Kleine haarige Geschichte 21

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Liane

Traurig saß sie auf ihrem Stuhl. Sie hielt ihre langen Zöpfe fest in den Händen, drückte sie an sich.
8 Zöpfe hatte sie geflochten. Darin war ihre ganze Haarpracht untergebracht.
In jeder Hand hatte sie jetzt 4 Zöpfe. Sie konnte sie kaum umfassen, so dick waren sie.

Aber die Haare waren zu lang, viel zu lang und mussten ab. Eine Träne kullerte ihr über das Gesicht.

Zu lang? Sie reichten ihr bis über die Knie. Warum ist das zu lang? Darf man diese Frage nicht stellen?

Und was nun?

Wieviel würde man ihr davon abschneiden? Wenn man sie fragen würde, sie möchte alles behalten.

Aber wer außer ihr mochte schon die langen Haare. Fast automatisch war sie in diesen Salon gegangen, ohne richtig zu wissen was sie tat.
Ach ja, die Mutter hatte sie hierher geschickt.

"Nun wird es endlich Zeit, dass die Haare abkommen."
Geld für das Haareabschneiden hatte sie ihr gegeben, als Geschenk zum Geburtstag.

Zum Geburtstag sollten die Haare ab sein. Oh, was wäre das für eine Freude für Tante Enni und Großmutter Wumsi.

Warum nur? Nur weil sie selbst einen Wischmopp auf dem Kopf hatten?

War das nicht ihr Geburtstag? Und ihre Freude?

Bei dem Gedanken daran wurden ihre Augen feucht. Nein, das sollte keiner sehen. Sie unterdrückte den Wunsch zu weinen.
Verstohlen wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Dabei musste sie einige der Zöpfe loslassen. Sie fielen lose über die Stuhllehne, berührten den Boden.
Das untere Ende der Zöpfe mischte sich mit abgeschnittenen Haaren. Sie erschrak. Schnell fasste sie wieder danach, drückte sie an sich.

Vor ihr die Frisösinnen bei der Arbeit. Schrecklich. Der Boden war schon mit Haaren übersäht.

Ein Junge saß neben ihr. Er hatte lange offene Haare, die weit über den Po reichen mussten, und Tränen in den Augen. Ein Junge, der um seine Haare weinte?

Es berührte sie.

"So, die Nächste bitte".

Nun war sie dran. Resigniert erhob sie sich und setzte sich in den Frisierstuhl. Die 8 Zöpfe nahm sie nach vorne, hielt sie mit den Händen ganz fest, drückte sie an sich.
Nein, nur keinen Zopf hinten über die Lehne baumeln lassen. Sie hatte Angst, was dann passieren würde.

Sie sah sich im Spiegel. So schöne lange Zöpfe. Sie liebte ihr Spiegelbild. Warum müssen sich gerade Menschen, die sich so sehr mögen, unbedingt verändern?

Die Frisöse hinter ihr. Deren Haarschnitt war so etwas zwischen Glatze und Mecki, immerhin nicht ganz normgerecht. Und dann gefärbt, rot, blau und grün. Ein poppiger Haarschnitt.
Ach ja, so eine Extension bis Schulterlänge angeknipst. Das sollte schön sein?

"So, nun wollen wir mal."

Wir? Wieso stimmte da jemand über ihren Willen ab?

"Diese Zöpfe. *Kopf schüttel* Wir schneiden sie in Kinnhöhe ab und machen dir dann eine poppig freche Kurzhaarfrisur."

Wir? Professoren redeten so, wenn sie ihre Wissenschaft vortrugen.

"Ich will aber keine kurzen Haare."

"Ach, komm, lange Haare sind doch out. Schau dich um, wie schön diese Kurzhaarfrisuren sind."

Sie schaute sich um. 3 ältere Damen mit pudelähnlicher Frisur, 2 Männer mit Kurzhaarschnitt und 2 kurzhaarige Mädchen. Die waren wohl zum Nachschneiden gekommen.

"Nein"

Irgendwie kam die Frisöse nicht an die Haare ran. Das Mädchen hielt sie ganz fest, vorne auf ihrem Schoß.

Zwischen Haut und Haaren war zu wenig Platz für die Schere.

"Willst du mir nicht wenigsten einen der Zöpfe geben ... "

"NEIN !!!!"

"Mmmh"

Sie griff nach den Armen des Mädchens, wollte ihr einen Zopf herausziehen.

