Kleine haarige Geschichte 42

Home  nächste Seite

Moderne Zeiten - eine Fantasiegeschichte

Link zum Bild

Die modernen Zeiten. Jeder hatte nun eine Glatze. Keine Haare mehr, die Neid erzeugen konnten, oder Unwillen, denn wer von den Glatzenträgern mochte noch lange Haare sehen.

Es gab auch keine Konflikte mehr zwischen Männern und Frauen wegen der Haare. Alles war nun gleich.

Eine Zivilisation ohne Haare bahnte sich ihren Weg.
...

Aber noch gab es einige Widerspenstige. Und die versteckten ihre Haare. Es war gar nicht so einfach sie zu erkennen. Um dem ein Ende zu machen wurden Nacktbadetage inszeniert. Manchmal wurde dort gar nicht gebadet.

Dort konnte man seine Haare nicht verstecken.

Oder es gab medizinisch absolut notwendige Untersuchungen der ganzen Haut. Die wurden zur ersten Bürgerpflicht erklärt. Jeder konnte sich aussuchen, ob er nun baden oder zum Gesundheitssammelpunkt gehen wollte. Aber entziehen konnte er sich dem ganzen nicht.

Erst die Kleider ablegen, und dann die Haare. Frisörstühle und Barbiere standen bereit. Die letzten ihrer Zunft. Bald würde man sie nicht mehr brauchen, nachdem alle Menschen völlig haarlos waren.

Das Nachrasieren konnte jeder selbst durchführen, und mehr als 2 mm lange Stoppelhaare wurden von allen gesehen.

Ist das nicht ein Widerspruch? Lassen die sich nicht leichter verstecken als schulterlange oder hüftlange Haare?

Wer wird schon einen Glatzenüberzug für 2 mm lange Haare benutzen? Oder eine Holographie, die eine Glatze simuliert. Das ist alles nicht so ganz billig.
Außerdem geht es dabei um extrem lange Haare. Die können nämlich einige Probleme hervorrufen ...
...

Einige Experimente an den genetischen Voraussetzungen wurden bereits durchgeführt, die das Haar-Gen elimieren sollten.

Und danach? Verschwindet dann die Haut der Menschen und wird durch ein Plastiketwas ersetzt? Das viel widerstandsfähiger ist? Mit dem Argument, dass  Gesundheitspflegekosten eingespart werden müssen, lässt sich alles durchsetzen.  Dann werden die schwächlichen, anfälligen Organe ersetzt und am Ende?

Der Weg zum Cyborg. Es sind nicht die Roboter, die die Herrschaft über die Welt antreten werden, es sind die Menschen selbst, die sich zu Robotern entwickeln werden.

Weil es praktischer ist.

Und weil sie sich so leichter spezialisieren lassen, nie ermüden und immer freudig ihrer Arbeit nachgehen. Der perfekte Sklave.

Aber wozu das ganze?

Weil es Spieler gibt. Es ist für sie so viel erregender mit menschlichen Figuren zu spielen als mit Karten oder Würfeln.
...

Annabella im Bad. Einen Zopf trug sie außerhalb ihrer Kleidung. Er reichte ihr bis zu den Kniekehlen. Dass er mehrfach ineinander gewunden war, man mußte schon genau hinschauen. Die Masse ihrer Haare hatte sie versteckt, unter der Kleidung. Wenn man ihr den Zopf abschnitt, vielleicht, vielleicht übersah man dann die anderen Haare. Manchmal reichte es den Haarsammlern, wenn sie etwas gefunden hatten und sie schickten ihr Opfer dann einfach fort.

Sie war nicht die einzige dort mit langen Haaren. Ein etwa 19 jähriger Junge mit zwei dicken knielangen Zöpfen stand dort. Er war völlig nackt und er schaute sie so traurig an. Sie selbst war gerade einmal 17 und irgendetwas an ihm faszinierte sie total. Ach ja, die Haare!! Mädchenhaft sah er aus, so wie er dort stand und doch auch nicht. Die Haare paßten einfach zu ihm, sie verdrehten sein Geschlecht überhaupt nicht. Er war feminin und doch ein Junge.

Warum konnte diese Gesellschaft so etwas nicht zulassen? Es sah doch so schön aus.

Spontan ging Annabella auf ihn zu und umarmte ihn. Sie nahm seine langen Zöpfe in die Hand und streichelte sie.
Ein, zwei Minuten lang. Niemand störte die beiden. Dann küßten sie sich. Es hatte zwischen ihnen gezündet.

