Home   nächste Seite

Kleine haarige Geschichte 40

Clara mit 60 beim Frisör, aber sie will nicht wirklich kurzhaarig sein.


Clara

Clara beim Frisör. Es wäre nun wirklich an der Zeit. So lange Haare mit 60. Knielange Haare! Das ginge nun aber gar nicht. Die Runzeln im Gesicht und dann diese langen glatten Haare! Pfui. Richtig ekelhaft.

Die Runzeln oder die langen Haare?

Runzeln im Gesicht? Erika Besenstil, was für eine Frechheit. Die musste einen Knall haben, die mit ihrer rot grünen Kehrbesenfrisur und den gelifteten Gesichtszügen.

Es waren immer die Kurzhaarigen gewesen, die sie zu ihrer eigenen Lebensweise bekehren wollten. Wie eine abtrünnige Gläubige. Mit 20 bereits das erste mal. Das Mädchenalter wäre vorbei und eine erwachsene junge Frau mit so langen Zöpfen. Pfui und ...

Pfui? Na ja, was konnte sie für die Probleme der anderen. Die langen Haare hatten es überlebt. Und sie hatte viel Freude mit den langen Haaren gehabt. Bewunderer langer Haare gab es ja auch. Waren die denn weniger wichtig, deren Meinung bedeutungslos? Als wenn alles im Gleichschritt in eine bestimmte Richtung marschieren müsse. Nur, weil andere den Weg für sich bereits gewählt hatten.

Immer ganz freiwillig? Oder war es vielleicht auch Neid? Wenn eine unbedingt im Mittelpunkt stehen will und eine Langhaarige stielt ihr einfach die Show?
Manche verhalten sich aber auch einfach nur wie Schneewittchens Schwiegermutter.

Ja, mit 30,40,50. Immer wieder neu. Dieses Gerede. Von manchen Gruppen wurde sie geradezu sozial geächtet. Aber die hatten nicht die Macht über das ganze Universum und ... wenn man etwas unbedingt will, man muss auch dafür kämpfen können. Nichts ist schlimmer als eine kastrierte Seele, die vor lauter Angst, irgendetwas würde nicht passen, alles aufgibt was ihr lieb und wichtig ist.

Aber nun wurde sie 60 und all die anderen *seufz*. Es waren einfach zu viele. Vielleicht erlahmte auch ihr Widerstand und der Zweifel des Alters, der Wunsch nach Frieden und Harmonie. Sie wollte keinen Krieg mehr, keinen Kampf um Selbstbehauptung.

Zum Geburtstag hatten sie zusamengelegt, alle die sie kannten. Wirklich alle?

Nun saß sie bereits auf dem Stuhl, der das Ende ihrer langen Haare bedeuten sollte. Die Haare nach hinten gelegt, das weiße Tuch um sich herum. Die Frisöse suchte bereits nach der Schere. Die Haare sollten ihr im Nacken abgeschnitten werden.

Sollten? Hatte sie das nicht bestimmt?
Einfach so, nicht zusammengebunden. Alles würde auf den Boden fallen, zusammgekehrt und in den Müll?
So viele lange Jahre hatte sie ihre Haare geliebt und nun ...

Die Frisöse ihre Schere gefunden und ... aber wo war Clara?

Clara hatte ihren Mantel bereits wieder angezogen, die Haare darunter versteckt. So sah sie bereits kurzhaarig genug aus. Das reichte. Für Erika Besenstil, Lola Kurzhaarig und Alibert Glatzenkopf.
Sollten die sich doch selbst zelebrieren.
...

Clara vor ihrer Haustür. Hans kam gerade die Treppe hoch.

"Clara, was hast du gemacht?" Er sah ganz entsetzt aus.

Sie musste lächeln. Also doch nicht alle.

"Komm, ich zeige dir etwas."
...

Sie legte ihren Mantel ab und ... die ganze Haarpracht umrahmte sie mit einem mal. Sie verschwand geradezu darunter.

"Siehst du!"

Hans konnte nicht anders. Er umarmte sie spontan.
Das hatte er sich noch nie getraut. Ob da nicht gerade ein Eis dahingeschmolzen war? Dass er sie wollte und in sie verliebt war, sie wusste es. Aber trauen musste er sich schon alleine.

"Clara."

Mehr brachte er nicht heraus. Wieso musste er eigentlich weinen? Es waren doch ihre Haare.
Clara schaute ihn an. Dann zog sie sich langsam aus. Unter den Haaren. Nun stand mit einem mal eine Lady Godiva im Raum.

Niemand sollte ihren entblösten Körper sehen können, und ... sie hatte einen wunderschönen Körper und er schenkte ihr so viele Glücksgefühle. Zusammen mit den langen Haaren, sie hätte Stunden vor dem Spiegel verbringen können ... Ein wenig Selbstverliebtheit, es war einfach schön und es tat ihr so gut. Mit sich selbst im Reinen zu sein, es ist doch ein Geschenk der Natur oder der Götter. Sie wusste nicht von wem, aber sie war sehr dankbar dafür.

So stand sie nun da, unter ihren Haaren verborgen, aber dann, dann schob sie die langen Haare langsam zur Seite...
...

Liebe und Körperlichkeit. So viel nackte Haut zum streicheln und küssen und sooooo viele superlange Streichelhaare. Sie liebten sich mit Haut und Haaren.
...

"Es ist schön, dass du deine Haare noch hast."

"Ich konnte es einfach nicht. Aber wenn ich daran denke, sie wieder waschen und pflegen zu müssen ... ich werde auch nicht jünger."

"Ach, komm, ich helfe dir dabei. Es verbindet uns doch. Du liebst deine Haare, ich liebe sie, lass uns diese Schönheit bewahren ... und wenn es nur für uns zwei ist."
...

So bildete sich spontan ein neues Liebespaar. Ob es unmoralisch ist, dies alles nur auf die Haare zu beziehen?

Was heißt nur? Sind die Haare nicht auch ein Teil der Ewigkeit? So wie der ganze übrige Körper.
Es ist der individuelle Geist, der in den Dingen etwas sieht, was für ihn wichtig ist. Wären die langen Haare völlig überflüssig oder nutzlos, gäbe es sie dann noch?

nächste Seite

Valid HTML 4.01 Transitional