Kleine haarige Geschichte 03

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Anna und Jennifer

Morgen geht ihr zum Frisör. Die Haare müssen jetzt einfach ab. Lasst euch gleich eine schöne moderne Haarfarbe verpassen.

Sagte eine Mutter mit Kurzhaarschnitt, rotgefärbten Haaren.

Sie schauten sich an, die beiden Mädchen. Anna, gerade mal 11 Jahre alt mit einem langen Pferdeschwanz, der ihre Knie bedecken konnte, und Jennifer, 13 Jahre alt, mit langen dicken Zöpfen, die bis zu den Knöcheln reichten.

Die Mädchen hatten lange Zeit kämpfen müssen, für ihre langen Haare, nun sollte das alles vorbei sein? Tante Frieda hatte oft dabei geholfen. Mutter hatte wohl ein Autoritätsproblem mit Tante Frieda.
So energisch hatte sie es aber noch nie verlangt, das Abschneiden der Haare.

Die anderen Mädchen in der Schule? Man kannte sich ja schon so lange und die Haare wuchsen über die Zeit, die anderen gewöhnten sich daran und irgendwie waren sie auch beliebt, die beiden Mädchen. Die KlassenkameradInnen verteidigten sie sogar, gegen Sticheleien oder Neid und sie mochten die langen Haare, auch wenn sie manchmal Kurzhhaarigkeit vorzogen.

Lange Haare gehörten einfach zu Anna und Jennifer.

Es gab noch mehr langhaarige Kinder, eine kleine haarige Subkultur. Das sollte nun für Anna und Jennifer zu Ende sein?

Ich kann sie Euch auch selbst abschneiden und schicke Euch dann zum Nachschneiden. Soll ich?

Nein, nein. Lass sie uns bitte noch, für heute Nacht.

*

<< Warum nur? Damit die Alten mit ihren "peppigen" "frechen" Haarschnitten endlich ein jugendliches Gegenstück zu sehen bekommen >>, dachte Jennifer.

Jennifer versuchte Tante Frieda zu erreichen, aber sie schien nicht zu Hause zu sein und morgen war schulfrei. Verflixt, alle ihre Freunde schienen momentan weg zu sein.

Nein, das wollte sie nicht. Eher würde sie weglaufen, und Anna?

Anna hatte sich wohl in ihr Schicksal ergeben, irgendwie achtete sie, was von ihren Eltern kam. Auch sie mochte ihre Haare, aber wenn die Eltern es so haben wollten. Haare waren doch nicht das Wichtigste im Leben. Man konnte sie später ja wieder wachsen lassen.

Jennifer konnte niemanden erreichen, um darüber zu sprechen, und gleich morgen früh war es so weit. Was sollte sie tun? Sie wollte nicht mit ihren Eltern brechen, wegen der Haare. Aber warum mussten sie so grausam sein?

Bitte, lasst uns doch die Haare, wir mögen sie so gerne. Ist es denn richtig, wenn ihr uns gegen unsere Gefühle dazu zwingen wollt, sie abzuschneiden?

Iht habt so viel Zeit gehabt, mit euren langen Haaren. Nun möchten wir endlich einmal eine normale Familie sein, ohne von den Nachbarn schief angesehen zu werden. Es macht auch wirklich viel zu viel Arbeit, die ausgefallenen Haare verstopfen die Abflüsse und machen den Staubsauger kaputt, es gibt so viele Reperaturen. Und das ganze Haarzeug, Wir haben so wenig Geld. Wie wollt ihr mit diesen Haaren ins Berufsleben gehen? Wir sind einfache Leute. Es wird immer schwieriger für euch. In ein paar Jahren habt ihr euch zu sehr an die Haare gewöhnt. Ihr kriegt keinen Job damit, zumindest nicht in den Bereichen, die ihr anstreben wollt. Dann müsst ihr eure Haare abschneiden. Besser jetzt als später, wenn es noch mehr weh tut. In der Kindheit hat man manche Freiheiten, die es später nicht mehr gibt. Kurze Haare sind heute modern. Es wird einfacher für euch damit.

