Arianne 84 - Teufel 05

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Das diabolische Netzwerk

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Beide waren eingeschlossen, in einem Kellerschacht, 20 m unterhalb der Straßenebene. Ein Wunder, dass sie die Erdbeben überlebt hatten. Draußen tobte das Feuer durch die Straßen.

Was war geschehen? Ein Meteroit hatte eingeschlagen, der Planet zerbarst. Niemand würde das überleben.

Sie hielten sich fest umschlungen, küssten sich. Die einzige Geborgenheit, die sie noch hatten.

Draußen tobte das Feuer, kam immer näher und entzog ihnen den Sauerstoff.

Würden sie verbrennen oder ersticken? Welche Alternative gab es noch?
Sie waren die beiden letzten ihrer Art.

Der Sauerstoff wurde knapp. Sie konnten kaum noch atmen. Dann war sie allein, ganz allein. Ihr Geliebter war tot. Sie drückte sich dicht an ihn, aber er antwortete nicht mehr. Sie weinte, nun war sie ganz allein, niemand konnte sie mehr sehen, hören, fühlen. Sie wollte nicht mehr leben, sehnte den Tod herbei. Warum dies alles? Warum leben nur um zu sterben? Warum diese ganze Sinnlosigkeit? War das alles gewesen? Es gab keine Zukunft mehr, keine Hoffnung. Alle ihre Freunde waren tot. Und dann starb sie, in grenzenloser Einsamkeit.

Die Wächter der Naturgesetze. Ob sie zufrieden waren? Die Unabhängigkeit der Naturgesetze blieb gewahrt. Aber es gab hier nun auch nichts mehr, was von Interesse gewesen wäre.

Ob nun eine Naturkatastrophe oder Selbstvernichtung einer Zivilisation, was machte das für die Betroffenen für einen Unterschied, wenn ihnen niemand half?

Die Liebe, warum hatte sie dort nicht eingegriffen? Und Sensity, die Göttin der Gejagten?

...

Arianne: "Das ist schwer zu verstehen. Wir dürfen die Dinge aber nicht nur individuell betrachten. Das Wesen eines Individuums, es kann nur begriffen werden, wenn man es in verschiedenen Wirklichkeiten erlebt. Dazu gibt es unterschiedliche Mechanismen, Reinkarnation ist eine davon. Eine andere ist Parallelität. Wir können ein Wesen in verschiedenen Situationen verstehen. Das ist Telepathie über parallele Zeitströme hinaus. Keiner davon beinhaltet allein die objektive Realität.

Dies ist für endliche Wesen mit einem einzigen beschränkten Bewusstsein nicht begreifbar. Wir aber sind unendliche Wesen. Wir können beliebig viele verschiedene Wesen und Situationen simultan erfassen.

Dabei gibt es keine Beschränkung in Raum und Zeit. Weißt du, wieviel Wesen allein in deinem Zeitstrom vorhanden sind? Etwa 10 hoch 123. Das ist viel mehr, als die Anzahl der Atome in einem einzigen Universum. Dann stelle dir vor, wieviel verschiedene Situationen und Kombinationen es geben kann. Dabei ist die Anzahl paralleler Welten nicht beschränkt.

Dies alles gibt dir vielleicht eine Vorstellung, wieviel Informationen ein unendliches Wesen verarbeiten kann.

Und wir sind so weit entwickelt, dass wir auch jedes einzelne Bewusstsein für sich alleine begreifen können, simultan, und sogar ganz für sich allein.

...

Teufel: "Schau, was in einer parallelen Welt mit den beiden geschieht."

Sie hatten sich gefunden, die Liebenden. Aber das Schicksal wollte sie nicht. Nun lagen sie beide tot in der Grube, in ihrem eigenen Blut. Um sie herum ein Haufen Steine, mit denen man sie getötet hatte. Ihre Bindung hatte den Unwillen anderer erregt, die glaubten, Macht über das Leben zu haben.

Es war nicht das einziges Paar gewesen, das man getötet hatte. Viele ihrer Generation wurden umgebracht, weil sie anders leben wollten.

Die Liebenden waren tot. Die Mörder und ihre Auftraggeber, sie pflanzten sich fort. Wohin ging die Entwicklung? War das alles nur ein Zwischenspiel gewesen und am Ende zählte nur, wer überlebt hatte?

Die Kinder ihrer Kinder, sie würden es vielleicht vergessen, aber war damit alles ausgelöscht?

...

Teufel: "Wenn alle parallelen Möglichkeiten fehlschlagen, bildet dies einen Fixpunkt für das diabolische Netzwerk. Man kann sie auch als Sargnagel der Existenz bezeichnen. Die Auswahl der gezeigten Situationen bildet einen solchen Fixpunkt. Ich zeige dir hierzu noch eine andere parallele Welt."

