Arianne 74

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Die Studentin

Eine kleine Bibliothek. Klein, aber voller wissenschaftlicher Werke. Eine junge Frau, in die Bücher vertieft. Sie schien alles um sich herum vergessen zu haben.

Eine junge Frau?

Oho, wenn man die Zeichen genauer studieren würde, die sich überall fanden. Undeutliche, kaum wahrnehmbare Schemen, sich verändernde Farben, Schatten, die über die Wände huschten. Manchmal ein leises Knistern. War da nicht eben ein kleines geflügeltes Wesen?

Die junge Frau kümmerte das nicht. Für sie gab es nur die Inhalte ihrer Studien.

...

Im Vorzimmer der Bibliothek.

Ein Frau mit körperlangen offenen Haaren trat ein.

Etwas rührte sich, flatterte durch den Raum.

Ein geflügeltes Wesen, eine Fairy.

<< Hallo, ich kenne dich, du bist Alexa >>

<< Ja, das stimmt, und wer bist du >>

<< Ich bin eine Arianne-Fairy >>

Voller Stolz hob sie ihr kleines Haupt. Nicht, dass sie eitel war, es war einfach dieses Gefühl, zu Arianne zu gehören. Ein Gefühl so voller Glück.

<< So, so, eine Arianne-Fairy. Dann ist sie doch nicht so allein, wie ich dachte >>

<< Bitte, Alexa, lass sie. Sie ist so süß und so neugierig. Sie will nicht die große Janine sein, die durch den Kosmos schwebt. Sie will nur lernen. Sie ist so wissbegierig >>

<< Eine Janine, die studieren will? Na ja, so war das nicht geplant. Wisst ihr denn nicht, dass Janines auch gefährdet sind. So manches höhere Wesen würde sie gerne einfangen >>

<< Wir beschützen sie >>

<< Eine Fairy? Überschätzt ihr euch da nicht ein wenig? >>

<< Wir sind viele Fairies und siehst du die kleine Statue dort in der Ecke? >>

<< Ja, ich sehe sie. Eine Arianne. Okay, gut, ich bin überzeugt. Lassen wir sie ihren Weg finden >>

Die kleine Statue winkte ihr zu.

...

Janine in ihre Lektüre vertieft.

Ja, sie wollte studieren, aber auch ihren Status als Janine nicht aufgeben. Es ist etwas anderes, ob man naturwissenschaftliche Gesetze nur nachvollziehen, oder ob man sie gestalten kann.

Als Janine konnte sie gestalten.

Mathematik umsetzen in physikalische Beziehungen.

Eigentlich etwas, das den höheren kosmischen Wesen ab der 2. Stufe vorbehalten war.

Aber sie sahen oft die Einzelheiten und Ideen nicht mehr hinter den Dingen. Der Kampf und das Ringen um Erkenntnis, es war ihnen mitunter abhanden gekommen. Sie glaubten ja schon alles zu wissen.

Einer der wesentlichen Nachteile, ein Gott zu sein.

Wann ist ein Wesen ein Gott?  Ja, wenn allein durch das Denken schon Schaffungskraft erreicht werden kann.

Als Janine war sie ja selbst ein Gott. Dennoch, sie wollte um Erkenntnisse ringen. Dazu eigneten sich diese kleinen Bibliotheken mitunter besser als große multimediale oder transzendente Datensammlungen.

Als Janine hatte sie noch ganz andere Möglichkeiten. Die Bücher hatten ja eine Geschichte, dahinter standen meistens Autoren.

Eine Janine konnte durch die Zeit reisen. Ihr Zeitwesen ermöglichte es ihr. Damit war es ihr möglich, direkt mit den Gelehrten zu sprechen, die die Bücher geschaffen hatten.

Ohne dass sie dabei ein Paradoxon erzeugte?

Ja, sicher, entweder fand das Gespräch in neu geschaffenen parallelen Zeiten statt oder die Gesprächspartner vergaßen den Besuch anschließend einfach wieder.

