Kleine haarige Geschichte 34 <<Home>> nächste Seite =>

Tradition 02

Amalia und Sabrina mit langen Haaren wieder zu Hause, obwohl doch ein Barbierbesuch stattgefunden hatte. Barbier. Die Bezeichnung Glatzenschneider würde auch passen. Auch nur eine Tradition in der Namensgebung. Manche Mädchen wurden aber auch getäuscht, erwarteten vielleicht ein Spitzenschneiden und dann?

Die beiden Mädchen lagen sich in den Armen, schauten sich selbst an, schauten in den Spiegel ... Noch nie hatte Vater sie so glücklich gesehen. So ein bisschen Haare, dass sie Menschen so glücklich machen können.

Verstohlen strich er sich über seine Glatze. Ja, die 3 mm waren eigentlich schon wieder zu viel, aber kümmerte ihn das jetzt noch? So gingen sie alle glücklich ins Bett und verbrachten eine ruhige Nacht.

Am anderen Tag. Vater telefonierte viel herum und am Schluß hatte er tatsächlich etwas zusammenbekommen.

"Amalia, ich habe jemanden gefunden, der euch mit echten langen Haaren einstellen will. Ein Businessman im Fernsehen. Er will Alternativen vorstellen, in der Gesellschaft und für die Gesellschaft. Ihr könnt zusammen eine Sendung moderieren."

Vater strahlte sie an.

Amalia: "Mit unseren ganzen langen Haaren?"

"Mmmmh. Man muss die Leute erst allmählich daran gewöhnen. Immerhin dürft ihr die Ohren bedeckt halten. Ist das nicht schon einmal ein Kompromiss?"

Amalia: "Nein. Wir müssten so viele Haare abschneiden. Was dann noch übrigbleibt ist von einer Glatze nicht sehr weit entfernt."

Vater hatte ein einsehen und versuchte es weiter. Vielleicht im Radio, wo man nicht alles gleich sehen kann? Erst einmal das Wort sprechen lassen.

...

Vater: "Radio Neue Welt ist an eurer Mitarbeit interessiert. Ihr könnt eine Sendung über Haare machen, warum sie Existenzrecht in der Gesellschaft haben sollten."

Sabrina: "Und wie lang dürfen sie sein?"

Vater: "So lang wie die längste Kunstperücke, das sind taillenlange Haare! Ist das nichts?? Nun entscheidet euch doch bitte für einen Kompromiss. Die anderen machen ja auch Kompromisse."

Amalia: "Wenn man etwas so sehr liebt, kann man nicht einfach die Hälfte davon wegschmeißen. Wir kämpfen für das, was uns wichtig ist."

Vater: "Das ist ein sehr kompromissloser Standpunkt. Damit kommen wir nicht weiter. Dann verliert ihr alles."

Amalia: "Vielleicht. Aber können wir dann noch glücklich sein? Der Zwang zur Anpassung, er fordert seinen Preis. Wenn man Dinge aufgeben muss, die man sehr gerne hat, hat man dann keine Angst jemals wieder solche Gefühle zu entwickeln?"

Vater: "Ich weiß nun aber auch nicht weiter. Wenn ihr eure Haare behaltet, wie wollt ihr euch in der Gesellschaft integrieren? Wollt ihr auswandern? Der Haare wegen? Ist das nicht ein bisschen viel für so ein Attribut? Und ob es euch in der Fremde besser geht? Eine Gesellschaft, die sehr lange Haare duldet, muss nicht unbedingt glücklichere Menschen hervorrufen. Denkt doch bitte einmal über die wichtigen Dinge des Lebens nach."

Amalia: "Und am Ende kommen wir zu dem Schluss, die Haare müssen ab? Aber wer hat dann eigentlich gewonnen? Wir haben etwas verloren."

Werden die beiden nun in die Fremde ziehen, der Haare wegen?
Die Geschichte an sich ist interessant, auch für die anderen Mitglieder der Gesellschaft. Jeder hat Standpunkte, die es zu überdenken gibt. Und ist der von Amalia und Sabrina wirklich so absolut und kompromisslos? Oder doch eher ein elementares Recht auf das eigene Leben?

Vater: "Der im Fernsehen, er will echte lange Haare zeigen. Die Leute müssen langsam daran gewöhnt werden. Ihr vergebt damit auch eine Chance die Dinge verändern zu können."

Sabrina. "Gibt es denn niemanden mehr außer uns in der Gesellschaft, der Haare auf dem Kopf hat?"

Vater: "Doch, Kinder, aber deren Haare dürfen nicht im Fernsehen gezeigt werden."

Amalia: "Ein paar Hippies mit halblangen Haaren wird es doch wohl geben."

