Kleine haarige Geschichte 37 <<Home>> nächste Seite =>

Tempelhaare

Aria hatte vier dicke lange Zöpfe. Zwei davon trug sie vorne, die anderen beiden hinten. Manchmal hatte sie aber auch 8 Zöpfe, oder 16, je nachdem, wie ihr zumute war.

Sie mochte ihre langen Haare, streichelte sie sanft. Wenn sie abends die Zöpfe öffnete, die gewaltige Haarfülle um sich herum, sie gehörte nur ihr.

Sie fühlte sich wie in ihrem eigenen haarigen Schneckenhaus und es war so schön, dort mitten drin zu sein.

Die Haare füllten das ganze Bett aus, sie konnte sich darin einwickeln, schlafen. Eine Decke brauchte sie dann nicht mehr.
Aber oft band sie die Haare auch zusammen, um sie während des Schlafens nicht zu beschädigen.

Manchmal stand sie abends Stunden vor dem Spiegel, streichelte ihre Haare. Die Gefühle dabei, sie waren so schön. Als wenn die Götter selbst ihr zuschauen würden und dabei lächelten.

Morgends brauchte sie mehr als zwei Stunden, um ihre Haare zu pflegen, sie zu ordnen. Dabei hatte sie schon sehr viel Übung damit.

Die Haare erreichten eine Länge von fast 4m. So trug sie die Zöpfe auch meistens in einander gewunden, übereinandergelegt. Optisch waren das dann etwa knielange Haare.

Heute hatte sie eine Gruppe von Menschen kennengelernt, die sie sehr mochte. Junge Menschen, die alle keine Haare auf dem Kopf hatten. Zum Teil war es wohl so, dass sie keine Haare bekommen konnten oder dass die Haare durch Krankheit verloren gegangen waren, und die anderen? Aus Solidarität, oder weil sie keine Haare haben wollten, wie auch immer, sie hatten ihre eigenen Haare abrasiert. Zum Teil lag es auch an der Religion. Die ganze Gruppe war sehr gläubig und ihre Vorprediger hatten alle eine Glatze.

So saß sie nun zusammen in einer Gruppe von 20 Menschen. Sie mit ihren superlangen Zöpfen, die anderen alle ohne Haare auf dem Kopf.

Die anderen hatten sie vorbehaltlos akzeptiert. Keiner wollte ihr an die langen Haare. Es war auch irgendwie kein Problem, über das geredet werden musste. Mehr ein Problem der Außenstehenden, die die Gruppe betrachteten.

Sie war nicht der einzige Neuzugang. Es gab noch drei andere, die der Gruppe beitreten wollten. Sie hatte noch ihre Haare. Nicht sehr lang, aber auch nicht extrem kurz. Haare mittlerer Länge.

Die drei wollten nun zum Frisör, aus freien Stücken. Ihnen gefiel es so.

So ging nun die ganze Gruppe in den Tempel. Die drei Betroffenen saßen auf ihren Stühlen, die anderen in einem Kreis um sie herum.
Ein vierter Stuhl war noch frei. Für wen denn nur? Die anderen waren doch noch gar nicht so weit.

Aria fühlte sich beobachtet. Ja, der Meisterfrisör schaute sie an. Was wollte er nur? Dann deutete er auf den noch freien Stuhl.

Nun wusste sie, warum. Ihr wurde ganz heiß. Nein, das wollte sie nicht.

Die anderen hatten wohl mitbekommen, was das für eine Aufforderung war.

Spontan erhob sich Amaredus und setzte sich auf den freien Stuhl. Seine Haare wären schon wieder zu lang, man möge doch bitte nachschneiden. Dabei hatte er gerade einmal eine Haarlänge von 0,5 cm erreicht.

Missbilligend schaute ihn der Frisörmeister an.

"Was willst du hier? Diese Frau dort, es ist an der Zeit, dass sie ihre Haare opfert. Warum sonst ist sie mit in den Tempel gekommen? Hier hat noch nie jemand den Tempel wieder mit langen Haaren verlassen. Das wäre ein grober Verstoß gegen den Willen unserer Gottheit."

Nun erhoben sich alle von ihren Stühlen und bildeten einen Kreis um Aria herum.

