Kleine haarige Geschichte 32 <<Home>> nächste Seite =>

Annie und Marion

Annie hatte morgen Geburtstag. Gerade rechtzeitig zu dem feierlichen Ereignis sollten ihre langen Zöpfe abgeschnitten werden. Endlich daheim, in der Welt der 50-jährigen? Die Nachbarn hatten zusammengelegt, das Geld für den Frisör wurde ihr von Ertrude überreicht, ihre Nachbarin gleich von nebenan. Einen Termin beim Frisör hatte sie auch schon vereinbahrt.

Morgen früh um 8:30.

Wenn sie selbst ihrer Sache so sicher wäre *seufz*.

Marion, ihre Tochter sollte gleich mitgehen zum Frisör. Dann würden sie beide in den "Modernen Zeiten" ankommen.

Hier hatte die Verwandschaft zusammengelegt. An den Kosten sollte es nicht scheitern.

Annie schaute sich im Spiegel an. Sie hatte ihre langen Haaren in 2 Zöpfe eingebunden, die bis auf den Boden reichten. Sie umfasste sie sanft mit den Händen. Es waren so schöne dicke Zöpfe. Die Haare sahen so gesund aus, auf der ganzen Länge. Ja, sie investierte viel Zeit in die Pflege der Haare. Aber wem war sie diese Zeit schuldig? Doch nur ihrer Tochter.

Sie mochte ihre Haare so sehr, aber andererseits, war sie nicht ein bisschen haarverrückt? Ein bisschen? Es war schon etwas mehr.
Nein, sie wollte nichts besonderes sein, nur ein bisschen leben, ein wenig privates Glück haben und mit ihrer Umgebung klarkommen.

Wenn sie an die ganzen Diskussionen dachte, welche Frisur nun gerade modern war und die ganzen Erlebnisse der Nachbarinnen bei ihren Frisörbesuchen.
Sie konnte nichts dazu beitragen.

Marion mit ihren 14 Jahren hatte auch körperlange Haare. Sie beide zusammen wirkten schon etwas exotisch in dieser Betonsiedlung.

Marion stand an der Tür.

"Willst du deine Haare wirklich abschneiden lassen? Sie sind doch so schön. Viele Menschen beneiden dich darum. Du hast doch so viel Zuspruch im Internet, warum willst du sie abschneiden?"

Annie schaute sie an.

"Ja, eigentlich hast du recht. Aber mit 50 und so lange Haare? Was ist mir dir, du sollst ja morgen auch mitkommen, wenn es nach unserer Verwandtschaft geht."

Annie: "Nein, ich will nicht. Aber wenn du deine langen Haare abschneiden lässt, will ich meine auch nicht mehr."

Marion: "Warum nicht? Du musst doch deine Entscheidungen nicht von meinen abhängig machen. Ich dachte du willst es, weil deine Klassenkameradinnen dich so oft mobben deswegen."

Annie: "Ja, das tun sie. Aber ein paar Freunde habe ich auch. Und sie mögen meine Haare. Es ist so schön damit zu spielen. Ich mag es auch so gerne, wenn ich deine Haare sehen kann, in ihrer ganzen Fülle. Darauf möchte ich nicht verzichten. Wenn ich das nicht mehr sehen darf, werden mir meine eigenen Haare nur weh tun. Ist es nicht schön, wenn wir uns gegenseitig die Haare streicheln können? Uns Frisuren machen, kämmen, bei der Pflege helfen? Was kümmern uns dann Verwandtschaft und Nachbarn? Lass die Leute reden, wir können nur mit uns selbst glücklich sein."

Marion: "So viel Weisheit in einem so kleinen Menschen? Ja, du hast recht, aber ich kann einfach nicht anders.

Ich öffne meine Haare jetzt vielleicht ein letztes mal. Warum soll ich sie von einem fremden Frisör abschneiden lassen? Damit alle zugucken können? Nein, dann tue ich jetzt gleich hier."

Annie: "Dann schneide ich meine Haare auch ab, jetzt gleich."

Marion schaute ihre Tochter an.

Dann begann sie ihre langen Haare zu öffnen. So dicke Zöpfe, die konnte sie gar nicht durchschneiden, mit einer Schere.

Annie verlies den Raum, kehrte mit einer Schere zurück.
Ihre Haare waren offen.

Annie tat erst einmal gar nichts, stand nur da, schaute zu, wie Marions Haare immer mehr an Volumen gewannen.

Dann stand sie da, in ihrer vollen Haarpracht.

Annie konnte nicht anders, sie legte die Schere beiseite und lief auf Marion zu, umarmte sie mit ihrer ganzen Haarfülle.

Beide streichelten sie gegenseitig ihre Haare.

Tränen flossen dabei. Beide mussten weinen. So schön war das Gefühl der langen Haare, der Gedanke, dass dies alles verschwinden würde...

Beide lösten sich wieder voneinander, wischten sich die Tränen aus dem Gesicht, schauten sich an.

Die Schönheit der Haare sprach für sich. Nein, das wollten sie nicht aufgeben.

Annie: "Bitte, tue es nicht. Dann kann ich meine Haare auch behalten und ich liebe sie doch so."

Marion schaute ihre Tochter an. Ja, es berührte sie. Lange Haare waren doch keine Krankheit, die man nicht verhindern konnte. Nein, sie wollte dieses kleine private Glück nicht aufgeben. Sollten die Leute doch reden.

Sie packte das Geld der Nachbarin in ein Couvert und klingelte bei ihr.

...

Ertrude öffnete die Tür und schaute sie ganz entgeistert an. So eine Haarflut hatte sie noch nie gesehen.

Marion: "Bitte, nehmen sie das Geld zurück. Wir wollen unsere Haare behalten."

Ertrude nahm den Umschlag mit dem Geld.

"Ja, wenn sie es nicht wollen. Wir meinen es ja nur gut mit ihnen."

"Danke, das verstehe ich schon, aber die Haare geben uns ein kleines privates Glück, das wir nicht missen möchten."

Ertrude sah die Tränen in den Augen von Marion. Nein, das wollte sie nicht.

"Ich glaube ich verstehe sie. Ich werde mit den anderen reden, sie werden es schon verstehen."

Man trennte sich wieder.

...

Am anderen Morgen. Es klingelte an der Tür.

Die werden uns doch nicht den Frisör geschickt haben ...

Die Nachbarn standen draußen im Flur. Jeder von ihnen hatte ein kleines Geschenk dabei, ein hübscher Haarschmuck war auch dabei.

...

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