Kleine haarige Geschichte 16

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Jenny

Jenny liebte ihre bodenlangen Haare. Es waren dicke, volle Haare, fast ein Nest, in das sie sich zurückziehen konnte. Was für ein schönes Gefühl, ganz in den Haaren drin zu sein. Sie konnte stundenlang so verweilen, nicht denken, nur fühlen, die Haare lieben, von ihnen träumen und sie doch gleichzeitig besitzen.

Sonst gab es nicht so sehr viel, was sie vorzeigen konnte. Eine kleine, spärlich eingerichtete Wohnung. Sie lebte dort mit ihem Freund, Albert.  Das bisschen Geld, das sie beide verdienten, es reichte gerade zum Überleben.

Nun war es fast schon wieder Weihnachten und sie hatte nichts, was sie ihrem Freund schenken konnte. Es machte sie sehr traurig, so unendlich traurig, dass Tränen über ihr Gesicht liefen. Verloren griff sie in ihre langen Haare. Dann kam ihr ein Gedanke. Ob sie die Haare nicht verkaufen sollte? Das würde etwas Geld geben. Damit konnte sie ein Geschenk kaufen. Sie dachte an eine goldene Kette für die schöne Uhr, die ihr Freund besaß.

Ein letztes mal die Haare im Spiegel betrachten? Sie schaute in den Spiegel und sah ihre Haarpracht, es machte sie so glücklich und doch, das alles würde verschwinden, heute abend würde sie sich nur mit kurzen Haaren im Spiegel sehen. Der Gedanke hatte sich schon so festgesetzt.

Die Haare waren so ein schöner Traum für sie. Aber waren sie wirklich so wichtig? Gab es nicht wichtigeres in der Beziehung zwischen Menschen, waren die Haare für ihre Liebe überhaupt wichtig? Sie wollte nicht selbstzentriert sein, eingebildet, arrogant, an Äußerlichkeiten hängend. Es gab wichtigeres im Leben.

Auf die Haare konnte man verzichten, aber etwas Geld, das brauchte man zum Überleben.

Nun, sie raffte sich auf. Die langen Haare, das war jetzt Vergangenheit. Sie wollte nicht mehr nur an diesen Oberflächlichkeiten hängen. Sie hatte ja ihre schönen Erinnerungen. Das Geschenk für ihn, es sollte ein Beweis ihrer Liebe sein. Aber brauchte Liebe denn einen Beweis? Egal, sie brauchte ein Geschenk, das war ihr jetzt das Wichtigste.

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Beim Haare-Einkäufer, ein Perückenhersteller.

"Ach bitte, kann ich ihnen meine Haare verkaufen."

"Ja, dann zeigen sie mal, was sie haben."

Jenny zog ihren Mantel aus. Langes wallendes Haar kam zum Vorschein.

"Legen sie die Haare hier auf die Waage, ich bezahle nach Gewicht."

Jenny fasste ihre Haare mit beiden Händen, legte sie auf die Waage. 400g.

"Dafür zahle ich ihnen 90 Dollar."

"90 Dollar, für so viel Haare?"

"Ich habe auch eine Menge Unkosten damit, bis ich sie weiterverkaufen kann."

Das Geld, dafür konnte sie ein Armband kaufen und es würde noch etwas übriggbleiben. Dann gab es zu Weihnachten ein wenig Gebäck.

"Ich werde eine Schere holen gehen. Ich schneide ihnen die Haare dann kurz unterhalb der Ohren ab."

Jenny stand nun da mit gesenktem Haupt, die Haare auf der Waage.

Der Perückenhersteller verschwand in einem Hinterzimmer.

Nun wurde es ernst. Nur noch eine halbe Minute ... dann waren die Haare weg.

Erinnerungen kamen hoch. Nein, das konnte sie nicht, sie würde so unendlich viel verlieren, etwas, das ihr ein wenig Glück schenkte in dieser schwierigen Zeit.

Langsam ging sie rückwärts, ganz langsam, zog dabei die Haare von der Waage und spürte die Klinke der Ausgangstür im Rücken.

Der Perückenhersteller hatte seine Schere gefunden und kam wieder auf sie zu.

Ganz schnell riss sie die Tür auf und rannte davon, so schnell sie nur konnte.

...

Wieder zu Hause, ganz ohne Geschenk. Aber irgendwie doch auch ein wenig zufrieden. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, die sie nicht bereute. Aber es beschäftigte sie.

Albert war schon da, öffnete ihr die Tür, lächelte sie an.

"Was hast du denn, du siehst so verwirrt aus?"

"Ich ... ich... , ich wollte meine Haare verkaufen, um etwas Geld für ein Geschenk zu haben, aber dann, ich konnte es einfach nicht."

Albert erschrak. "Oh nein. Ich weiß doch, wie sehr du deine Haare liebst und ich mag sie doch auch so gerne. Sie sind doch unser ganzer Stolz. Ich bin so glücklich, dass du es nicht gemacht hast."

Er umarmte sie.

Dann öffnete er die Haare, streichelte sie ganz sanft.

Es tat ihr so gut. Sie lächelte ihn an.

Die langen Haare, sie gaben ihnen beiden ein bisschen Glück in dieser kärglichen Umgebung.

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