Kleine haarige Geschichte 43 <<Home>> nächste Seite =>

Lisa und Laura - eine Fantasiegeschichte

Lisa hasste ihre langen Haare. Warum nur ... warum wurde die Entscheidung darüber nicht den betroffenen Menschen überlassen? Nein, der Oberpriester bestimmte, Haare durften niemals geschnitten werden und sie mussten zum Wohlgefallen Gottes aufs äußerste gepflegt werden. Aufs äußerste?

So stand es im ersten Buch der Bücher, vor allen Büchern und es wird der Tag kommen, wo das erste Buch das letzte Buch sein wird ...

Die Haare einer Frau, sie dienen dem Wohlgefallen Gottes. So wurde es gepredigt.
Diente es nicht eher dem Wohlgefallen der Patriarchen? Der Versklavung von Fauen, Verurteilung zur Unbeweglichkeit? Nein, dieser Gott musste sehr grausam sein. Jeden Tag 3 - 4 Stunden Haarpflege, und Samstag / Sonntag jeweils 8 Stunden, wenn sie gewaschen und getrocknet werden mussten.

Und die Männer?
Deren Haare hatten kurz zu sein, so dass die Ohren hören konnten, was der Oberpriester ihnen zu sagen hatte. Und aus der Ferne sollte immer erkennbar sein, ob eine Frau oder ein Mann gesehen wurde.

Damit man nicht dem Falschen hinterherlief?

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Manche der Jungen schminkten sich als Mädchen, wenn sie ihre Haare nicht hergeben wollten. So gab es dann tatsächlich einige Männer mit superlangen Haaren in der Gemeinschaft.

Irgendwie verrückt. Manche der Frauen haßten ihre langen Haare und manche der Männer verzichteten auf ein eigenes Leben, der Haare wegen, immer im Verborgenen lebend.

Die Haare mussten offen getragen werden. Wie sollte Lisa da jemals etwas anderes tun können, als auf die Haare aufzupassen?
Das konnte doch nicht die Wahrheit sei. Frauen waren total unbeweglich, mit mehr als körperlangen Haaren. Okay, bei manchen reichten sie nur bis zu den Kniekehlen. Vielleicht ein wohlwollendes Zugeständnis Gottes für die vielen Gebete der armen Frauen. Nur ihre, warum mussten die 4,50 m lang sein?

Sie durfte damit nicht auf die Straße gehen, da sie über den Boden schleifen würden und wie nur sollte sie den ganzen Dreck dort wieder herausholen?
Sie einfach um den Arm wickeln? Nein, das war ja verboten.

Haare mussten offen im Wind wehen ...

Im Wind? Es gab da einige mit Dreadlocks in den Haaren, heillose Verwirbelungen, die sich nicht mehr auflösen ließen.
Sie wurden geächtet, da sie so sorglos mit ihren Haaren umgegangen waren ...

Die Alternative, Frauen mit superlangen Haaren durften ihre Häuser gar nicht mehr verlassen! Nur an windstillen Tagen.
3 Stunden am Tag entwirren, zusätzlich zur Haarpflege. Der Tag war um und sie hatte sich nur mit den Haaren beschäftigt. Nein, sie hasste diese Haare.

Aber der Tag würde kommen. Übermorgen war sie volljährig.
Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen.

Sie würde sich außerhalb dieser Gemeinschaft eine Bleibe suchen und von dem bisschen Geld, das ihr gehörte, zunächst einmal einen Frisiersalon aufsuchen.

Und das nicht, um die Spitzen schneiden zu lassen. Ach ja, das war ja auch verboten.
Sie grinste in sich hinein. Warum etwas Verbotenes tun, wenn es eine bessere Lösung gibt.
So radikal, dass sie niemals wieder in Versuchung geraten würde.
...

Sie verließ die Gemeinschaft, heimlich in der Nacht, ohne Abschied. Wer weiß sonst, was die noch mit ihr anstellen würden.
Die Haare abrasieren? Schließlich gehörten sie der Gemeinschaft!
Das wäre ihr sehr entgegen gekommen, aber ... was dann? Verstoßen oder eingekerkert? Von manchen wusste man nicht, was mit ihnen geschehen war. Schließlich war sie nicht die Einzige, die ihre langen Haare hasste und eine Geneinschaft, die auf Gewalt beruhte, die hatte auch ihre eigenen Regeln.

