Kleine haarige Geschichte 33 <<Home>> nächste Seite =>

Tradition

Amalia und Sabrina mit ihren knielangen Haaren. Ein Zwillingspärchen. Sie mochten sich. Nun waren beide allein in Amalias Zimmer.

Amalia: "Sabrina, bitte öffne deine Haare".
Sabrina schaute sie an, musste lächeln.

Sie griff nach einem der langen Zöpfe von Amalia, streichelte ihn sanft.
Nun war es an Amalia, zu lächeln.

Sanft griff sie nach dem dicken Knoten, der Sabrinas Haare umfasste. Sie öffnete ihn vorsichtig und fasste die Haare mit beiden Händen, ließ sie langsam herunterfallen. Es war so ein schönes Gefühl, diese Masse an Haaren streicheln zu dürfen. Und gleichzeitig spürte sie, dass Sabrina mit ihren Zöpfen spielte.
"Darf ich deine Zöpfe öffnen?"

"Ja, bitte."

Es dauerte nicht lange und beide wurden von ihren langen wallenden Haaren umrahmt.
Sie mussten sich spontan umarmen.

Es klopfte an der Tür. "Ja, bitte, herein."

Amalias Vater trat ein.

V: "Ihr mit euren langen Haaren, was ich hier sehe, es ist die vollendete Harmonie,  ja ich sehe es so. Aber sie machen mir jetzt auch ernsthafte Probleme. Ihr wisst, so könnt ihr nicht vor euren künftigen Arbeitgeber treten. Wir haben schon öfter darüber gesprochen. Eine Glatze ist Pflicht, aus Tradition, denn ihr werdet jetzt erwachsen und auch aus hygienischen und professionellen Gründen. Ihr werdet künftig mit vielen verschiedenen Menschen zu tun haben. Je nach Geschäftsmodell gibt es dann die passende keimfreie Perücke dazu. Diese Perücken haben technische Geräte in sich drin, die euch die Kommunikation über das globale Netzwerk ermöglichen. Eine Alternative die gewählt wurde, um keine Chips implantieren zu müssen."

Ein Aufschrei. "Nein, wir lieben unsere Haare doch so. Und wenn wir sie hochbinden und etwas darüber ziehen?"

V: "Nein, es ist so Konvention in unserer Gesellschaft. In euren Verträgen steht, dass Glatze Pflicht ist. Je nach Einsatzbereich gibt es dann die passende Perücke. Schließlich werdet ihr bei einem Personaldienstleister arbeiten. Manche der Kunden wollen einfach keine natürlichen Haare mehr sehen. Es gibt eine richtige Haarphobie bei manchen Leuten. Der Personaldienstleister kann diese Kunden aber nicht ausschließen. Ihr wisst, wie schwierig die Jobsituation heutzutage ist. Ihr könnte euch ja von euren eigenen Haaren eine Perücke machen lassen und damit spielen.

Morgen früh um halb 8 habe ich für euch einen Termin vereinbart. Beim Barbier um die Ecke."

Nun waren beide wieder allein. Sie schauten sich an.
Amalia fasste nach den Haaren von Sabrina. Hielt sie ganz fest in ihren Händen, drückte sie gegen ihren Körper, küsste sie.
"Nein, ich will nicht, dass die Haare von dir getrennt werden."

"Das will ich auch nicht. Und deine Haare, ich möchte sie nicht missen."

Mit dieser Überzeugung gingen sie ins Bett. Es half ihnen, die Nacht durchzuschlafen.

Am anderen Morgen beim Barbier. Es war nicht möglich, diesem Termin auszuweichen. Familiengeschichten. Traditionen. Was sollten sie tun? Die Gesellschaft forderte ein konformes Verhalten. Es gab keine Ausweichmöglichkeiten. Irgendwie wollten sie ja leben und existieren.

Beide hatte ihre Haare hochgebunden. Man sah die große Haarknoten nicht, sie hatten Mützen aufgesetzt. Was sich genau darin verbarg, das ahnten die Außenstehenden nicht.
Vater war auch dabei. Er ahnte wohl schon, dass er hier etwas mehr Nachdruck zeigen musste.

Die Empfangsdame beim Frisör: "Ich sehe eure Haare nicht. Aber in eurem Alter, wollt ihr euch eine Glatze schneiden lassen? Oder geht es euch nur um eine passende Perücke?"

V: "Sie wollen sich eine Glatze schneiden lassen."

E: "Dann seid willkommen, in der Welt der Erwachsenen. Nehmt bitte Platz. Wir werden euch simultan bedienen. Anschließend suchen wir dann eine passende Perücke aus."

Bedienen. Was für ein Wort. Die Haare scheren, das wollten sie. Diese verdammten Traditionen. Wozu brauchte man sie? Es gab doch andere Länder, in denen die Mädchen ihre Haare behalten durften. Warum musste hier alles so vorgestern bestimmt sein? Und diese technischen Geräte, es gab doch auch Armbänder und Ketten und Mützen. Hygienisch und keimfrei. Ja, manche lebten so keimfrei, dass eine Berührung mit einem Echthaar Probleme verursachte. Aber das war doch nicht ihr Problem. Sollten diese Leute doch ihren Mundschutz aufsetzen. Warum mussten sich die anderen nach ihnen richten?

Die Kunden sind die Könige.