Offenbar war man anderweitig beschäftigt und nackt waren hier fast alle Menschen.

Es war ja auch Nacktbadetag.
Nur Annabella fiel aus dem Rahmen, wohlbekleidet bis unter das Kinn. Das würde dann doch irgendwann auffallen.

Schon merkwürdig, eine Nackte zwischen lauter Angezogenen viel sofort aus dem Rahmen, aber hier war es umgekehrt, man beachtete sie gar nicht.

Dann fiel es doch auf. Sie wurde angesprochen von jemanden mit einem Formblatt, an das ein Bild angeheftet war. Der war auch vollkommen bekleidet, wie sich das für eine Amtsperson ziemt.

"Sie sind Annabella? Bitte legen Sie ihre Kleidung ab."

"Sie sehen doch meine Haare. Genügt ihnen das nicht?"

"Nein. Wir wollen ihre Haut genauer in Augenschein nehmen. Dies ist ja auch ein Gesundheitstest."

Diese Spanner. Sie wollten sie nur nackt sehen. Und da das offiziell genehmigt war... Warum musste sie sich nur so weit erniedrigen lassen. Ach ja, sie stand in der gesellschaftlichen Hierarchie ziemlich weit unten.

Annabella  begann sich ihrer Kleidung zu entledigen.

Ah. Man konnte schon die ersten Haare sehen, und ... die Kleidung war abgelegt, aber nackt war sie nicht. Sie war völlig eingewickelt in ihren Haaren.
So etwas hatte man lange nicht mehr gesehen. Das waren also die Hairies, die ihre Haare versteckten. Nun hatte man zwei von ihnen gefunden.

Ein Anachronismus in dieser Zeit. Und dann auch noch ein Junge mit langen Haaren! James. Dass der sich so lange hatte verstecken können.
Man wollte noch einige Filmaufnahmen von ihm machen, nur deswegen hatte er seine langen Haare noch. Um zu zeigen, wie merkwürdig so etwas aussehen konnte, und der schämte sich noch nicht einmal! Verflixt, es war keine geeignete Kamera da.

Annabella entwickelte ihre Haare. So lange sie damit beschäftigt war, würde man sie nicht einfach abrasieren. Denn es gab ja etwas zu sehen.
Nun hingen ihre Haare offen nach unten, bis auf den Boden. Aber das war nicht alles, die Haare waren am unteren Ende gebogen ...

Am Ende stand sie da, mit ihren 8,50 m langen Haaren. Haare, die viel viel länger waren als sie selbst. Nun lagen sie lose auf dem Rasen.
...

Sie machte keine Anstalten, sich einem der Frisierstühle zu nähern, sie stand einfach nur da.

"Wir nehmen sie zuerst ran. Der Junge kann warten. Kommen Sie bitte und setzen sie sich."

"Nein."

Wenn man ihr die Haare nehmen wollte, dann nur mit Gewalt.

"Aber sie wissen doch, dass Haare krank machen, schlecht riechen und Allergien auslösen. Sie bewirken Ekelreize und Unwohlsein. Haben sie denn gar kein Verantwortungsbewusstsein für ihre Umwelt? Sehen sie doch, wie schön und vollkommen eine Glatze aussieht."

Wie ein poliertes Auto. Deswegen waren sie wohl auch so beliebt.

Um sie herum standen 20 Frauen und ebensoviele Männer und betrachteten ihre Haare. Natürlich alle mit Glatze. Aber ... irgendetwas war anders, als es sein sollte.

"Ekel? Wer ekelt sich denn hier?"

Nur Kopfschütteln war zu sehen. Nur Kopfschütteln? Einigen der Umstehenden wurde doch tatsächlich der Mund zugehalten.
Aber das sah der oberste Gesundheitsverwalter nicht.

Was war denn das für eine Kehrtwende?

"Im Nahmen der Gesundheitsfürsorge, ich fordere sie auf, sich zu setzen. Andernfalls muss ich Polizeigewalt anfordern."

Oder die Psychiatrie, das war doch nicht normal, dass jemand mit solchen Haaren herumlief.

Nun standen bereits 100 Menschen um Annabella herum, sie schlossen sie und den Jungen völlig ein. Nun bewegten sie sich plötzlich fort, fort von den Frisierstühlen.