Gewalt? Ja, wenn man die Frauen dazu zwingt, ihre Haare überlang zu tragen und ihr ganzes Leben daran auszurichten.

Sie hatte ihre Haare in zwei Zöpfe eingeflochten, die mehrfach ineinander gewunden waren. Allein das war ja schon verboten.
Heimlich schlich sie sich aus dem Fenster einer Vorratskammer, nur bewacht von Spinnen und Insekten. Die mochten sich auch gegenseitig nicht.

Die Flucht gelang.
...

Angekommen in Tower City. Das erste, was sie aufsuchte, war ein Frisiersalon. Von ihren ersparten 150 Euro würde sich doch wohl ein passender Haarschnitt gestalten lassen.

Sie betrachete die Bilder an den Wänden. Ja, das gefiel ihr.

"Bitte, was sind ihre Wünsche."

"Ich möchte einen Kurzhaarschnitt, ganz kurz, so wie auf diesem Bild hier, der Nacken ausrasiert und die Ohren frei."
Darunter befand sich ein Preisschild. 32 Dollar. "

Hoffentlich würde es für sie nicht teurer werden, sie hatte ja so lange Haare. Sie brauchte noch ein paar Dollar zum Leben. Aber endlich, endlich war sie diese verhassten Haare los.

Warum hatte sie die Haare nicht einfach selbst abgeschnitten?
Sie wollte eine modische Frisur, und diese dicken Haare abschneiden? Ihr fehlten die passenden Schneidewerkzeuge. Da brauchte man schon eine Heckenschere.

"Darf ich mir ihre Zöpfe betrachten?"

"Ja, bitte."

Der Meister nahm einen ihrer Zöpfe in der Hand.

"Da sind ja mehre Zöpfe ineinandergewickelt."

Er öffnete den Zopf ganz weit.

"Das ist sehr beeindruckend, der Zopf ist ja mehr als 3 Meter lang. Dafür gebe ich ihnen 3000 Euro."

3000 Euro. Elisa schaute ihn fassungslos an. Mit so viel Geld ... Freude kam in ihr auf. Für was diese Haare doch noch nützlich waren! Zum ersten mal in ihrem Leben sah sie die Haare positiv.

"Vielen Dank für das Angebot. Ich nehme es sehr dankbar an. Den anderen Zopf schenke ich ihnen als Zugabe."

Nun war es am Meister zu lächeln.

"Nein, ich möchte ihnen nichts wegnehmen. Ich gebe ihnen 6000 Euro für die beiden Zöpfe. Und lassen sie uns ein Video machen, von dem Haarschnitt. Ich beteilige sie mit 50 % der Einnahmen. Glauben Sie mir, davon können Sie reich werden."

Lisa schaute ihn fassungslos an. Was hatten die Menschen davon, sich einen Haarschnitt anzugucken? Nur um zu sehen, wie die Haare fallen würden? Vielleicht ... wenn sie verstanden, wie glücklich sie mit diesem Haarschnitt werden würde. Ja, das musste es sein. Das Glück mit anderen teilen, die genau das gleiche empfinden würden.

Aber dennoch, sie kam ins grübeln. Die Betrachter würden doch selbst keine langen Haare haben, woher verstanden sie dann ihre Gefühle?
...

"Wollen sie die beiden Zöpfe nicht gleich hier abschneiden? Dann bin ich sie endlich los!"

"Nicht so hastig, junge Dame. Der Schnitt muss sorgfältig durchgeführt werden. Sie wollen doch auch anschließend eine modisch perfekt sitzende Frisur. Und für die Videoaufnahme bedarf es einiger Vorbereitungen. Bitte nehmen sie auf einem der Wartestühle Platz.

Es wird nicht lange dauern, vielleicht 15 Minuten.
...

Lisa auf einem der Wartestühle. Dies war also der Warteraum. Überall rote Vorhänge an den Fenstern, ein Zickzackmuster auf dem Fußboden. Amüsiert beobachtete sie das Treiben. Lange wallende Haare verwandelten sich in wunderschöne Frisuren, die das Gesicht und die Kopfform betonten und nichts versteckten. Oh, wie schön musste es sein, eine solche Frisur zu haben. Oder, ganz radikal? Nie wieder Ärger mehr mit den Haaren!

