Kleine haarige Geschichte 30

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Rapunzeltag

10 junge Menschen saßen in der hinteren Reihe auf den Wartestühlen. Vor ihnen die Stühle, in denen ihre langen Haare frisiert werden sollten.

Vornehm ausgedrückt, gestylt.

Es war Rapunzeltag. 10 Rapunzels, denen die Haare gestylt werden sollten. 5 männliche Rapunzel waren auch dabei, es war gar nicht so einfach gewesen, sie zu finden.

Das ganze lief auf das Abschneiden der Haare hinaus, denn nur die ersten 20 cm der Haare wurden überhaupt gestylt.

Ein Fernsehteam war dabei. Schließlich war dies ein besonderer Tag.
In den Medien wurde das Ereignis groß angekündigt, nur, wenn man die Gesichter der Rapunzels anguckte, glücklich sahen sie nicht aus.

Ganz im Gegensatz zu den Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern, die im Hintergrund standen. Oh wie aufregend.

Ja, einmal im Abendfernsehen. Für manche war das schon das zentrale Element ihres Lebens.

Die Presse war vertreten, Kameras blitzten, nur die Haare, die konnte man gar nicht sehen.

Noch waren die Haare unter der Kleidung versteckt, ja, sie hatten die Ober-Bekleidung einfach anbehalten.
Irgendwie waren sie es ja gewohnt ihre Haare zu verstecken. Irgendwie fühlten sie sich ans Licht gezerrt, von einer Öffentlichkeit, die keine langen Haare haben wollte.

"Legt bitte eure Jacken und Mäntel ab."

Haare wurden sichbar. Jeder von ihnen hatte mehr als knielange Haare. Die Haare waren aber zum Teil noch viel länger. Im verborgenen gewachsen über die Jahre.
Nun hatten die Kameras endlich ihr Motiv.

10 Menschen und eine gewaltige Menge an Haaren um sie herum.

Die Haare hingen zum Teil lose herunter, ihre ganze Fülle wurde sichtbar. All das sollte abgeschnitten werden. Für die Perückenindustrie. Sie bekamen ja auch etwas dafür.

In der vorderen Reihe saßen momentan eher kurzhaarige Menschen, deren Haare noch kürzer geschnitten wurden. Anschließend wurden die Haare geföhnt und gefärbt. Ja, die Rapunzel sollten auch neu verföhnt werden. So konnten sie schon einmal sehen, was ihnen bevorstand.

Der einzige Mann mit hüftlangem Pferdeschwanz dazwischen bekam am Ende einen rotgefärbten Kurzhhaarschnitt verpasst. Die Frau mit den hüftlangen Haaren eine extreme Kurzhaarfrisur, blaugefärbt mit gelben Strähnen. Der normale Frisöralltag eben.

Als Kontrast dazu die Rapunzel in der hinteren Reihe.

Die vordere Reihe war nun abgearbeitet. Überall auf dem Boden lagen Haare herum. Die wurden zunächst einmal zusammengefegt. An den Wänden hingen Pferdeschwänze und Zöpfe. Manche bis zu einer Länge von mehr als 2 Metern.

Nun würden neue Haare dazukommen. Nein, sie wollten es nicht, aber wie sollten sie sich dagegen wehren?
Nun war es soweit *seufz*.

"Nehmt bitte auf den vorderen Stühlen Platz."

10 Stylisten stellten sich hinter ihnen auf, zogen die Haare in die Länge.

Ja, es waren sehr lange Haare, bis zu einer Länge von 4 Metern.

Rapunzeltag. Man hatte wieder einiges zusammenbekommen.

So ein Ereignis gab es nicht so oft. Aber auch die letzten Rapunzels würden ihren Beitrag leisten.
Das war das erklärte Ziel der Frisurenindustrie.