...

Ein Kaiser. Mehr als 2000 Weibchen nannte er sein eigen. Alle männlichen Bediensteten des Palastes lies er bereits bei der Geburt kastrieren, er war ja der Garant für die Fortpflanzung, mehr bedurfte es nicht. Das war so von Gott gewollt. So verbrachte er dann seine Tage, widmete sie seiner Fortpflanzung. Dann, ein verstohlener Blick, eine Liebesbezeugung eines Eunuchen für eine der Frauen. Das war ungeheuerlich. Er lies sie alle umbringen, schlachten wie Vieh. 4000 Tote in einer einzigen Nacht. Den Palast konnte er danach nicht mehr bewohnen, es stank überall vor Blut. So ließ er sich in einer anderen Stadt nieder. Als erstes musste er natürlich seine männlichen Konkurrenten ausschalten.

Und das Leiden der Betroffenen?

Viele der Betroffenen verfluchten das Leben, das sie gezeugt hatte. Manche auch nur den Kaiser, der für alles verantwortlich war. Wieviel Flüche darf ein Wesen auf sich laden, ohne vom diabolischen Netzwerk geschluckt zu werden?

Am schlimmsten anzusehen war die Gier und Mordlust der Massen, die dabei zuschauen durften. Viele der Ausführenden empfanden Lust dabei, bei dem was sie taten. Was für eine morbide Zivilisation. Und hierauf sollte sich eine Zukunft aufbauen lassen?

Eine junge Frau, die man in den Palast gebracht hatte. Wir kennen sie schon. Ihren Liebsten hatte man ihr genommen. Sie hatten ihn geköpft, weil er sie schützen wollte. Warum lebte sie überhaupt noch? Dann dieser Kaiser, der sie besteigen wollte. Sie lies es über sich ergehen, aber sie starb noch bevor er wieder von ihr heruntersteigen konnte.

Das erste mal, dass er einen Hauch des Todes spürte. Sonst kannte er ja nur den Rausch der Macht. Er hörte das Lachen des Teufels in seinem Innersten, ohne es überhaupt zu verstehen. Mit einem mal empfand er so etwas wie Angst.

Eine Chance der Umkehr, er nutzte sie nicht.

...

Janine: "Dieses Liebespaar, sie sind doch nicht schuld an der Hölle, die sie erleiden mussten. Wozu dient also dieses Beispiel? Es kann doch nicht die Existenz widerlegen, oder?  Gibt es denn keine Zeit, in der sie glücklich werden können?"

Teufel: "Nein, das ist das Problem. Es ist die Umgebung, die sie nicht glücklich werden lässt. Es geschieht unendlich oft, dass ihre Liebe vernichtet wird. Möglich ist diese Folge von Ereignissen nur, weil die Welt unendlich groß ist. Damit sind auch die unwahrscheinlichsten Ereignisse denkbar, und was denkbar ist, realisiert sich in einer multidimensionalen Unendlichkeit."

Arianne: "Unendliche Sequenzen dieser Art lassen wir nicht zu. Irgendwo muss es eine Unterbrechung geben."

Teufel: "Nein."

Arianne: *such*

Arianne: "Schauen wir einmal in diese parallele Wirklichkeit."

Zwei Menschen, festgebunden an Pfählen. Ein Mann und eine Frau. Nackt. Ein Liebespaar. Um sie herum eine johlende Menge. Man will sie verbrennen, da sie sich als Liebende offenbahrt haben. Kapuzenträger, dahinter dunkle finstere Mächte. Das Böse an sich ist hier zu Hause. Ein Liebespaar in so einer Welt, nein, das ist nicht möglich.

Einer der dunklen Kapuzen hebt eine Fackel, entzündet sie, setzt damit den Scheiterhaufen in Brand.

Es beginnt zu qualmen. *hust*. So viel Rauch bei so wenig Feuer* *hust* *hust*.

Der Rauch verzieht sich, doch, wo sind die beiden? Ihre Fesseln hängen lose am Marterpfahl.

Arianne: "Das war Sensity."

Teufel: "Aber wo sind sie hin? Wer garantiert, dass es ihnen dort besser geht?"

Arianne: "Sensity hat sie in ihre Galaxis gebracht, und die ist ein Teil meiner Heimat. Dort haben höhere kosmische Mächte keinen Zugang und die Naturgesetze werden von uns gesteuert. Uns, das bin ich, Alexa und meine kleinen Janines. 

Meine Heimat ist so etwas wie das Paradies. Ein anderes Experiment. Lebewesen, die verfolgt wurden, können sich dort ausruhen. Das diabolische Netzwerk ist ausgeschlossen.

