Kleine haarige Geschichte 12

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Juliane und Julia

Juliane mochte ihre langen Zöpfe, sie reichten ihr bis übe die Knie.

Aber nun wollte sie Veränderung. Einmal ganz kurzhhaarig sein. Sie wollte dieses Gefühl erleben, wenn der Kamm schon nach ein paar Millimetern ins Leere griff.

Nie wieder die Haare entwirren, das kostete ihr so viel Zeit. Die hatte sie nun nicht mehr. Die Schule forderte so viel und das bisschen Zeit, dass ihr noch blieb. Sie wollte doch auch noch ihren Spaß haben.

Endlich anerkannt sein. Als Mensch, der in seiner Zeit angekommen ist.

Es wäre bestimmt cool, wenn sie in einer Freistunde ihre Haare abrasieren würde.

Vorher, in der Mathematik noch knielange Haare, nachher beim Kunstunterricht, gerade mal ein paar Millimeter.

Ja, ganz kurz sollte es werden, je krasser der Unterschied, desto besser.

Sie musste lächeln, bei dieser Vorstellung.

Sie freute sich schon auf den Schock, den sie verabreichen würde.

Endlich dazu gehören, zu der Clique der Modebewussten, die zeigten, dass sie sich einen Frisör leisten konnten und dass sie Geschmack hatten.

Waren das eigentlich alles ihre eigenen Gedanken? Ein bisschen wunderte sie sich schon über sich selbst. Vieles war schiefgelaufen in letzter Zeit, so viel Frustration. Sie fühlte sich einsam und suchte Anschluss an die anderen, an die eher kurzhaarigen Menschen. Ja, es gab kaum Langhaars in der Schule, und die wenigen die es gab, sie kannte sie nur vom sehen. Sie selbst war wohl die einzige mit wirklich langen Haaren.

Ja, das war dann wohl auch bald vorbei.

Nun saß sie im Frisörsalon. Schaute dem Treiben zu. Es war voll heute, sie hatte auf einem Wartestuhl Platz genommen. Ein "cut and go" Frisör, nicht allzu teuer, aber sehr schnell mit dem Haareabschneiden.

Ja, einfach für ein paar Euro, alles ab. So im vorübergehen. Genau das wollte sie. Absolut das richtige in einer schnellebigen Zeit.

Diese Gefühlsduselei wegen der Haare bei manchen. Sie liebten ihre Haare aber wo war ihre Persönlichkeit?
In der Schule wurde sie schon gemieden, wegen der Haare. Nicht von allen, aber von denen, für die so sehr schwärmte. Ja mit kurzen Haaren, sie hoffte dass alles viel besser werden würde.

Die abgeschnittenen Haare würde sie mitnehmen, vielleicht gab ein Perückenhersteller etwas dafür. Oder zum Anknipsen, beim Fasching vielleicht mal wieder.

Auf dem Fußboden lagen lauter abgeschnittene Haare, auch ein paar abgeschnittene Zöpfe konnte sie sehen. Ein bisschen Wehmut kam in ihr auf. Nein, sie ließ das Gefühl nicht zu, da musste sie durch.

Die anderen Mädchen, die dort saßen, hatten alle schon ziemlich kurze Haare, es wurde nur noch ein bisschen kürzer. Vielleicht auch ein bisschen farbenfroher.

Die anderen Mädchen?

Da waren Anita und Katja mit ihren kurzhaarigen, zum Teil regenbogenfarbigen Frisuren.

Die Mädchen schauten zu ihr herüber.

"Sie will bestimmt nur die Spitzen schneiden lassen. Mehr Mut hat sie garantiert nicht."

Wenn die wüssten. Na gut, sollten sie doch zuschauen.

Dann waren da noch Edith und Gunda, beide mit langen glatten Haaren, die weit über den Po hinabreichten.

Was wollten die denn hier? Die Spitzen sahen doch total gut aus. Nein, die hatten hier nichts verloren.

Irgendwie erkannte sie den Widerspruch in ihren Gefühlen nicht.

Ein Stuhl wurde frei.

Ein eigentümliches Gefühl durchströmte sie. Phantasie war ja eine Sache, aber das umzusetzen? Ja, sie würde es machen.