Perrys Haare hingen lose über die Stuhllehne auf den Fußboden. Die Haare mussten um die 4 Meter lang sein. Keine Dreadlocks, Einzelhaare, die sich auch noch in einem sehr guten Pflegezustand befanden. Von hinten sah er aus wie ein Mädchen und von vorne? Nun ja, er war nun einmal ein femininer Typ. Man erkannte ihn aber als Mann. Es war dieser Grenzbereich zwischen den Geschlechtern, den er ausfüllte. Männlich und doch feminin.

Dazu diese langen glatten Haare. Wenn sie sein Gesicht halb bedeckten sah er aus wie ein Mädchen.

Irinas Haare. Fast 3 Meter lang. Auch ihre Haare hingen lose über die Stuhllehne auf den Boden.

Arabas hatte seine Haare in 2 lange Zöpfe geflochten. 3,40 Meter lange dicke Zöpfe.

Juliana hatte einen langen Pferdeschwanz, der lose über die Stuhllehne auf dem Boden auflag. 3 Meter lange Haare.

Aria hatte gleich 8 Zöpfe. 4 hinten, 2 an der Seite und 2 vorne. 3 Meter lange Zöpfe.

Die Haare der anderen hingen offen über der Stuhllehne.

Nun waren die Haare schnittgerecht zurechtgelegt. Nein, man wollte die offenen Haare gar nicht zusammenbinden. Waschen wollte man sie auch nicht mehr. Einfach nur abschneiden, die Masse dann zusammenkehren und in die Perückenmaschine einspeisen. Die Zöpfe und Pferdeschwänze würden als Wanddekoration dienen.

So blieb dann keine Zeit mehr übrig für irgendeine Form von Besinnlichkeit.

Die Stylisten ließen die 10 einen Moment alleine, holten ihre Scheren.
Es war wie eine militärische Aktion. Sie hielten die Scheren in die Höhe, drohten damit.
Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp.

Die Zuschauer waren merkwürdig still. Hatte man ein euphorisches Gejohle erwartet?
Die 10 Rapunzel, eigentlich sahen sie aus wie 5 Liebespaare, die man voneinander fern hielt. So verloren und blass wie sie dort saßen, ständig die Blicke der anderen suchend.
Zum Teil fassten sie sich verstohlen an den Händen, streichelten sich gegenseitig ihre Haare. Verstohlen, unbemerkt, wie sie vielleicht meinten, aber das Land schaute ganz genau zu.

Es war ein denkwürdiger Anblick. Massen von Haaren um die Stuhlbeine herum, angestrahlt von verschiedenfarbigen Lampen. Sie glänzten wie Diamanten. Und diese ganze Schönheit einfach nur radikal ab? Was war mit den ganzen Style-Möglichkeiten, die es sonst noch so gab?

Die Videokamera lief schon. Die Gesichter im Spiegel, sie wurden gefilmt. Wie fühlten sich Leute, deren lange Haare im nächsten Moment abgeschnitten werden würden? Und wie fühlten sie sich beim Schneiden der Haare? Gerade wenn sie es nicht wollten? Und dann am Ende, mit der Kurzhaarfrisur?

Das war das Ziel der Videoaufnahmen. Aber was sie wirklich sahen, dort waren Liebende die sich suchten und nicht finden konnten, weil sie auf diesen Frisierstühlen ausharren mussten.
Man sah förmlich wie gerne sie sich gegenseitig umarmt hätten, wie sehr sie ihre Haare mochten und wie sie ein wenig Schutz suchten in der Fülle der Haare.

So entstanden Eindrücke, die niemand vorausgesehen hatte.

Die 10 schauten sich an. Wie auf ein Kommando erhoben sie sich von ihren Stühlen. Stellten sich mit dem Rücken zur Wand, die Haare mit den Händen umfasst, zusammengerollt, an den Körper gepresst. Als wenn sie die Haare schützen wollten.

"Nein, wir wollen das nicht."

