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Arianne 294 - Unendlichkeit 02

Flora und Terrania auf ihrer Reise durch Raum und Zeit.
Es kommt zu einer Begegnung der besonderen Art.


Der Mann mit dem weißen Bart

Terrania: "Wohin führt der Weg?"

Flora: "In die Unendlichkeit. Aber hab keine Angst, wir werden Pausen einlegen. Dort treffen wir Menschen, die vor langer Zeit die Erde verlassen haben."

Terrania: "Sie haben nicht nur die Erde verlassen. Das Universum existiert nicht mehr. Wir sind in einem endlosen Zeitstrom, der fast vollständig leer ist. Welche Richtung nehmen wir ein? Richtungen sind eindimensional. Wir bewegen uns doch nicht in mehreren Dimensionen."

Flora: "Doch, das tun wir. Wir bewegen uns in Raum und Zeit."

Terrania: "In die Zukunft, oder in die Vergangenheit?"

Flora: "Das spielt hier keine Rolle mehr. Die Richtungen sind gleichwertig."

Terrnaia: "Und die Kausalität?"

Flora: "Die Vergangenheit wird durch Ereignisse in der Gegenwart bestimmt. Und aus der Vergangenheit heraus bilden sich Zukünfte."

Terrnaia: "Zukünfte?"

Flora: "Die Zeit verzweigt sich in beide Richtungen und bestimmt dadurch die Inhalte der Wege. Nur endlich beschränkte Wesen erleben die Zeit eindimensional und nur in eine Richtung."

Terrania: "Wenn jemand ein endliches Volumen hat, wird er sich nicht beliebig mehrdimensional ausdehnen wollen. Und ein Denken ohne jede Kausalität ... Chaos kann auch in den Wahnsinn führen."

Flora: "Für die kleinen Wesen in den Raum-Zeit-Einheiten trifft das zu. Sie kennen für sich selbst nur eine eindimensionale Bewegungsrichtung und eine eindimensionale Zeit. Aber wenn sie sich als multidimensionale Wellenfunktionen begreifen würden, gäbe es diese Einschränkung nicht mehr."

Terrania: "Immerhin gibt es drei Raumdimensionen, und die parallelen Zeitströme. Aber so wie Du bist ... ich will mich nicht beliebig ausdehnen können. Diese Form von Fettleibigkeit mag ich nicht. Sie erinnert mich eher an den Tod, in dem meine innere Dichte völlig verloren gehen kann. Die Planeten, die Sonne, das Sol-System. Es sind endlich dimensionierte Strukturen, die sich nur begrenzt ausdehnen können, wenn sie nicht zerstört werden sollen."

Flora: "Das ist Deine Sicht der Dinge."

Terrania: "Ich weiß, ich bin nur ein kleines, endlich beschränktes Wesen. Aber ich habe so vieles in mir drin, dass ich gerne erhalten möchte."

Flora: "Die ganze Geschichte des Solsystems. Alles war dort jemals gelebt hat. Nun kannst Du alles überblicken, die Irrtümer und die Ergebnisse, die das Leben so mit sich gebracht hat."

Terrania: "Alles in mir drin scheint zu leben, obwohl die Menschen schon lange tot sein müssten. Ist es die Zeit, die ihre Seelen bewahrt hat und die mir nun die Erinnerungen an das Vergangene gibt?"

Flora: "Du bist das Wesen, dass die Seelen in sich trägt. Sie können nun ihre Sünden bereuen oder auch nicht, aus den Fehlern lernen und es besser machen, wenn sie es wollen. Oder sich dem diabolischen Netzwerk anschließen, wenn sie das anstreben. Jede Form von Reinkarnation im Rahmen der vergangenen Raum-Zeit-Ereignisse ist möglich, und sie kann zu neuen, veränderten Ergebnissen führen."

Terrania: "Was das Solsystem betrifft. Aber die Ausflüge in die Galaxis, in das Universum?"

FLora: "Es spiegelt sich dort in der Zeit. Es sind die verborgenen Dimensionen, die Türen zu allen Raum-Zeit-Ereignissen des vergangen Universums beinhalten."

Terrania: "Aber ... dann kann doch nicht alles vergangen sein. Oder ist es konserviert?"

Flora: "Es sind Wege in das Wesen der Zeit. Die Zeit, in der alles eingebettet war, sie ist ein lebendes Wesen, so wie ich. Die verborgenen Dimensionen führen dort hinein."

Terrania: "Und der Tod, gibt es ihn dann überhaupt noch?"

