Kleine haarige Geschichte 15

English Part  Home  nächste Seite

Das neue Schuljahr

Eine Ansprache des Rektors.

"In userer Schulordnung wird jetzt die Maximallänge der Haare festgelegt. Sie dürfen nicht länger als bis zum Kinn reichen."

Elisa griff mit den Händen nach ihren blonden Zöpfen, schaute sie an. Sie reichten ihr bis zu den Oberschenkeln. Sie streichelte ihre Zöpfe.

Nein, das konnte man nicht mit ihr machen.

Katrin erschrak, sie dachte an ihre langen schwarzen Haare, wie sie zärtlich ihren Rücken und den Po streichelten. Dieses Gefühl sollte sie nun vermissen müssen? Nein, bitte nicht. Es war doch so schön, die langen Haare der anderen Mädchen zu sehen, sie manchmal streicheln zu dürfen, sie zu flechten, Frisuren damit zu machen. Was wollten die nur? Musste denn alles so grau sein?

Lisa spürte ihre langen Haare auf den Armen, auf den Oberschenkeln. Sie liebte diese Berührungen. Das sollte nun alles vorbei sein? Es dauerte viele Jahre um so lange Haare zu bekommen.

Auch die anderen langhaarigen Mädchen wirkten betroffen. Sie mochten ihre langen Haare sehr. War denn Langhaarigkeit etwas schlechtes? Sie liebten ihre langen Haare, versuchten alles, um sie vor Schaden zu bewahren.

Etwa 30 Mädchen mit sehr langen Haaren gab es hier und etwa ebenso viele mit sehr kurzen Haaren. Dann noch etwa 200 Schülerinnen mit unterschiedlichen Haarlängen. Sie kamen doch gut miteinander aus, die Langhaarigen und die Kurzhaarigen, es gab wenig Streit und auch wenig Neid um die Haare.

"Da es nur einen Salon gibt, gehen zuerst die Mädchen mit den sehr langen Haaren. Heute Nachmittag habt ihr frei, für einen Frisörbesuch. Morgen früh will ich keine überlangen Haare mehr sehen. Dann sind die anderen dran"

Überlang, was heißt das denn? Es gab etwa 30 Mädchen mit einer Haarlänge bis zur Taille und darüber hinaus.

...

So saßen sie dann auf ihren Stühlen beim Frisör. 20 Mädchen, es war jetzt ziemlich voll hier. Ach ja, der Rektor hatte sie angekündigt. Mehrere Stylisten würden sich um die Mädchen kümmern.

Es waren die mit den sehr langen Haaren. Mit einer Haarlänge, die über den Po hinausragte.

Diese Kurzhaarigkeitsverodnung konnte doch nur von einigen Eltern bewirkt worden sein, die lange Haare nicht mochten. Oder war es die neue Weltsicht des Rektors?

"Wer bitte möchte anfangen?"

Keine wollte die erste sein. Drei beschäftigungslose Stylisten standen herum.

Emelie sah ganz blass aus, Ihre Haare reichten bis zu den Kniekehlen. Sie dachte an dieses schreckliche Abschneidevideo, das sie letztes Wochenende gesehen hatte. Einige Nächte hatte sie kaum schlafen können. Nun sollte das gleiche mit ihr passieren? Ab war doch einfach nur ab, egal, wie das die Stylisten verkaufen würden.

"Elisa, du warst zuerst hier. Geh den anderen mit gutem Beispiel voran."

Elisa: "Dass ich hier bin heißt noch lange nicht, dass ich dabei mitmache, beim Haareabschneiden. Ich bin nur hier, weil meine Freundinnen auch davon betroffen sind. Meine Haare bleiben lang."

Na ja, sie wird sich schon noch fügen. Das tun sie ja alle, mit der Zeit.

"Emelie, dann sei du die erste. Wenn die anderen sehen, wie toll du mit einem Kurzhaarsschnitt aussiehst, wollen sie auch alle kurze Haare haben."

Toll, was war denn daran toll? Vielleicht für diejenigen, die es mochten. Gab es denn keinen Raum für eine andere Einstellung?

Emelie: "Nein, ich will nicht. Ich mag doch meine Haare."

Schweigen.

"Will denn überhaupt jemand?"

Marlena meldete sich zaghaft. Ihre polangen Zöpfe hingen lose nach unten.

"Gut, dann nimm bitte hier Platz."

Marlena im Frisierstuhl.

Emelie: "Marlena, willst du wirklich deine schönen Haare abschneiden lassen?"

Marlena: "Meine Eltern werden das nicht akzeptieren, wenn ich mich gegen den Willen der Lehrer stelle. Dann muss es eben sein. Irgendwann geht das ja doch zu Ende, mit den langen Haaren."

Emelie: "Aber warum denn nur? Das ist doch kein Naturgesetz."

"Du kommst auch noch dran. Fangen wir an."