Bevor der Frisörmeister überhaupt reagierten konnte nahmen sie Aria in die Mitte und marschierten mit ihr davon.

"Halt!"

Ein Hilfsknecht der Haaresammler stellte sich ihnen in den Weg. So eine Art Ordner, der für die Einhaltung der Tempelregeln zuständig war.

Julius: "Mach den Weg frei. Du hast kein Recht, uns aufzuhalten."

Drei andere Knechte gesellten sich hinzu.

"Ihr habt eure Opfergabe hier zu lassen. Erst danach dürft ihr gehen. Das betrifft alle von euch."

"Drei von uns sind doch freiwillig bereit, ihre Haare zu opfern."

Die drei auf den Frisörstuhlen, sie wollten ja freiwillig. Aber so ein richtiges großes Geschäft war mit diesen Haaren nicht zu machen.

Nun, denn. Die Gruppe teilte sich. 8 stellten sich den Knechten in den Weg, die anderen marschierten mit Aria in der Mitte einfach an ihnen vorbei.

Die 8 waren nicht die Schwächsten und sie waren in Kampftechniken erprobt.

Sollte es zu einer Auseinandersetzung kommen?

Es gab einfach zu viele Knechte hier. Dagegen würden sie nicht ankommen.

Aber dann, eine Gruppe von 50 Glatzköpfen schloss sich ihnen an. Sicherte die Flanken nach außen. Und es wurden immer mehr.

Kurz vor dem Eingang wurde Aria von fast 300 Glatzenträgern geschützt.

Dagegen würden auch die 25 Knechte nicht ankommen.

Dann, ein Schuß. Eine Warnung.

"Jeder der Haare hat, die länger als 1 cm sind, vortreten."

Es waren fünf, die mit ihren Pistolen auf die Gruppe zielten. Bewaffnete Ordnungskräfte, Polizisten, hier im Tempel?
Wessen Interessen vertraten sie jetzt eigentlich, in diesem Augenblick?

Für Arias Haare würden sie einiges hinzuverdienen können.

Aber das war dann doch zu viel. Die Situation drohte zu eskalieren.

Aria: "Nein, ich will nicht, dass jemand von euch zu Schaden kommt. Lasst mich bitte gehen."

Die anderen rührten sich nicht. Blieben einfach nur stehen, schützten sie mit ihren Körpern.
Wenn die jetzt in die Menge schießen würden ...

Aria: "Bitte, bitte, lasst mich durch. Wenn sie euch wegen meiner Haare etwas antun, ich könnte dann nicht einfach so weiterleben."

Zögernd bildetete sich eine Gasse. Nun stand Aria alleine den bewaffneten Ordnungskräften gegenüber.

Ein dumpfes Grollen war zu hören. Irgendwie unnatürlich, unecht. Nicht laut genug, um wirklich zu erschrecken. Wahrscheinlich eine Sinnestäuschung. Die Ordnungskräfte wandten sich wieder ihrem Vorhaben zu.

"So ist es recht. Dreh dich um, damit ich dir die Zöpfe gleich abschneiden kann."

Aria dreht sich langsam um. Stille Tränen liefen ihr das Gesicht herunter.

Ein Zwischenspiel.

"Stopp. Dies ist ein Tempel des heiligen Geistes. Niemand hat das Recht, hier Waffen zu benutzten."

Der Oberprediger selbst hatte gesprochen.

Die Waffenträger, nein, jetzt wollten sie es durchziehen. Sollte der sich doch danach beklagen. Hier ging es auch um Respekt. Schließlich waren sie hier die Polizei. Die anderen hatten sich zu fügen.

Einer griff nach den Zöpfen von Aria, ein anderer zückte ein scharfes Messer. Nur noch einen Augenblick.

"Oh, die sind ja noch länger als ich dachte."

Er fummelten an den Bändern herum, die die Zöpfe zusammenhielten. Dann hatte er einen mehr als 4 Meter langen Zopf in der Hand.
Der mit dem Messer näherte sich...

Aber dann. Mit einem mal lagen die Ordnungskräfte auf dem Boden.

Versteckte Wurfgeschosse? Parakinetische Wirkungen?
Es war nichts zu sehen, von eingesetzten Wurfgeschossen. Nun ja, nichts, was zurückgeblieben wäre.

Was war passiert?

