Kleine haarige Geschichte 06

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Isabella

Eine Austauschschülerin, in einem fremden Land. Heute war ihr erster Schultag. Sie stand vor dem Spiegel, betrachtete ihre knielangen Haare voller Stolz. Sie waren so schön, und sie hatte sich so viel Mühe mit der Pflege gegeben. Sie lächelte ihr Spiegelbild an, und es lächelte zurück.


Sie wollte mit ihren langen Haaren Freude bereiten, für andere. Sie hatte Bücher mitgebracht, über Haarpflege und Frisuren, und freute sich auf den Austausch über lange Haare. Wie die anderen Mädchen wohl aussehen mögen? Sie hatte bereits viele Bilder über langhaarige Schönheiten gesehen.

Die Direktorin begrüßte sie recht freundlich, aber etwas Merkwürdiges war in ihrem Blick.

"So, nun kommen wir zu unserer Schulordnung. Mädchen dürfen nur Haare tragen, die nicht über die Schulter hinausragen. Lass dir die Haare gleich kürzen. Dann haben wir es hinter uns".

Sie nahm eine Schere aus der Schublade und kam um den Schreibtisch herum.

"Ich schneide bereits einmal vor, der Hausfrisör wird dann alles schön zurecht stylen. Er wartet bereits in der Frisierstube. Hier ist es üblich, dass Lehrer zu lange Haare gleich an Ort und Stelle abschneiden. Nun bist du gerade bei mir."

Isabella war wie gelähmt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sollte sie ohne ihre Haare wieder heimkehren? Alle mochten ihre langen Haare doch so sehr, ihre Eltern, die Freundinnen. Na ja, ihre Mutter mochte die langen Haare vielleicht nicht. Ob sie davon gewusst hatte? Das wäre so unfair. Ihre Freundinnen, sie spielten so gerne mit den langen Haaren. Das würde ihnen einen großen Schock bereiten. Wenn sie sich die langen Haare der anderen vorstellte, sollte sie nicht mehr dazu gehören, zu den Langhaarigen? Sie musste spontan weinen.

"Nein, bitte nicht."

"Das  muss so sein. Alle hier haben nur kinnlange Haare. Unsere Schulordnung schreibt das vor. Es gibt keine Ausnahmen, auch nicht für Austauschschülerinnen. Du kannst die abgeschnittenen Haare wieder mit nach Hause nehmen, wenn du unbedingt willst, und dir davon Haarverlängerungen machen lassen. Oder du verkaufst sie einfach an einen Perückenhersteller. Geld wirst du wohl gebrauchen können. Es gibt so viele schöne Dinge, die man hier kaufen kann"

Haarverlängerungen, mit den eigenen Haaren? Sie mochte ihre Haare doch so, wie sie waren. Lebendige Haare, die sie streicheln konnte. Jedes ihrer Haare hatte ein Zuhause in der Kopfhaut, das  Haarfollikel. Extensions waren doch nur totes Material, das an ihr hing.

Schöne Dinge. Die Haare waren doch das Schönste, was sie an sich mochte. Wenn sie an den ganzen Haarschmuck dachte, den sie mitgebracht hatte.

Isabelle ging einen Schritt zurück. "Nein, ich liebe meine Haare. Sie geben mir so schöne Gefühle, sie begleiten mich doch, in allen meinen Träumen, und wenn es mir schlecht geht, sie geben mir halt, wenn ich sie streichele, es ist so schön, mit ihnen das Leben zu teilen".

"Haare sind nicht so wichtig. Sie wachsen wieder nach. In einem Jahr kommst du wieder nach Hause. Dann kannst du die Haare so lang wachsen lassen, wie du willst".

"Nein, dann will ich gleich wieder zurück. Das will ich nicht."

"Du hast dich entschieden, ein Jahr hier zu bleiben. Nun, dann musst du dich auch an unsere Ordnung halten. So einfach geht das nicht, mit dem gleich wieder zurückkehren"

"Bitte, lassen sie mir meine Haare. Ich werde sie hochstecken. Oder in der Kleidung verstecken, oder ..."
  Ich möchte so gerne von ihnen lernen. Ich mag das Land und die Menschen, die Kultur. Aber meine Haare, sie bedeuten mir so viel."

