Arianne 89

Home   nächste Seite

Hypatia

Nachdem er sich die Augen wund geheult hatte, fasste er sich langsam wieder. Ja, es war geschehen, er konnte es nicht mehr ändern. Er wischte sich die Tränen aus den Augen und schaute sich um, im Zimmer.

Irgendetwas hatte sich verändert. Er wusste nur nicht was. Es betraf sein Inneres, er spürte eine merkwürdige Form der Energie in sich. Was war das?

Dann schaute er auf seine Tischlampe. In einer Eingebung stellte er sich vor, sie würde sich zur Seite bewegen. Und sie tat es!!

Das hatte er noch nie erlebt. Telekinetische Übungen dienten eigentlich nur dazu, ihm zu zeigen, dass er es nicht konnte. Die Welt war stabil. Die Naturgesetze ließen so etwas nicht zu.

Dann kam ihm ein Gedanke in den Sinn. Hypatia. Er wünschte sich so sehr, sie hier zu haben, raus aus diesem Kirchenloch, die sie zu einer Folterkammer gemacht hatten.

Er wollte sie lebendig, nicht als Geist, der schon die Todeserfahrung gemacht hatte. Er wollte lebend mit ihr kommunizieren, als lebendes Wesen.

Und was geschah?

Ein rotierendes Licht bildete sich. Erst schwach, dann immer stärker.

Und dann saß sie bei ihm auf dem Fußboden.

Sie war verwirrt. Fragend schaute sie ihn an.

Wie sollte er sie anreden? Latein? Die Sprache beherrschte er nicht. "Hypatia".

Ihre Augen leuchteten kurz auf. Ja, sie hatte ihn verstanden.

Er setzte sich zu ihr, berührte sanft ihre nackte Haut. Er betastete sie vorsichtig, schaute sie ganz genau an. Voller Angst davor, dass sie bereits Fleisch aus ihr heraus gerissen hatten.

Sie war unversehrt, blickte ihn nur an.

Was nun? Ach ja, sie war ja Wissenschaftlerin, Mathematikerin.

Er kramte seine Mathematikbücher hervor, gab sie ihr, zeigte ihr die Zahlen und Symbole.
Astronomiebücher. Bilder von Sternen, Galaxien, Zeichnungen. Bilder von der Erde.

So etwas wie Verständnis leuchtete in ihren Augen. Zum erstenmal lächelte sie ein wenig.

Römische Schriftzeichen. I,II,III ... Er malte die Zahlensymbole auf ein Papier, daneben die entsprechenden Dezimalzahlen. Sie nickte ihm zu, ja, das verstand sie.

Dann eine Gerade auf einem Papier. Beginn bei 0, dann 370, 415. Er zeigte auf sie, malte ein kleines Kind neben die 370, dann eine erwachsene Frau neben die 415.

Er ergänzte den Zahlenstrahl bis 2010, zeigte dann auf sich. Malte eine Frau daneben, zeigte auf sie.

Sie verstand.
Sie hatte mehr als 1600 Jahre übersprungen.

...

Sie war nackt. Zunächst einmal brauchte sie Kleidung.
Na ja, Hemden, Hosen, Strümpfen und Unerwäsche hatte er ja genug. Darüber eine Jacke und dann irgendwann ab in ein Geschäft. Aber vorher musste er sie noch ein wenig vorbereiten, auf die Welt.

Die Haare. Ihre körperlangen Haare mussten irgendwie verstaut werden. Abschneiden. Nein, nein, nicht.
Er zeigte ihr ein Bild.
Sie flechtete sich selbst Zöpfe, die sie um ihren Kopf wickelte.

Dann ging es an die Technik. Toilettenspülung, Wasserhahn, Lichtschalter und ein erster Blick aus dem Fenster. Die Stadt, ihre Lichter.

Das ganze verwirrte sie, aber sie verdaute es.
Keine Angst vor Dämonen, Hexen, sie betrachtete die Dinge technisch.

Sprachübungen. Sie lernte seine Sprache, indem er auf Gegenstände zeigte und die Begriffe niederschrieb.
Damit verbrachte sie erst einmal einen Tag.

Lebensmittel waren noch genug vorhanden.

Dann zeigte er ihr den Computer. Ein Sprachlernsystem wurde gesucht.

Nach zwei Tagen waren sie so weit, um außer Haus zu gehen.

...

Sie lernte schnell. Nach einer Woche verstand sie die Sprache und konnte sich frei in der Stadt bewegen.

...

Nach einem halben Jahr.

"Na wie gefällt dir diese Zeit?"

H: "Sie ist so anders. So viele technische Entwicklungen, Fortschritte in der Wissenschaft. Ich kann dies alles kaum erfassen."