Die Frisöse griff sich einen der langen Zöpfe von Emelie, in der anderen Hand die Schere. 

Die anderen sahen Marlena im Spiegel. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Emelie sprang auf, griff nach der Hand der Frisöse.

Emelie: "Nein, tun sie das nicht. Sie will doch nicht wirklich."

"Was bildest du dir eigentlich ein?"

Emelie: "Was mir die Bildung vermittelt. Wir sind freie Menschen in einem freien Land."

Sie griff Marlena bei der Hand.

Emelie: "Komm gehen wir."

Und Marlena stand auf. Beide verließen den Salon Hand in Hand.

Die anderen Mädchen? Sie schauten mit offenen Mündern hinterher. Nein, dass man sich widersetzen konnte?

Alle standen auf, wie auf ein Kommando, und gingen hinaus.

....

Am anderen Morgen, Emelie beim Rektor.

Er schaute sie an. "Du hast dich an die Schulordnung zu halten, und die wird von mir und vom Kollegium bestimmt."

Mir und das Kollegium. War er nicht Teil des Kollegiums?

Elisa: "Meine Eltern zahlen dafür, dass ich hier bin, damit ich etwas lerne. Wenn ich nicht mit den Regeln einverstanden bin, die nichts mit dem Lernen zu tun haben, dann gehe ich wieder."

Rektor: "Das werden wir ja sehen. Wir können auch gegen deinen Willen entscheiden. Das Abschneiden der Haare hat sehr wohl etwas mit dem Lernen zu tun. Es verbessert die Disziplin, es gibt keine Ablenkung mehr durch Haarspielereien. Dazu haben wir keine Zeit, wir müssen die Lehrpläne einhalten"

Elisa: "Nein, das sehe ich nicht ein. Ich brauche meine langen Haare, weil sie mir Gefühle von Zärtlichkeit vermitteln, ich liebe sie, um ihrer Schönheit willen. Und dieses Gefühl ist wichtig für mich. Ich bin doch nicht nur eine Lernmaschine. Wozu denn das ganze, wenn meine Gefühle nicht mehr wichtig sind? Wenn ich nicht haben darf, was nur mir gehört, das ich nicht irgendwo kaufen muss? Versuchen sie nicht, mich zu zwingen. Ich habe auch Rechte. Dieses Land ist kein totalitäres System, in dem jemand willkürlich entscheiden kann, wie ich meine Haare zu tragen habe. Und wenn sie körperliche Gewalt anwenden wollen, das wird ein Gerichtsverfahren nach sich ziehen."

Elisas Eltern waren Millionäre. Würde sie das Internat verlassen, ein wichtiger Sponsor ginge verloren.

Rektor: "Ich rede mit deinen Eltern."

Emelies Mutter: "Was wollen sie? Ich habe ihnen nicht meine Tochter geschickt, damit sie sie kahlscheren. Lassen sie das."

Somit hatte der Rektor ein Problem.

Rektor: "Wenn sie sich nicht an die Ordnung halten wollen, müssen wir uns trennen."

Der Abschied.

Elisa verlies das Internat mit ihren langen Haaren. Und die anderen langhaarigen Mädchen. Würden sie sich der neuen Verordnung unterziehen?  Nicht jede hatte so verständnisvolle Eltern wie Elisa, und so viel Kapital im Hintergrund. Lange Haare waren doch gar nicht mehr modern. Viele der Mädchen im Internat hatten bereits kurze Haare, aus eigenen freien Stücken heraus, es gefiel ihnen einfach besser.

Die langhaarigen Mädchen weigerten sich und wurden gefeuert. Die Schulautorität musste sich ja durchsetzten. Elisa hatte so etwas geahnt. Sie konnte ihre Eltern überzeugen, ein eigenes kleines Internat für Langhaarige zu gründen. Nicht, dass Langhaarigkeit Pflicht war, um diese Schule besuchen zu dürfen, es war nur so, in der Schulverfassung wurde verankert, dass jeder seine Haare so wachsen lassen durfte, wie es ihm gefiel.

Dort fanden sie sich nun alle wieder, die langhaarigen Rebellinnen. Und sie spielten ihre Situation durch, in einem Musical. Mit echten langen Haaren, kein "Perückenpopp". Alle Typen von langen Haaren waren vertreten. Glatte Haare, wellige Haare, Locken, ... und Stile, Pferdeschwänze, Zöpfe, Haarknoten, halboffene Haare, versteckte Haare ...

Es wurde ein Fairytale, eine Märchenerzählung.

Emelie mit ihren knielangen, vollkommenen, perfekten glatten Haaren. Sie wirkte wie ein feenhaftes Wesen aus einer anderen Welt. Sie vermittelte zwischen den verschiedenen Erzählungen und zauberte auch, wenn es sein musste.

Eine Geschichte über parallele Welten, eine für die Langhaarigen, eine andere für die Kurzhhaarigen, jede Welt stellte sich vor.