Die Direktorin hatte sie wieder eingeholt. "Wehre dich nicht länger. So wird es einfacher für dich. Du wirst sehen, schon morgen hast du dich daran gewöhnt".

Sie griff nach einer Haarsträhne von Isabella, in der anderen Hand die Schere.

Isabella wusste nicht, wie sie sich wehren sollte. Sie schluchzte, weinte, die Tränen liefen ihr über das Gesicht, tropften auf den Boden. Sie zitterte am ganzen Körper.

Sie flüsterte kaum hörbar, unterbrochen von leisem Schluchzen. "Bitte, bitte nicht. Ich werde ihnen auch niemals Ärger bereiten, alles machen, was sie wollen, ich will doch eine gute Schülerin sein"

Nein, so ging das nicht. Dem Mädchen brach ja das Herz.

"Ich kann es nicht, mir liegt ja auch etwas an meinen Schülerinnen. Steck deine Haare hoch. So verheult wie du bist. Beruhige dich bitte wieder. So unmenschlich kann ich nicht sein. Nur, was sagen wir den anderen? Machen wir eine Sonderregelung für Ausländer?"

So kam Isabella mit hochgesteckten Haaren in die Klasse. Ein Dutt, so groß wie ein halber Kürbis. Die anderen Mädchen schauten sie mit weiten offenen Augen an.

"Die Direktorin hat es erlaubt. Ich liebe meine Haare doch so."

Komm mit uns duschen, dort sind wir allein, sicher vor den Lehrern.

Eines des Mädchen setzte ihre Kurzhaarperücke ab und zog ihr Kleidung aus. Plötzlich waren Haare zu sehen. Immer mehr Haare. Festgebunden um den Körper herum. Sie öffnete die Haare, sie fielen bis auf den Boden herab. Sie strahlte, und alle lächelten sie an.

2 langhaarige Schönheiten, mit sehr langen Haaren. Die anderen Mädchen standen herum, bewunderten sie. Isabelle fasste vorsichtig nach den Haaren von Nadine, ganz sanft. Nadine nahm die Haare von Isabella, streichelte sie. So hielten sie die Haare des jeweils anderen Mädchens in den Händen. Beide waren so glücklich dabei. Nadine liebte die Haare von Isabella und wusste doch auch im selben Augenblick, dass ihre eigenen Haare geliebt wurden. Beide spürte die Berührung ihrer Haare und nahmen die vielen lieben Blicke in sich auf, die von überall her kamen. Ein wunderschönes Gefühl. Die anderen Mädchen, sie schauten nur zu, aber sie verstanden diese Gefühle. Sie umarmten Nadine und Isabella nacheinander, fassten die Haare vorsichtig an, streichelten sie, so viel Sanftheit und Zärtlichkeit, ein kleines haariges Paradies.

Die anderen Mädchen schützten Nadine's Haare, vor der Direktorin, vor den Lehrern, vor diesem entwürdigenden Haarappell, bei dem lange Haare gleich abgeschnitten wurden.

"Vorsicht, die Direktorin." Nadine bekam einen riesigen Schreck. Heiße Ströme jagten durch ihren Körper. Voller Angst blickte sie die Direktorin an. Alle standen da und hatten fürchterliche Angst, vor dem, was jetzt geschehen würde.

"Aha, so ist das also. Nadine, das hätte ich nicht gedacht. Nein, ich will die Haare nicht abschneiden, ich habe verstanden, was sie euch bedeuten".

So änderte sich die Schulordnung. Eines Tages kam die Schulaufsichtsbehörde zu Besuch um zu sehen, ob mir der Haarlänge der Schüler alles in Ordnung sei. Zufällig wurde gerade ein Musical aufgeführt, mit vielen langhaarigen Beteiligten, natürlich alles Perücken. Mit einem heimlichen Lächeln schaute die Direktorin zu, so viele schöne lange Haare.

So gab es dann eine kleine Schule von Langhaarigen in diesem Land.


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