Einige von den anwesenden Kunden verließen den Salon wieder ganz ohne Haare.

Ja, das war es. Sie würde sich eine Glatze scheren lassen! Wieviele Freiheiten würde ihr das geben.
Endlich konnte sie beginnen zu leben!
...

Ein kleines Mädchen von vielleicht 8 Jahren kam herein, begleitet von 2 Erwachsenen. Ihr langer Pferdeschwanz reichte bis zu den Kniekehlen.
Warum nur sah sie so traurig aus? Ein paar Tränen liefen ihre Äuglein hinunter.

"Bitte schneiden sie ihr eine modische Kurzhaarfrisur. Es ist an der Zeit, die alten Zöpfe abzulegen. Der ganze Ärger mit den Haaren, wir wollen ihn nicht mehr."

Dann saß sie auf einem der Frisierstühle. Und sie weinte! Die Tränen rollten ihr aus den Augen und machten sie ganz naß.

Was hatte sie nur? Warum war sie nicht glücklich, diese Haare endlich loszuwerden?
Lisa fühlte sich irgendwie betroffen. Für sie wäre das eine so große Freude gewesen ...

Nun sah sie die Tränen und den Schmerz der Kleinen. Dieses Mädchen liebte ihre Haare! Dann dieser Mann mit der Video-Kamera. Warum filmte er das? Wollte er den Schmerz der Kleinen etwa vermarkten? Was sind das nur für Leute, die sich so etwas angucken?

Lisa hielt es nicht mehr auf ihrem Platz.

"Bitte, darf ich ihnen etwas sagen."

Der Vater des kleinen Mädchens schaute sie an.

"Sie sehen die Tränen der Kleinen? Ja, es tut auch uns weh. Aber die Schulordnung verlangt es und es ist nicht mehr zeitgemäß."

"Aber ... sie brechen ihr doch das Herz! Die Kleine, sie braucht doch Liebe und Geborgenheit und wenn sie ihre langen Haare so sehr liebt ..."

"Bitte, machen sie es uns nicht schwerer als es ist. Vielleicht, vielleicht geben sie ihr ein Beispiel mit ihren langen Haaren, wenn sie sieht, wie ihre langen Zöpfe fallen ... dann ist sie eher bereit, dem Unvermeidbaren zu folgen."

Das wäre eine Möglichkeit. Sie selbst sehnte sich ja schon so viele Jahre nach einem Haarschnitt.
Wenn sie dann ganz glücklich aus dem Stuhl aufstehen würde ...

"Ich mache es. Bitte, Herr Meister, bitte nehmen sie mich zuerst ran."
...

Lisa im Frisierstuhl, die Haare unter einm weißen Tuch versteckt. So sah sie schon ganz kurzhhaarig aus. Vergnügt musterte sie ihr Spiegelbild.
Dann wurde ihre Haare hervorgezogen, nach hinten über die Stuhllehne gelegt. Wenn sie jetzt einfach die Augen schloß ... und sie dann nach einiger Zeit wieder aufmachte. Ihre Vergangenheit, wie ein Alptraum würde sie verschwinden.

Sie schloß die Augen und ... spürte eine telepathische Botschaft.

<< Bitte, bitte tue es nicht >>

Ein Bild des kleinen Mädchens erschien in ihrem Bewusstsein.

<< Wir beide, unsere Haare, sie sind etwas Besonderes, dass die anderen Menschen gar nicht sehen >>
...

Lisa riss die Augen weit auf. Hinter ihr sah sie den Meister hantieren, in der einen Hand einen ihrer Zöpfe, in der anderen Hand ein Schneidewerkzeug. Hatte er bereits zugeschnitten?

"Bitte, bitte warten sie noch einen Moment. Ich muss über etwas nachdenken und ... dazu brauche ich die langen Haare."

Der Meister ließ die Hand mit dem Schneidewerkzeug sinken und gab den Zopf frei. Nachdenken mit den Haaren? Er musste ja nicht alles verstehen.
Lisa holte beide Zöpfe nach vorne, in ihr Blickfeld.
Dann sprach sie die Haare direkt an.

"Haare, seid ihr etwas Besonderes? Dann bitte meldet euch, zeigt es mir. Wenn nicht ... ich ... weiß es nicht mehr, was ich dann tun will."