Die Welt der Langhaarigen:

Wie konnte man die langen Haare erhalten, sie verteidigen gegen eine kurzhaarige Umwelt? Kampf gegen Autoritäten, die die Haare weg haben wollten, ohne zu hinterfragen, ob die Betroffenen sie mochten oder nicht.

Spiel mit den langen Haaren. Streicheln der Haare, Zöpfe flechten, sich an Frisuren erfreuen. Es gab einiges zu sehen, wie man zärtlich mit langen Haaren umgehen kann. Zöpfe, die bis zu den Kniekehlen herab baumelten...

Ein Fluchtpunkt, ein Heim, in dem sich langhaarigen Weltenflüchtlinge sammeln konnten.

Hier fanden sie ihr Glück in der Fantasie.

Ein Zeitfenster in die Vergangenheit, es brachte Musik.
Die feenhafte Emelie führte sie durch Raum und Zeit.

"Schweben im Raum", "I believe in love", "Let the sunshine in", "Haare Krishna", "Good morning starshine" (Lieder aus dem Musical HAIR). Ja, die Haare in der Vergangenheit. Es gab schon einmal so etwas wie einen haarigen Aufstand.  Und das Musical HAIR, das diese Gefühle beschrieb. Auch wenn es nicht seine einzige Intention war.

Und ein Blick in die Welt des Langhaar-Rocks, 2010. Dort konnte man offene lange Haare sehen, die bis zu den Knien reichten. Zwischen den Gitarren, Schlagzeug  und Gesang.

Virtualität. Die Welt der Computer. Fantasiewelten. Lange Haare in der Fantasie. Lichtgestalten, Märchenfeen, Fabelwesen und ... langhaarige Kämpferinnen.

Transformation, lang zu kurz. Auch lange Haare können kurz erscheinen, wenn man sie nur entsprechend versteckt.


Die Welt der Kurzhaarigen:

Kurzhhaarigkeit als Akt der Befreiung. Aber auch Kurzhaarigkeit als Lebensart, aus freiem Willen heraus, weil es so besser gefällt. Der Stylist, seine Ausdrucksmöglichkeiten, Kreativität. Weltsicht.

Kurzhaarigkeit beim Militär, in der Schule, im Berufsalltag.

Von kurz zu lang, das geht nur mit Perücken oder Extensions. Vorgetäuschte Langhaarigkeit. Kurze Haare als Lebensweise um ihrer selbst willen, ohne die Notwendigkeit, lange Haare verändern zu müssen, um Kurzhaarfrisuren interessanter erscheinen zu lassen.

"Samson" (ein Lied von Regina Spektor). Eine sanfte Transformation, lang zu kurz.


Dann die Zwischenwelten, in der das eine wie auch das andere zu finden war. Die Suche nach Frieden und Freiheit. Etwas, was viele wollten, ob sie nun lange oder kurze Haare hatten.

Die Frage nach dem Sinn hinter allem.

"Where do I go?" (ein Lied aus dem Musical HAIR)

Zwang zur Langhaarigkeit, aus traditionellen oder religiösen Motiven heraus. Oder einfach nur Gewohnheit, oder weil es den Mächtigeren besser gefiel. Chinesische Zöpfe. Warum musste vorne alles abrasiert werden?

Zwang zur Kurzhaarigkeit, aus Normvorstellungen heraus, oder nur weil es jemanden passte, der etwas mehr zu sagen hatte. Oder auch als Aggressivität gegen die Weiblichkeit, aus Profitinteresse, manchmal auch aus religiösen Gründen.

Sie alle gaben ihre Stimme ab.


Der Wechsel der Sternzeichen. Blick durch das Zeitfenster.

"Wenn der Mond im siebten Haase steht, und Jupiter auf Mars zu geht ..." (ein Lied aus dem Musical HAIR)

Der Wassermann, ein Gott für Frieden und Freiheit? Nur eine Illusion?

Das Ende im Drogentod. Dort kann man den ewigen Frieden finden.

"Hashish", "Dead end" (Lieder aus dem Musical HAIR), "Wir werden singen" (2raumwohnung)

Die Welt der Gewalt, des Krieges, der Konkurrenz.

"3.5.0.0" (ein Lied aus dem Musical HAIR). Das Schrecken des Krieges: "Leiber zerfetzt von eisernen Splittern ..."

Der Zweifel an der menschlichen Existenz.

"What a piece of work is man", "The flesh failure" (Lieder aus dem Musical HAIR, das erste Lied beinhaltet einen Text von Shakespeare)

Zum Schluss die Welt der reinen Wissenschaft, was würde sie den Menschen letztendlich bringen? Dort gibt es vielleicht überhaupt keine Haare mehr.

"In the year 2525".

All dies in einer einzigen Aufführung. Sie ließ viele nachdenkliche Zuschauer zurück.

nächste Seite =>