Arianne 92

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Die andere Seite der Existenz, ein Kirchenfürst lernt seine persönliche Hölle zu fürchten.


Transzendenz 03

Die andere Seite.

Ein mächtiger Kirchenfürst, Gelehrter, Gottesfürchtig und tugendhaft. Sein Leben hatte er dem Glauben gewidmet.

Er hatte viel für seine Kirche getan, ihr zum Durchbruch verholfen, ihren Einflussbereich weit ausgedehnt. Alles im Namen Gottes.
Seine Anhängerschaft zählte nach hunderttausenden. Sie beteten mit ihm und für ihn. Aber ob sie ihn liebten?

Er herrschte mehr als dass er die Lehre der Liebe verbreitete. Gewalt, Mord und Tod, es war der alltägliche Begleiter.
Bis dann endlich Ruhe einkehrte, als der Machtkampf entschieden war.

Nun war er tot. Seine Seele im Bereich der Transzendenz.

Ein Boot. Sonst sah er nichts.

Niemand war da um ihn abzuholen. War dies das Paradies, das er sich erhofft hatte?

Er stieg allein ins Boot und fuhr los.

Lange Strecken der Dunkelheit. Er wunderte sich, dass er den Fluss überhaupt sehen konnte.

Dann ein Schatten, der auf ihn fiel.
Ein Schatten in der totalen Dunkelheit? Wo war er hier nur? Das konnte doch nicht die reale Welt sein.

Der Schatten verschmolz mit ihn, er brachte ihm Illusionen.
Er wusste nicht, ob er träumte oder nicht. Immer wieder tauchte die Frage auf, wo war er und vor allem was war er?

Dann ein Bild, ein Film in seinem Bewusstsein.

Er sah das Innere einer Kirche. Überall war Blut, Fleischfetzen, was war hier geschehen? War hier ein Tier geschlachtet worden, als Opfergabe für Gott?

Die Zeit spulte zurück und er wurde Zeuge eines grausamen Mordes. Ihm wurde schlecht, aber er konnte sich nicht abwenden, sich nicht einmal übergeben. Er musste alles mit ansehen, alle Einzelheiten, und er musste in die Augen des Opfers schauen.

So viel Schmerz. Nein, noch nie hatte er jemanden so leiden sehen.

Szenenwechsel.

Er sah eine junge Frau im Kreise ihrer Freunde. Wie sie mit Worten zärtlich ihre Seelen streichelte, wie schön und geistreich sie war. Wie sie versuchte den Menschen zu helfen, ihnen Wissen zu vermitteln, Geist zu entwickeln.

Er sah ihre Erfolge, wie sehr sie die Menschen förderte.

Sie war das Opfer in der Kirche. Wer konnte nur ein so wundervolles Wesen auf diese bestialische Weise umbringen?

Dann sah er sich. Seine Worte, wie er sie als Hexe verteufelte. Ihren Mördern Anerkennung gab, die Mörder als Gerechte bezeichnete.

Er sah ihre ganze Lebensgeschichte, wie sie liebevoll von ihrer Mutter umsorgt wurde. Nirgendwo gab es einen Hinweis, dass sie eine Hexe war, sie war einfach nur ein Mensch. Sie wurde um ihrer selbst willen geliebt und sie liebte das Leben.

Und irgendwo ganz weit hinten sah er ihn, den er so sehr gefürchtet hatte. Er winkte nach ihm. << Komm zu mir >>. Der Teufel, es gab ihn wirklich.

Dann Szenenwechsel. Was dieser Mord alles verhindert hatte. So viel Liebe, so viel Glück. Stattdessen nur Leere, das Nichts.

Sein Boot geriet in einen Strudel, fiel in eine endlose Tiefe.

Das diabolische Netzwerk.

Hexenverbrennungen, er sah, was mit den Menschen geschah, wie sie leiden mussten.
Und was dadurch alles zerstört wurde.

Er hielt es nicht mehr aus, aber nichts schaffte ihm Erleichterung. Nicht einmal der Wahnsinn hatte eine Chance, ihm diese Eindrücke zu nehmen.

Er durchlebte das Leid der Welt, die er mit gestaltet hatte.

Nein, das hatte er nicht gewollt. Niemals. Er fiel auf die Knie, bat um Vergebung, er vergoss virtuelle Tränen aus virtuellen Augen, aber wer sollte ihn hier hören? Er war allein, ganz allein in einer Unendlichkeit, die nur für ihn da war. Selbst der Teufel war daraus verschwunden, er war ganz allein.

Er fühlte sie, die Unendlichkeit. Eine Leere der Verzweiflung, die er mit gestaltet hatte.

So verging eine Ewigkeit.

...

Eine Berührung an der Schulter.

Er blickte auf.

"Jesus? Oh, ich unwürdiger, wie sehr habe ich gesündigt."

J: "Nicht für alle deine Handlungen trifft dich Schuld, es ist viel Unwissenheit dabei. Der Mensch hat nur begrenzte Möglichkeiten, in denen er sich bewegen kann und er muss um sein Überleben kämpfen. Das kann die Frage der Schuld überlagern. Deine Reue ist ehrlich, sie kommt aus der Tiefe deiner Seele. Und du hast es besser gemacht, in einigen deiner parallelen Welten. Aber der Neid, der dich zerfressen hat und der Hass, den du ausgelebt hast, das erforderte einen Ausgleich. Du hast jetzt das Leid derjenigen in dich aufgenommen, deren Schicksal du mit zu verantworten hattest. Es wird dich nie wieder verlassen, solange deine Seele lebt.

Nun geh deinen Weg in der Transzendenz. Der Fährmann wartet auf dich."
...

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