"Lass dir Zeit. Ich habe nur Angst, es könnte dich zu sehr belasten."

H: "Nein, nein, ich lerne. Nur die Kommunikation mit anderen Menschen, die fehlt mir. Ich habe so viel mit Menschen geredet, damals in Alexandria."

So verbrachten sie erst einmal ein paar Wochen.
Tagsüber ging er arbeiten, sie blieb dann allein in seiner Wohnung, studierte seine Bücher und die Möglichkeiten des Computers.

Abends waren sie wieder zusammen.

"Wir haben hier ein Problem. Du kommst praktisch aus dem Nichts, hast keine Identität. Selbst als Flüchtlich ohne Pass müsstest du irgendwoher kommen. Im Grunde hälst du dich hier illegal auf."

H: "Was kann mir passieren?"

"Schwierig wird es nur, wenn du zur Passkontrolle aufgefordert wirst. Aber das geschieht nicht so oft, wenn man nicht gerade auffällt. Die Polizei könnte dich festnehmen, aber sie wissen nicht, wohin sie dich abschieben sollen. Vielleicht nach Ägypten?"

H: "Nach Alexandria, in dieser Zeit?"

"Du könntest dich nach einer Abschiebung nicht frei bewegen. Irgendwelche Lager."

H: "Was kann ich tun?"

"Ich denke, du hast eine überragende Intelligenz. Ich hoffe ja, dass du hier Anknüpfungspunkte findest, die du selbst weiterentwickeln kannst."

H: "Das ist schwierig. Dafür muss ich erst einmal jahrelang lernen. Weißt du, wenn ich mir die Menschen so anschaue, in den 1600 Jahren hat sich gar nicht so viel geändert. Sie verhalten sich immer noch ähnlich."

"Ich hatte befürchtet, dass du so etwas sagst."

H: "Ihr redet aber immer weniger miteinander. In diesem Haus, jeder ist für sich. Ich sehe darin eine große Gefahr. Irgendwann könnte das Leben nur noch rein funktionell sein und ihr werdet dann zu einem Teil einer Maschine."

"Und wem nutzt das dann?"

H: "Einigen wenigen, die damit spielen. Das war schon immer so."

Inzwischen arbeitete er nur noch gelegentlich nebenbei, das Ersparte reichte, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine billige Wohnung in einer nicht so sehr teuren Stadt.

5 Jahre waren sie jetzt zusammen, besuchten gemeinsam Vorlesungen über Mathematik, Physik, Informatik. Beide waren als Gasthörer eingeschrieben. Sie hatte sich tatsächlich als Hypatia eingeschrieben. Na ja, die Bürokratie akzeptierte ja jeden Namen. Ausweisen brauchte sie sich nicht, für den Gasthörerstatus.

In den Seminaren diskutierten sie mit Professoren und Studenten.

Ein bisschen lebte Hypatia wieder auf, in dieser für sie unbekannten Welt. Schon nach einem Jahr hatte sie keine Probleme mehr damit, die mathematischen Inhalte zu verstehen.

Die Universität beschäftigt beide als Hilfsassistenten.

Es gab kleine Foren, auf ihre Anregung hin. Dort wurde über wissenschaftliche Inhalte diskutiert, ohne dass die Themen ausschließlich auf potentielle Prüfungsinhalte bezogen waren.

Beide waren so glücklich in dieser Zeit.

Dann überstiegen ihre mathematischen Fähigkeiten die der Professoren.

Wuff weihte einige spezielle Professoren ein, in die Rolle, die Hypatia zukam.
Zuerst wollten sie es nicht glauben, aber die Naturwissenschaft dieser Zeit war in der Lage, ein Lebewesen zu identifizieren, das aus einer Zeit vor 1600 Jahren kam.

Die Ergebnisse blieben nicht geheim. Das war auch nicht zu erwarten, bei so sensationellen Resultaten.

Das war dann auch das Ende dieses Abschnittes. Nur noch eine Frage der Zeit, bis die Staatssicherheit sich um sie kümmern würde. Dann würde sie vielleicht wieder zu einem Objekt werden, das man sezieren wollte. Nein, nur das nicht.

Er spürte ein geheimnisvolles, schon bekanntes Rauschen. Etwas würde sich verändern.

Ein rotierendes Licht.

Eine irgendwie überirdisch schöne Frau materialisierte, von körperlangen Haaren bedeckt. Selbst Hypatia war sprachlos im Angesicht von so viel Schönheit.

"Mein Name ist Timefrost. Ja, ich friere die Zeit manchmal ein. Ich bin das Zeitwesen eures Ewigkeitsstromes."