Und wenn wir sie nur zur Hälfte abschneiden lassen?

Nein, das ist kein richtiger Wechsel. Wenn ihr mit modischen Frisuren experimentieren wollt, hört es nie mehr auf. Dann schon lieber ganz ab. Ihr werdet sehen, wieviel einfacher es damit ist. Ihr habt dann so viel Zeit für andere Dinge, die ihr jetzt nicht habt. Ihr könnt ja die Haare wieder wachsen lassen und werdet sehen, dass ihr es dann gar nicht mehr wollt. Wenn ihr es nicht probiert, werdet ihr nie wissen, wie es anders ist. Ihr seit schon viel zu sehr vereinnahmt, von euren Haaren.

Man muss doch nicht alle Erfahrungen machen, die es gibt, wer will z.B. schon schwere Krankheiten haben? Und wenn eine einzige Erfahrung sehr schön ist? Muss man sie dann beenden?
Ach, was ist ein Leben ohne Romantik, Träumereien, Dinge, die scheinbar nicht wichtig sind aber die Gefühle so sehr bewegen? Wir haben doch einen Verstand und werden ihn einsetzen, um die Probleme zu lösen. Wir wollen mit den langen Haaren leben und setzen dann auch ein Zeichen, dass es so geht.

Das Leben ist hart. Ihr werdet es noch kennenlernen. Man muss sich anpassen, um sich behaupten zu können. Wir wollen doch nur euer Bestes. Ihr könnt uns glauben, wir haben viel mehr Lebenserfahrung als ihr. So, wir bleiben bei dem Frisörtermin, morgen früh. Und es werden nicht nur die Spitzen geschnitten.

*

Sie zogen sich auf ihr Zimmer zurück. Sollten sie die langen Haare der Anderen zum letzten male sehen dürfen?

Entkommen konnten sie dem wohl nicht. Am Ende stand ein Kurzhhaarschnitt, wie der von Elli auf der anderen Straßenseite. Ohne jede romantische Phantasie.

Sie schauten sich an. Jennifer liebte die Haarspange von Anna und die schönen glatten, rotbraunen Haare. Sie fasste vorsichtig nach Annas Haarspange, öffnete sie. Die Haare entfalteten sich, umrahmten das Mädchen. Wie schön sie aussag. Was für ein schrecklicher Gedanke, das dies alles abrasiert werden soll.

Lass uns Erinnerungsfotos machen.

Anna griff nach den Zöpfen von Jennfier, nahm sie vorsichtig in die Hand, sie wollte ihnen ja nichts tun. Sie öffnete die Zöpfe. Nun hatten beide Mädchen ihre volle Haarpracht entfaltet, sie schauten sich an.

Beiden standen die Tränen in den Augen. Sollte dies alles zu Ende sein?

Wollen wir es gleich machen? Ich habe hier eine Schere.

Jennifer griff nach einer Haarsträhne von Anna. Nein, ich kann es nicht. Nimm du die Schere, schneide mit die Haare ab.

Anna hielt die Schere in der Hand. Nein, warten wir bis morgen, so haben wir die Haare noch für eine Nacht und können ein letztes mal in ihnen träumen.

*

Es war so weit.

Sie standen vor dem Frisiersalon.

Der Salon war voll besetzt. Sie nahmen auf Wartestühlen Platz. Vater und Mutter waren mitgekommen.

Bitte ganz kurz schneiden, nicht länger als bis zum Kinn. Und färben sie dann die Haare rot, das ist jetzt modern.

<< Moderne Zeiten >> , dachte Jennifer. << Wäre ich doch nur im Mittelalter >>

Machen wir. Sie müssen noch einen Augenblick warten. Was soll mit den abgeschnittenen Haaren geschehen?

