Kleine haarige Geschichte 49

Home   nächste Seite

Alana und Gieselina

Alana trug ihre langen Haare heute offen. Nachdem sie frisch gewaschen und gekämmt waren, sahen sie wunderschön schön aus. Wie bei einer Märchenfee.
Sie wollte doch nur alle anderen Menschen an dieser Schönheit teilhaben lassen.

Und sie sah so viele liebe, anerkennende Blicke. Na ja, nicht nur. Manche Blicke waren nicht so lieb.
So ganz offen waren die Haare dann doch nicht. Dazu waren sie zu lang. 3 m lange Haare, bei einer Körpergröße von 1,75m.

Die Haare hingen ihr bis zu den Fußgelenken und ... machten dann einen Bogen nach innen. Aber den sah man nur, wenn man genau hinguckte. Oder Frau.

Beinahe wäre sie heute sogar bei Frisörmeister Schneider vorbeigegangen ... um die Spitzen zu schneiden. Aber, die waren doch noch in Ordnung. Man mußte doch nicht etwas tun, nur, um das das Gefühl zu haben, etwas für die Haare getan zu haben.

Und der Frisörladen ... sie hatte Angst, dort hineinzugehen. Obwohl das doch eigentlich unbegründet war. Nie würde der Meister gegen ihren Willen ... nur ... es gab nicht nur den Meister dort.

Und ein schneller Schnitt ... Jahre des Wachstums wären dann einfach weg.
Und die Angestellten hätten dann auch noch das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Für den Kunden.

Für viele mag das ja zutreffen ... aber ... sie war so verliebt in ihre langen Haare. Und ihre Freunde und Freundinnen teilten diese Liebe.
Ja, Anna und Jolina hatten selbst schöne lange Haare ... und Albert ...

Es war so schön mit den Haaren zu spielen, Frisuren auszuprobieren oder einfach nur damit zu schmusen. Videos zu machen. Von den Haaren ... und manchmal sogar ganz nackt ... die Haare verdeckten doch alles.

Nun denn, die Moral. Die anderen mußten ja nicht alles wissen.

Ihre Haare waren so schön. Sie liebte sie so sehr und wenn sie die Haare im Spiegel sehen konnte ... sie schienen sie anzulächeln, nahmen Teil an ihrem Glück. Es war so schon, ein langhaariger Mensch zu sein.  Und es gab so viele Spiegel unterwegs, denen man es beweisen konnte.

Sie hatte den Haaren so viel Liebe gegeben, über die Jahre. Und die Haare dankten es ihr. Sie gaben ihr das Glück zurück.

...

Heute war der Geburtstag ihrer kleinen Schwester Gieselina. Gerade deswegen sollten die eigenen Haare ganz besonders schön sein. Gieselina liebte ihre langen Haare doch so sehr und sie hatte selbst dicke, strohblonde lange glatte Haare, die bis über die Knie reichten.

Davon konnte sie acht dicke Zöpfe machen.

Alana hatte Haarspielzeug gekauft. Für die vielen Zöpfe. Vo dem bisschen Geld, das sie gespart hatte. An Brötchen und Cafe. Aber sie wußte, Gieselina würde sich sehr darüber freuen.
Die Haare waren doch das schönste Geschenk, das die Natur ihnen beiden gegeben hatte.

Sie fühlten sich damit so reich, obwohl sie kaum genug Geld hatten, um davon ausreichend Lebensmittel kaufen zu können.

...

Alana klingelte an der Haustür und Mutter Belladia machte ihr auf.

Was waren das nur für Stimmen im Wohnzimmer?

"Schön, dass du endlich da bist. Wir haben eine Überraschung für dich. Komm bitte gleich ins Wohnzimmer."

Dort schien man umgeräumt zu haben.

Sie sah zwei Stühle ... und auf einem saß ihre kleine Schwester. Mit ganz verheulten Augen. Was war denn da passiert?

"Alana, nimm auf diesem Stuhl Platz. Die Verwandtschaft hat zusammengelegt und Meister Glatze ist nun hier um euch beiden einen schönen modernen Haarschnitt zu verpassen."

Wo war denn das Bitte geblieben? Nein, sie wollte sich dort nicht hinsetzten. Vielleicht würde man sie festbinden.

Giselina. Was hatte sie mit ihr angestellt? Hatte man ihr die Haare ...

Die Haare, sie sah Giselinas lange Haare nicht mehr!
Alana bekam einen riesigen Schreck. Nein!!! Bitte, lieber Gott, bitte, bitte, bitte das nicht!

Dann traute sie sich genauer hinzuschauen.

Die langen Haare hingen hinten über die Stuhllehne und sie waren zusammengebunden. Oberhalb des Nackenansatzes.

Alana zählte acht Pferdeschwänze. Und die hingen alle hinten herunter. Einfach nur zum Anfassen und Abschneiden.

Schwups. Nun hingen sie alle vorne und bedeckten Giselinas Schoß.

Alana: "Weine bitte  nicht, meine Kleine. Deine Haare, du hast sie ja noch. Siehst du. Und niemand wird sie dir wegnehmen!"

Vater Gerhard: "Nun sei mal nicht so vorlaut, Alana. Wir haben gute Gründe für einen Haarschnitt. Der Direktor war hier und der Klassenlehrer, und die beiden Herren die du hier siehst, sie zahlen uns das Zehnfache der Monatsmiete für eure Zöpfe. Das Geld wird dringend gebraucht, sonst finden wir uns schon in ein paar Monaten auf der Straße wieder!"

...

So schlimm stand es um die Familie? Nein ... aber ... Alana wußte nicht, was sie denken sollte.