Schau in dein Netwerk, diese Situation spiegelt sich dort. Dein Sargnagel hat eine Schwachstelle."

Teufel: "Das ist aber ein massiver Eingriff in die Naturgesetze"

Arianne: "Da es uns gibt, müssen wir auch unseren Teil dazu beitragen, dass die Existenz nicht verlorengeht. Und wenn es Unschuldige sind, die unendlich oft leiden müssen, nein, das lassen wir nicht zu. Hier hast du dich unterzuordnen und nicht nur du. Bedenke, ich bin das Wesen der Existenz. Ich bestimme sie."

Teufel: "Dagegen kann ich nichts sagen. Und wenn die Schuldigen in so eine Schleife geraten?"

Arianne: "Dann widerspreche ich dir nicht. Dass ist auch ein Prüfstein für meine Existenz. Und nur deswegen gibt es dich überhaupt. Aber selbst dann, solange es noch ein Licht gibt wird die Dunkelheit nicht alles beherrschen. Das mag banal klingen, aber es ist das Konstruktionsprinzip meiner Welt."

Arianne: "Die tote Ebene ist gestorben, weil zu viele Sargnägel vorhanden waren. Die Alternativen der Existenz fielen nicht mehr ins Gewicht.

Es war aber auch die Mutlosigkeit ihrer Repräsentanten. Das Wesen der Existenz, es hatte sich aufgegeben. Was aus ihr geworden ist, wir wissen es jetzt. Der Tod.

Die tote Ebene hat eine neue Chance bekommen. Die Liebe. Janine, nun weißt du auch, warum die Liebe so wichtig ist. Sie ist ein hypertranszendentes Wesen, das über meine Ebene hinausreicht. Sie ist sehr flüchtig, wenig materiell. Das kann aber auch nur ihre Erscheinungsform sein, die sie hier gewählt hat.

Sensity.  Sie ist vielleicht ähnlich umfassend wie die Liebe. Ich muss aber zugeben, ihr Wesen geht über mein Verständnis hinaus. Ich vertraue ihr, sie ist etwas, an dass ich bedingungslos glaube.

Dies hier ist meine Existenz. Ich werde sie nicht aufgeben, auch wenn die Sargnägel des Teufels weite Teile festnageln sollten. Lasst uns die Szenarien wechseln. Es macht keinen Sinn, nur diese eine Situation in ihrer Unendlichkeit erfassen zu wollen."

...

Es ging weiter hinein ins diabolische Netzwerk.

...

Krieg. Zerfetzte Leiber auf dem Schlachtfeld. Wesen, die sich nicht mehr bewegen konnten und von kleinen Tieren gefressen wurden, bei lebendigem Leib. Manchmal dauerte es sehr lange. Nein, hier gab es keine Möglichkeit, irgendetwas positiv zu sehen. Janine starb mit den Betroffenen in ihrer Hoffnungslosigkeit. Ein Albtraum, aus dem sie nur erwachte, weil Arianne sie zurückholte.

...

Ein antikes Theater. Nach dem großen Ereignis. Alles voller Blut, zerfetzte Leichen, Körperteile. Man konnte noch sehen, wie schön die Wesen gewesen waren, die man hier hatte zerfleischen lassen. Die Masse hatte ihr Vergnügen gehabt, sie berauschte sich an ihrer Blutrünstigkeit. Schaute man in die Arena, es wurde einem Übel davon, was man sah. Janine musste sich übergeben. Auf solch einer "Zivilisation" sollte sich die Zukunft aufbauen?

...

Arianne: "Wir dürfen die Dinge nicht pauschal betrachten. Sicher, diese blutrünstige Masse, es gab sie wirklich. Aber nicht alle Individuen waren so. Viele fühlten sich davon abgestoßen und blieben lieber zu Hause. Entwicklung findet auch im kleinen statt. Was ist letztendlich von dem ganzen Theater geblieben? Ein Haufen Ruinen. Das mächtige Kaiserreich, es existierte nach ein paar Jahrhunderten nicht mehr. Eine neue Generation, soll sie die Schuld der Alten beerben? Nein, sie beginnen wieder neu und müssen ihre eigene Welt aufbauen. Manchmal ist es auch notwendig, dass sie lernen, sich gegen die Konventionen ihrer Vorfahren durchzusetzen. Ein morbides System, das Unterhaltung durch Abschlachtung von Intelligenzwesen betreibt, ist nicht entwicklungsfähig.  Es ist aber auch so, dass ein Individuum innerhalb seines Lebens lernen kann, die Dinge anders zu verstehen. Das kann hilfreich für die Nachkommen sein. Das Entwicklungspotential einer Art zeigt sich erst über viele Generationen. Es kann schiefgehen, dann sterben sie letztendlich aus, aber manchmal setzt sich der erwachende Geist auch durch.