Das Mädchen wehrte sich. Ohne Gewaltanwendung würde das nicht gehen.

Inzwischen wurde bereits der ganze Salon aufmerksam. Die Kunden debattierten miteinander.

"Lasst ihr doch die Haare, wenn sie nicht will."

"Nein, bloß nicht. So darf man einfach nicht herumlaufen."

"Ihh, diese lange Haare, so häßlich, schrecklich."

Man hielt ihr Bilder vor die Nase. Bilder von Mädchen mit kurzen Haaren. Nein, sie mochte diese Frisuren nicht.

Frisöse: "Ich schneide dir erst einmal die Hälfte der Zöpfe ab. Dann können wir immer noch weitermachen."

"NEIN !!!!

"Aber warum bist du dann hier?"

Meine Freundin hat ihre Haare abgeschnitten und jetzt soll ich auch. Sie hatte so schöne hüftlange Haare *schluchz*.

Die Eltern wollen die langen Haare nicht mehr. Die Nachbarn meckern daran herum, und der Schuldirektor will sie auch nicht mehr sehen und morgen habe ich Geburtstag,  und die ganze Verwandtschaft will mich kurzhaarig."

Trotzig saß sie in ihrem Stuhl.

"Ach, ich schneide dir die Haare ab und dann machen wir dir ein paar Extensions hinein. Ist das nichts? Richtig schöne schulterlange glatte Extensions. Deine eigenen Haare sind doch nur kräuselig und der Spliss guckt schon überall heraus."

"Es sind meine Haare. Es ist keine Haarprothese und sie sind so viel länger. Und ich habe keinen Spliss, das ist gelogen."

"Darf ich mal sehen."

Eine bebrillte ältere Dame mit Lupe in der Hand stand vor ihr.

"Du hast doch so schöne Haare. Früher, als ich  jung war, hatte ich auch so lange Haare."

Sie gab ihr einen der Zöpfe

"Bitte, bitte, bitte nicht abschneiden." Sie hatte so viel Angst.

Die Dame schaute sich den Zopf mit der Lupe an.

"Ich sehe keinen Spliss."

Frisöse: "Ach, was verstehen sie schon davon. Geben sie mir mal den Zopf."

"NEIN !!!"

Die Dame rückte ihre Brille zurecht, sagte aber nichts, gab Liane den Zopf zurück.

Um den Stuhl herum standen jetzt bereits 5 Leute. Alle kurzhhaarig. Wo sollte da Zuspruch herkommen?

Ihre beste Freundin. Warum musste sie ihre Haare abschneiden? Den Beistand hätte sie jetzt so dringend gebraucht.

Neben ihr wurde ein Stuhl frei.

Der Junge mit den langen Haaren war jetzt dran.

Nein, sie wollte seine Haare nicht fallen sehen.

Sie sah ihn an, so durchdringend, irgendwie bittend und er verstand.
Er verlies seinen Stuhl, lief auf sie zu und fasste sie vorsichtig am Arm.

Bereitwillig lies sie sich aus dem Stuhl ziehen.

So standen sie nun beide vor der Frisöse, die ihre Schere einfach nicht weglegen wollte.

Aber sie hatte keine Chance mehr. Die beiden Jugendlichen verließen den Salon und fielen sich draußen in die Arme. Streichelten sich gegenseitig ihre Haare. Nein, sie wollten sie nicht aufgeben.
Liane öffnete ihre Zöpfe, auf offener Straße, und stand dann in ihrer vollen Haarpracht vor dem Salon, "zum radikalen Schnitt".

Passanten schauten sie an. Manche lächelten, schauten liebevoll, andere schüttelten nur den Kopf.

Aber nun waren sie schon zu zweit. Das war so viel mehr als nur alleine. "Stood up". Liane musste lächeln, als sie an das Lied dachte.

Die beiden kurzhaarigen Mädchen verließen den Salon und kamen auf sie zu.

"Wir finden es toll, dass ihr zu euren Haaren steht. Wir wollten dann auch nicht mehr und lassen sie jetzt wieder wachsen. Tschuess, ihr beiden. In 3 Jahren machen wir einen Langhaartreff :-))"

Die beiden Teenager hatten sich gefunden, sie liebten sich. Ganz spontan. Gemeinsam würden sie ihre Haare verteidigen. Sie machten sie sich auf den schwierigen Weg.

Sie würden siegen, denn was ist stärker in der Welt als die Verbindung zwischen zwei Teenagern, die sich lieben?
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