Kleine haarige Geschichte 03a

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Tante Frieda

Mutter: Da seid ihr ja wieder. Wie geht es euch. Die kurzen Haare stehen euch gut und die Farbe gefällt mir.

Anna und Jennifer hatten ihre Haare wieder versteckt. Mutter bewundert gerade die Perücken, die sie von Tante Frieda bekommen hatten.

Mutter: Hallo Frieda, wie geht es dir denn so?

Frieda: Was hab ihr nur mit den Mädchen angestellt? Ist es nicht ganz traurig, was mit ihnen geschehen ist?

Mutter: Darüber haben wir schon telefoniert. Die Mädchen sehen doch ganz gefasst aus. Ich hatte eher mit verheulten Gesichtern gerechnet. Aber es musste sein, von Jahr zu Jahr wird es sonst immer schlimmer.

Jennifer: Was ist nur so schlimm an langen Haaren?

Frieda an Mutter: So, wird es das? Warum nimmst du ihnen einen Traum ihres Lebens. Was bekommen sie dafür? Sicher muss man lernen, sich im praktischen Leben zu behaupten, aber wir sind doch keine Galleerensklaven, die nun wirklich keine Wahl mehr haben. Du hast doch selbst lange Haare gehabt, bis zu deinem 40. Lebensjahr.

Mutter: Es ist besser so. Wenn man sich so sehr an lange Haare gewöhnt hat, tut es sehr weh, sie abschneiden zu müssen. Es ist auch sehr viel schwieriger heute für junge Frauen, mit sehr langen Haaren im Berufsleben zurechtzukommen, man kriegt ja noch nicht einmal eine Lehrstelle. Die langhaarige Kindheit wollte ich ihnen nicht nehmen. Sie sind noch jung und sie werden sich daran gewöhnen. Dann wollen sie es gar nicht mehr anders haben. Die Haare wachsen wieder nach. Alle 4 Wochen lassen wir sie nachschneiden.

Frieda: So viel Geld habt ihr übrig?

Mutter: Das muss sein. Sonst sind sie in ein paar Jahren schon wieder lang.

Jennifer: Sind kurze Haare so viel besser? Wir lieben doch unsere langen Haare so sehr. Nicht, dass alle Menschen das tun müssten, aber warum müssen gerade wir darauf verzichten, was uns wichtig ist?
Anna: Hat ihre Haare auch lieb.

Mutter: Nun habt ihr keine langen Haare mehr. Anna hatte ihre Haare wohl lieb, und Jennifer liebte sie, denke ich. Schön, dass ihr das Abschneiden so gefasst verarbeitet habt.

Frieda an Mutter: Weiß du, ach nein, bist du zufrieden mit deinem Haarschnitt?

Mutter: Was heißt zufrieden. Es ist praktisch so. Ich kann sich mit den Nachbarn darüber austauschen, über die verschiedenen Farben der Frisuren, die Frisöre, die man so besucht, zustimmen, oh toll sieht das aus, na ja, das eigene Outfit unterscheidet sich ja kaum, so kommt das Lob wieder zurück. Kein Neid, man hat seine Ruhe.

Frieda: Und vermisst du deine langen Haare gar nicht.

Mutter: Manchmal, manchmal könnte ich weinen. Aber so mit 50, man passt mit diesem Einheitslook besser ins Gesamtbild.

Frieda: Ich bin jetzt 52, wie findest du meine Frisur.

Mutter: Ach, diese Locken sind viel zu lang, reicht ja bis über die Schulter hinaus, und in deinem Alter, länger als bis zum Kinn sollten sie nicht sein.  Wenn man die Locken auseinanderzieht, das geht ja bis zur Hüfte hinunter. Du solltest dich auch anpassen, sonst gibt es Gerede. Und das Volumen, alles viel zu dick, du solltest es herauschneiden lassen. Glatte Haare sind jetzt modern, schneide die Haare ab, bis auf Ohrlänge und lasse sie dann glätten. Das würde passen.

Frieda: Glaubst du eigentlich selbst, was du da sagst? Es hört sich eher so an wie Gerede, das man so oft hört. So, weißt du, das was du hier siehst, ist nicht alles was es zu sehen gäbe.

Mutter: ?

Frieda greift mit beiden Händen in ihre Lockenpracht und zieht sie auseinander. Sie wird länger und immer länger. Die anderen schauen fasziniert zu. Schließlich fallen die Haare lose hinunter, bis weit über die Knie.

Frieda: Na, hast du schon mal solche Locken gesehen?