H: "Ein Zeitwesen, was ist das?"

T: "Das lebende Wesen der Zeit. Alles was geschehen ist lebt weiter in mir fort. Auch dein Leben, Hypatia, ist ein Teil von mir."

H: "Aber ich bin nicht mehr in meiner Zeit. Hast du mich in die Zukunft transferiert? Meinen Tod damit verhindert?"

T: "Das geht so leider nicht. Die Erfahrungen eines Wesens lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Sie sind ein Teil der Existenz selbst, die Substanz, aus denen das Wesen der Existenz besteht. Wenn wir etwas rückgängig machen würden, es wäre so, als würde man Teile deiner Erinnerung einfach löschen. Die Verbindungen innnerhalb der Existenz sind aber noch sehr viel komplexer. Sie umfassen auch parallele Welten.

Du bist ein paralleles Wesen deiner Selbst, neu geschaffen. Wir wollen einen neuen Zeitstrom initiieren. Das geschieht, wenn wir dich in deine Zeit zurückschicken und du die Vergangenheit veränderst"

H: "Ich soll die Vergangenheit verändern? Vor meinen Mördern fliehen? Aber wie lange kann ich ihnen entkommen? Ich stehe gegen den Strom der Zeit. Irgendwann kriegen sie mich doch. Ich habe nicht die Macht, um das zu verhindern. Ich kann nur fliehen, aber wohin? Vielleicht nach Athen?"

T: "Wir schicken dich zurück als eine Göttin, so wie du auf dem Bild erscheinst, das du hier gesehen hast. Du bist dann unsterblich und hast paranormale Fähigkeiten, vergleichbar mit der Aphrodite.

Für die Sterblichen bist du unerreichbar. Wenn sie dir zu nahe kommen wollen, werden sie einfach kleiner. Sie konvergieren im mathematischen Sinne, bevor sie dich erreichen können. Denke an Achilles und die Schildkröte.

Ja, ein neuer Zeitstrom. Die Menschen dieser Welt scheinen auf Gottheiten und Glaubensinhalte nicht verzichten zu können. Daher möchten wir es ihnen geben, in einer parallelen Welt. Viele der anderen Zweige sind fehlgeschlagen, vielleicht klappt es auf diese Weise. Denn sie haben so viele bewundernswerte Eigenschaften, nur, sie zerstören oft alles wieder selbst."

W: "Dann verliere ich sie schon wieder? Das macht mich sehr traurig, ich liebe sie doch so."

T: "Deine Zeit hat sich bereits verändert, da Hypatia hier erschienen ist, quasi aus dem Nichts. Du kannst mit ihr gehen, wenn du willst, oder hier bleiben."

W: "Alleine zurückbleiben. Nein, bitte nicht. Ich möchte mit ihr gehen."

T: "Aber pass auf dich auf. Wir können dich nicht auch zu einem Gott machen. Das verträgt die Raum-Zeit nicht. Aber wir können doch etwas für dich tun. Hier, nimm dieses kleine Haar, wickele es um deinen Arm, es wird dich beschützen. Es ist eins von Ariannes verlorenen Haaren."

W: "Und die andere Hypatia, Was geschieht mit ihr?"

T. "Sie wird sterben. So wie es dokumentiert wurde."

W: "Das tut sehr weh. Du bist doch so mächtig. Könnt ihr nicht einfach eine Matrix schaffen, die sie ersetzt und sie dann mit ihrem parallelen Wesen verschmelzen?"

T: "Nein, das geht nicht. Weil es der Existenz etwas wegnehmen würde. Das Geschehene ist bereits ein Teil von Arianne."

W: "Hypatia, ich leide mit deiner Zwillingsschwester.

H: "Ja, das tue ich auch. Es tut so weh, ich halte es nicht mehr aus."

T: "Hypatia, soll ich deine Existenz wieder rückgängig machen? Das wäre möglich."

Plötzlich spürten sie einen Hauch von Ewigkeit. Ein Gedanke manifestierte sich, gar nicht in Worten, aber sie verstanden ihn.
<< Ihre Seele ist bei mir >>
Dann wurde es wieder "normal".  Nicht ganz, alles war plötzlich nass, als wenn sie in ihrer Kleidung geduscht hätten.

T: "Das war eine Träne der Arianne. Sie hat sich euch offenbart. Arianne hat geweint."

Hypatia und Wuff, es berührte sie tief in ihrem Innern.

H: "Nein, ich möchte leben. Schick mich bitte zurück, wenn ich etwas verändern kann."

T: "So soll es geschehen. Hypatia und Wuff, macht euch bereit."

...

nächste Seite