Kleine haarige Geschichte 07

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Christina

Christina trug ihre Haare in 2 langen Zöpfen, knöchellange Zöpfe. Sie war sehr stolz auf ihre langen Haare. Heute gab es einen Langhaarwettbewerb. Sie freute sich schon auf die vielen langen Haare, die es zu sehen geben würde.

Sie wurde die Gewinnerin und strahlte über das ganze Gesicht.

Nach der Siegerehrung auf einer Bühne trat jemand auf sie zu. Er beglückwünschte sie und ... ob sie einen Teil ihrer langen Haare nicht spenden wolle, für Kinder und Jugendliche, die keine Haare mehr hatten oder keine Haare bekommen können, für krebskranke Kinder und für Menschen, die unter Alopecia leiden.  Dort hinten könne sie einen Teil ihrer langen Zöpfe abschneiden lassen und spenden. Es wäre ein sehr großzügiges Opfer, das auch sehr viel Anerkennung verdiene.

Es verunsicherte sie total, einerseits wollte sie gerne helfen, aber sie mochte ihre langen Haare doch so sehr. Einen Teil davon spenden, sie hatte dann ja immer noch lange Haare. Aber sie liebte ihre Haare so sehr, freute sich über jeden Zentimeter Längenzuwachs. Was sollte sie tun?

Sie ging zu der Schlange von Menschen, die spenden wollten und stand nun als letzte in der Reihe. Vor sich ein langhaariges Mädchen, Jennifer, deren glatt herunterhängenden langen blonden Haare die Kniekehlen bedeckten. Tori, mit ihren knielangen glatten roten Haaren. Davor ein Mädchen mit einem langen dicken Zopf roter Haare von klassischer Länge, Josephine, und davor ein Mädchen mit einem langen braunen Pferdeschwanz, der bis zu den Oberschenkeln hinabreichte, Janine. An erster Stelle ein Mädchen mit über den Po hinabreichenden lockigen schwarzen Haaren, Stephanie, die nun auf dem Frisierstuhl Platz nahm.

Sie alle sahen nicht sehr glücklich aus.

Eine Fernsehkamera war auch dabei. Das Ereignis musste doch dokumentiert werden.

Eine Frau näherte sich Stephanie, fasste Stephanie's Haare mit beiden Händen und legte sie sich so zurecht, dass sie die Haare zusammenbinden konnte. Dann griff sie zur Schere.

Christina schrie innerlich auf. Nein, sie wusste wie sehr Stephanie ihre Haare liebte.

Sie lief nach vorne, nahm Stephanie in die Arme.

Die Frau mit der Schere lies die angefassten Haare wieder los. So etwas hatte es noch nie gegeben.

Christina nahm Stephanie mit sich fort, weg von diesem Stuhl.

Dann umarmte sie Janine.

Nun hielt es auch Jennifer, Tori und Josephine nicht mehr auf ihren Plätzen. Alle Mädchen standen in einer Gruppe zusammen, umarmten sich und streichelten sich gegenseitig die Haare. Es war so ein schönes Gefühl, die Haare der anderen in ihrer vollen Länge zu sehen, sie einfach nur zärtlich anfassen zu können. Inmitten dieser Welt, die ihnen die Haare schneiden wollte. Für einen Augenblick waren sie nur sie selbst, ein Moment, für den es sich zu leben lohnt.

Ein Aktivist der Organisation, die um die Haarspenden gebeten hatte: "Bitte, eine von euch muss die erste sein. Es gibt Menschen, die brauchen eure Haarspende dringend. Es ist ja nur ein Teil, um den  wir bitten, und sie wachsen dann doch von selbst wieder nach."

Was sollte nun geschehen?

Auch wenn sie nur einen Teil der Haare spenden würden, es würde Jahre dauern, um sie wieder auf die gleiche Länge wie heute zu bekommen. Die ganze Freude am Wachsen der Haare, die ihr Leben begleitet, alles wäre ein bisschen anders.

Alle 6 drehten sich Richtung Frisierstuhl und Fernsehkamera. Nein!

Christina: "Wir wollen unsere Haare nicht kürzen lassen"

Aktivist: "Warum  nicht? Ihr helft damit Menschen, die es nötig haben. Für diesen Zweck bitten wir um eure Haarspende. Es ist doch auch nur ein Teil eurer Haare. Danach habt ihr immer noch sehr lange Haare"

Christina: "Wir können es nicht. Wir hängen zu sehr an unseren langen Haaren. Sie bedeuten uns zu viel."

