Kleine haarige Geschichte 10

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Isabella 02

"Braucht man denn Mut, um die Haare abzuschneiden?"

Isabella blickte Irene herausfordernd an. Die hatte nun einen Kurzhaarschnitt, Ohren frei, das ganze regenbogenfarben eingetönt.

"Es hat mir einige Überwindung gekostet. Aber nun bin ich ganz froh darüber. Endlich frei von diesen langen Fusseln."

Isabella: "Fusseln. Na ja, ich weiß nicht. Die langen Haare waren richtig schön, in ihrem goldenen Glanz"

Irene: "Vorbei. Endlich sehe ich so aus, wie ich mich fühle und nicht so, wie andere mich sehen wollen. Nun, was ist mit dir, hast du den Mut dazu?"

Isabella: "Mut? Ich mag meine Haare. Es kostet mir mehr Mut mit offenen Haaren in die Schule zu gehen und dieses ständige Genörgel zu ertragen und dann oft die Angst, jemand könnte sich daran vergreifen. Es hat ja schon Fälle gegeben, wo lange Haare angesenkt wurden, Kaugummis darin klebten oder mit TippEx darin herumgeschrieben wurde. Heute muss man seine schönen langen Haare verteidigen, nur um sie behalten zu dürfen"

Irena: "Versuch es doch mal anders, ohne die langen Haare. Du wirst dich richtig frei fühlen".

So ging das nun schon seit Monaten. Nicht nur Irene. Ruthilde, Ilona und Heidi redeten genau so. Irgendwie nervend, aber so allmählich fühlte sie sich auch ein wenig isoliert, und das war sie auch. Manche von den anderen wollten gar nicht mehr neben ihr sitzen.

Sie wurde tatsächlich ein wenig gemobbt und so gut ging es ihr momentan nicht. Die Haare, sie sahen heute so zerzaust aus, ließen sich kaum noch auseinanderpulen. Sie hatte einfach nicht mehr so viel Zeit dafür. Ein richtiger "bad hairday".

Nun hatte man ihr einen Haarschnitt zum Geburtstag geschenkt. Die ganze Klasse? Nein, Andrea hatte nicht mitgemacht.

Der Frisör.

Sie schaute in den Frisierspiegel. Die Haare alle nach vorne geholt, sie umarmte die Haare geradezu. Nein, sie wollte nicht wirklich, oder, verabschiedete sie sich jetzt von ihren Haaren?

Hinter ihr saßen die kurzhaarigen Freundinnen. Endlich hatte sie sich überreden lassen. Sie wollten ihr Mut machen.

Frisöse: "Na, wie möchtest du es denn gerne. Lass doch mal sehen"

Sie griff nach einer Haarsträhne von Isabella. In der anderen Hand eine Schere.

Isabella holte sich die Strähne wieder zurück, bevor die Frisöse dort ansetzen konnte.

Mut, hatte sie Mut? War sie ein Feigling?

Trotzig schaute sie in den Spiegel.

"Bitte nur 1 cm abschneiden. Nein, nur 1/2 cm, 1/4 cm"

Frisöse: "Ich werde die Haare erst einmal durchkämmen, Dafür musst du sie aber freigegeben"

Isabella erschrak. Die Haare in der Hand der Frisöse? *Panik*

Die Frisöse griff nach den Haaren. Zog sie ganz in die Länge und legte sie sich über der Stuhllehne zurecht.

Nein, das Mädchen brauchte eine modische Kurzhhaarfrisur. So hatte es ihr die anderen beiden eingeredet. So lange Haare, wozu sollte das gut sein? Manchmal musste man die Mädchen zu ihrem Glück ein wenig zwingen.

Die Frisöse griff zur Schere.

Isabella bekam es mit der Angst zu tun. Schwupps, die Haare landeten wieder alle auf ihrem Schoß. Sie hielt sie ganz fest.

Frisöse: "So geht das nicht, wie soll ich da an die Spitzen kommen. Ich werde sie dir im Nacken abschneiden, das wird dann eine richtig schöne modische Frisur. Du wirst sehen, sie wird dir gefallen."

Ilona und Heidi: "Lass sie doch machen. So ein Haarschnitt macht so wunderbar frei. Es kostet dir auch nichts. Lass uns anschließend zusammen feiern gehen. Auf ein neues Leben. Das alte war so schrecklichg konventionell. Die anderen freuen sich alle schon, auf deinen neuen Haarschnitt."

Isabella gab auf.

Ganz ganz traurig schaute sie in den Spiegel. Eine einsame Träne kullerte aus dem rechten Auge. Ihr Blick kreuzte den von Ilona und Heidi.

Die Frisöse nahm die Haare in die Hände, legte sie über den Stuhl und setzte die Schere an, am Nacken von Isabella.

Nein! Ilona und Heidi sprangen auf und hielten die Arme der Frisöse fest. Wir wollen sie so zurückhaben, wie sie hier hereingekommen ist.

Isabella rannte zur Tür, als wenn es ihr Leben kosten würde.

Draußen, die drei wieder vereint. Sie umarmten sich.

Ilona. "Nein, das können wir dir nicht antun. Du bist so schön mit deinen langen Haaren. So wie du eben geschaut hast... Wir wollen dich so, wie du immer bist, fröhlich, lustig und langhaarig. Du bist einfach langhaarig, das bist du, nicht wir"

Isabella konnte sich nicht mehr halten. Sie weinte hemmungslos.

Die anderen beiden tupften ihr die Tränen aus den Augen, mit Tempos. Dann ihre eigenen Augen. Es war eine Situation, wo alle Beteiligten weinen mussten.

Am anderen Morgen holten sie Isabella ab, begleiteten sie gemeinsam zur Schule.

Die anderen sagten nichts, schauten nur. War Isabella zu feige für einen Haarschnitt?

Ilona und Heidi: "Wir wollen das nicht. Wir haben sie entführt, der Frisöse weggenommen. Wir sind es, die es nicht wollen. Sie liebt ihre Haare so sehr. Wir wollen sie nicht unglücklich machen. Jeder muss doch so sein dürfen, wie er es möchte"

Na ja, wenn die beiden es so sahen. Das war schon merkwürdig, Die beiden Kurzhaarextremistinnen. Erst hatten sie die halbe Klasse überzeugt und nun? Okay, dann sollte sie ihre Haare behalten.

Andrea, noch eine Langhaarige in der Klasse. Sie umarmte Ilona, dann Heidi. Danke :-)

Es war so süß. Waren die nicht immer irgendwie verfeindet gewesen?

Die ganze Klasse applaudierte.

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