Nun saßen sie nebeneinander, auf ihren Stühlen.
Zwei Angestellte des Frisörsalons nahmen ihnen die Hüte ab. Ein "Oh, was für große Haarknoten. Das wird ein ganz besonders schöner Haarschnitt."

Schön? Wenn etwas Schönes zerstört wird? Sie liebten ihre Haare doch so, aber nicht als getrennten Teil. Sie waren ein Teil ihrer selbst, ihrer Identität.

Die Frisöre öffneten die Haare. Nach kurzer Zeit lagen die Haare offen über den Stuhllehen, bis hinten auf den Fußboden.
Beide konnten in ihren Spiegeln nicht sehen, was mit den Haaren geschah. Aber die Frisöre hatten noch keine Abschneidegeräte in den Händen gehabt.

Sie griffen nach Kämmen und kämmten die Haare durch. Wie leicht das ging. Ja, sie hatten ihre Haare sehr gut gepflegt. All die ganze Zeit, war das nun alles umsonst?
Nun lagen die gekämmten Haare offen über den Stuhllehen.
Amalia blickte ganz traurig in den Spiegel.

Dann sah sie ihren Frisör mit einem eletrischen Rasierer in der Hand. Tränen rollten über ihr Gesicht.

"Du musst doch nicht weinen. Das Abrasieren der Haare ist etwas ganz natürliches. Wir alles haben es bereits hinter uns."

Amalia konnte sich nicht halten. Sie weinte lautlos, konnte schon nichts mehr sehen. Die Tränen brannten ihr in den Augen.

V: "Schneide ihr die Haare ganz schnell ab. Dann ist alles vorbei und sie beruhigt sich wieder."

Amalia sprang auf. "Nein!!!" Sie fasste ihre Haare, legte sie nach vorne über die Schulter. Sie fielen ihr bis über die Knie. Dann rannte sie zur Garderobe, zog ihre Jacke über die Haare.
Die Haare schauten unten hervor. Sie packten die unteren Haare in Jackentaschen und nichts war mehr von ihren Haaren zu sehen.

"Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht. Die Haare, ich liebe sie so. Wenn ihr sie mir wegnehmt, dann zerstört ihr mich."

Nun waren erst einmal alle sprachlos. So etwas hatte es hier noch nie gegeben. So war es auch noch nie vorgekommen, dass jemandem mit Gewalt die Haare geschnitten wurden.

V: "Komm erst mal wieder mit nach Hause. Dort reden wir darüber. Sabrina, lass du dir die Haare schneiden, dann wird deine Schwester es sicher auch wollen."

Sabrina schaute ihn an, schaute ihre Schwester an, den Frisör mit dem Rasierer in der Hand und ... sagte nichts.
Der Frisör griff nach einem ihrer Haarstränge, in der anderen Hand das Abschneidegerät.

Wollte er die Haare stückweise abschneiden? Was sollte das denn dann für eine Perücke werden? Mit dem Ding konnte er ihr die Haare von der Schädeldecke wegrasieren. Nein, sie wollte es nicht. Sie wollte nicht aufgeben, was ihr gehörte, ihr ganz allein, ein Teil von ihr war. Außerliche Dinge gab es schon viel zu viele. Sie liebte ihren Körper und die Gefühle, die er ihr schenkte. Sie wollte nicht äußerlich sein, sich selbst in Harmonie mit ihrer Natürlichkeit erleben. Etwas schöneres kannte sie nicht. Alle anderen Dinge nutzten einfach mehr den anderen als ihr.

Sie schaute ihn an. Erschrocken ließ er die Haare wieder los. Dass ein Blick so intensiv sein konnte.

Sabrina verlies ihren Frisierstuhl, ging auf Amalia zu, umarmte sie. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Warum musste die alle so grausam sein?

Beide schauten sich mit verheulten Augen um.
"Bitte, bitte, bitte lasst uns doch unsere Haare. Sie geben uns so viel Gefühl. Wir lieben sie so, weil wir sie haben, weil sie ein Teil von uns sind."

Zwei Mädchen gegen die Tradition, gegen die Anforderungen der Gesellschaft. Ging das überhaupt?
Vater war irgendwie berührt. Nein. niemals hatte er mit Gewalt gegen seine Mädchen gehandelt. Dass Haare so viel Gefühl auslösen konnten, er verstand es nicht. Es war doch nur ein eher überflüssiges Attribut. Aber er erinnerte sich an das Leuchten in den Augen seiner Mädchen, wie stolz und glücklich sie mit ihren Haaren waren. Nicht umsonst hatten sie diese Länge erreicht. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, diese Gefühle zu brechen und die Haare der gesellschaftlichen Norm entsprechend zu kürzen. Nur jezt, war das nicht eine Revolution?

V: "Lasst uns nach Hause gehen und nehmt die Haare wieder mit, als Teil von euch. Suchen wir nach einer Lösung für das Problem."

Es würde sich herumsprechen, was hier geschehen war. Ob die Gesellschaft in der Lage war, diese Abweichung zu tolerieren?
Es ist schwierig, weil die Haare so offensichtlich lang sind. Obwohl, unter einer Perücke verborgen, wenn man ihre wahre Länge nicht sieht.

Und wenn es überhaupt nicht geht, in dieser Geschichte gibt es noch andere Möglichkeiten. War da nicht ein Schatten, ein flüchtiges Wesen auf der anderen Straßenseite, dass den dreien zuwinkte?

...

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