Und wenn sie selbst keinen eigenen Zeitstrom hatte? Bewegte sie sich dann im Zeitstrom einer anderen Janine?

Es gab ja viel mehr Zeitströme als Janines. Überabzählbar viele Zeitströme, aber nur endlich viele Janines. Und dieser Zeitstrom, in dem sie sich gerade befand, wurde nicht von einer Janine geleitet.

Wenn nun eine Janine ihn leiten würde?

Dann würde sie sich mir ihr absprechen, um Erlaubnis bitten. Andernfalls würde sie versuchen Jasmin zu erreichen, sie bitten, ihr einen unerschlossenen Zeitstrom zu geben.

Nun gut, so weit erst einmal.

Ob Arianne das zulassen würde?

Sie wusste es nicht.

Gefragt hatte sie nicht. Sie war einfach nicht mehr erschienen, zu Alexas Schulungsstunden.
Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. Na ja, sie verletzte ja niemanden damit. Und ein paar Universen mehr oder weniger, war das denn so wichtig?

Sie forderte Freiheit für sich, für ihre Entscheidungen. Ohne dass sie die Konsequenzen alle abschätzen konnte.

Ob sie gefährdet war? Sie fühlte sich sicher. Wenn ein Jäger nach ihr greifen wollte, irgendwie würde er sich bemerkbar machen. Und sie war so schnell in ihren Bewegungen. Kaum vorstellbar, dass sie jemand fangen konnte.

Wenn sie immer schön ruhig blieb, wenig zauberte, man würde sie vielleicht gar nicht bemerken.

Dass eine Menge Fairies um sie herum schwirrten, sie nahm es gelassen. Die Fairies würden sie schon rechtzeitig warnen.
Immerhin bildeten sie ein transzendentes Netz, das weit in die Ebene hineinreichte.

Die normale Welt sah die Fairies ja nicht. Dabei waren sie so süß, die Kleinen. Manchmal nahm sie eine von ihnen in die Hand, streichelte sie sanft.

Die Fairies schienen sie auch zu mögen. Endlich hatten sie eine Janine alleine für sich. Das sprach sich herum und alle wollten sie sehen.

Den wandernden Janines in den Zeitströmen konnten sie nicht folgen. Manchmal sprang eine Janine unendlich weit und war dann nicht mehr wiederzufinden, für die kleinen Fairies.

Janines konnten sich in den Zeitströmen unendlich weit bewegen, ohne ihn zu verlassen. Schon etwas seltsam.
Im Sinne der Mathematik sollte sie dann eigentlich gegen etwas konvergieren, das den Zeitstrom umschloss, seine abgeschlossene Hülle sozusagen.

Sie wollte die abgeschlossene Hülle erreichen, endete aber selbst nach einem unendlich weiten Wegen wieder im Zeitstrom. Okay, als Janine konnte sie den Zeitstrom nicht verlassen, aber dass er unendlich ausgedehnte Wege umschloss?

Sie konnte aber jedem Punkt der abgeschlossenen Hülle beliebig nahe kommen, warum konnte sie sich dann nicht auch darin bewegen? Eigentlich etwas, das den Wesen der zweiten Stufe vorbehalten war.

Nein, durch reines Denken schaffte sie es, sich selbst in die zweite Stufe zu versetzen. Was für eine Leistung!

Im Grunde schaffte sie es dadurch, dass sie sich selbst in konvergente Folge hinein projizierte, die nicht innerhalb des Zeitstromes konvergierte. Die geistige Leistung lag darin, solche Folgen zu konstruieren.

Sie endete dann zielgerichtet in einem Bereich der abgeschlossenen Hülle. Ja, das unterscheidet die Möglichkeit einer Janine vom reinen Nachdenken eines menschlichen Gehirns.

So erreiche sie die zweite Stufe der Unendlichkeit, ohne dass sie die Evolution des Kosmos dorthin entwickelt hätte. Nur, weil sie darüber nachdachte. Und das alles ohne instabil zu werden, ihre Körperlichkeit zu verlieren. Ein Wesen der zweiten Stufe im Vollbesitz ihrer Körperlichkeit, ob es das schon einmal gegeben hatte?