Aktivist: "Was ist mit den armen Menschen, die eure Spende so dringend brauchen?"

Tori: "Sind es wirklich unsere Haare, die so dringend gebraucht werden? Warum versucht ihr es nicht bei Perückenherstellern oder Versandhäusern? Es gibt so viele abgeschnittene Haare, die irgendwo nur gelagert werden."

Aktivist: "Wir brauchen viele freiwillige Spenden, nur dann können wir auch vielen Menschen helfen"

Christina: "Okay, wenn es Menschen sind, die ohnehin ihre Haare los werden wollen. Davon gibt es auch viele. Wir möchten sie gerne behalten, in ihrer ganzen Länge"

Aktivist: "Ist es nicht ein kleines Opfer gegen die Gabe, die den armen Menschen zuteil wird, die nichts haben?"

Stephanie: "Nein, es ist kein kleines Opfer. Die langen Haare begleiten uns durch die Zeit. Sie sind mit uns zusammen gewachsen. Sie sind ein Teil von uns. Wir mögen sie um ihrer selbst willen, und wenn wir dann sehen, wieviel abgeschnittene Haare bereits vorhanden sind. Wir wollen Langhaarigkeit auch ein bisschen leben, in einer Kultur, in der die meisten Menschen bereits kurzhaarig sind. Wenn diese Spende so wichtig ist, warum lassen die vielen kurzhaarigen Menschen ihre Haare nicht 3 oder mehr Jahre lang wachsen, pflegen sie sehr sorgfältig und spenden sie dann? Wisst ihr überhaupt, wieviel Arbeit und Gefühl darin steckt? Es ist viel einfacher, einen Geldbetrag zu spenden."

Aktivist: "Wir können unsere Arbeit ohne die Spenden nicht durchführen."

Christina. "Es gibt genug Haarersatz, um die Bedürfnisse zu decken. Notfalls kann man Haarersatz auch kaufen und dafür kann man Spendengelder sammeln. Wieviele von den gespendeten Haaren erreichen überhaupt ihr Ziel, wieviel davon wird weiterverkauf und zu welchem Zweck? Es gibt Untersuchungen darüber, dass ein Teil der Haare weiterverkauft wird um Kosten zu decken. Wenn ich meine superlangen Haare spende, werden sie wirklich an die Zielgruppe weitergereicht? Oder ist es nicht einfacher, sie zu verkaufen, weil das eine Menge Geld geben wird. Dann werden sie vielleicht Haarverlängerungen für Popstars oder Supermodells. Ich möchte auch keinen Teil meiner Haare abschneiden lassen, ich mag sie in ihrer Gesamtheit.

Der untere Teil meiner Haare ist auch schon fast 10 Jahre alt. Wenn ich davon 20 oder 30 cm abschneide, ist er für eure Zwecke überhaupt nützlich? Dann wollt ihr doch wohl lieber die ganzen Haare haben. Das würde mir das Herz brechen."

Aktivist: "Ein Teil der Haare wird verkauft. Nicht alles, was wir erhalten, lässt sich für die Perückenherstellung verwerten. Wir haben aber bereits sehr vielen Menschen geholfen, nur, die Empfänger werden nicht öffentlich diskutiert, so viel Personenschutz muss sein. Wenn ihr eure Haare in ihrer vollen Länge behalten wollt, dann zwingen wir euch auch nicht. Es gibt viele Menschen, die ihre Haare mit Freude spenden und damit auch Freude weitergeben. Die wollen wir erreichen.

Christina: "Wir sind Menschen mit Gefühlen und wir müssen uns in dieser Gesellschaft behaupten. Wir haben Gefühle, für das, was uns gegeben wurde. Es verletzt niemanden, wenn wir unsere Haare behalten, und es ist auch nicht zwingend notwendig, Teile davon  abzuschneiden, weil es andere Möglichkeiten gibt, den Bedürftigen zu helfen. Wir lieben unsere Haare und wir verbringen sehr viel Zeit damit, sie zu pflegen und in einem schönen Zustand zu bewahren. Wir sind stolz darauf, wenn es uns gelingt und wir möchten die Welt gerne teilhaben lassen, an dieser Schönheit. Das versteht vielleicht niemand, der nie eigene schöne lange Haare hatte. Wir möchten nicht um unsere Haare weinen müssen."

Damit war alles gesagt.

Die Mädchen verließen die Veranstaltung wieder, mit ihren langen Haaren.

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