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Kleine haarige Geschichte 01

Aphrodite beim Frisör. Es kommt anders als erwartet.


Aphrodite, kleine haarige Geschichte 01

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Sie liebte ihre langen Haare. Sie vermittelten ihr ein Gefühl von Sanftheit, Geborgenheit, Glück, das nur ihr gehörte. Es waren mächtige Haare. Sie umrahmten ihren Körper, reichten bis zum Boden. Sie konnte ihre Nacktheit damit bedecken, wenn sie wollte, und sie konnte sich in die Haare einrollen, wie in eine zweite Haut.

Nun stand sie vor diesem Frisörsalon. War es das Alter, das Nörgeln der Nachbarn, Kollegen, Chefs, Verwandtschaft, oder der allgemeingesellschaftliche "Haarstandard", der sie hierher gebracht hatte? Wollte sie sein, wie die anderen? Keine Ausnahme mehr, die sie gar nicht sein wollte? Niemand mochte ihre Haare wirklich, dachte sie, außer sie selbst.

Sie benötigten viel Zeit, die langen Haare. Das Auseinanderpulen, Kämmen, damit sie nicht verfilzten. Vom Waschen ist hier noch gar nicht die Rede. Weniger Zeit für die Haare ergibt mehr Zeit fürs Geschäft, oder für die Verwandten, Freunde, so war wohl die Rechnung. Und doch, in ihrer Einsamkeit waren sie ihr ein Freund, ein Pol der Ruhe, etwas, das nur ihr gehörte, auf das sie sich zurückziehen konnte.

Nun saß sie in diesem Frisierstuhl, die Haare hingen überall um sie herum, bis auf den Boden. Ein Fotograph war auch schon da, das wollte er sich nicht entgehen lassen. Ein Makeover, mit dem sich Geld machen lässt. Warum nur?

Auch für sie würde einiges dabei herausspringen, aber wie wichtig war ihr das?

Sie fühlte, dass zwei Hände nach ihren Haaren griffen, sie ordneten, nach hinten zogen. Sie schaute in den Spiegel. Die Masse der Haare geriet aus ihrem Gesichtsfeld. Sie spürte nur, dass etwas mit ihnen geschehen sollte. Sie sah eine Hand, mit einer Schere.

Plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen. Sie weinte still und intensiv. Die Tränen flossen ihr über das Gesicht, tropften auf das weiße Leichentuch für die Haare auf ihrem Schoß.

Der Blick der Frisöse traf sie im Spiegel. Nein, das wollte sie nicht.

Plötzlich fühlte die Frau eine Berührung von Haaren, auf ihrem Schoß,  mit den Händen, ganz sanft. War das nun das Ergebnis dieses Besuches, ihre Haare, losgelöst vom Körper? Wieder mit nach Hause nehmen in einer Plastiktüte? Vor lauter Tränen konnte sie nichts mehr sehen. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Voller Angst blickte sie auf die Haare, das andere lose Ende suchend. Sie fand es nicht.

Die Frisöse gab ihr die ganze Mähne nach vorne, auf den Schoß. Nichts davon war geschnitten worden, und sie war froh darüber, denn sie mochte die langen Haare.

Ein intensives Glücksgefühl durchströmte die Frau. Sie wollte sie fühlen, die Haare und drückte sie fest an sich. Dann umarmten sich beide Frauen.

So verlies sie den Salon wieder, mit all ihrer Haarpracht.


Aphrodite

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