"Dies ist eine öffentliche Veranstaltung. Ihr habt euch dazu verpflichtet daran teilzunehmen. Wenn ihr euch hier verweigert kommen Forderungen auf euch zu, so 100000 Euro pro Person, mindestens."

"Wir lieben unsere Haare."

Moderator: "Das zählt nicht. Nehmt wieder Platz auf den Stühlen, sonst machen wir euch regresspflichtig. Es ist ja nun nicht das erste mal, dass so ein Ereignis stattfindet."

Ja, das stimmte. Hunderte wenn nicht tausende Rapunzels hatten ihre Haare bereits eingebüßt. Überall auf dem Planeten gab es diese "Ereignisse". Zehntausende von Langhaarigen waren bereits in Kurzhaarige konvertiert wurden, in diversen Shows, Abschneideereignissen, Internet-Videos.

Manchmal gab es am Ende auch nur noch glattpolierte Glatzen.

Und das alles neben dem normalen Haarschneidealltag.

Dass es überhaupt noch Langhaarige gab? Sie wurden auch schon gesucht, von denen, die lange Haare abgeschnitten sehen wollten.

Was sollten sie tun. Verzweiflung machte sich breit.

Moderator: "Machen wir eine Abstimmung. Ihr habt ungefähr 8 Millionen Zuschauer durch die Medien. Seid ihr damit einverstanden, dass wir das Votum entscheiden lassen? Die Haare sollen ab oder doch nicht?"

"Wir wollen unsere Haare nicht verlieren und machen sie nicht zum Gegenstand einer Wette."

"Aber ihr seid doch hier und man bezahlt euch dafür. Das widerspricht sich doch."

"Es tut uns so leid, dass wir uns haben überfahren lassen. Wir wollten nie in die Öffentlichkeit und plötzlich stand die Presse vor der Tür, bestellt von Nachbarn und Freunden mit den besten Wünschen, dass wir doch in einer Show auftreten sollten. Dass es eine Haareabschneideshow ist wussten wir am Anfang gar nicht. Wir wollen unsere Haare behalten, auch wenn wir dafür bezahlen müssen."

"Nun gut, dann stellen wir euch 2000000 Dollar in Rechnung. Das steht im Vertrag, ja, man sollte das Kleingedruckte vorher lesen. Da werdet ihr ganz schön dran abzustottern haben. Ein Leben lang. Will vielleicht doch jemand seine Haare abschneiden lassen?"

Nein. Nachdem sie sich dazu durchgerungen hatten ihre Haare zu verteidigen, wollte keiner mehr.

"Ihr werdet euch die Haare ohnehin abschneiden müssen, damit etwas Geld zusammenkommt, so verschuldet wie ihr seid."

"Nein, das müssen wir nicht. Wir werden die Schulden nach und nach abbezahlen, aber unsere Haare, wir haben auch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit."

"Körperliche Unversehrtheit, es sind doch bloß Haare, totes Material."

"Das mag objektiv so sein, für uns aber leben die Haare, wir spüren ihre Gegenwart, geben ihnen durch unser Bewusstsein einen Geist. Wir lieben sie doch so."

Arabas griff vorsichtig nach den Haaren von Juliane. Schreichelte sie sanft.

"Sie geben uns so schöne Gefühle von Sanftheit und Zärtlichkeit."

Beide schauten sich liebevoll in die Augen. Ja, auch das wurde von der Kamera gesehen.

"Ach was, wielleicht sollte ich ein wenig vorschneiden"

Der Moderator näherte sich ihnen mit einer Schere. Man wusste schon aus anderen Shows, dass er sich Haarsträhnen griff und die dann einfach abschnitt. Die Gerichtskosten dafür zahlte er aus der Portokasse.

Aber diesmal nicht. Gleich 3 der anwesenden kurzhaarigen Team-Mitglieder fielen ihm in die Arme, nahmen ihm die Schere weg.