Das Mädchen neben ihr, Julia, war schon vorher dagewesen. Sie nahm nun Platz, in dem Frisierstuhl.

Juliane kannte Julia flüchtig vom sehen.

Julia trug immer eine Hochsteckfrisur, Juliane wußte gar nicht genau, wie lang Julias Haare waren. Wahrscheinlich reichten sie ihr aber bis zur Hüfte.

Nun gut, so würde sie vorher genießen können, was dann mit ihr passierte.

Eine andere Frisöse sprach sie an.

"Wie möchtest du es"

"Bitte die Zöpfe abschneiden, ganz kurz, so dass die Ohren danach frei sind"

"Das können wir auch im Stehen machen. Warte bitte noch einen Moment, ich hole eine passende Schere."

Edith und Gunda schauten ganz entsetzt. Anita und Katja ganz ungläubig, ja, das wollten sie sehen.

Juliane saß noch auf ihrem Stuhl und schaute, was mit Julia geschah.

Eine Frisöse öffnete die Haare von Julia und zog sie langsam auseinander. Es wurden immer mehr Haare, immer mehr. Sie fielen weit über die Stuhllehne, bis auf den Boden. Ein Wasserfall von Haaren.

Ehrfürchtiges Staunen bei Edith und Gunda, und bei Juliane? Sie dachte erst mal gar nichts mehr, guckte nur. Mit großen weiten offenen Augen. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie dachte immer, sie wäre die einzige mit wirklich langen Haaren.

"Wie möchtest du es denn?"

"Ach bitte ganz kurz. Ich möchte mich radikal verändern."

Anfeuerungen von Anita und Katja. "Ja, weg mit den alten Zöpfen"

Das war eine Anspiegelung auf sie. Es gab ihr einen Stich, obwohl, sie wollte es ja selbst. Aber nun hatte sie nur Gedanken für Julias Haare. So viel Schönheit, sie wäre am liebsten in Ehrfurcht versunken und hätte die Haare angebetet.

Frisöse: " Okay, ich hole gleich eine Schere. Ich werde sie dir zunächst einmal im Nacken abschneiden. Dann machen wir weiter, mit der Feinarbeit."

Weg war sie.

Nein!!! Die Haare waren so schön, keine Aphrodite hatte jemals schönere Haare gehabt. Juliane konnte nicht anders. Sie stand auf, ging zu Julia.

"Liebe Julia, bitte nicht abschneiden lassen, die Haare sind doch so schön"

Julia schaute sie freundlich an.

"Dir gefallen meine Haare?"

"Ja, sehr. Schau, ich habe doch selbst auch ganz lange Haare."

Sie nahm einen Zopf in die Hand und reichte ihn ihr.

Julia nahm ihn zärtlich in die Hand, streichelte ihn sanft. Ein warmes Gefühl strömte durch Juliane, es war sehr angenehm, irgendwie prickelnd.

Dann gab Julia ihr den Zopf wieder zurück, und sie lächelte dabei. Beide sahen sich liebevoll in die Augen.

Juliane wollte wieder zurück, zu ihrem Platz. Irgendwie betäubt. Etwas hatte ihre Seele berührt.

Julias Frisöse war wieder da.

"Du wolltest deine Zöpfe abgeschnitten haben? Wir können anfangen"

Juliane hatte nur Augen für Julia, für die Schönheit ihrer Haare und erinnerte sich an die Gefühle, als Julia ihren Zopf gestreichelt hatte. Sie nahm die Umgebung gar nicht mehr richtig wahr und wusste so auch gar nicht, was sie sagte.

"Ja, bringen wir es hinter uns"

Die Frisöse nahm einen Zopf von Juliane in die Hand, in der anderen Hand die Schere.

Sie wollte die Haare von Juliane abschneiden.

Ein Protestruf von Edith: "Juliane, was tust du da. Nein, nicht. Pass auf"

Juliane schrak zusammen, spürte den Druck auf ihrem Zopf. Nein, nein, das wollte sie nicht mehr. Sie war wie gelähmt, so viele wechselhafte Gefühle hatte sie in  letzter Zeit durchmachen müssen. Sie konnte sich nicht wehren. Panik. Nein, nicht, sie konnte es nur denken. Wollte weglaufen, wie in einem Traum, aber sie konnte nicht. Bitte lieber Gott, hilf mir.