Flora: "Der Tod ist real, aber nicht so unvermeidbar, wie es für endliche Wesen aussieht. Der Tod kann sehr gefräßig sein, aber selbst für ihn gibt es eine Alternative. Das Charakteristikum."

T: Das Charakteristikum. Es ist mir nicht so unvertraut, wie Du vielleicht glaubst. Dann gibt es noch Weepy ... und Sweety. Ja, einige der Wesen in mir  hatten Berührung mit ihnen. Die verborgenen Dimensionen. Da sie verborgen sind, kann man sie auch nicht so einfach finden, denke ich. Nun ja, ich habe ja ein unendliches Wesen um mich herum. Und das bis hinein ins Kontinuum.

F: Du überrascht mich. Mit Weepy suche ich keinen Kontakt, allein der Gedanke an sie macht mir Angst. Ich berühre das Kontinuum. Aber ich kann dort nicht eindringen. Es ist wie mit den rationalen und den irrationalen Zahlen. Bewegt man sich nur im Bereich der rationalen Zahlen, so ist das Kontinuum unerreichbar. Selbst auf unendlichen Wegen. Und damit sind dann auch alle irrationalen Zahlen unerreichbar.

T: Ich bleibe bei der Symbolik, Du als Zahlensucher ... Du kannst die irrationalen Zahlen erreichen?

F: Ja, das kann ich. Aber ich kann nicht dahinter schauen, ins Kontinuum eindringen. Im Rahmen der Symbolik heißt das, die Potenzmenge der reellen Zahlen ist zu groß für mich, sie ist mir nicht in allen Teilen zugänglich.

T: Was willst Du auch, dort drinnen?

F: Mich verstecken können. Auch ich muss aufpassen, dass ich nicht von anderen absorbiert werde, die viel größer und mächtiger sind als ich. Oder die mich töten können ... Weepy könnte das.

T: Weepy ist kein Monster, nach allem, was ich über sie gehört habe. Sie wird ein so liebenswertes Wesen wie Dich nicht töten, eher beschützen. Aber dieses Fressen und gefressen werden? Es geschieht auch auf der Stufe unendlicher Wesen?

F: Die Dinge sind so wie sie sind. Das Kleine ist nicht unwichtiger als das Große. Leben findet statt, in einem Moment im Hier und Jetzt, und es kann beendet werden. Selbst unendliche Wesen sind dagegen nicht immun.

Ob es sich nun eine einzelne lebendige Zahl handelt oder um ein Wesen, das alle Zahlen umfasst.

T: Und die Größeren fressen die Kleinen? Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit von Existenz? Ich habe noch nie gehört, dass eine Zahl einer andere gefressen hätte.

F: Die Null kann alle Zahlen fressen. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten der Genesis, und sie sind realisert. Sie setzen andere Entwicklungslinien voraus, als die, die uns beide ausmachen.

T: Ein unendliches Wesen hat eine Entwicklungslinie?

F: Es ist meine Berührung mit der Welt, in der Du lebst. Es ist wie der Schnitt einer unendlich ausgedehnten Ebene mit einer Kugel. Die Kugel ist Deine Welt, die Ebene bin ich. Nur über diese Linie kann ich überhaupt mit dir kommunizieren. Jede Ebene, die die Kugel nicht schneidet, ist für die Welt nicht existent.
...

Terrania: "Dort ist etwas, im monotonen Zeitstrom. Es unterscheidet sich von der Umgebung, hat Struktur."

Flora: "Eine Enklave. Dort drin ist ein Wesen, das die Erde vor 2,3 Billiarden Jahren verlassen hat."

Terrania: "Vor so langer Zeit?"

Flora: "Wir bewegen uns durch einen Zeitstrom, und wir sind nicht die Einzigen. Unsere Geschwindigkeit ist allerdings so schnell, dass wir andere überholen können."

Terrania: "Aber ... wie kann jemand so lange leben. Das übersteigt doch bei weitem meine eigenen Erfahrungen, in meiner Eigenzeit, die mein Leben ausmacht."

Flora: "Manche gehen zu Fuß, den ganzen Zeitstrom entlang. Unsterblichkeit ist ab einem bestimmten Grad der Erkenntnis nicht schwer zu erreichen. Mit der ewigen Jugend hapert es manchmal."

Terrania: "Wie alt sieht denn jemand aus, der 2,3 Billiarden Jahre gelebt hat?"

Flora. "Sehr alt. Du wirst ihn kennen lernen."
...

Eine Burg. Mitten in einer unendlichen Leere. Kein Planet, keine Galaxis, kein Universum. Nur eine Burg.Mit mächtigen Türmen, die hunderte von Metern in die Höhe ragen. Und die dutzende von Metern dick sind.