Eine transzendente Entscheidung der Schuldfrage ist davon unabhängig. Das sollte aber nicht Gegenstand dieses Besuches sein."

Die kleinen und die großen Dinge. Janine erlebte das Entstehen von Kulturen, Zivilisationen und ihren Untergang. Ja, hier endete alles irgendwann, und immer auf sehr schreckliche Weise. Die Betroffenen vermittelten ein sehr düsteres Bild der Existenz. Die meisten davon hätten es vorgezogen, man hätte sie niemals existieren lassen. Warum auch Existenz, wenn sie nur Leiden hervorbringt? Wie sollte man diese Sichtweise eines Betroffenen widerlegen?

Janine nahm in sich auf, was sie sah. Sie leidete mit, aber sie fühlte ja nur den Schmerz. Er war nicht die Hoffnungslosigkeit der Betroffenen, die auch ihr eigenes Leben bestimmte. Dennoch litt sie sehr, denn sie wusste, dass auch jedes neu entstandene Leben ähnliches erleiden musste, wenn es Pech hatte. Warum dann überhaupt leben? Das war die Frage,  die sie sich stellte. Die Betroffenen verfluchten zum Teil ihre Existenz und hatten sie Unrecht damit? Nein, das hatten sie nicht. Wer davon kam oder mehr Glück hatte. Er hatte eine andere Sicht auf die Dinge. Aber wenn das Ende nahte, wenn es ihn selbst traf?

Nun, dies war das diabolische Netzwerk. Es gab keine Hoffnung mehr am Ende. Aber das Netwerk war nur ein Teil der Ebene, es umfasste sie nicht in ihrer Gesamtheit.

...

Hypatia

Eine Kirche, in einer vergangen Zeit. Menschen waren zu sehen, sie schienen ein Tier zu schlachten. Überall lagen blutende Fleischstücke herum. Dann konnte man sehen, was sie taten.
Es war eine Frau, die sie zerfetzten. Ihre Augen, es lag so unendlich viel Schmerz darin. Janine spürte ihren Schmerz, sah ihre Geschichte.

Sie musste sich übergeben. Ihr wurde schwarz vor Augen. Arianne nahm sie wieder heraus, aus dieser Situation.

Teufel. "Ein Teil des diabolischen Netzwerkes, das eine Kirche geschaffen hat."

Janine: "Das war so grausam, und sie war doch ein so schönes Wesen, mit so viel Geist und Intelligenz. Wie können sie so etwas tun?"

Teufel: "Das Streben nach Macht und Kontrolle. Alles was dagegen spricht wird vernichtet. Hexenwahn. Es gibt viele ähnliche Situationen, die ich dir zeigen kann."

...

Janine wankte, aber sie gab nicht auf. Die schrecklichen Dinge, die sie erleben musste, sie brannten in ihrem Inneren. Es hätte sie umgebracht, wenn Arianne ihr nicht vieles davon abgenommen hätte. Arianne gab ihr positive Impulse, ja, sie war die Hoffnung in all dieser Dunkelheit. Sie war das Licht. So trotzte sie auch ihrer eigenen Verzweiflung. Am Ende konnte sie nicht mehr. Es wurde zu viel. Flehend sah die Arianne an und verlor das Bewusstsein. Arianne nahm sie in ihre Arme und verschwand mit ihr aus der Hölle.

...

Und der Teufel? Er beobachtete dies alles. Es überraschte ihn, wie sehr Janine widerstehen konnte, dass sie die Hoffnung nicht aufgab. Obwohl sie sich manchmal verlor, in den Wesen der Existenz, die Schreckliches erdulden mussten.

...

Arianne zurück in ihrer Heimat. Eine Janine in ihren Armen. Sie streichelte sie sanft. Janine schlug die Augen auf. "Wo bin ich?".

Arianne: "In meiner Heimat. Es ist vorbei."

Janine: "Ich kann es nicht vergessen, ich will es auch nicht. Wie wird nun mein weiterer Weg aussehen, nachdem ich das höchste Wesen der Existenz erleben durfte? Darf ich wieder eine Janine sein?"

Arianne: "Du bist immer eine Janine gewesen, nie habe ich dich daraus entlassen. Du musst dich jetzt ein wenig erholen und dann? Wenn du willst, kannst du die Schule von Alexa besuchen oder dich von Jasmin beraten lassen."

Janine: "Ja, danke Arianne. Ich will eine Janine werden, die ihre Aufgabe erfüllt."
...

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