Packen sie die in eine Tüte. Sie können sie wieder mit nach Hause nehmen, schließlich sind es ihre Haare.

Wir würden einen guten Preis dafür bezahlen.

Nein, verkaufen wollen wir sie nicht.

<< Wie schön, die Haare vom Körper getrennt hängen dann über dem Bett. Wo wir sie doch so gerne als Teil von uns gemocht haben. Und dafür haben wir dann auch noch Geld bezahlt >>

Die Eltern bezahlten und verschwanden wieder.

*

Die Nächste bitte. Komm bitte hierher.

Anna war dran. Sie nahm in einem leeren Stuhl Platz, blickte zu Jennifer hinüber.

Jennifer wurde ganz warm ums Herz, als sie die langen Haare von Anna in den Händen der Frisöse sah. Noch war nichts passiert. Die Frisöse öffnete die Haarspange und legte die langen Haare über die Stuhllehne. Sie reichten bis weit über den Boden. Jennifer konnte ihren Blick nicht abwenden und hatte doch schreckliche Angst vor dem, was passieren würde.

Die Nächste bitte.

Nun war sie selbst dran. Sie musste ihren Blick abwenden, sah den leeren Stuhl vor sich, nahm Platz. Ihre Zöpfe wurden nach hinten gelegt. Sie spürte, dass sie angehoben wurden, den Zug an der Kopfhaut. Ein heißer Stoß von Gefühlen schoß durch ihren Körper. War es soweit? Nein, das wollte sie nicht. Das durfte nicht sein. Sie drehte den Kopf, sah den einen Zopf in der Hand der Frisöse, in der anderen Hand die Schere.

Nein, ich will das nicht, sie zog heftig an ihrem Zopf und hatte ihn plötzlich ganz in der Hand. Sie befreite sich von dem Frisörtuch und packte den Zopf unter die Kleidung. Und der andere Zopf? Sie griff danach. Auch der verschwand unter der Kleidung. Nun sah sie fast schon kurzhaarig aus.

Jennifer blickte zur Seite. Annas Haare waren immer noch lang. Aber die Frisöse hatte schon eine Strähne in der Hand, in der anderen die Schere.

Anna sah zu ihr herüber. In ihren Augen waren Tränen. Tränen für die Haare.

Nein, lassen sie das, rief Jennifer hinüber, so laut sie nur konnte. Verdutzt schaute die Frisöse herüber. Gab die Strähne wieder frei.

Anna griff nach ihren Haaren und blitzschnell verschwanden auch diese unter der Kleidung.

Danke, sie haben ihren Job gemacht.

Beide verließen ihre Stühle.

Beide hatte einen Schal migebracht (der wurde nun gerade gebraucht), damit verdeckten sie den Ansatz der Haare, zur Kleidung. Von den langen Haaren war nichts mehr zu sehen.

Haben sie schon bezahlt?

Die Eltern haben für den Haarschnitt bezahlt, und sie sehen ja, es ist vorbei.

Hopp, und sie waren draußen.

Halt, warten sie, sie haben die Tüte mit den abgeschnittenen Haaren vergessen ...

*

Wohin jetzt gehen? Zu Hause würde man ihnen die Haare abschneiden. Selbstgemacht. Ohne Nachschneiden, denn das Geld dafür war ja schon weg.

*

Tante Frieda schaute ganz entsetzt, als sie die beiden sah. Was haben sie mit euch gemacht?

Sie wollten uns die Haare abschneiden, aber wir haben sie versteckt.

Tante Frieda umarmte sie. Sie zogen die Kleidung aus und darunter war alles voller Haare. Kein abgeschnittener Haarmüll, wohlgemerkt. Liebevoll entwirrten sie sich gegenseitig die Haare.

Ich muss mal telefonieren. Die kriegen etwas zu hören! Kümmert man sich mal eine Woche lang nicht um seine Nichten.

*


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