"Halt. Das könnt ihr doch nicht tun ..."

Nun, es dauerte so einige Zeit, bis die Polizei eintreffen würde. Wegen eines Haardeliktes, so sehr beeilten sie sich da nicht. Und die 5 Badewächter, die in die Menge eindringen wollten, sie wurden einfach zurückgestoßen.

Also so etwas, Gewalt gegen die Ordnung.

Die Menge verschwand im Eingang der U-Bahn und ... es blieb eine Traube von Menschen am Eingang stehen, niemand konnte mehr hinein.
Aus der Ferne hörte man bereits die Polizeisirenen.
...

In der U-Bahnstation. Hände trugen Annabellas Haare. Sanft wurde sie in einen Wagen gestoßen, die Haare mit ihr. Es war voll hier, aber die anderen drängten sich noch mehr zusammen, machten ihr Platz. Neben ihr stand James mit seinen langen Zöpfen. Nein, er sollte nicht nackt bleiben. Annabella wickelte sie beide ein, in die langen Haare.

Hilfreiche Hände gaben ihr Schleifen und Bänder, mit denen sie die Haare befestigen konnte. Nun stand sie da, eine Lady Godiva, und sie war nicht allein in ihrer Haarpracht.

Ja, die Staatsautorität und ihre Meinung über die Menschen.

Haare mit einer Länge von einigen Zentimetern ließen sich schnell beseitigen, aber Haare dieser Länge? Die Menschen waren einfach fasziniert, sie fühlten sich wie in einer anderen Welt.

Dann spürte sie die nackte Haut des anderen auf ihrer eigenen. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Und das geschah hier alles in der Öffentlichkeit. Nicht ganz, verborgen unter den langen Haaren.

Beide sahen nur freundliche Blicke, keinen Ekel, keinen Haß, keine moralische Entrüstung. Es geschah etwas, das Freude machte, sie konnten es sehen. Dann schauten sie sich selbst in die Augen und ... sie verloren sich darin. Beide eng umschlungen, bedeckt von den Haaren. Ein Liebespärchen, dass ihr Glück mit den anderen teilte.
...

"Hallo. Darf ich mich Ihnen vorstellen? Ich bin Bürger Meyer. Der Zug wird außerplanmäßig halten, in ... 37 Sekunden, zwischen der nächsten Station 234 und der übernächsten 235, in 234a. Dort können wir sie in Sicherheit bringen, vor der Staatsgewalt."

Aber es gibt doch nur ganzzahlige Stationsnummern?

Annabella schaute ihn an. Er war ihr nicht unsympathisch. Aber was passierte hier eigentlich? Sie hatte noch nie einen Bürger gesehen. Sie selbst zählte ja zum Straßenproletariat.

Ein Bürger, das war schon etwas besonderes. Was die an Freiheiten hatten, sie konnte noch nicht einmal davon träumen.
...

"Hier wird euch niemand finden. Schon deshalb, weil hier niemand suchen wird. Dies ist mein bescheidenes Heim. Die anderen Wohnungen sind bei weitem nicht so sicher."

"Aber ... warum dies alles? Ich dachte alle anderen wollten uns die Haare wegnehmen"

"Wissen Sie. Es hat seinen Grund, dass die Obrigkeit die Haare eliminieren will. Längen bis etwas 40 cm machen keine Probleme, aber ab etwa 1,10 m wird es interessant. Die Evolution hat sich etwas dabei gedacht, dass sie die Haare der Menschen nicht selbst eliminiert hat. Denken sie z.B. an den Da Vinci Code. Und nun, nun ist es an der Zeit. Ihr beide habt paranormales Potential in den Haaren. Und das bei dieser Länge! Oh Mann, äh Frau, ich darf gar nicht daran denken. Allerdings sind die Haare sehr fragil, der Gesundheitswächter hätte sie tatsächlich zerstören können."

"Und dieses Potential, ist es Ihnen von Nutzen?"

"Nicht direkt. Ich zähle zu den Wissenschaftlern dieses Planeten, die eine solche Chance nicht einfach verstreichen lassen wollen. Wenn ihnen das Potential bewusst wird, wir wissen gar nicht so genau, wie sie sich selbst entscheiden werden. Es gibt eine paranormale Geheimpolizei, die in solchen Fällen extrem restriktiv vorgeht."

"Das heißt, sie hätten uns umgebracht, wenn wir unsere Haare nicht freiwillig hätte abrasieren lassen?"