Nun war es an Julia zu protestieren.

"Nein. Die Zöpfe sind doch so wunderschön. Lasst sie ihr doch"

Sie sprang auf, nahm der Frisöse den Zopf weg, gerade noch rechtzeitig, und griff sich auch den anderen Zopf von Juliane, nahm sie beide nach vorne.
Juliane flüsterte leise: "darf ich?". Julia nickte.
Juliane griff vorsichtig in die Haare von Julia und packte die ganze Mähne nach vorne.
Dann umarmten sich die beiden Mächen, die Haare waren nun zwischen ihnen.

Es war ein Augenblick voller Zärtlichkeit. Eine Situation, die verzaubern konnte. Aber nicht jeder verstand es so.

Nun hielt es auch die anderen Mädchen nicht mehr auf den Plätzen.

Anita: "Was macht ihr da, ihr umklammert ja die Haare, anstatt  dass ihr euch davon befreien wollt."

Gunda: "Nein, bitte nicht, die Haare sind doch so schön"

Juliane und Julia standen immer noch in enger haariger Berührung zusammen.

Anita: "Ich würde euch so gerne die Haare abschneiden. Ihr wolltet es doch so"

Julia: "Nein, irgendwie nicht mehr"

Gunda: "Bitte nicht." Sie sah so ängstlich aus. "Ihr mögt doch die Haare, mit eurer ganzen Seele. Ihr seid Langhaars, im Geiste, mit eurem ganzen Gefühl. Wenn ihr keine langen Haare haben wollt, wer dann? Wir brauchen euch, damit wir mit unseren langen Haaren nicht so einsam sind. Dann können wir sie wachsen lassen, länger und immer länger"

Katja: "Oh nein."

Anita: "Das ist doch total überholt. Lange Haare sind ein Relikt der Vergangenheit. Sie halten euch nur davon ab, die Gegenwart zu erforschen"

Die Haare. Juliane bewunderten die Haare von Julia und Julia die von Juliane. Aber auch Gunda und Edith hatten sehr schöne lange Haare.

"Nein".

Julia griff sich Juliane und rannte mit ihr aus dem Salon. Draußen lachten sich beide an, fielen sich in die Arme. Die Haare mussten nicht ab.

Sie hatten sich gefunden, waren jetzt zwei Freundinnen. Durch das Betrachten der Haare der anderen erkannten sie die Schönheit der eigenen Haare erst richtig.

Beide schauten sich glücklich in die Augen.

Sollten die anderen doch lästern. Sie waren jetzt zu zweit.

Edith und Gunda kamen hinzu.

"Es ist so schön, dass ihr eure Haare behalten wollt. Wir wollen auch nicht mehr. Lass die Kurzhaarfraktion doch machen was sie wollen. Wir sind einfach Langhaars".

Man war ja mit einer Glatze nicht cooler als mit langen Haaren. Nur um andere zu schockieren?

Anita und Katja kamen hinzu: "Ihr Feiglinge, warum schneidet ihr die Haare nicht ab? Ihr sehr aus wie alte Kuhmägde aus dem vergangen Jahrhundert, konservativ, langweilig."

Julia: "Nein, die Haare sind ein Teil von uns. Wir wollen sie einfach, sie spiegeln unsere Seele wieder, die Seele eines Langhaars, es ist nicht die eurige. Die Haare sind ein Teil unseres Körpers, ein sehr schöner Teil, wir lieben sie. Schönheit, die aus uns selbst enstanden ist, nicht "Made in Elonas Haircutdressing Saloooon" oder so ähnlich."

Ja, wie die Gedanken sprudeln konnten, wenn man sich für etwas entschieden hat.

Anita: "Wenn ich so in meine Haare verknallt wäre. Dann würde ich sie auch nicht abschneiden lassen. Mann oh Mann, was ihr in aller Öffentlichkeit so treibt. Lasst es gut sein. Tschuess."

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