben Niedergelegte nun wieder bewegte ... nein, das ging überhaupt nicht. Tot war tot und mußte es bleiben. Die Aasfresser griffen an.

Feuer?

Es waren einige Drachen darunter, die Feuer spucken konnten.
Nun begann es auch noch zu regnen und ... Ploppppp. Ein Wassertropfen in der Größe eines Eisberges krachte in die Menge. Alle Feuer erloschen schlagartig.

Und die Säure, nun war sie ganz schön verdünnt.

So ein Wassertropfen! Das gab es vielleicht alle 5000 Jahre einmal!
Nun war alles naß dort draußen und unangenehm kalt.

Die Angriffe brachten so zunächst einmal keinen Erfolg. Die harte Panzerung brauchte sich nicht zu beweisen. Wenn sich der Angegriffene in sich selbst zurückzog, war er beinahe unangreifbar.
Wie eine riesige Schnecke in ihrem Haus.

Aber wenn die Natur selbst den Angriffen entgegensteuerte?

Nur, diese Halbstarken, sie wurden almählich lästig. Und der mangelnde Respekt! Das war das eigentliche Problem, das ihm zu schaffen machte.
Wäre er tot, konnte ihm das ja egal sein. Dann wurde wieder zu Erde was aus Erde einst geboren worden war.  Aber so ... er war doch jemand ... und er forderte Respekt dafür!

Sonst hätte er ja auch ein Wurm sein können.

Er öffnete seine Augen ganz weit und schaute sich um.
So ein Blick. Die hälfte der Angreifer geriet in Panik und riß aus. Die andere Hälfte ... nun, Unbelehrbare gibt es zu jeder Zeit.

Sonst wären die Lehrmeister ja auch überflüssig.
Geschosse in Richtung seiner Augen.
Blitzschnell machte er die Augen zu ... und die Geschosse prallten wirkungslos ab.

Dann richtete er sich auf.
Für die Umgebung um ihn herum erzeugte das ein mittleres Erdbeben. Einige der Angreifer fielen um ... und wurden so selbst zum Fressopfer für die Gierigen.

Wer umfiel, konnte ja nicht sehr wehrhaft sein ...
...

So viel Bewegung. Die beiden Hoppelchen versuchten sich verzweifelt irgendwo festzuhalten. Es tat weh, gestoßen zu werden und von den harten Wänden abzuprallen.
Dann öffnete sich das riesige Maul und sie konnten die Angreifer sehen. 16 schwer gepanzerte große Raubtiere. Drum herum schwirrten Flugwesen, die aus allen Rohren Geschosse abfeuerten.

Rohre?

Dass sich die Angreifer so einig waren. Gemeinsam gegen den ganz Großen. Sonst bekämpften sie sich ja gegenseitig bis es nur noch den Einen gab.
...

Etwas veränderte sich. Hoppelchen versuchte die Dinge zu fassen, die durch sein Ich geisterten.
Es war wie in einem Traum. Er sah sich bewegende Bilder, die aufeinanderfolgende Ereignisse zeigten. Und er sah die Alternativen darin. Es mußte nicht so geschehen, es konnte auch anders sein.

Er konnte sich selbst betrachten und Entscheidungen fällen. Und das sogar gegen seine eigenen Gefühle!
War das nun der erwachende Geist, der sich loslöste von allem Unmittelbarem?
...

Hoppelchen-M verlor den Bezug zu seiner vertrauten Umwelt. Alles war so selbstverständlich gewesen. Auf die Gefühle folgte eine Reaktion, der er unmittelbar folgen konnte. Doch nun? Es gab nicht nur mehr eine Möglichkeit. Er mußte abwägen und die Entscheidung selbst treffen.

Es machte ihm Angst.
...

Etwas in ihm begann zu flüstern. Erst war es nur wie ein Raunen, wirres Zeug ohne Bezug zu den Dingen der Welt, doch dann...

Er verstand.

<< Hab keine Angst. Es ist der erwachende Geist. Und ich will, dass er erwacht. >>

Aber ... wer bist du, der zu mir spricht?

<< Der Zufall. Und glaube, nichts in dieser Welt kann mehr für dich tun und will mehr für dich tun. >>

Der Zufall? Was ist ein Zufall?

Ein Bild erschien in seinem Geiste. Ein Bild der Welt. Regentropfen bildeten sich in den Wolken und fielen nach unten. Sie trafen hier und dort auf Pflanzen und Tiere, auf den Boden, irgendwie, sie folgten keinem Leitstrahl, nicht einem fremden Willen, sie wurden nur durch den Wind in diese oder jene Richtung gelenkt ...

Und der Wind? Er bildete sich durch Temperaturunterschiede, bewegte Luftmassen von heißeren in kältere Bereiche. Niemand beeinflußte ihn, alles geschah ... zufällig ...

Und er verstand.
...

Aber, wenn du der Zufall bist, wie kannst du dann ...?

<< Ich kann. Egal was ihr tut, es wird euch nichts geschehen. Nimm Hoppelchen-F bei der Hand und sucht euch eine sichere Höhle. Niemand und nichts wird euch aufhalten können. Ihr könnt durch ein Feuer gehen, und es wird zufällig dort erlöschen, wo ihr euch gerade befindet, und seine Strahlung wird zufällig in eine andere Richtung gelenkt. Und wenn ihr vor einem Fluß steht, der Wind wird die Wellen auseinandertreiben, bis ihr trockenen Fußen an das andere Ufer gehen könnt ... Und nicht einmal ein Ozean wird euch aufhalten können ... und wenn ihr in einen aktiven Vulkan steigt, das Feuer wird erlöschen und einfrieren und ihr könnt bis zum Mittelpunkt der Welt gehen, wenn ihr es nur wollt ... >>

Aber ... ich und sie ... wir möchten hier bleiben. Wir lieben das ganz Große, das uns ein Zuhause bietet.

<< Dann soll es so sein. Ich beziehe es ein in den Zufall der Welt. >>
...

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