Der Meister kratzte sich am Kopf.

Und was geschah?
Das kleine Mädchen kam zu ihr. Sanft griff sie nach den Zöpfen von Lisa, küßte sie.

"Hallo Lisa. Deine Haare, ich weiß, dass man sie dir aufgezwungen hat. Doch nun, bitte triff deine Entscheidung selbst, nun hast du die Wahl. Niemand soll dich dabei beeinflussen."

Die umstehenden Erwachsenen rührten sich nicht mehr. Sie wirkten wie eingefroren. Eine wirklich besondere Situation. Dort lag Magie in der Luft.

"Ich ... ich ... ich weiß nicht mehr. Die Haare, ich habe sie immer gehasst, mein ganzes Leben lang und nun, wo ich mich davon endlich befreien kann..."

<< Triff deine Entscheidung selbst, ohne den Haß, du brauchst ihn nicht mehr.>>

Lisa griff nach ihren Haaren. Die Erinnerungen. Wenn sie die Haare jetzt nicht abschneiden würde ...  aber vieles war anders. Sie konnte die Haare einwickeln in Zöpfe, in Haarknoten, brauchte nicht immer und ständig darum besorgt sein und ... sie spürte etwas in den Haaren, ein ganz leises Wispern.

<< Wir helfen dir bei der Pflege >>

Bei der Pflege helfen. Was waren das für Haare, die mit ihr reden konnten.
Lisa war verwirrt, drohte sie den Verstand zu verlieren?

"Lisa, nein, du bist völlig normal. Deine Haare, das besondere an ihnen, willst du es kennenlernen?"

Aber dann bin ich doch gar nicht frei! Ich bin schon wieder gezwungen, auf etwas anderes Rücksicht zu nehmen!

"Lisa, die Haare können sich selbst pflegen, entwirren, Schmutz abstoßen. Wenn du sie akzeptieren willst, bleiben sie bei dir, wenn nicht, dann werden sie sich von dir lösen. Ganz ohne Schmerz, ohne Rasur."

Lisa dachte nach. Das war ja paranormal, was hier passierte. Aber hatte sie sich nicht lange mit dieser Thematik beschäftigt. Gerade dann, wenn sie ihre Haare pflegen musste. Vieles davon lief rein mechanisch ab, sie hatte so viel darüber nachdenken können ... und nun ... es hatte sich realisiert.

Nein, sie war nicht verrückt.

"Liebes kleines Mädchen, wie heißt du?"

"Ich bin Laura."
...

"Aber ... ?"

Das kleine Mädchen lächelte.

"Lisa, willst du deine Haare, bitte sage es ihnen."

Die Haare, Lisa schaute sie an. Wenn sie die Haare bat zu bleiben, oder wenn nicht? Der Haß in ihr, er kam aus der Vergangenheit, suchte eine Erfüllung in der Gegenwart. Wollte sie sich davon leiten lassen? Nein. Aber da waren doch auch rationale Überlegungen, warum solche langen Haare unsinnig sind. Das alles sollte mit einem mal nicht mehr gültig sein? Paranormale Haare. Hmmm. Wollte sie das?

Ein Neugbeginn, den sie sich niemals hätte vorstellen können. Und dann diese Laura. Sie erinnerte sich. Laura war doch eine Figur aus einer Geschichte. Paranormale Haare ... Nun denn. Es war doch irgendwie interessant. Wie sehr hatte sie es sich diese Energie gewünscht, um sich damit befreien zu können. Und es war passiert. Kam es nun wirklich darauf an, zu welcher Zeit und an welchem Ort?

Sie betrachtete ihre Haare und nahm sie in die Hände. Wie weich sie waren. Sie spürte die Verbindung mit ihrer Kopfhaut und ein Prickeln, das sehr angenehm war. Zum erstenmal in ihrem Leben streichelte sie die Haare.

"Lisa, du hast dich bereits entschieden, es nur noch nicht gesagt. Willst du mit mir kommen? Es ist ein Weg durch den Raum und die Zeit. Es wird dir gefallen, da bin ich mir sicher."

Lisa schaute sie an. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, dann fasste sie das kleine Mädchen an den Händen und ploopppp. Weg waren sie!
...

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