Kleine haarige Geschichte 08

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Julian

Ein Junge mit langen Haaren. Das geht nun aber überhaupt nicht.

Das hatte er sich schon oft anhören müssen. Nein, er wollte seine langen Haare. Er mochte sie. Sie waren so schön, die langen Haare. Mit seinen 13 Jahren sah er aus wie ein Mädchen, wenn ihn die Haare umhüllten. Na ja, wenn man nicht genau hinsah. Mädchen, auch das musste er sich oft anhören. Es störte ihn nicht. Er mochte Mädchen. Manche von seinen Klassenkameradinnen mochten seine langen Haare sehr.

Die Mädchen hatten ja oft auch sehr lange Haare. Bis zum Alter von 13, und ab 15 wuchsen sie dann wieder. Dazwischen. Eine seelische Grausamkeit der Schulaufsichtsbehörde.

Er war beliebt in der Klasse, hatte seine Freunde und auch Freundinnen. Eigentlich mochten ihn alle ein bisschen. Die langen Haare, es war schon sehr ungewöhnlich, aber es gehörte zu ihm. Er war der Langhaarige in der Klasse, in der Schule, es war ein Teil seiner Individualität.

Meistens legte er die Haare mehrfach zusammen, damit sie nicht so lang aussahen, für die Lehrer. Im Freundeskreis lies er seine Mähne manchmal offen herunter, wenn keine Erwachsenen in der Nähe waren. Die Haare reichten bis zum Boden. Seine Freunde mochten die langen Haare, obwohl sie selbst alle kurzhharig waren. Ja, die Ordnungsvorschriften in der Schule. Mit 13 mussten die Haare auch bei den Mädchen ab. Irgendwie doch sehr grausam. Für Jungen war in allen Altersstufen ein sehr kurzer Haarschnitt vorgeschrieben, eigentlich eher militärisch, als altersgemäß. Mädchen durften nur maximal kinnlange Haare tragen. Er selbst zeigte seinen Freunden und Freundinnen, wie schön die langen Haare sein konnten. Sie liebten ihn dafür und halfen ihm, wenn ihn jemand wegen seiner Haare angiftete. In der Öffentlichkeit sahen sie aus wie ein überschulterlanger Zopf. Ein sehr dicker Zopf, mit all den Haaren, die er darin versteckte.

Nun stand er vor dem Frisörsalon. Der Lehrer hatte ihn dort hin geschickt. Die Lehrer schnitten die Haare der Jungen nicht mehr gleich an Ort und Stelle ab. Das war neu.  Es gab jetzt auch schon ein paar langhaarige Mädchen, mit sehr langen Haaren. Die große Ausnahme. Nein, er wollte nicht mit Blick auf die Mädchen seine langen Haare verteidigen. Wie schrecklich, wenn sie deswegen ihre Haare auch noch abschneiden müssen. Für Jungen war ein schulterlanger Zopf nicht erlaubt. Wie grausam die doch sein konnten. Warum mussten Lehrer so hässlich sein. Seine Gefühle für die Haare, sie zählten nichts. Die Haare gaben seinem Äußeren einen Rahmen, den er sehr mochte. Mussten denn alle Jungen in sich die zukünftigen Soldaten sehen, mit militärischem Kurzhaarschnitt, Disziplin, Opferbereitschaft? Schrecklich, was sie alles von ihm verlangen würden.

Es schaute in die Glasscheibe. Seine Haare waren nach hinten zusammengebunden. Eigentlich war das Profil schon kurzhaarig, aber er würde es nie wieder verändern können. Ihm standen die Tränen in den Augen, aber Jungen durften ja nicht weinen.

Er betrat den Salon. "Einmal ganz kurz, bitte, für die Schule".

Nun saß er in diesem Frisörstuhl. Seine Frisöse hatte sehr lange Haare. Auch schon ungewöhnlich. Sie hatte ihre Haare noch nicht verkauft, wie viele andere, für Haarabschneidevideos oder reiche Personen aus fremden Ländern, die die langen Haaren für sich  haben wollten. Meistens mussten sie ihre Haare verkaufen, weil sie so wenig verdienten und wenn sie nicht für die Sexindustrie arbeiten wollten.

"Hi, wie kurz sollen sie denn werden?"

Nicht länger als 2 cm. So ist es vorgeschrieben, von der Schulordnung.

"Nein, es ist so schade, um die schönen Haare. Ich werde sie erst einmal durchkämmen, in ihrer vollen Länge."

Sie entfernte das Band, das die Haare zusammenhielt.

Die Haare fielen nach unten, nun reichten sie schon weit den Rücken hinunter, aber da waren noch andere Bänder.

Es berührte die Frisöse, wie die Haare beim Auseinanderfalten immer länger wurden. Zum Schluss zog sie die Haare vorsichtig und zärtlich in die Länge, legten sie über die Stullehne. Sie reichten weit über den Boden, flossen förmlich über den Stuhl.

Nein. Was für eine Haarpracht und wie schön sie waren.

"Das kann ich nicht abschneiden"

Der Junge lächelte ein bisschen. In seinem Spiegel konnte er nicht genau sehen, was hinten mit seinen Haaren geschah. Ob sie bereits ein Opfer der Schere waren oder nicht? Es berührte ihn, die zärtliche Berührung seiner Haare, die Achtung, die ihnen entgegengebracht wurde.