Mutter kriegt ganz große Augen. Jennifer und Anna lächeln sich an.

Frieda: Ich liebe diese Haare. Sie haben das Leben mit mir geteilt. Alle guten und alle schlechten Zeiten. Wie oft muss ich sie verstecken, um irgendwo zurechtzukommen und wieviel Freude haben sie mir bereitet, wenn ich alleine mit mir oder Freunden ihre Pracht genießen konnte. Man kann in sich selbst ruhen, wenn man mit sich glücklich ist. Manchmal gibt ein Paradies auf Erden, das man haben kann, wenn man es will. Wenn man das Glück dafür hat, ist es denn besser, darauf zu verzichten? Du hast deine langen Haare vor 10 Jahren abgeschnitten, als du 40 geworden bist. Frau mit 40 und superlangen Haaren, nein, das geht. Und ein Wandel muss radikal sein, sonst ist es kein Wandel. Geht es dir heute besser?

Mutter: Nun, ich nehme das Leben so, wie es ist. Wie kommst du mit deinen langen Haaren zurecht? Versteckst du sie denn immer? Ich wusste gar nicht, dass du so lange Haare hast.

Frieda: Ja, manchmal geht es nicht anders. Aber wir leben doch auch für uns, nicht nur fürs Geschäft oder die Nachbarn. Und ich komme sehr gut damit klar.

Mutter: Es ist es schon etwas traurig, dass meine Haare ab sind. Ich habe sie aufgehoben. Manchmal, wenn es keiner sieht, hefte ich sie mir an und sehe mich dann im Spiegel, wie ich früher war. Es ist schon ein bisschen Wehmut dabei. Manchmal muss ich weinen.

Frieda: Dann ist es doch an der Zeit, die Einstellung zu ändern. Höre auf mit dieser Färberei, lass die Haare einfach wachsen und freue dich auf das Ergebnis. Die Umgebung wird sich schon daran gewöhnen und wenn nicht,  ich kann dir zeigen, wie man lange Haare verstecken kann, so dass jeder glaubt, sie wären kurz. Man muss seine eigene natürliche Schönheit auch verteidigen, die anderen tun es nicht, vor allem dann nicht, wenn sie neidisch sind.

Mutter: Vielleicht hast du Recht. Ich bewundere deine Haare, sie sehen sehr schön ist. Sie erinnern mich und sie motivieren mich. Ich werde die Haare wieder wachsen lassen. Keine Haarfärbung mehr. Eine Veränderung, die von mir ausgeht. Für die Mädchen tut es mir jetzt sehr leid, aber wir können die Haare ja gemeinsam wieder wachsen lassen, aber nicht so total lang, denn ich weiß nicht, wie sie damit zurecht kommen können. Wo habt ihr den die Tüte mit den abgeschnitten Haaren. Vielleicht können wir Extensions daraus machen lassen.

Frieda: Extensions? Sie geben die Gefühle nicht zurück, die man für die eigenen Haare hatte.

Mutter: Aber es sind doch die eigenen Haare.

Frieda: Willst du die nachwachsenden Haare gleich wieder ruinieren? Haarverlängerungen wachsen nicht mehr, nach einem halben Jahr kann man sie vielleicht wegschmeißen, weil sie unansehnlich werden.

Mutter: Also gut, dann keine Extension. Es tut mir so leid :-(

Anna zu Mutter: Ach, so leid muss dir das gar nicht tun.

Jennifer zu Mutter: Stimnmt. Schau.

Beide Mädchen zauberten ihre langen Haare aus den Verstecken hervor.

Mutter: So war das aber nicht abgemacht. Die sind viel zu lang, wir sollten sie gleich um die Hälfte kürzen, dabei bleibt es dann, zunächst. Dann habt ihr ja immer noch sehr lange Haare.

Frieda: Annegred! Das ist ja richtige Haarabschneidewut. Lass uns doch erst einmal nachdenken, wie wir die Probleme, die auftauchen könnten, lösen können. Und so unmittelbar ist es auch nicht. Die Mädchen sind ja in ihrer gesellschaftlichen Umgebung akzeptiert und für einen Wechsel ins Berufsleben haben sie noch ein paar Jahre. Und lass ihnen doch die Freude an den langen Haaren, zumindest für diese paar Jahre. Was die Zukunft bringt, so genau wissen wir das auch nicht.

Mutter beruhigt sich.

Mutter: Okay, lassen wir es so. Ich bin ja doch irgendwie glücklich, dass ihr eure langen Haare noch habt.


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