Der Oberprediger stand nun direkt vor ihnen.

"Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um eine Religion der Toleranz zu erzeugen. Alles hier geschieht aus freien Willen haeraus. Und wie ihr seht, wir wirken nicht nur mit Worten in die Welt."

Dass dies noch ein Nachspiel haben würde, das war sicher. Keine Polizei eines Landes ließ sich so etwas gefallen. Wo würde das hinführen? Wenn es keine Autorität mehr gab?

Aber das war nun nicht mehr das Problem von Aria und ihren Freunden.

...

Aria mit ihren langen Haaren. Sie stand nun ganz verloren da, schaute sich hilflos um. Julius ging auf sie zu, umarmte sie. Dann küsste er ihre langen Zöpfe. "Nein, sie gehören zu dir. Uns sind sie nicht im Weg. Wir wollen dir nichts wegnehmen, es ist dein Geist, dein Wesen, damit gehörst du zu uns."

Aria: "Dann darf ich meine Haare behalten?" Sie musste weinen. Die Tränen machten ihr Kleid ganz naß.

"Nein, ich will doch gar nicht so anders sein, als ihr ... Ich werde sie opfern, so wie es alle hier tun. Gleich, damit es geschehen ist ... "

Julius küsste ihr die Tränen vom Gesicht.

"Nein, das wirst du nicht tun. Du willst es doch gar nicht."

Nun meldete sich der Oberprediger zu Wort.

Oberprediger: "Wir haben um deine Haare gekämpft und gewonnen. Bitte behalte sie für dich und für uns."

Sanft griff er nach den Haaren von Aria und streichelte sie. Die anderen schauten zu und lächelten. "Dürfen wir auch einmal ..."

"Ja :-)))".

Es ist doch so schön, wenn man die langen Haare berühren kann und sie dabei nicht nur einfach abgeschnitten werden.

Würde das nun die ganze Haarordnung im Tempel umkrempeln?

Nein, eher nicht. Auf Grund materieller Interessen von wenigen wurden Dinge ans Licht gezerrt, die eigentlich ganz selbstverständlich nebeneinander existieren können.

Der Oberprediger wirkte nachdenklich. Alles hatte seine Richtigkeit. Sie hatten ballartige Geschosse verwendet, die wieder zu ihren Werfern zurückkehrten. Nur dieses merkwürdigen Grollen, da war doch etwas nicht erklärbares geschehen.

Nun denn, er konnte die Frage danach nicht beantworten. Vielleicht half ihm eine Meditation weiter. Zunächst aber würde man sich zum Gebet versammeln, die Menschen ohne Haare mit der langhaarigen Aria in ihrer Mitte ...

Ach ja, diese drei, die ihre Haare opfern wollten. Zwei hatten es wirklich getan, nur einer von ihnen, er war nun immer noch langhaarig. Mit Haaren, die bis zu den Knöcheln reichten. Auch er hatte die wahre Länge seiner Haare versteckt. Man würde ihn in die Gruppe integrieren, so langhaarig, wie er nun eben mal war.
...


Ein Bezug zu den Arianne Erzählungen. Wer nicht daran interessiert ist, die langhaarige Geschichte ist hier zu Ende.

Ari0nne stand im Dunkeln, man sah sie nicht, aber sie war da.

Ein wenig wunderte sie sich, über die Menschen, die sie nun auf ihrem Weg begleitete. Vielleicht als Göttin, die sich offenbarte, vielleicht auch unerkannt. Sie wusste es selbst noch nicht. Schon merkwürdig, dass ein Wesen wie sie nicht alle Wege der Zeiten bereits kannte. Dies war eine neue Form von Unbestimmtheit, die mit ihr in die Welt gekommen war. Sie selbst entschied, welchen Weg sie in die Zukunft nehmen wollte. Und sie berücksichtigte dabei die Entscheidung von anderen.

Eins aber sah sie jetzt schon mit aller Deutlichkeit.

Bluewhite's Entführung der Galaxis aus dem diabolischen Netzwerk, es hatte tiefgreifende Gründe. Und wieder war es an Ari0nne sich zu wundern. Dass ein Wesen wie Bluewhite, das der zweiten Stufe der Unendlichkeit angehörte, so weit schauen konnte?
...

nächste Seite =>