"Die Schule. Es ist so grausam. Ich mag die Haare so gerne, aber was soll ich tun?"

"Sagen sie dem Lehrer, die Frisöse hat sich geweigert. So schöne Haare wollte sie nicht abschneiden".

"Und dann, vielleicht greift der Lehrer selbst zur Schere."

"Ich kann dir da leider nicht helfen. Sag ihm, so schöne Haare habe ich noch nie gesehen. Es ist ein Verbrechen an der Natur, sie einfach zu zerstören. Wenn er dir nicht glaubt, gib ihm meine Adresse, schicke ihn zu mir. Deine Haare sagen mir, dass ich meine eigenen behalten soll. Ich werde noch heute absagen, diesen Langhaarjägern mit ihren Abschneidevideos. Dann arbeite ich eben mehr, vielleicht  in einem Zweitjob als Aushilfe in einem Restaurant"

"Du wolltest deine Haare abschneiden lassen? Du bist doch ein Mädchen, nein, eine erwachsene Frau. Du hast so wunderschöne lange Haare, richtige Traumhaare."

"Danke :-) Ja, aber ich muss mich irgendwie ernähren, sonst müssen es die anderen tun, und das ist unfair, wenn man es selber kann. Viele meiner Freundinnnen haben bereits kurze Haare, weil sie dringend Geld brauchten. Als Frisöse verdient man fast nichts. Aber ich glaube, ich werde es schaffen."

So verlies er dann den Salon wieder, mit seinen langen Haaren, aber was nun?

Lehrer: "Du hast ja noch immer lange Haare. Melde dich bitte nach dem Unterricht bei der Direktorin"

Da stand er nun, wie ein begossener Pudel. Die Haare fast versteckt, aber nur fast, unter der Kleidung. Man konnte die Länge noch erahnen"

"Du weißt, was die Schulordnung fordert."

"Ja"

"Also warum"

"Kennen sie das Musical HAIR. Das beantwortet die Frage"

"Ja, ich kenne es, wir werden es hier im Sommer aufführen. Zeig doch erst einmal, wie lang deine Haare wirklich sind"

Vorsichtig zog er die Haare heraus, aus der Kleidung. Öffnete sie. Sie umrahmten seinen ganzen Körper, flossen auf den Boden"

"Seufz. Die Haare sind wirklich schön. Aber was soll ich machen. Ich riskiere meinen Job, schon für die Ausnahmen, für Nadine and Isabella."

Klopf Klopf.

"Ja bitte".

Vor der Tür stand die ganze Klasse. Mit einer Pedition. << Wir wünschen uns so sehr, dass er seine Haare behalten darf, und bitten darum. Wir versprechen auch, dass wir uns allen Anforderungen des Unterrichts mit vollem Einsatz widmen werden. Wir wollen den Schulvergleich gewinnen, als Schule mit den besten individuellen Leistungen, und als Schule mit den besten Ergebnissen der Abschlussprüfung. Wir wollen neue Langhaar-Rechte gar nicht für alle durchsetzen, für Nadine, Isabella und Julian und für die Mädchen und Jungen, die sehr darunter leiden würden, wenn sie ihre schon vorhandenen sehr langen Haare abschneiden müssten >> Die Pedition wurde von ALLEN Schülern und ALLEN Lehrern unterzeichnet.

Die Direktorin wusste nun auch nicht mehr, was sie sagen sollte.

"Dir einfach die Haare abzuschneiden, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nein, das kann ich nicht fordern. Okay, versuchen wir damit durchzukommen. Morgen kommt allerdings eine Aufsichtsperson vom Schulamt. Er will ALLE Schüler sehen und wird sie abzählen. Am besten, wir schminken dich wie ein Mädchen, dann fällt es gar nicht auf. Mmmmmm. Aber dann darfst du auch nur kinnlange Haare haben. Fragen wir Nadine, die kann dabei helfen, die Haare zu verstecken.

Vielleicht mogeln wir ein "e" hinter deinen Namen, ein Druckfehler, seufz, na ja, ein Druckfehler halt. Für die anderen, die bereits lange Haare haben, okay, so viele sind es ja nicht. Ich glaube Julian war der Einzige in seiner Altersstufe. Nur mit den Mädchen könnte es Probleme geben ... Oder auch nicht. Ab heute gibt eine neue Verordnung, für Tanzgruppen, Mädchen, die dort mitmachen, dürfen ihre langen Haare behalten. Also, ihr Lieben, mögt ihr nicht gerne tanzen? Für das Musical HAIR brauchen wir langhaarige Jungen. Eigentlich sollten Perücken aus den abgeschnittenen Haaren der Mädchen gemacht werden, aber ...  " << wie kann man nur seine Autorität so untergraben - mir selbst in den Hintern tret >>

Ein lautes Jubeln ertönte. Die Direktorin wurde spontan umarmt, von den Mädchen und Jungen. Eine richtige Traube um sie herum.

Wo war nur die ganze Disziplin geblieben. Aber es machte auch Spaß, diese Emotionalität genießen zu können.

Nun das Ergebnis des Schulwettbewerbes.

Sie waren die Gewinner. Ein großes Lob vom Vorsitzenden der Schulaufsichtsbehörde.

Über die Aufführung des Musical HAIR, das ist eine andere Geschichte.

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