"Nein, die Haare, ihr dürft uns die Haare nicht weggeben, sie gehören doch uns ..."

Mutter. "Mit langen Haaren läßt sich auf der Straße schlecht leben. Wie willst du sie dort pflegen? Die Filzläuse werden deine Kopfhaut fressen. Dreck und Staub ergeben dann eine Matte, die ekelerregend ist. Und sei nicht so egoistisch. Denke auch einmal daran, was wir schon alles für dich getan haben."
...

Alana: "Erst sind es die Haare ... und dann? Sollen wir vielleicht auch noch eine Niere spenden? Wir haben ja zwei."

Mutter: "Nun rede hier keinen Blödsinn. Haare sind totes Material. Wir sind dankbar, wenn sie für uns einen Nutzen ergeben können ... und denke doch einmal, wieviel Zeit du dadurch gewinnen kannst. Kein Entwirren der Haare mehr, kein Waschen, Trocknen ..."

Vater: "Lange Haare wie ihr sie habt, sind Luxus. Nicht einmal die Reichen erlauben sich so etwas. Geben wir sie doch den Haaresammlern und danken wir ihnen für das Geld, das sie uns dafür geben."

Die Reichen. Mit ihren zerzausten und zerfetzten << ich möchte jeden Modetrend mitmachen und alles zugleich >> Frisuren.

Rot, grün und gelb im Wechsel von wenigen Wochen. Ausgebleicht und verbrannt. Was die auf dem Kopf hatten, war bestenfalls Keratin-Asche. Und deswegen gierten sie nach den Haaren der kleinen armen Leute, wo noch Natürlichkeit vorkommen sollte. Die hatte einfach nicht genug Geld, um jeden Trend mitmachen zu können.

Wenn sie sich doch wenigstens mit ihren Freunden austauschen könnte. Aber jetzt mußte alles so schnell gehen. Noch vor dem Mittagessen. Würden die Haaresammler danach nicht einfach weiterziehen ... und ihre Freunde genau so berauben? Sie würden alles zerstören, dieses kleine haarige Paradies, das ihnen noch geblieben war. Und dann ... dann waren sie ganz arm. Denn dann gab es nichts mehr, das sie zu geben hatten.

Sie hatte doch noch ihr Handy ... und ... der Weg zur Toilette. Nein! Dann mußte sie ihre Schwester allein lassen. Und in dieser Situation ...

Eine SMS an Albert!

Das mußte jetzt ganz schnell gehen. Oh, sie war sehr schnell mit dem Eintippen.

"Pack das Handy weg!"

"Ich schaue doch nur ... nach dem Wetter und ... und ob wir nicht ein Video machen können. Vom Haareabschneiden."

Tip tip tip.

<< Sie wollen uns die Haare rauben. Kommt schnell, ganz schnell. >>

...

Ein Video?

"Die Idee ist gar nicht so schlecht. Das kann man dann verkaufen und es bringt extra Geld."

Alana: "Dann laßt uns doch vorher noch ein bisschen mit den Haaren spielen."

"Keine schlechte Idee. Die Betrachter wissen ja, dass die Haare am Ende doch abkommen. So sehr die Haare vorher auch noch geliebt werden mögen. Es gibt keinen Ausweg für sie."

Alana ging auf Giselina zu und und wollte die Haare wieder öffnen.

"Nein, nicht wieder alles aufmachen. Das dauert dann zu lange. Wir haben noch andere Kunden."

Sanft griff Alana nach einem der langen Pferdeschwänze von Giselina, streichelte und küßte ihn.

Dann öffnete sie ihre eigenen Haare. Ein Wasserfall von Haaren ergoß sich in den Raum. Sie legte die Haare Giselina auf den Schoß.
So waren die beiden nun ganz nahe beieinander.

Leise flüsterte Alana ihrer Schwester ins Ohr.

<< Wir müssen gleich ganz schnell weglaufen, ins Schlafzimmer. Dort steckt ein Schlüssel von innen. Steh langsam auf. Ich versuche uns beide schon ein bisschen dorthin zu bringen. Wenn ich die beiden Stühle umgestoßen habe, laufen wir los.  ... >>

Plumps.

"Jetzt!"

...

"Macht sofort die Tür auf!"

Es war eine schwere Arbeit, das Bett direkt vor die Tür zu schieben. Nun war der Schrank dran ...

...

Ring ring ring ring RINGGGGGGG.

Das mußten die Freunde sein.

...

Albert: "Wir können auch mit Langhaarvideos Geld verdienen. Und das ist gar nicht so wenig. Über die Zeit kommt dabei sogar mehr heraus."

Vater Gerhard war Pragmatiker. Das Geld auf der Hand war mehr als ... vom Internet verstand er nichts. Aber er hatte eine gute Meinung von Albert.

Vater: "Aber der Rektor, die Schule, die Nachbarn."

Albert: "Lass sie doch reden, die Leute. Ich bin mit einem Lokal-Reporter der Morgendämmerung befreundet. Wir werden in der Zeitung um Verständnis bitten, für unseren Standpunkt. Sie dürfen uns nicht alles wegnehmen, was wir liebgewonnen haben. Das wissen auch die Reichen und Mächtigen. Denn Menschen, die gar nichts mehr haben, kann man auch nicht mehr beherrschen."

Alana: "Auch dafür gibt es Gegenbeispiele. Aber ... wir müssen es einfach probieren, die Dinge zu erhalten, die uns wichtig sind."

Sonst wurden sie umsonst verschenkt.

nächste Seite

Valid HTML
          4.01 Transitional