Was für ein Gesichtsverlust.

Ein Reporter. "Hier ist das Ergebnis der Abstimmung: 72 % haben dafür gestimmt, dass ihr eure Haare behalten solltet. So ein Ergebnis ist wirklich sehr erstaunlich. Wir wissen ja, dass 90 % der Bevölkerung kurze Haare vorziehen und Rapunzelhaare kategorisch ablehnen. Es hat ihnen imponiert, dass ihr euch widersetzt habt. Und noch etwas anderes, das niemand vorausgesehen hatte. Ihr 10 seht aus wie verhinderte Liebespaare und ihr habt gezeigt, wie sehr ihr eure Haare liebt. Gerade dort wo ihr gedacht habt, dass niemand zusieht. Selbst hartgesottenene Abschneide-Fans wollten, dass ihr zusammenkommt und eure Haare behaltet. Noch etwas, eine Spendenaktion wurde gestartet, es sind bereits 130000 Dollar zusammengekommen, für eure Haare. Also keine Angst, bis zu eurem Lebensende braucht ihr das nicht abzustottern. Wir werden eine Langhaar-Show durchführen, eine Show, in der  die Haare nicht abgeschnitten werden. Dazu seid ihr herzlich eingeladen."

Die 10 Rapunzel, nun konnten sie nichts mehr zurückhalten. Es bildeten sich spontan 5 Liebespaare und sie lagen sich in den Armen.
So vergingen einige Minuten, niemand sagte ein Wort. Es war eine besondere Situation, die alle Beteiligten und selbst die Zuschauer glücklich machte.
Dann trennten sie sich wieder, suchten ihre Kleidung und wollten den Salon gerade verlassen ...

Die Tür öffnete sich. Eine Frau mit einem unglaublich voluminösen Pferdeschwanz kam herein. Wieviel Haare dort hineingewickelt worden waren, man konnte es nur erahnen. Die ganze Frisur war mit Blumen geschmückt.

"Hallo, was können wir für sie tun. Ein Haarschnitt gefällig?"

"Warum nicht."

Die Rapunzel schauten sie an, sie konnten ihre Blicke gar nicht wenden. Was dort an Haaren drin stecken musste, das waren weitaus mehr als 10 Meter.

"Nehmen sie bitte Platz."

Nun saß sie im Frisierstuhl. Ihre Blicke kreuzten sich mit denen der Rapunzel im Spiegel. Sie musste dabei lächeln.
Dann drehte sie sich direkt zu den Menschen um.

"Hallo ihr. Nein, ich will nicht wirklich. Ich wollte nur einmal in diesem Stuhl sitzen, fühlen, wie es den Menschen so geht, die ihre Haare abgeschnitten bekommen."

Der Stylist stand ratlos daneben. Was sollte er tun? Um diese Haare schneiden zu können musste er vorher den Zopf aufmachen. Das alleine konnte eine Stunde dauern.

"Ich weiß wer ihr seid. Fragt bitte jetzt nicht danach wieso, ich erzähle es euch später. Wollen wir zusammen eine Tasse Kaffee trinken gehen? Ich möchte mich kurz vorstellen, ich bin Losty."

Losty? Die Verlorene? Es gab da so eine Legende, eine uralte Legende und ein Märchen. Nein, das konnte einfach nicht sein. Die Rapunzel schauten sich gegenseitig ganz ratlos an.

Juliane: "Die Legende von Losty, was für ein eigentümlicher Zufall. Ja, bitte, lasst uns alle zusammen eine Tasse Kaffee trinken gehen."

Losty: "Ich bin ein bisschen spät dran. Aber ihr habt euch selbst entschieden. Für euch und für die Haare und was fast noch wichtiger ist, die Menschen haben sich für euch entschieden." *freu*
...

Losty ist ein Wesen aus Ariannes Fantasiegeschichten, Fortsetzung: Kleine haarige Geschichte 31
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