Vater: "Die sind alle unter Staatsaufsicht gestellt und rasiert worden."

Sabrian: "Dann gibt es doch Gewalt gegen Langhaarige. Etwas, das ihr immer verneint habt."

Vater: "Ihr? Seid ihr kein Teil der Gesellschaft? Warum müsst ihr eure Revolution mit knielangen Haaren beginnen? Schulterlänge würde für den Anfang doch auch reichen. Sabrina, du bist doch die Einsichtigere von euch beiden. Setz doch einfach einen Meilenstein."

Sabrina schaute ihren Vater an. Ihre Haare, sollte sie soviel davon hergeben? Aber die Argumente überzeugten sie, auch wenn es ihr Herz zu zerreißen drohte.

Sabrina: "Ja, ich mache es."

Amalia schaute sie an. "Sabrina, ich will deine Haare nicht verlieren."

Sabriana: "Amalia, ich weiß. Wir beide haben doch deine Haare noch. Du liebst sie so sehr und ich liebe sie so, wollen wir uns nicht damit zufrieden geben und Gott danken, dass wir sie haben?"

Amalia: "Gott? Meinst du Arianne?"

Sabrina: "Arianne, man kann sie nicht direkt ansprechen. Sie ist alles. Ja, ich danke ihr für das, was ich habe. Aber wenn es sie gibt, vielleicht fordert sie jetzt dieses Opfer von mir. Obwohl, Arianne fordert nie etwas, sie ist. Man kann sie daher auch niemals beeinflussen."

Vater: "Arianne? Was für einen Glauben hast du? Ist dir unser Gott nicht mehr genug?"

Sabrina: "Weiß du, unser Glauben hat so viele Widersprüche in sich. Und Gott als Wesen, dass man ansprechen und um etwas bitten kann? Macht das einen Sinn? Versucht man dann nicht alles, um Gott in seinem Sinne handeln zu lassen?"

Vater: "Ich danke ihm täglich für das Leben, dass wir haben. Und ich fühle, dass er mich hört."

Sabrina: "Das Gefühl habe ich bei meiner Arianne. Egal was wir glauben, wir wissen es nicht, und ob du nun zu deinem Gott betest und ich zu meinem, kommt es nicht nur darauf an, dass wir ehrlich und wahrhaftig sind in unserem Gefühl?"

Vater: "Ja, da widerspreche ich dir nicht. Deine Haare, wann willst du es machen lassen?"

Sabrian: "Sofort, ich will nicht endlos leiden müssen."

...

Sabrina beim Frisör. Sie schaute in den Spiegel, unendlich traurig. Die Haare lagen nach hinten über der Stuhllehne. Sie versuchte ihre Tränen zu verbergen, aber der Boden unter ihr war feucht. Und wer sehen kann, der erfuhr von ihr alles.

Dann ein Gewitter, ein Blitz, Krach, der Strom fiel aus. Kein Rasiergerät funktionierte mehr. Es wurde dunkel. In dieser Dunkelheit konnte man keine Haare mehr schneiden. Marionettenhaft erhob sie sich von ihrem Stuhl, ging zur Garderobe, zog ihre Jacke an und verließ das Lokal. Dabei vergaß sie ihre Haare zu verstecken. Mit langen offenen Haaren ging sie durch die Straßen.

Die Leute schauten sie mit offenen Mündern an. Keiner sagte etwas. So etwas hatte man noch nie gesehen. Die Haare waren so lang, dass sie sogar die Konventionen einfach überwanden. Gegen schulterlange Haare hätten sie wohl gewettert, aber so etwas?

Dann sah sie ein Plakat. Eine Musikveranstaltung. Eine Frau war dort abgebildet, mit bodenlangen offenen Haaren. Die Muse, die bekannteste und beliebteste Sängerin aller Zeiten. Eine Sängerin für den ganzen Planeten, nicht nur für ein Land wie das ihre.

Also so etwas, das war bestimmt im Fernsehen verkündet worden. Und damit wurden Haare gezeigt, die noch länger waren als ihre. Die Menschen hielten sie bestimmt für die Muse oder für ein Mitglied ihrer Band.

"Hallo, bleib doch bitte stehen."

Amalia schaute sich um und sah die Frau auf dem Plakat direkt vor sich.

"Die Muse." Ihre Stimme zitterte. Sie war ein großer Fan dieser Sängerin.

"Hast du Lust bei mir mitzumachen, ich brauche so jemanden wie dich."

Amalia hörte die Worte, begriff ihren Sinn aber sie konnte nicht darauf reagieren. Sie starrte die Muse nur an. Konnte sich nicht vom Fleck rühren.

"Okay :-)), ich sehe du bist einverstanden. Komm, gib mir deine Hand."

...

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