In der Regel löste sich ein Körper auf, wenn das Wesen in die 2. Stufe einging.

So funktionierte die Entwicklung. Eine Ausnahme: Jasmin durfte ihren Körper ja auch behalten, aber das klappte nur, weil Arianne ihr half.
Ach ja, der Archivar hatte auch noch seinen Körper. Dafür war die Liebe verantwortlich. Sie hatte Jasmin sozusagen mit dem Archivar verkuppelt.

Liebe ohne Körperlichkeit? Nein, das wollte die Liebe nicht.

Das Problem für die Materie lag darin, dass es in der zweiten Stufe Raum-Zeit-Bereiche ohne jede Ausdehnung gab. Nullbereiche sozusagen, die aneinander grenzten.
Gar keine so einfache Situation. Wie können z.B. zwei Raum-Zeit-Bereiche aneinander grenzen, wenn sie beide keine Ausdehnung haben? Wie will man sie auseinanderhalten? Kann man sie überhaupt unterscheiden?

Im Grunde gab es keine unterschiedlichen Nachbarn mehr, das hatte aber auch die Konsequenz, dass jede beliebige Entfernung zu Null schrumpfte. Ein Geist in dieser Umgebung konnte ohne Zeitverlust von einem Ort in einen anderen wechseln.

Ein Geist kann in so einer Umgebung existieren, nicht aber Materie, die eine endliche Ausdehnung besitzt.

Janine löste das Problem, indem sie sich in verschiedenen diskreten Punkten manifestierte, die einen positiven Abstand voneinander hatten. Der Raum dazwischen bot genug Platz für ihre Materie.
Das bedeutete aber auch, dass sie in der abgeschlossenen Hülle Zeit brauchte, um Entfernungen zurückzulegen.

Aber war sie nicht eine Janine?! Sie hatte ein Zeitwesen!! Mit dessen Hilfe konnte sie dann doch wieder jeden Punkt der abgeschlossenen Hülle in Nullzeit erreichen.

Die abgeschlossene Hülle der Zeitströme, das Kontinuum.

Im Kontinuum konnte sie zwischen verschiedenen Zeitströmen wechseln. Das war aber nicht so sinnvoll, da jeder Zeitstrom seine eigenen Naturgesetze hatte.
Das Einbringen von Strangeness in einen fremden Zeitstrom konnte unberechenbare Reaktionen auslösen. Das Problem musste sie erst einmal lösen.

Sie musste auch vorsichtig sein. Das Kontinuum realisierte beliebige mathematische Funktionen, die sie zerreißen würden, wenn sie ihnen zu nahe kam.
Vor allem die wesentlichen Singularitäten der Raum-Zeit konnten ihr gefährlich werden.

Es würde ihren Körper zerreißen, aber da sie so sehr darin gebunden war, es würde sie töten. Eine Janine konnte nicht körperlos existieren, denn ihr Wesen war ja gerade die Inkarnation der Körperlichkeit.

Es gab so vieles, das sie zum Nachdenken anregte. Und sie konnte ihre Lösungen gleich ausprobieren. Irgendwie machte ihr das sehr viel Spaß, sie war richtig glücklich damit.

...

<< Ach Janine, wenn du wüsstest, auch unter den Janines gibt es Genies >> Arianne bewunderte sie. Sie schenkte den Fairies eine kleine Statue ihrer selbst. So war sie immer direkt in der Nähe der Janine, denn Arianne als Wesen ist unteilbar. Aber was konnte sie tun, wenn Janine im Kontinuum herumwanderte? Sie bat Black Dog um Hilfe. Er begleitete sie sozusagen von unten und würde sie auffangen, falls sie einbrechen sollte.

Aber es kam nicht dazu, dass Black Dog eingreifen musste. Janine wusste um die Gefahren und sie vermied es, sich in Gefahr zu begeben.
...

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