Eine etwas unpräzise Beschreibung. Die Burg ist nicht fixierbar. Sie ändert ihr Aussehen von einem zum anderen Moment.

Flora: "Das sind die Erlebnisse, die sich in der Erfahrungswelt des Baumeisters niedergeschlagen haben."

Terrania: "Aber wie sollen wir dann jemals Kontakt aufnehmen können, wenn alles um ihn herum nicht fixierbar ist?"

Flora. "In dem wir uns den Veränderungen anpassen. Ich erkenne ihren Ursprung in der Zeit und weiß, wohin sie führen. Ich muss nur unsere eigene Form der Existenz der Bewegung anpassen."

Terrania: "Was wird dann aus mir?"

Flora: "Betrachte Dich in diesem Zusammenhang als quantenmechanische Wellenfunktion in einem unendlich dimensionalen Hyperraum. Jede denkbare Form ist dort realiserbar. Dass wir uns dynamisch anpassen, dafür sorge ich. Für mich ist das keine sehr schwierige Übung, da sich dies alles nur in endlichen Bereichen abspielt. Der Seinszustand so, wie Du jetzt bist, ist eine potentielle Möglichkeit der Realisierung, zu der wir wieder zurückkehren werden, wenn der Kontakt beendet ist."

Terrania: "Ups. Also bin ich jetzt eine sich dynamisch verändernde Wellenfunktion?"

Flora: Exakt. Und Existenz ist darin jede Form der Quantisierung."

Terrania: "Mit unendlich vielen Möglichkeiten ... Aber wir haben ja ein Ziel, wir wollen einen Kontakt herstellen."

...

Ein Mann mit einem weißen Bart und mit weißen Haaren. Beides schien endlos zu sein, umrahmte hin und verlor sich in der Umgebung um ihn herum.Wie ein Weihnachtsmann im Schnee ... Terrania hatte noch nie so ein schönes makelloses Weiß gesehen.

Wir sind hier in Ulm, um Ulm und um Ulm herum ...

T: Was war denn das?

F: Er stammt aus Ulm, und er kann unsere Gedanken lesen.

Bart: Ihr seid Reisende der Ewigkeit. Ich grüße Euch. Wie schön, dass ihr mich besuchen kommt. Manchmal, manchmal ist es doch sehr einsam in Ulm.

T: Ich grüße Dich. Mein Name ist Terrania und hier neben mir ... Flora, wo bist du?

B: Sie ist weg.

T: Nein. Ich will sie nicht verlieren! Ich mag sie doch so sehr.

B: Ist sie nicht ein wenig zu groß für Dich?

T: Größe ist relativ und ... ich liebe sie.

Terrania begann zu weinen.

B: Oh, du armes kleines Wesen. Sie sieht sich vielleicht nur ein bisschen um. Du musst wissen, die Burg Ulm ist innen sehr viel größer als draußen ...

T: Eine Tardis?

B: Ich sehe schon. Du kennst Dich aus.

T: Doktor Who ist ein Fantasie-Item in mir. Viele haben sich mit ihm beschäftigt, so erlangte seine Welt eine eigene Pararealität. Sie ist in mir.

B: Er war hier. Aber nur kurz.

T: Wie kann ein Fantasie-Item in mir mir vorauseilen?

B: Vieles ist möglich. Wenig scheint wahrscheinlich. Aber der Zeitstrom ist unendlich, so kann sich dort alles Denkbare realisieren, und auch das Unmögliche findet dort seinen Platz.

T: Du siehst aus wie ein Mensch ... mit sehr viel Haaren. Sind die so lang gewachsen, in Deiner Zeit?

B: In 2,3 Billiarden Jahren können Haare sehr lang werden. Und ich werde immer älter. Sieh mein Gesicht, es hat eine fraktale Struktur bekommen, die so fein ist, dass es schon wieder jugendlich wirkt.

T: Ja, ich habe mich schon gewundert. Ich erwartete einen alten Mann zu sehen, aber Du siehst nicht älter aus als 23.

B: Man muss nur alt genug werden, und schon wirkt es wieder jung.

T: Ist das der Gesang der Ewigkeit? Vieviel hast Du bereits davon gehört?

B: Weniger als Du. Deine Flora ist viel mehr, als ich jemals erfassen könnte. Ach, da ist sie ja wieder *freu*

Flora: Entschuldigt bitte, ich war im Innern der Burg. Terrania, Du hast um mich geweint?

B: Sie liebt Dich.

Flora konnte dazu gar nichts mehr sagen. Sanft nahm sie Terrania in ihre Arme.
...


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