"Genau so ist."

"Ich bin mir dieses Potentials bewusst."
Sie schaute James an, doch er schüttelte nur den Kopf.
...

Das Telefon klingelte. Bürger Meyer stellte seine Frage zurück, aktivierte den Anruf durch Zuruf.

"Sei vorsichtig. 2 deiner Häuser wurden durch Raketenbeschuß zerstört."
...

"Und nun zu ihnen. Sie sind sich dieses Potentials bewusst?"

"Ja, ich war nicht wirklich gefährdet."

"Oh, das ist viel mehr, als ich erwartet habe."

"So ist es einfacher für mich. Das Aktivieren paranormaler Energie kann Seiteneffekte erzeugen, die ich nicht kontrollieren kann."

"Seiteneffekte?"

"Wissen Sie was paranormale Energie ist? Es ist nicht nur Telepathie, Telekinese oder Teleportation. Dadurch können Welten realisiert werden. Und diese Welten interagieren mit den Vorstellungen der Menschen. Wenn ich an die Geistesinhalte meiner Mitmenschen denke ... der Teufel mit Glatze ist immer noch ein Teufel. Was meinen Sie passiert, wenn sich hier in dieser Welt die Geister von TwinPeaks realisieren?

"Oh. Eine uralte Geschichte, ich kenne sie. Die Spieler darin, wir haben sie schon. Es ist ein Spiel mit dem Feuer."

"Ja, ich möchte den Weg des Feuers nicht gehen müssen."

"Bitte helfen Sie mir. Ich brauche noch ein wenig Zeit, vielleicht zwei oder drei Wochen. Dann werde ich diesen Planeten verlassen. Hierbleiben macht wenig Sinn."

"Und wo wollen Sie hin?"

"In die Galaxis. Ich denke, ich werde schon einen Platz finden, auf dem ich in Ruhe und Frieden leben kann. Wenn ich mich jetzt hier selbst verteidigen muss, es könnte sehr viel zerstören, da ich meine Kraft nur zum Teil kontrolliert einsetzen kann."

"Und die würden dann mit Atombomben zurückschlagen."

"So schlimm ist es?"
...

"Ja, das ist es. Ein Sprung in der Evolution, in einer Gemeinschaft denkender Wesen. Das ist etwas anderes als wenn ein Affe plötzlich laufen lernt. Es kann vorhandene Machtstrukturen vollkommen unterlaufen.Was werden die anderen dazu sagen?"

"Die anderen?"

"Wir haben etwas 20 Hairies vor dem Zugriff der Staatsautorität bewahrt. Möchte Sie die anderen kennenlernen?"

"Ja, gerne."

"Aber seien sie vorsichtig. Wenn es zu paranormalen Interferenzen kommt, kann uns das alle umbringen. Andererseits, wenn sie die anderen nicht kennenlernen, kann es ebenso geschehen."
...

Es gab keine Interferenzen. Annaballa und James wurde freudig begrüßt und in die Gemeinschaft der Gruppe aufgenommen. Die Staatsautoritäten fanden sie nicht. Nach drei Wochen war Annabella bereit, für den Abschied. James wollte sie nicht begleiten, aber sie versprachen sich, eines Tages, eines Tages wollten sie sich wiedersehen. Der Kontakt zwischen ihnen, es brauchte noch ein wenig Übung. Die telepathischen Fähigkeiten reichten momentan nur bis zum Mond und Annabella hatte viel weitreichendere Pläne.

"Willst du immer noch gehen? Wir können uns doch auch hier behaupten lernen."

"Nein, ich denke das geht auf die Dauer nicht. Sie werden eher den Planeten zerstören als das zuzulassen. Und da ich eine Wahl habe ... Wollt ihr nicht mit mir kommen?"

"Wir bleiben hier. Es gibt noch einige von den Hairies, die gefunden werden wollen. Wir lernen auch dazu. Aber vielleicht eines Tages, vielleicht werden auch wir dann gehen. Diese Welt mit paranormaler Energie beherrschen, das wollen wir nicht. Nur, wenn alle den Weg gehen wollen, den zur Vereinheitlichung  ..."

"Aber das wollen sie doch gar nicht. Hätten sich sonst die Menschen spontan für euch entschieden? Vielleicht können wir ihnen helfen. Warum sonst sollte es uns geben?"
...

Annabella


nächste Seite

Valid HTML 4.01 Transitional